Heldentod und Totenehrung

Das Kriegerdenkmal

von Manfred Lentz

Es kam nicht oft vor, dass die Schulkinder in Kurtschlag schulfrei hatten, aber im August des Jahres 1914 geschah es gleich zwei Mal. Der August war der Monat, in dem mit dem Kriegseintritt des Deutschen Reiches der Erste Weltkrieg begonnen hatte, und dieser Monat lief für die Truppen des Kaisers so gut, dass für die Schulkinder besagte zwei freie Tage dabei heraussprangen. Der erste am 22. August, an dem der Sieg des Kronprinzen über die Franzosen gefeiert wurde (an diesem Tag ließ der Kurtschläger Pfarrer eine volle Stunde lang die Glocken läuten), der zweite am 29., dem Tag, der den Sieg über die russischen Truppen bei Tannenberg gebracht hatte. "Unsere hervorragenden Heerführer führten ihre Truppen von Sieg zu Sieg", notierte Lehrer Böttcher spürbar begeistert in der Schulchronik. Sein Kollege Georg Richter war derweil unter die Soldaten gegangen. Am 27. August hatte man ihn einberufen und als Vizefeldwebel in Prenzlau dem Infanterieregiment Nr. 64 zugeteilt, bald darauf dem neugebildeten Regiment Nr. 205. Zum Kompanieführer befördert, kämpfte Richter im Januar 1916 in Ungarn, verlebte anschließend einen kurzen Heimaturlaub in Kurtschlag und wurde danach mit seinem Regiment in Richtung Westen in Marsch gesetzt. Frankreich

war die letzte Etappe seiner militärischen Karriere. Knapp zwei  

(193/1) Eine Aufnahme aus dem Jahr 1914. Rechts neben der Kirche fand das Kriegerdenkmal ein paar Jahre später seinen Platz.



Jahre, nachdem er ins Feld gezogen war, wurde er im Rang eines Leutnants im Infanterieregiment Nr. 207, 8. Kompanie, am 1. Mai auf der Höhe "Le Mort Homme" bei Verdun von einer feindlichen Kugel getroffen. Sechs Tage später traf die Nachricht vom Tod Richters bei seiner Ehefrau in Kurtschlag ein. "Ich habe die traurige Veranlassung", teilte man ihr mit, "Sie von dem Heldentode Ihres Mannes, unseres lieben Kameraden, in Kenntnis zu setzen. Er fiel beim Sturm an der Spitze seines Zuges. Als er den feindlichen Graben schon erreicht hatte, fand er durch Kopfschuß einen schnellen Tod. Im Namen aller Kameraden spreche ich Ihnen unser tief empfundenes Beileid aus. Mögen Sie in seinem Sohne, seinem teuersten Vermächtnis, Trost finden." Georg Richter war zu diesem Zeitpunkt bereits der zweite Kurtschläger, der ein Opfer des Krieges geworden war. Kurz vor ihm war der Soldat August Arnbeck nach langer schwerer Krankheit im Lazarett verstorben. Nachdem man ihn nach Kurtschlag überführt hatte, wurde er "in feierlicher Weise auf dem Friedhof beerdigt. Der verstorbene Held war in der Kirche aufgebahrt worden. Fast das ganze Dorf erwies ihm die letzte Ehre. Nach einer ergreifenden Rede durch Pfarrer A. Meyer setzte sich der lange Zug unter den Klängen der Musik in Bewegung nach dem Kirchenhofe hin. Vom Kriegerverein wurden am Grabe drei Salven abgefeuert."

Georg Richter, August Arnbeck ... zwei Kurtschläger, die seit über einhundert Jahren tot sind, an deren Namen sich - abgesehen von möglicherweise noch vorhandenen Verwandten - vermutlich niemand mehr erinnert, und die wir dennoch täglich vor Augen haben. Oder richtiger: haben könnten, denn dazu müssten wir genau hinschauen. Als zwei von insgesamt 23 Namen finden sie sich auf dem mittleren Stein unseres Kriegerdenkmals, jeweils versehen mit ihrem militärischen Rang und dem Tag ihres Todes. Oder um es mit der Terminologie derjenigen auszudrücken, die das Kriegerdenkmal

(0197/1) Das Kriegerdenkmal auf einem Foto aus dem Jahr 1941.



