Textsammlung Rudi Arndt

Dörfliche Autarkie

Maurer oder Wilddieb

Das Nachtgespenst

Der unheimliche Begleiter

Die weiße Dame

Kinderspiele

Wiedersehen mit Kurtschlag

Die folgenden Texte stammen von Rudi Arndt, einem ehemaliger Kurtschläger. Seine Familie lebte in dem Haus, das heute Helmut Cudok bewohnt. Rudi Arndt hat mehrere Aufsätze über das Leben in Kurtschlag in früheren Zeiten verfasst, die später in den Besitz der Familie Cudok gelangt sind. Helmut Cudok war so freundlich, uns diese Texte zu überlassen. Wir werden sie nach und nach veröffentlichen. Und wenn auch manches für uns Heutige etwas naiv klingen mag - es gibt viele interessante Details, deshalb lohnt sich das Lesen.

Die Fotos gehören zu den mehr als 600 Aufnahmen, die wir dank der Unterstützung vieler Kurtschläger inzwischen zusammengetragen haben. Sie zeigen das alte Kurtschlag, haben aber sowohl zeitlich als auch inhaltlich keinen direkten Bezug zum Text.


Dörfliche Autarkie

Großvater war gelernter Böttcher. Seine Zeitgenossen kannten ihn als Fuhrmann. In seinen Diensten liefen mehrere Gespanne. Für die Forst Holz rücken, Bau- und Grubenholz zu den Verladebahnhöfen Vogelsang oder Groß Schönebeck transportieren, das waren die hauptsächlichsten Quellen des Broterwerbs. Daneben wurde auch noch mit Brennholz und Heu gehandelt. Auch ein paar Morgen Land gehörten zum Anwesen, die mit Kartoffeln und Getreide bestellt wurden. Von der Forst wurden Wiesen gepachtet, deren Heu in der eigenen Wirtschaft gebraucht wurde. Der Überschuss wurde bis nach Berlin - meist an den Schlachthöfen - verkauft. Auch der Pferdehandel wurde mit Gewinnaussichten betrieben. In diesen Bereichen vollzog sich das Leben der Großeltern, so kannte ich sie. Wieso war der Großvater dann aber gelernter Böttcher?

 

Das Haus der Familie Arndt


Um diese kindlichen Gedanken kurz nach der Jahrtausendwende zu beantworten, muss man die Zeit rund hundertfünfzig Jahre zurückstellen. Dann ersteht eine ganz andere Sicht auf das dörfliche Leben in der Schorfheide. Großvater wurde 1862 in Kurtschlag geboren. Er war der Älteste von sechs Geschwistern. Das Groß Döllner Kirchenregister verzeichnet zwei Familien mit dem Namen Arndt. Beide Stammväter sind in Röddelin bei Templin geboren. Offensichtlich haben sie in Kurtschlag ihre Liebe fürs Leben gefunden. Urgroßvater heiratete 1871. Ein Jahr später war der Stammhalter da, mein Großvater. Übrigens stand das Haus der Urgroßeltern noch bis Ende der fünfziger Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war ein Mittelflurhaus in Fachwerkbauweise. Später wurde an der Frontseite und auch zur Hofseite angebaut in Ziegelbau. So wurde für die Familie und für das Altenteil Wohnraum geschaffen.

 

Seinerzeit dürfte viel in eigener Regie und Bauleistung am Haus entstanden sein. Sogar die bescheidene Innenausstattung war meist selbst hergestellt. Statt Betten hatte man einen Alkoven. Das war ein kleiner Nebenraum, darin eine erhöhte Liegestatt aus Brettern, meist unter dem Fenster, von Wand zu Wand. Darauf kam eine dicke Strohschütte als "Unterbett". Aber auch die anderen "Möbel" waren weitgehend selbst gefertigt. Hängeborde für Teller und Töpfe. große Holztruhen für die Wäsche und Feiertagskleidung. kleinere Kisten für die Aufbewahrung der Vorräte. Auch Tische und Sitzmöbel waren im kleinbäuerlichen Haushalt oft Eigenbau. Die Frauen fertigten durch Spinnen und Weben, Nähen und Stricken selbst einen Teil der Wäsche und Kleidung an. Nur was die eigenen Möglichkeiten überforderte - der Feiertagsrock, die Schuhe, ein besonderer Schrank, Schmiedeteile -, das haben die "Spezialisten", die dörflichen Handwerker angefertigt. Tischler, Stellmacher, Böttcher, Schmiede, 


Schneider und Schuster repräsentierten die dörflich-handwerkliche Produktion. Für Haushalts- und Ackergerät waren Holz und Eisen die gebräuchlichsten Werkstoffe, woraus Eimer, Krautfässer,  

Waschzuber, Pökel- und Butterfässer hergestellt wurden. Andere hochwertige Dinge wie gußeiserne Kochtöpfe, irdenes Geschirr, Besteck, Uhren und Schmuck waren Produkte der sich entwickelnden städtischen und industriellen Produktion. Aber der Hauptteil der benötigten Gerätschaften war schon im Dorf gefertigt worden. Das geht auch aus den Einwohnerlisten hervor. Hacken, Sensen, Sicheln, Eggen, Karren und Ackerwagen waren Produkte der dörflichen Handwerker. Man darf auch voraussetzen, dass der Tauschhandel noch lange gang und gäbe war. Geld aus dem Mehrerlös der kleinbäuerlichen Wirtschaftsweise und der Lohnarbeit war immer knapp. Butterfass gegen Axt, Pökelfass gegen fetten Hammel, Sense gegen Brotgetreide - das ergab zwar eine gewisse Abhängigkeit voneinander, förderte aber den Sinn für die Dorfgemeinschaft. Somit ist es doch nicht ungewöhnlich, wenn der Großvater noch Böttcher gelernt hatte.

