Tagebücher ins Archiv

Manfred Lentz

Im Jahr 2018 erhielt ich einen Brief von einer mir unbekannten netten Dame aus Freiamt. Sie arbeitete für das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen und war im Rahmen ihrer Arbeit auf den Namen Kurtschlag gestoßen. Ein Name, den sie kannte, weil es zwischen Kurtschlag und Freiamt eine Gemeindepartnerschaft gab. Bei ihrer Tätigkeit waren der Dame die Aufzeichnungen eines Pfarrers namens Ferdinand Vogel in die Hände gefallen, der vom Oktober 1900 bis zum Mai 1901 als Hilfsprediger in Kurtschlag gearbeitet hatte. In einem Artikel habe ich seinerzeit über diesen Ferdinand Vogel berichtet.

 

Damals habe ich das erste Mal vom Deutschen Tagebucharchiv (DTA) gehört, einer Einrichtung, die im Jahr 1998 gegründet wurde und die in dem baden-württemberischen Städtchen Emmendingen ansässig ist. Inzwischen habe ich nicht nur den Artikel über den Hilfsprediger geschrieben, der sich auf Dokumente des DTA stützte, sondern ich habe dem Archiv auch selbst ein Tagebuch übereignet: Aufzeichungen meiner Großmutter väterlicherseits, die diese am Kriegsende auf ihrer Flucht von Olmütz in der damaligen Tschechoslowakei zurück nach Berlin gemacht hat und die nunmehr als eines von beinahe 24.000 Dokumenten im DTA aufbewahrt werden (16.710 Tagebücher, 3.761 Erinnerungen, 3.170 Briefsammlungen und 144.831 Einzelbriefe). Das älteste in dem Archiv vorhandene Dokument stammt aus dem Jahr 1760, das neueste aus dem vergangenen Jahr, und jeden Tag kommen neue hinzu. Sie alle tragen dazu bei, dass die Vergangenheit aufbewahrt wird, wobei in diesem Fall nicht die große Geschichte gemeint ist, die inzwischen ganze Bibliotheken füllt, sondern die Geschichte "von unten". Das Leben der "kleinen Leute", niedergeschrieben aus deren Sicht mit teils ungelenken, teils geschliffenen Formulierungen, die aber alle auf ihre jeweils eigene Art interessant sind, weil in ihnen die unmittelbare Betroffenheit zum Ausdruck kommt. Längst ist das DTA zu einer Fundgrube sowohl für Sachbuch- und Romanautoren als auch für Journalisten und Filmemacher geworden, die mit dessen privaten Aufzeichnungen ihre jeweiligen Projekte anreichern. 

Und warum schreibe ich das? Weil ich mir vorstellen kann, dass der eine oder andere von Euch noch im Besitz eines Tagebuchs (oder sonstiger Erinnerungen) ist, das er von seinen Eltern, den Großeltern oder irgendwelchen Verwandten übernommen hat und das seit Jahren oder sogar Jahrzehnten in einem Schrank oder in einer Schublade ein tristes Dasein fristet. Und das bei seinem Besitzer schon mal die Frage aufgeworfen hat, was er mit diesem "alten Zeug" auf Dauer denn eigentlich anfangen soll. Es den Kindern oder Enkeln vermachen? Interessiert die das überhaupt? Oder wäre es am besten, das "Zeug" einfach wegzuwerfen nach dem Motto: Alles hat seine Zeit gehabt, aber nun ist es vorbei, nun braucht es niemand mehr! Genau so, wie manch einer seine alten Fotos entsorgt, weil er weiß oder ahnt, dass das Interesse der Nachkommen daran gleich Null ist. Und genau hier kommt nun das Deutsche Tagebucharchiv ins Spiel. Konkret: Sollte jemand von Euch im Besitz solch alter Aufzeichnungen sein und nicht wissen, wie er damit verfahren soll, so könnte er sich ja mal die Idee durch den Kopf gehen lassen, sie dem DTA zu überlassen. Dort wären sie bestens aufgehoben und würden Interessierten zur Verfügung stehen, was weit besser ist als diese Zeitdokumente im Müll zu entsorgen. Wie solche Überlassungen ablaufen, kann man beim DTA erfahren, entweder auf dessen Webseite oder durch einen Anruf unter der Nummer 07641-574659. Wer will, der kann gern auch mich kontaktieren, über die Mailadresse unserer Webseite info@kurtschlag.de oder per Telefon (die Nummer findet sich im Impressum von kurtschlag.de). Falls Ihr also etwas Interessantes im Schrank zu liegen habt, was Ihr entbehren könnt - gebt Euch einen Schubs! Die Erinnerungen Eurer Vorfahren bzw. natürlich auch solche von Euch selbst kommen beim Deutschen Tagebucharchiv genau an die richtige Stelle.