Die Namen der 23 Toten stehen auf dem Kriegerdenkmal.

einst errichteten: jenes Tages, an dem die beiden wie die übrigen 21 den "Heldentod" starben. Den "Heldentod"? Was für ein bombastisches Wort, einzig dazu bestimmt, dem sinnlosen Sterben dieser jungen Männer eine moralische Dimension zu geben. Einen Sinn in Gestalt eines großartigen Beitrags für Volk und Vaterland und für den Kaiser, der sie mit seiner aggressiven Politik in den Tod geschickt hat. Verheizt und verreckt, zu Krüppeln geschossen, am Gas erblindet und traumatisiert bis an ihr Ende - Worte wie diese wären treffender für das Kriegerdenkmal gewesen, aber nein, es ist das Wort "Heldentod", das dort steht.

 

Doch wie immer man den Text auf unserem Gedenkstein auch bewerten mag - es ändert nichts an der Tatsache, dass am Ende des Krieges rund 20 Millionen Menschen in Europa ihr Leben verloren hatten. Ihrer zu gedenken, war ein verständlicher Wunsch, und so beschloss man auch in Kurtschlag, den gefallenen Söhnen des Dorfes ein Denkmal zu setzen. (Bereits für die getöteten Soldaten des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 hatte man in der Kirche eine Tafel angebracht.) Wie dieses Vorhaben umgesetzt wurde, erfährt man von dem späteren Lehrer an der Kurtschläger Schule Richard Rieck. Und weil sein Bericht so anschaulich ist und er überdies in einer Weise den Zeitgeist wiedergibt, wie mir das als Nachgeborenem nicht möglich wäre, will ich für die Schilderung 



der Aufstellung des Kriegerdenkmals den Originaltext von Rieck verwenden, so wie er in unserer Dorfchronik nachzulesen ist:

 

 

"Da in den meisten Dörfern nach dem Kriege Gedenksteine für die Gefallenen errichtet wurden, wollte man das auch in unserer Gemeinde tun. Es hatte zwar der Kriegerverein bereits viel früher angeregt, einen Stein zu errichten, jedoch war aus diesem Unternehmen nichts geworden. Da die allgemeine Stimmung sich jetzt dafür aussprach, so unternahm ich, Lehrer Rieck, im Oktober 1920 eine Sammlung, indem ich von Haus zu Haus ging. Zuerst versuchte ich, durch ein Kind das Geld einsammeln zu lassen, doch diese Mühe war vergebens. Die Bauern schickten das Kind immer zum nächsten, um zu erfahren, wieviel der andere spende. Ich selbst aber fand eine opferfreudige Gemeinde vor, besonders waren es die kleinen Besitzer und Arbeiter, die sehr ansehnliche Beträge zeichneten, die Arbeiter im Durchschnitt 50 bis 100 Mark, die kleineren Besitzer 100 bis 200 Mark. Sehr zu verwundern ist es aber, daß keiner von den Bauern mehr als 200 Mark glaubte geben zu können, ja sogar einige von ihnen gar nichts gaben. Um einen Überblick zu bekommen, ließ ich erst den Betrag zeichnen, den jeder zu geben gedachte. An der Spitze standen Hegemeister Schröder aus Deutsch-Boden 

mit 300 Mark und Karl Seefeld auch mit 300 Mark. Wilhelm Seefeld und Ferdinand Plath weigerten sich jedoch von vorneherein, Geld dafür zu spenden. Die Zeichnungen ergaben einen Betrag von 9.615 Mark. Beim Einsammeln des Geldes weigerte sich auch Karl Seefeld, die gezeichneten 300 Mark zu spenden. So verblieben nur 9.315 Mark. Das Geld übergab ich dem Gemeindevorsteher Otto Kotz, welcher nun ein Denkmal bei Borgsdorf und Frey zu Templin in Höhe von 9.470 Mark bestellte. Unterdessen hatte ich noch einen Elternabend veranstaltet, der einen Reinertrag von 580 Mark ergab, so daß 9.895 Mark zur Verfügung standen.

 

Da der Initiator nicht der Kriegerverein war, kam es zu Unstimmigkeiten in der Gemeinde, und die Mitglieder des Vereins drohten, ihre Gelder zurückzufordern, wenn der Kriegerverein die Leitung nicht übernehmen dürfe. Auf der Gemeindeversammlung berichtete der Gemeindevorsteher alles ganz genau und verlas die Liste mit den Spenden, woraus ersichtlich wurde, daß selbst der Leiter des Kriegervereins, Karl Seefeld, nichts dafür gespendet hatte. Da stellte sich plötzlich heraus, daß es dem Verein nur darum ging, die Einweihungsfeierlichkeiten zu leiten.