 


Der industrielle Aufschwung nach 1870/71 und dem Ersten Weltkrieg sowie den Folgejahren mit der Auto-, Flugzeug- und Eisenbahntechnik machte viele Berufe des Kleinhandwerks auf dem Dorfe hinfällig. Presse und Werbung erreichten auch die kleinsten Ansiedlungen. Zum Einkaufen fuhr man in die Stadt. Die Post besorgte nicht nur den Zustelldienst, sie übernahm auch mit Regelfahrplänen den Personennahverkehr. Eine neue Zeit war angebrochen. Existenzen standen auf dem Spiel, mussten sich umorientieren. In den Walddörfern entwickelte sich die Schar der Wanderarbeiter. Wochentags arbeitete man auf Baustellen und in Fabrikhallen, am Wochenende war man wieder daheim bei der 

 

Familie. Großvater hatte den Anschluss an die neue Zeit verpasst. Sein Fuhrgewerbe fand mit Einführung der Straßenzugmaschinen eine ernste Konkurrenz. Ein Angebot von der Firma "Lanz" zum Kauf eines "Lanz-Bulldog" hatte er aus mehreren Gründen ausgeschlagen. So waren die Pferdeställe bis auf einen Einspänner leer. Die drei Söhne zogen in die Weite, suchten anderweitig ihr Auskommen. Viele Jahre lieferte er noch ofenfertiges Brennholz an alte Stammkunden nach Templin und Zehdenick. Großmutter unterhielt eine große Schar Federvieh und besserte so die magere Haushaltskasse auf. Manch älterer Dörfler dürfte sich darum noch an die Höner-Arndts erinnern.


Maurer oder Wilddieb

Die Schorfheide ist ein Synonym für einen großen Wald, für eine unberührte Natur, für Abgeschiedenheit. In seinem Kern besteht der Wald aus weit ausgedehnten Kieferbeständen. Der karge Boden und  das lokale Klima lassen das Holz langsam wachsen, machen es hart und wertvoll. Zahlreiche Seen und Senken bilden Wasser- und Moorflächen, lassen wertvolles Laubgehölz wachsen. Das ist der eigentliche Reichtum im "großen Busch". Ein reicher Wildbestand lockte seit je viele Potentaten in Lack und Loden zum herrschaftlichen Jagdvergnügen. Dieser Wald gibt seinen Besitzern Reichtum und Ansehen. Den Waldbauern in den Buschdörfern gibt er Lohn und Brot. Viel Arbeit ist nötig, um das Holz zu ernten, zu transportieren und neu anzupflanzen. Statistisch ist dieser Landstrich dünn besiedelt. Wer dort geboren wird, den empfängt ein weiter Horizont und geruhsame Geborgenheit, die ein bescheidenes Leben ermöglichen. Reich macht der märkische Sand nicht, so viel man sich 

auch müht, dem kargen Boden etwas abzuringen. Zu Zeiten, da noch viel Handarbeit gebraucht wurde, um aus Wald und Feld einen größtmöglichen Nutzen zu ziehen, konnte man auch noch Arbeit in der Nähe finden. Waldarbeiter zogen in Kolonnen durch die Heide, um den Rohstoff Holz zu gewinnen, das Holz zu schälen, zu transportieren und zu verladen. Alles war Schwerstarbeit, nährte aber mit Lohn und Brot viele Familien. Unweit der Buschdörfer, in der Zehdenicker Gegend, haben große Tonvorkommen und die nahe Havel die Ziegelindustrie entstehen lassen. Auch dort wurden viele kräftige Hände gebraucht, um den Ton zu gewinnen, zu verarbeiten und zu transportieren. Man brauchte Streicher, die den Ton formten, Stapler, Brenner, Packer und sogar Schiffer. War die Arbeit auch schwer und der Lohn gering, man hatte sein Auskommen. Ein Streifen Acker für Kartoffeln und Kohl, ein paar Zentner Korn, dazu ein Stück Wiese, das schaffte man noch nebenbei. Auf jedem Gehöft hörte man

 