 

Die Aufstellarbeiten, welche unentgeltlich ausgeführt werden 



mußten, konnten ja ganz gut die Arbeiter übernehmen. Das brachte scharfe Debatten mit sich. Endlich wurde beschlossen, die Angelegenheit als Gemeindefeier zu betrachten und nicht vereinsweise aufzutreten. Arbeiter und Gesangverein sollten Lieder vortragen, im übrigen nur während des Singens vortreten und ohne Abzeichen erscheinen. Da abgelehnt wurde, daß der Kriegerverein mit Abzeichen, Fahne und Gewehr auftreten konnte und noch andere Vereine der Umgebung einladen durfte, zog er sich nun vollends zurück. Der gesamte Bau ist von der Arbeiterschaft ausgeführt worden. Diese haben dadurch bewiesen, daß ihnen der Dank an die Gefallenen von Herzen kam.

 

Am Sonntag, den 24. April 1921 wurde der Stein enthüllt und eingeweiht. So ziert nun dieser schlichte Stein unser Dorf. Möge er die nachfolgenden Geschlechter an die unvergleichlichen Taten dieser Helden erinnern und in ihnen das Streben erwecken, diesen Helden nachzueifern."

 

1914 begann der Erste Weltkrieg, vier Jahre später, 1918, war er zu Ende. Jedenfalls der wirkliche Krieg, nicht der auf unserem Denkmal  

- der reicht bis in das Jahr 1920. "Im Weltkriege 1914-1920 starben den Heldentod ..." steht dort vor der Aufzählung der Namen. Ein 

(0176) Kurtschlag 1940

Grund für diese irritierende Angabe wird nicht genannt, man kann nur spekulieren. "Gard.Schütze - Heinz Reese - 28.12.19" lautet der letzte Eintrag. Ein Todesfall infolge der Kriegsereignisse, steht zu vermuten, zu einem Zeitpunkt, als der Krieg bereits zwei Jahre vorüber war. Dass der Tod von Heinz Reese auf ihn zurückzuführen war, mag durchaus korrekt sein, und es ist verständlich, dass man 



auch diesen Toten in das allgemeine Gedenken miteinbeziehen wollte - nur: Welche Inschrift hätte man denn gewählt, wäre der Tod nicht zwei, sondern erst fünf Jahre später eingetreten? Etwa "Im Weltkriege 1914-1923 starben den Heldentod ..."? Das "1920" auf unserem Stein ist eine Formulierung, die mir bisher noch nicht untergekommen ist, und für die ich trotz Recherche keine Parallele gefunden habe. Möglicherweise habe ich ja nur nicht lange genug gesucht, oder der Kurtschläger Gedenkstein bildet in dieser Hinsicht tatsächlich eine Ausnahme.

 

Gedenken kennt Rituale, und obwohl ich keine Belege dafür finden konnte, ist wohl davon auszugehen, dass das Gedenken an dem Stein in den Jahren nach dem Krieg in ritualisierter Form erfolgte, mit Aufmärschen, Kranzniederlegungen oder Blumenschmuck, mit Musik und Ansprachen. Leider gibt es keine Aufzeichnungen darüber, jedoch erscheint mir die Vorstellung einer Erinnerung an die Toten ohne jegliche Aktivität eher unwahrscheinlich. Nicht zuletzt angesichts der fortbestehenden Ressentiments gegen die einstigen Kriegsgegner, denen die auf dem Stein Verewigten zum Opfer gefallen waren - man denke nur an die in der Weimarer Republik weit 

verbreitete Empörung über das "Versailler Friedensdiktat" oder die schwere Last der Reparationen, die die Sieger dem besiegten Deutschland auferlegt hatten. Das nationalistische Denken der neuen Machthaber nach 1933, ihre Begeisterung für Tugenden wie Heldentum und Opfermut für das Vaterland sowie die Verehrung alles Militärischen dürften dazu beigetragen haben, den Stellenwert unseres Kriegerdenkmals noch zu vergrößern. Der letzte Satz des Kurtschläger Lehrers Richard Rieck in dem erwähnten Bericht spiegelt den Geist der Zeit wider: "Möge (der Stein)", so schreibt er in schwülstigem Pathos, "die nachfolgenden Geschlechter an die unvergleichlichen Taten dieser Helden erinnern und in ihnen das Streben erwecken, diesen Helden nachzueifern." Gewiss eine Floskel, dieses "nacheifern" - doch eine, die gerade einmal 21 Jahre nach dem Ende des Krieges Bedeutung erlangen sollte, als die Nazis auch von den jungen Männern Kurtschlags verlangten, den beschworenen Vorbildern "nachzueifern". Wieder herrschte Krieg in Europa, wieder starben Millionen Menschen, und als nach sechs Jahre das Kämpfen endlich vorbei war, stellte sich wieder einmal die Frage nach einer Ehrung der Toten. Nur hatte der Sieger diesmal prinzipiell andere Vorstellungen davon als der Besiegte.



(0013) Erntefest in den 1950er Jahren. Der ursprüngliche Platz des Kriegerdenkmals ist leer.

Gemäß den Vereinbarungen der Alliierten war Deutschland geteilt, der Osten des Landes war der Sowjetunion zugesprochen, und da Kurtschlag in deren Machtbereich lag, war jede Form des Gedenkens an die Kriegstoten von der sowjetischen Haltung abhängig. Und zwar ausschließlich, besaßen ihre deutschen Handlanger doch niemals und schon gar nicht am Kriegsende die Souveränität, sich dem Willen der Sowjets zu widersetzen. Auf den Punkt gebracht: Ob und wie in Kurtschlag der Toten des Zweiten Weltkriegs gedacht wurde, bestimmte einzig und allein Stalin. Zwar stammte dessen Ausspruch "Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt" bereits aus dem Jahr 1945, aber trotz dieser Differenzierung hatte auch das deutsche Volk große Schuld auf sich geladen, da passte das Akzeptieren einer deutschen Erinnerungskultur an die eigenen Gefallenen des Krieges nicht in die Landschaft. Erinnern ja, war die sowjetische Position - aber an den Widerstand gegen Hitler und vor allem an den Triumph der eigenen Armee über Nazi-Deutschland. In der Folge entstanden allein bis 1960 mehr als 600 Ehrenfriedhöfe und Ehrenmale "für die gefallenen Helden der Sojwetarmee" auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatungszone bzw. später der DDR, jedoch bis 1989 nur sehr wenige (unter dem Dach der Kirche) Orte der Erinnerung an die gefallenen deutschen Soldaten. Ablehnung 



erfuhren darüber hinaus aber auch jene Denkmäler, die die Toten des Ersten Weltkrieges ehrten, war dieser nach sowjetischer Geschichtsauffassung doch ein ungerechter, von den reaktionärsten Kräften des Imperialismus angezettelter Krieg gewesen. Womit das Urteil auch über das Kurtschläger Kriegerdenkmal gesprochen war.

 

Stellt sich die Frage, ob die sowjetische Besatzungsmacht die Beseitigung des Kurtschläger Denkmals angeordnet hat. Es gibt drei unterschiedliche Antworten. Unsere Dorfchronik spricht von einer aktiven Rolle der Sowjets, allerdings ohne zu erklären, woher dieses Wissen stammt: "Auf Befehl der sowjetischen Kommandantur, die als Besatzungsmacht Befehlsgewalt ausübte, musste das auf Gemeindeland stehende Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges aus dem Dorfbild verschwinden. Es wurde an Ort und Stelle eingegraben." Einer zweiten Version zufolge erscheint es vorstellbar, dass die Anordnung von dem damaligen Bürgermeister Emil Giese stammte, einem Kommunisten, dessen Motivation mit jener der Besatzungsmacht identisch war, dass es sich also möglicherweise um einen Schulterschluss mit ihr handelte oder um eine Art vorauseilendem Gehorsam. Diesen beiden Versionen steht das Ergebnis einer breit angelegten Untersuchung (1) entgegen, die  

(0242) Ein Foto aus der Zeit um 1970. Auch hier ist das Kriegerdenkmal nicht mehr vorhanden. 

sich mit der Situation der Kriegerdenkmäler in Ostdeutschland ganz allgemein befasst: "Einen generellen Befehl zum Abriß von Kriegerdenkmälern scheint es jedoch weder von der sowjetischen Militäradministration noch später von seiten der Partei- oder Staatsführung gegeben zu haben. Die jeweils örtlichen 



(0387) Kurtschlag 1976, ohne Kriegerdenkmal.