Federvieh, eine Ziege oder eine Kuh, Schweine und oft genug auch ein Pferd. So ließ es sich leben. Den Tisch deckte weitgehend die kleinbäuerliche Wirtschaft. Geld für Zucker und Mehl, Salz und Pfeffer und was die Hausfrau noch so alles brauchte, das brachte der Mann heim. Waren die Zeiten gut, so reichte es auch für neue Schuhe, für einen neuen Kochtopf oder für einen Wintermantel. Man wusste sich einzurichten. Auch die Freuden des Lebens kamen nicht zu kurz. Es wurde gelebt, geliebt und geheiratet. Das Heimatgefühl und der Stolz auf die eigene Kraft, die Geborgenheit in der Dorfgemeinschaft, das ist schon ein Reichtum an sich. An Spaß und fröhlicher Ironie hat es auch nie gemangelt. Man wusste um die Begrenztheit des Alltags und des Lebens in den Walddörfern, man konnte damit umgehen. So ging folgende Mär in den Buschdörfern um: Wurde ein Junge geboren, so fragten Nachbarn und Freunde, ob er denn schon aus dem Fenster gesehen hätte. "Wohenn hätt he denn Utsicht hollen, no dän Busch oder na de Stadt?" Das war ein Orakel, was der Junge wohl mal werden würde. Schaute er zuerst in die Richtung des Waldes, dann hieß es: "Na denn werd he ja wull een Wilddieb (Waldarbeiter) wern!"  

Schaute der Neugeborene in Richtung Zehdenick, dann hieß es: "Na denn werd he ja wull een Murer (Maurer oder Ziegeleiarbeiter) wern!" Dass in Wirklichkeit niemand den Knaben zum Test aus dem Fenster hielt, das darf man getrost annehmen. Doch den eigenen Lebensumständen wusste man mit Humor zu begegnen.


Das Nachtgespenst

Großvater war Böttcher. Ich fand, das ist für diese Gegend ein äußerst unpassender Beruf. Außerdem habe ich ihn nur als Fuhrmann kennen gelernt. Im Wald mit seinen Pferden Holz rücken, Holztransport, Handel mit ofenfertigem Brennholz und auch Heuhandel waren sein Broterwerb. Wieso er das Böttcherhandwerk gelernt hatte, konnte ich nicht recht begreifen. Es gab weder Brauereien noch Weinberge im Heimatdorf. Außerdem gab es doch reichlich Gerätschaften für Haus und Hof aus emailliertem und verzinktem Eisen. Da versagte meine kindliche Logik.

 

Meine kindlichen Erfahrungen basierten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, so um 1940/50. Großvaters Jugend- und Lehrjahre gingen aber auf die Zeit um 1875 zurück. Damals waren Holz und Eisen die wichtigsten Werkstoffe, die man mit handwerklichen Methoden bearbeitete. Eimer, Kraut- und Pökelfässer waren große 

Vorratsbehälter, Waschzuber und Butterfässer waren gefragte Haushaltsgeräte. Die Reihe könnte hier unendlich fortgesetzt werden. So gesehen, war Großvaters Böttcherlehre mit guten Aussichen für die Zukunft belegt. Das Handwerk ernährt ja bekanntlich seinen Meister. Und dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, erfuhr er auch sehr bald.

 

Als Böttcherlehrling war er bei einem Meister in der Stadt Zehdenick untergekommen. Nach Wochen hatte er wieder die Eltern im Dorf besuchen dürfen. Daheim mal wieder richtig satt essen. Bei Mutter die Hemden und die Socken wechseln und den Freunden im Dorf begegnen. Das alles war schon den zweieinhalbstündigen Fußmarsch durch den Wald wert. Anderntags ging es in umgekehrter Richtung wieder in die Stadt. Am Sonntagabend musste wieder der harte Strohsack beim Meister als Nachtlager bezogen werden. Mit dem

 


Bündel auf dem Rücken ging er durch die schon schummrige Vorstadt zum Hause des Meisters. Das Torhaus war nicht verschlossen. Knarrend meldeten die Türangeln den Heimkehrenden an. Aber was stand da für eine Gestalt im Wege? Er stutzte und 

zögerte kurz weiterzugehen. Ein Geist versperrte dem Lehrling den Weg zur Schlafkammer. Drohend und von erheblicher Länge wich er nicht von der Stelle. Das Herz pochte und der Puls war an Hals und Schläfen zu spüren. Doch wer Stunden zuvor durch die abendliche Heide gelaufen war, wo die Kobolde des Waldes ihre ersten Tänze aufführten, der kannte so richtige Angst schon lange nicht mehr. "Goa mi ut den Wech, segg ick di!" Keine Regung, das Gespenst rührte sich nicht vom Fleck. Einen kurzen Schritt zur Seite, und Großvater packte einen derben Knüppel. Holz stand genug zum Trocknen in der Durchfahrt des Hauses. Noch einmal: "Goa wech!" Dann ein mächtiger Hieb, und das Gespenst fiel polternd zu Boden. Es war eine lange Birkenklobe, der man ein weißes Tuch umgehängt hatte. Welch ein Glück! Eigentlich sollte unter dem Laken ein Mitlehrling spuken. Das Gelächter, aber auch die Erleichterung waren auf beiden Seiten groß. Dem Großvater war noch nach Jahrzehnten bei diesem Bericht anzumerken, dass er froh war, dass bei diesem Schabernack niemand zu Schaden gekommen war.