Gegebenheiten und Personen entschieden über das Schicksal der alten Kriegerdenkmäler." Eine eindeutige Klärung dieser Frage in bezug auf Kurtschlag dürfte nicht möglich sein. Vielleicht ist es am wahrscheinlichsten, dass die Entfernung des Denkmals das Ergebnis interner Überlegungen im Dorf war, nach dem Motto: Bevor die 

gegenwärtigen Herren die Entfernung, als womöglich die unwiderbringliche Zerstörung des Denkmals anordnen, räumen wir es selbst weg, um es auf Dauer zu erhalten. Diese Überlegung wird gestützt von der Erinnerung einer Kurtschlägerin, wonach sich die Beteiligten ausdrücklich darauf verständigten, das Denkmal vorsichtig abzubauen, um mögliche Schäden mit Blick auf die Zukunft zu vermeiden. Entsprechend verfuhr man denn auch - das Denkmal wurde abgetragen und in unmittelbarer Nähe in der Erde vergraben. Im übrigen dürfte das, was der Bericht über Ostdeutschland allgemein schreibt, auch für Kurtschlag zutreffend gewesen sein: "In vielen Orten gibt es niemanden mehr, der sich an den Abbau erinnert oder erinnern will. Dazu kommt, daß der Abriß von Kriegerdenkmälern oftmals in aller Stille erfolgte und insbesondere in der unmittelbaren Nachkriegszeit kaum Beachtung fand."

 

Auf mehreren Fotos ist der leere Platz neben der Kirche zu sehen, während zur selbenZeit das Denkmal - mit der Zeit vermutlich immer weniger Personen bekannt - dicht daneben in der Erde ruhte. Ein Zustand, der wohl noch länger angedauert hätte, wäre  da nicht der 



9. November 1989 gewesen. Mit dem Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung im darauffolgenden Jahr fand die Zeit sowjetischer Dominanz ein jähes Ende, und der "real existierende" DDR-Sozialismus wurde dorthin versetzt, wohin er - um ein Wort von Friedrich Engels zu variieren - gehörte: "ins Museum der Altertümer,

(0371) Nach 1990. Vor der Kirche ist das wiederaufgestellte Kriegerdenkmal zu sehen.

neben das Spinnrad und die bronzene Axt". In der Folge kam es in ganz Ostdeutschland zu einer Neubewertung der Kriegerdenkmäler, und damit auch in Kurtschlag. Wobei die Entscheidung, den dortigen Stein auszugraben und wiederaufzustellen, von den Kurtschlägern getroffen wurde und nicht von irgendwelchen staatlichen Instanzen. Ob es Widerstand gegen diese Absicht gegeben hat, insbesondere von den Anhängern der alten Ordnung, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, allerdings ist aufgrund der damaligen politischen Situation kaum davon auszugehen. Beim Freilegen des Kriegerdenkmals stellte man fest, dass die Platte mit den Namen gebrochen und das ursprünglich auf dem Denkmal angebrachte Kreuz verschwunden war, doch alles in allem hatte es den Aufenthalt in der Erde gut überstanden. Nachdem man es gereinigt hatte und ein neues Fundament sowie eine Umrandung gemauert worden waren, wurde es dort wiederaufgebaut, wo es bis 1945 gestanden hatte. Diese Aktion geschah unspektakulär, eine Feierlichkeit oder auch nur eine öffentliche Ansprache hat es Zeugenaussagen zufolge nicht gegeben. Spekuliert wird, dass dieses Vorgehen der aktuellen politischen Situation geschuldet war, immerhin war die Wende noch frisch, und manch einem erschienen die in kurzer Zeit herbeigeführten Veränderungen vermutlich noch immer fast wie ein Traum. Aber was 



(0372) Das Kriegerdenkmal nach 1990.

(0388) Ein Foto aus dem Jahr 1995. Das Kriegerdenkmal steht wieder an seinem ursprünglichen Platz

auch immer für diese Zurückhaltung ausschlaggebend gewesen sein mag - der Intention der Generation, die das Denkmal rund 70 Jahre zuvor errichtet hatte, war mit der Wiederaufstellung Genüge getan, der Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurde wieder gedacht. Doch was war mit den Gefallenen des Zweiten?

 

Dass man auch ihrer gedenken sollte, scheint kein Streitthema im



Dorf gewesen zu sein, aber dennoch vergingen rund zehn Jahre, bevor dieses Projekt in Angriff genommen wurde. Die Gründe für die lange Zeit sind nicht überliefert, doch scheint die Annahme berechtigt, dass sich den Kurtschlägern in diesen zehn Jahren drängendere Fragen stellten als die Ergänzung ihres Kriegerdenkmals. Derjenige, der das Thema im Jahr 2000 schließlich auf die Tagesordnung brachte, war Bruno Eichstädt, ein ehemaliger Kurtschläger, der inzwischen in Zehdenick lebte. Unterstützt wurde er von Heinz Ney, der ebenfalls aus Kurtschlag stammte und nun in Templin ansässig war. Insbesondere Bruno Eichstädt ist es zu verdanken, wenn heute neben dem großen Stein zwei Gedenktafeln zur Erinnerung an die Toten des Zweiten Weltkrieges stehen. Was nicht bedeutet, dass es einen nennenswerten Widerstand gegen seine Initiative gegeben hätte - im Gegenteil: Sowohl die Gemeindevertretung als auch die meisten Kurtschläger unterstützten sie, so dass es schon bald nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie ging. Dazu wurde ein Beratungsgremium (2) aus mehreren älteren Bürgern geschaffen, das bei der Klärung der anstehenden Fragen helfen sollte. Eine davon war, ob man der 

Kurtschläger Gefallenen summarisch gedenken sollte, oder ob es angemessener wäre, jeden einzelnen Namen zu nennen. Mit Nachdruck setzte sich Bruno Eichstädt für Letzteres ein - wobei es womöglich eine Rolle spielte, dass unter den Toten einer seiner Brüder war -, und diese Lösung wurde schließlich akzeptiert. Eine weitere Frage war, ob man lediglich der gefallenen Soldaten gedenken wollte oder "der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" ganz allgemein, so wie etwa in der nationalen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland in der Neuen Wache in Berlin, womit es sich bei dem Kurtschläger Denkmal dann allerdings um kein reines Kriegerdenkmal mehr gehandelt hätte. Und - eine andere Frage - wie wollte man es mit dem Kurtschläger Emil Ludecki halten, der ebenfalls während des Krieges sein Leben gelassen hatte, nur nicht im Verlauf eines Kampfes gegen einen Feind, sondern weil er als Fahnenflüchtiger von der SS erschossen worden war.

 

Wer sich heute das Denkmal ansieht, der stellt fest, dass als einer von insgesamt 40 Namen auch der von Emil Ludecki eingraviert ist, womit sich also diejenigen durchgesetzt haben, die sich dafür 



(0361) Das erweiterte Kriegerdenkmal im Jahr 2002.

ausgesprochen hatten. Ebenfalls auf den beiden Tafeln vorhanden sind die Namen einiger Gefallener aus den Ostgebieten, deren Familien als Vertriebene auf der Flucht nach Kurtschlag gekommen waren und dort eine neue Heimat gefunden hatten. Der jüngste auf den Tafeln Verzeichnete  war gerade einmal 15 Jahre alt, als er in der Schlacht um Berlin gefallen war. Wem die beiden neuen Tafeln gewidmet sind, macht die Plakette deutlich, die auf dem alten Stein angebracht wurde: "Wir ehren die Toten des 2. Weltkrieges 1939-1945" steht dort zu lesen. Mehrere Alternativen waren diskutiert, aber wieder verworfen worden, bis man sich schließlich auf diese Worte geeinigt hatte. In meinen Augen handelt es sich um eine nicht unproblematische Formulierung, könnte man doch auf den Gedanken kommen, hier würden nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter geehrt. Auf meinen Einwand gegenüber einem, der damals an dieser Formulierung beteiligt war,  erhielt ich die Antwort, so könne man das nicht interpretieren, denn unter den auf den Tafeln Verewigten befänden sich keine Täter, sondern nur Opfer. Kein überzeugendes Argument, denn woher soll man wissen, dass mit den "Toten des 2. Weltkrieges" nur diejenigen auf den Tafeln gemeint sind? Wobei im übrigen selbst dann nicht auszuschließen wäre, dass sich unter ihnen nicht doch noch auch Täter versteckten. Aber sei's drum - der Text war von den damals Entscheidenden zweifellos gut gemeint, also sollten wir es mit dieser Gewissheit auch bewenden lassen.