Der unheimliche Begleiter

Manch junger Kerl aus den Dörfern der Schorfheide suchte Lohn und Brot in der weiten Welt. Der eine oder andere fand dabei auch sein Glück, die Frau fürs Leben, ein neues Zuhause. Doch meistens wohnt ja das Glück in der Nachbarschaft, in der gleichen Straße und trägt lange Haare und kurze Röcke. Wer sich also auf den Berliner Großbaustellen oder in den städtischen Industriebetrieben verdingte, den zog es an den Wochenenden wieder heim. Dort erwartete die Mutter, die eigene Familie oder die Freundin den Heimkehrer in der warmen niedrigen Stube mit heimischer Kost. Das vertraute Platt vermittelte Geborgenheit. Gemächlich ging es zu, und die Hast der Arbeitswoche wich aus Leib und Seele.

 

Doch zuvor waren einige Entfernungen zu überwinden. Fahrrad und Auto waren schon lange taugliche Verkehrsmittel, um leichter lange Wegstrecken zu überbrücken. Das Leben in den Dörfern war aber zu 

ärmlich, um an solche Anschaffungen zu denken. So reiste man mit der Eisenbahn in der dritten Klasse. Die machte jedoch um die kleinen Buschdörfer einen großen Bogen. Wer von Groß Dölln, Kurtschlag, Grunewald oder Kappe zum Bahnhof wollte, der musste schon gut zu Fuß sein und zwei Stunden Wanderschaft durch Wald und Heide einplanen. Wer sich aber nach einer schweren Arbeitswoche nach Waldluft und Stille sehnte, den befiel die Unruhe, wenn der karge Lohn in der Hosentasche klimperte. Hauptsache der letzte Zug nach Groß Schönebeck war noch zu erreichen. Die zwei Stunden Fußmarsch durch die Heide im hellen Mondschein sollten danach kein Hindernis sein. In Groß Schönebeck raus aus dem Zug, durch die kleine Bahnhofstraße und dann rechts zur großen Kreuzung, weiter durch die Groß Döllner Straße in Richtung Heimat. Noch einige Blicke in die Fenster der letzten Häuser und weiter auf die Schlufter Chaussee in Richtung Kurtschlag. Bald verhallten die 

 


eiligen Schritte im ewigen Rauschen der Wälder und in den Stimmen der Nacht. Zusätzlich wird der Weg noch abgekürzt über des Kaisers Jagdstraße, die Lemchaussee (?). Die nächsten Kilometer geht es durch die nächtliche Heide. Ein Lied pfeifend lenkt sich der Wanderer von den vielfältigen Geräuschen ab, die an sein Ohr dringen. Zum Abend haben die kleinen Kobolde des Waldes ihre Baue verlassen. Die Mäuse suchen Futter. Ziesel und Marder sind auf Beute aus. Fuchs und Igel begegnen sich. Käuzchen und Eule betrachten neugierig den Fremdling im Revier. Im nahen Glasowsee quaken die Frösche um die Wette. Eine Rotte Wildschweine flüchtet polternd in die nächste Schonung. Hinter dem Elsengrund , an der Brücke über dem Faulen Fließ, lichtet sich der Wald. Gleichzeitig sieht man den helleren Streifen der Kopfsteinstraße. Man hat festen Boden unter den Füßen, und der Blick weitet sich. Schon seit einiger Zeit hatte der Mann das Gefühl, beobachtet zu werden. Eine Sinnestäuschung nach einer 

anstrengenden Woche? Nicht wirklich! Ein großer schwarzer Hund läuft mal seitlich, mal voraus und mal hinter dem Nachtwanderer. Tatsächlich, ein großer schwarzer Hund hier mitten im Waldrevier, 

 


vier Kilometer vom Dorf entfernt. Die Schritte werden noch eiliger, auch der Puls pocht in den Schläfen. Bloß schnell nach Hause, doch der unheimliche Begleiter ist immer in der Nähe. Endlich nähert sich der Mann der Kurtschlager Forsterei. Reeses Jagdhunde haben die eiligen Schritte auch schon vernommen, sie schlagen an. Jetzt an der Umzäunung laufen sie laut bellend neben dem nächtlichen Wanderer her. Dadurch werden die Sinne auf neue Geschehen gerichtet und die Gedanken abgelenkt. Das tut den Nerven gut. Alsbald beruhigen sich auch die Hunde der Försterei. Wieder suchen die Augen und Ohren den lästigen Begleiter. Nichts ist mehr zu sehen oder zu hören. Nur schnellen Schrittes voran, vorbei an Frankes Einsiedelei und durch die Rehberge. Endlich, da liegt das Dorf in seiner nächtlichen Ruhe. 

Das Rauschen des Waldes wird nun vom Bellen der Dorfhunde übertönt. Auch sie haben den Nachtwanderer gehört. Schon grüßt das ersehnte Ziel, das Elternhaus, im Schimmer des Mondlichts. Ein Fenster ist noch erleuchtet, und etwas Rauch kräuselt aus dem Schornstein. Jetzt ist die Flucht aus der hektischen Großstadt für ein paar Stunden beendet. Auf dem Herd simmert ein Nachtmahl, man wurde erwartet. Viele Fragen sind auf beiden Seiten zu beantworten. Ganz zum Schluss berichtet der Heimkehrer von seiner unheimlichen Begegnung "mett det olle grote schwatte Diert". Später, in den dicken, warmen Federbetten macht sich ein jeder so seine Gedanken "über dat schwatte Biest".


Die weiße Dame

Der Winter hüllte mit Frost und Schnee das Dorf seit Tagen ein. Die Wintersonne und frostklare Luft hatten das trübe Novemberwetter abgelöst. Das Weiß des Schnees tauchte das Dorf in ein helles Licht. 

Es war die Zeit gekommen, da man in Haus, Stall und Hof alles geruhsamer anging. Die Wintervorräte waren eingebracht. Heu, Stroh, Kartoffeln und Rüben lagerten frostgeschützt in Keller und Mieten. Große Holzmieten zeugten davon, dass niemand zu frieren brauchte. Als letztes wurde auf den nassen Moorwiesen, die durch die Eisdecke begehbar wurden, Streusel gemäht und eingebracht. Es wurde als Einstreu für das Vieh gebraucht. Das fand darin auch noch manch fressbaren Halm. Mit Beginn der kalten Jahreszeit mussten auch die sogenannten unnützen Fresser weichen. Was man erübrigen konnte, das wurde verkauft, um die Haushaltskasse aufzubessern. Manch fettes Schwein und Mastkalb war um diese Zeit bereits im Pökel. In der Räucherkammer hingen die Bratwürste und andere Spezialitäten. Auch die Mastgänse hatten um den Martinstag ihre Federn eingebüßt. Jetzt war die Zeit gekommen, wo sich eine feierliche Ruhe über das Dorf ausbreitete. In den Küchen roch es wieder öfter nach gebratenem Speck. Und in dem Wruken- und 

 


Erbseneintopf schwamm auch mal wieder ein größeres Stück Fleisch. Sogar der Hofhund konnte wieder öfter einen Knochen in seine kalte Hütte schleppen. Es war die Zeit der Ruhe, die Zeit des Rückblicks und der Besinnung. Auch der Freude und Fröhlichkeit nach den Mühen eines arbeitsreichen Jahres wurde im Dorfkrug mit Geselligkeit und Tanz gehuldigt.

Auf dem Lande mussten zur damaligen Zeit alle mit anpacken. Auch die Alten, ebenso die Kinder und Enkel trugen ihre Teil zum Broterwerb mit bei. Gerade die Kinder, die sonst nach der Schule noch manche Aufgabe in Haus und Hof verrichten mussten, hatten mehr freie Zeit. Mussten sie sonst noch Runkeln für das Vieh putzen, Heu und Stroh auf die Tenne werfen, das Vieh tränken und für Holz und Wasservorräte in der Küche sorgen, hatten sie nun manch freie Stunde. Schnee und Eis lockten zum Spiel und Rumtollen ins Freie. Ich erinnere mich noch an so einen Wintertag im Dorf. Schnee und Eis und ein leuchtender Vollmond versammelten die Kinder in der Sandkuhle und auf der großen freien Fläche vor Plaths Scheune. Schlittern, Rennen und Schneeballschlachten machten den Leib warm und die Ohren rot. An solchen Abenden verpassten wir es oft genug, pünktlich zum Abendessen am Tisch zu sitzen. Dann waren  

die Bratkartoffeln und die Klütersuppe für uns bloß noch lauwarm. Dass überhaupt noch was übrig blieb, dafür sorgte die Großmutter. Meistens waren auch die Kleidung und die Schuhe total durchnässt. Ganz ohne Vorhaltungen ging das nicht aus. Das Essen und der warme Kachelofen trockneten die Kleidung und die Tränen.

Die Vollmondwoche war noch nicht ganz um, da passierte uns Kindern die folgende Geschichte. Fand doch der Spieldrang selten einen pünktlichen Abschluss. Abend für Abend auf dem Dorfplatz derselbe Lärm der quirligen Kinderschar. Bis dann eines Abends hinter der Plathschen Scheune "die weiße Dame" unvermittelt auftauchte. Das weiße Gespenst schien mit seinen flatternden Bewegungen mehr zu fliegen als zu laufen. Auch kam es geradewegs auf uns zu. Da fing ein Heulen und Rennen an. Alle liefen eilends nach Hause. Mit großen Augen und ängstlichen Gesichtern erzählten wir von der Begegnung mit der weißen Dame. Die Großen taten recht verwundert und bestätigten unsere Ängste damit, dass auch sie solche Begegnungen mit diesem Gespenst hatten. An den nächsten Abenden war dann auch für uns Kinder die Abendsuppe noch schön warm.

 


Kinderspiele

Waldspaziergänger kennen sicherlich die großen Pilze, die seitlich aus dem Totholz der abgestorbenen Baumstämme herauswachsen. Sie gehören zur großen Gruppe der Porlinge, sind meist ungenießbar und im Fleisch schwammig-holzig. Mit solchen getrockneten Pilzen hatte man seinerzeit die Glut des Herdfeuers gehalten. Im feuchten frischen Zustand konnte man sie auch gut mit einem Schnitzmesser bearbeiten. Für die Kinder wurden dann tennisgroße Bälle geschnitzt. Wurden die Bälle dann nachgetrocknet, wurden sie leicht und elastisch. Wie es heute die Bälle aus Gummi und Plast eben auch sind. Doch nur wenige Alte werden sich noch an diese Spielsachen erinnern.