Ein Gedenkstein, selbst wenn sich seine Größe in Grenzen hält, kostet Geld, und dieses Geld mussten die Kurtschläger ganz allein aufbringen. (Bereits der Stein nach dem Ersten Weltkrieg war ausschließlich durch private Spenden finanziert worden.)  Rund 7.000 DM betrugen die Kosten, 1.000 davon wurden von Bruno Eichstädt beigesteuert, 500 von Heinz Ney. Der Rest wurde im Dorf gesammelt, woran sich indes nicht alle beteiligten. Ob es an den Kosten lag, dass nicht wie bei dem Stein für den Ersten Weltkrieg der militärische Rang sowie das Sterbedatum zu den Namen der Toten hinzugefügt wurden, muss offen bleiben. Die Gestaltung des Denkmals lag in den Händen des Steinmetzmeisters Eberhard Lange aus Zehdenick.

 

Ungefähr zwei Jahre dauerte es von den ersten Überlegungen für eine Erweiterung des Kriegerdenkmals im Jahr 2000 bis zu seiner Fertigstellung Ende 2002. Bei dieser Gelegenheit wurde dem großen Stein in der Mitte, wo sich ursprünglich das später vermisste Eiserne Kreuz befunden hatte, auch noch ein neues hinzugefügt. Eine offizielle "Einweihung" des erweiterten Denkmals hat es wie schon bei der Wiederaufstellung des vergrabenen im Jahr 1990 nicht gegeben. Gerhard Kotz, einer der an dem Projekt Beteiligten, 

Das Kriegerdenkmal im Jahr 2018.

begründete das so: "Um von vornherein jeglichem Eindruck einer Kulthandlung entgegenzuwirken, wurde es nach Fertigstellung in aller Stille der Öffentlichkeit zugänglich gemacht." (3) Fotos von dem Ereignis konnte ich nicht auftreiben, aber möglicherweise entdeckt




Die Plakette auf dem mittleren Stein sowie die beiden neu hinzugefügten Gedenksteine mit den Namen der Opfer des Zweiten Weltkriegs.


ja ein Leser dieses Berichts noch ein paar Aufnahmen und lässt sie uns zukommen. (Wir brauchen sie nur zum Einscannen und würden sie anschließend sofort zurückgeben.) Überhaupt möchte ich diesen Bericht über das Kurtschläger Kriegerdenkmal mit dem Appell schließen, dass diejenigen, die darin Fehlerhaftes entdecken oder etwas ergänzen können, uns davon Mitteilung machen. Wir würden den Text entsprechend korrigieren bzw. erweitern.

 

Ein Denkmal braucht Pflege, und deshalb soll an dieser Stelle noch der Einsatz von Annette Heuer hervorgehoben werden, die sich seit Jahren dafür engagiert - zur Ehrung der gefallenen Kurtschläger beider Weltkriege, aber auch um einem markanten Punkt unseres Dorfes ein angemessenes Erscheinungsbild zu geben. 

(1) Lars-Holger Thümmler, "Der Wandel im Umgang mit den Kriegsdenkmälern in den östlichen Bundesländern Deutschlands seit 1990", in: Jahrbuch für Pädagogik 2003, Frankfurt/Main 2003. Der Aufsatz ist auszugsweise im Internet verfügbar.

 

(2) Dem Beratungsgremium gehörten an: Bruno Eichstädt, Heinz Ney, Hella und Heinz Bracklow, Ilse Stelter, Gerhard Kotz, Heinz Schäfer, Manfred Tetzlaff, Heinz Vorbau.

 

(3) Gransee-Zeitung vom 11. Juli 2002.


Nachtrag

Die folgende Information haben wir bekommen, nachdem der Artikel bereits abgeschlossen war. 

Ein Foto (0129) aus dem Jahr 1922. Die Lehrer Böttcher und Rieck haben sich mit ihren Schülern vor dem Kriegerdenkmal gruppiert. Das Bild dokumentiert den Stellenwert, den das Denkmal während der Weimarer Republik auch und gerade für die Jugend besaß. Ganz im Sinne des oben angeführten Aufrufs von Lehrer Rieck: "... Möge (der Stein) die nachfolgenden Geschlechter an die unvergleichlichen Taten dieser Helden erinnern und in ihnen das Streben erwecken, diesen Helden nachzueifern."