 


Ein Spiel, dem Treibeball ähnlich, kannte man zu Großvaters Kinderzeit auch schon. Sein Name war Klipp-Klapp. Dazu fertigten sich die Kinder aus einem Stück Brett eine Schlagkelle an. Als Ball diente ein Stück Rundholz, das an beiden Enden wie eine Zigarre angespitzt wurde. Es sah dann auch einer dicken Zigarre sehr ähnlich. So ausgerüstet, wurde auf dem Kopfsteinpflaster der Dorfstraße der Ausgangspunkt durch eine Linie markiert. Dort wurde der erste Schlag ausgeführt. Der Klipp lag auf der Erde, wurde an der Spitze mit der Kelle angeschlagen. Dabei schnellte er in die Höhe und

 

wurde sodann mit einem kräftigen Schlag vorwärts getrieben. Am Aufschlagpunkt versuchte der Gegenspieler auf dieselbe Art und Weise, das Hölzchen wieder zurückzuschlagen. Wer den Gegenspieler recht weit von dem Ausgangspunkt weggetrieben hatte, der war der Sieger der Runde. Dann ging es wieder zur Trennlinie zurück, und die nächste Runde begann. Der Name des Spiels dürfte lautmalend dem Klang des Abschlagens nachempfunden sein. Klipp, der Puck wird hochgeschnellt. Klapp, der Puck wird weggeschlagen. Klipp - Klapp.


Die Tage der Kindheit sind einem meist gut in Erinnerung, egal ob sie im Wechsel gut oder böse ausgingen. Rückblickend ist man erstaunt über die Vielzahl der schönen Begebenheiten und wieviel Freude noch daran haftet. Es gab auch eine Menge Spiele die die kindliche Fantasie erfunden hatte. 

In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts pochte der technische Fortschritt in den Städten mit elektrischem Strom, motorgetriebenen Fahrzeugen, Telefon, Kino und Radio an alle Türen. Auch der kleine Mann hatte daran seinen Anteil. Etwas langsamer eroberten diese technischen Neuheiten die Dörfer. Recht spät jedenfalls die Dörfer in der Schorfheide. Dort wurden in der ersten Hälfte des vergangenen zwanzigsten Jahrhunderts abends noch viele Wohnungen und vor allem die Stallungen mit blakenden Petroleumlampen erhellt. Die Sendungen des Rundfunks wurden ohne zusätzliche Stromquellen mit einfachen Detektorgeräten aus

dem Äther gesiebt. Das Fernsehen gab es nicht einmal als Begriff. Bilder aus der Luft zu empfangen, das war unvorstellbar. Ohne  Fernsehen und Computer wussten die Kinder auch damals die Zeit mit fröhlichen Spielen auszufüllen. Die waren den dörflichen Gegebenheiten entnommen. So auch ein Greifenspiel auf und um einen abgestellten Erntewagen. Die standen ja auf der Straße, an den Heumietenplätzen oder in den Scheunen. Fand sich eine kleine Gruppe Kinder zusammen, begann bald darauf ein ausgelassenes Spiel. Die Grundregel bestand darin, dass einer der Fänger war. Der versuchte, außerhalb des Wagens jemanden abzuschlagen. Dann musste der der Fänger sein. Die übrigen Kinder waren auf dem Leiterwagen. Sie liefen dort lachend und schreiend hin und her und wichen dem Fänger aus. Dessen Schwierigkeit bestand darin, dass er versuchen musste, durch die Sprossen der Wagenleitern hindurch eines der Kinder abzuschlagen. Da er außerhalb des Wagens war,

 


hatte er die längeren Wege. Eingeleitet wurde jede neue Spielrunde mit einem Wechselgesang folgender Art:

Huller de buller wee sitt da unner?

De dicke Melkfreter!

Worüm frett he denn nich?

He hett doch keen Läpel!

Na denn griep die doch een!

Nach dieser Aufforderung kam der Greifer unter dem Wagen hervor, 

und es begann das fröhliche Treiben. Auf den langen Erntewagen konnten die Kinder gut ausweichen, laufen und springen. Der Fänger wurde durch die engen Leitersprossen in seinen Aktionen behindert. Das Kreischen und Lachen ging so lange, bis schließlich doch einer erwischt wurde. Der war nun der Fänger, der zu Beginn sich unter den Wagen hocken musste. Und der Wechselgesang gab allen eine kleine Verschnaufpause. Danach ging es weiter mit Lachen und Kreischen. Huller de buller wee sitt da unner?


Wiedersehen mit Kurtschlag

Die warme Sonne brachte uns zeitig auf die Beine. In gut einer Stunde müssten wir die große Stadt weit hinter uns gelassen haben und bei Groß Schönebeck in die Schorfheide eintauchen. Auf holprigen Straßen den Kindheitserinnerungen folgen. Seit dem letzten Besuch sind viele Jahre ins Land gegangen. Umbrüche haben sich vollzogen, formten alles neu. War es Sehnsucht nach der Geborgenheit, die man seit der Kindheit in sich trug? War es Neugier auf die Fragen der Gegenwart, wo sich alles neu gestalten musste? Die eigene Berufstätigkeit und die Unruhe der Wendejahre hatten für solche Überlegungen wenig Platz gelassen. Vielleicht suchten wir auch nur die Weite der Einsamkeit und die Stille. Sicherheitshalber hatten wir den Picknickkorb mit Proviant gefüllt, denn die nahen Verwandten gab es nicht mehr. An sie erinnerten steinerne Zeugen im Geviert hinter der Kirche. Die ältesten von ihnen hatten sogar schon Platz für die Nachrückenden machen müssen. Und in der dritten Generation 

der Cousinen und Cousins kennt man sich zwar, aber die Bindungen sind meist oberflächlich.

Schnell enteilen wir mit dem PKW unserem Zuhause, dann hinter der Autobahn A 10 auch dem Trubel der Großstadt. Bei Mühlenbeck geht es auf Landstraßen weiter. In Schönwalde erreichen wir die 109. Die Alleestraßen der "Berliner Dörfer" bilden ein Dach über uns. Die einzelnen Ortschaften gehen ineinander über, bilden eine endlose Kette von menschlichen Siedlungen. Hinter Zerpenschleuse wird die Landschaft offener, und der Blick weitet sich. Bei Groß Schönebeck tauchen wir in den großen Wald ein. Wir benutzen die Straße über Schluft nach Kurtschlag. Die Kopfsteinstraße - die Einheimischen nennen sie Knüppeldamm - ist in einem schlimmen Zustand. Wir erinnern uns, dass vor ein paar Jahren Panzer den Straßenverkehr hier ausmachten. Also fahren wir seitlich im Sommerweg, doch auch dort sind große Löcher und Dellen. Das Fahren mit dem Auto

 


erinnert mehr an Kamelreiten. Gezwungenermaßen nehmen wir uns Zeit. Der Wald, der uns umgibt, und die Luft sind herrlich. Wir atmen 

sie tief ein, sammeln Eindrücke und haben Zeit zu plaudern.

Der Sommer brachte uns dieses Jahr eine Hitzewelle, die längere Zeit anhielt. Auch hier zog wochenlang ein kontinentaler heißer Ostwind über die Heide. Die Luft, von der Sonne auf den Sandflächen tüchtig aufgeheizt, flimmert am Horizont. Das Gras an den Weg- und Waldrändern hat seine grüne Farbe verloren. Uns begleitet das ewige Rauschen in den Wipfeln der Bäume. Sonst aber hört man keinen Ton, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Selbst die Vögel schweigen. Sie haben ihre Brut aufgezogen und brauchen ihr Revier nicht mehr mit Gesang zu kennzeichnen. So schweigen auch sie und dösen bestimmt irgendwo im schattigen Geäst. Dass die Kiefern und vor allem die Birken noch grün sind, verwundert den Betrachter, tröstet und gibt Hoffnung.

Bald nach der ehemaligen Försterei, in Höhe der Einsiedelei Frankes Heim, lichtet sich der Wald. Der Blick wird frei auf die Niederungen 

 


des Döllnfließes mit den davor liegenden Äckern. Auch hier flimmert die Luft von der gnadenlosen Hitze. Scheinbar werden die Äcker und Wiesen nicht mehr bewirtschaftet. Das Auge sucht vergeblich nach Zeichen bäuerlichen Erwerbs. Kein Gespann, kein weidendes Rind, kein tuckernder Traktor kündet von segensreicher Arbeit der Bauern, wie ich es noch als Kind erlebt hatte. Kein Kartoffel- oder Roggenfeld kann ich sehen. Seinerzeit wurde auch hier, auf dem wenig ertragreichen Sandboden,  jeder Sack Kartoffeln, jeder Scheffel Roggen dankbar geerntet, und beides war eine gute Vorsorge für den Winter. Was da gelblich in der Ferne zu sehen ist, scheint der Wildwuchs vergangener Jahre zu sein.  Gleich hinter den Rehbergen kann man weit in das Dorf hineinsehen. Sauber liegt es vor uns. Die Straßen sind gefegt, wie es früher schon üblich war. In den Vorgärten und auf den Fensterbänken blühen Sommerblumen. Die Häuser machen einen gepflegten Eindruck. Aber niemand scheint neugierig 

hinter den Gardinen zu stehen, um die Besucher jemandem zuzuordnen. Selbst die Hofhunde schweigen. Nehmen auch sie uns nicht zur Kenntnis? Oder braucht man diese Wächter nicht mehr? Kein Rind brüllt nach Futter oder Tränke. Aus der Sandkuhle, dem Spiel- und Bolzplatz des Dorfes, kommt kein Kinderlachen, kein Geschrei. Die Spielgeräte stehen verweist in der Sonne. Nachdenklich gehe ich zum Gehöft des Großvaters. Wie eh und je versperrt ein hoher Bretterzaun die Sicht. Das alte niedrige Mittelflurhaus gibt es seit Jahren nicht mehr. Das neue Haus leuchtet rotbedacht am Straßenrand. Auch hier ist keine Regsamkeit zu spüren. Ob Cousine Erna noch lebt? Sie ist uns ja in den Jahren ein gutes Stück voraus. Und der Kontakt ist auch in der dritten und vierten Generation recht dürftig. Ein offenes Fenster zur Straße weckt mein Interesse, macht mir Mut. Ich rufe ihren Namen. Und richtig, ein Kopf zeigt sich. Offensichtlich erkennt auch sie mich sofort, nennt meinen Namen. Es 

 


wird eine herzliche Begegnung. Viel gibt es zu fragen und zu antworten. Berufliches Streben und die Bindungen in den jeweils eigenen Familien ließen die Kontakte verkümmern. Grüne und die Edelmetall-Hochzeiten sind längst gefeiert. Und wenn sich die weitläufige Sippe mal wieder bei einer Beerdigung zusammen findet, dann streben alle recht wortkarg und nachdenklich auseinander. Hier und heute noch schnell ein paar Erinnerungsfotos und das Versprechen, bald mal wieder von sich hören zu lassen. Dann trennen wir uns. Wahrscheinlich wird daraus nicht viel werden, doch das denkt jeder nur leise für sich.

Weiter die Dorfstraße entlang. Auch dort Blumen in den Vorgärten. Doch die Straße ist menschenleer. Kein Krämerladen, der mit seinen Angeboten lockt. Keine Gaststätte ist geöffnet, die uns eine Erfrischung bieten könnte. Ein kurzer Abstecher zur Kunkel im Döllnfließ. Hier, in der alten Ablage, ist das Fließ tief und breit genug, hier konnte man baden und sogar ein paar Stöße schwimmen. Aber 

 

auch hier und in den ehemaligen Kalun-Gärten begegnet uns kein Mensch. Nur ein kleines Pony, begleitet von einer Zwergziege, betrachtet uns neugierig. An der Brücke im Dorf, wo sich das Fließ rauschend durch das Steinwehr zwängt, scheint selbst das Wasser


heute träge zu fließen. In Gedanken sehe ich noch die Kühe abends von der Weide heimkehren, die neben der Brücke durch das Wasser wateten und dann gleich zur Abendtränke dort kurz verharrten. Alles nur noch Erinnerungen.

Noch schnell ein paar Fotos von der restaurierten Dorfkirche und vom Kriegerdenkmal. Auf der Tafel des Denkmals auch Namen von den Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Viele bekannte Namen, auch Cousin Walter ist zur Erinnerung und hoffentlich auch zur Mahnung darauf vermerkt. Jetzt möchte man ein paar Worte reden. Die Gefühle verengen die Brust, und im Kopf kreisen viele Gedanken. Schweigend gehe ich zurück zum Auto. Dann endlich ein lebhaftes, freundliches Gesicht. Die Blicke streifen sich, man ist sich fremd, trotzdem kommen wir schnell ins Gespräch, plaudern über Gott und die Welt. Wie hat es sie aus der Großstadt hierher verschlagen, hier in diese Einsamkeit? Frau Sch. ist offensichtlich rundum zufrieden. Hier im Buschdorf hat das Ehepaar seinen Lebensabend geplant, hat sich gemütlich eingerichtet. Ich kann sie gut verstehen, in mir sind ja alle Kindheitserinnerungen wach. Das Gehirn reproduziert diese Erinnerungen ohnehin in den rosigsten Farben. Meine Frau, die die Gegenwart stärker erlebt, die den kritischen Abstand des Betrachters

hat, schüttelt über unsere Begeisterung ungläubig den Kopf. Sie hat in der Großstadt andere Erfahrungen gemacht. Dann noch ein Abstecher zum Friedhof. Ein frisches Grab weckt unser Interesse. Auf der Bank am Rande des Friedhofs sitzen ein paar Ältere. Sie mustern uns und beantworten unsere Fragen, auch zu dem frischen Hügel. Der Name sagt uns nichts mehr.

Schnell noch zum Haus der Ortschronistin Frau V., denn wir sind angemeldet. Wir werden freundlich empfangen. Doch wir bringen unsere Unruhe durch die gehabten Eindrücke mit. Auch ist unser Zeitplan längst durcheinander. Schade, denn sie bewohnen einen einmalig schönen Flecken Erde. Sie kamen gerade aus Groß Väter, hatten sich dort in dem kleinen See von der Hitze erfrischt. Auch das Ehepaar V. kam aus der Großstadt hierher in die Waldeinsamkeit, fühlt sich hier heimisch. Sie sind längst echte Kurtschläger geworden.  Noch ein paar freundliche Worte, dann entschuldigen wir uns, haben Zeitverzug. Wir verlassen etwas in Eile das Dorf meiner Kindheit. Eine Staubwolke trübt den Blick zurück. Sie wird sich bald wieder gelegt haben. In der späten Nachmittagssonne flimmert vor uns die Luft. Und leise rauscht der Wald wie eh und je.