Nur Corona. Gottseidank!

von Manfred Lentz

 

Zum einen sitze ich gerade aus gesundheitlichen Gründen in unserer Wohnung fest (nicht Corona), zum anderen beschäftige ich mich momentan mit einer Veröffentlichung zum Thema Pest. Hört sich kryptisch an, macht aber nichts, lasse ich auch so stehen. Bei dieser Gelegenheit ist mir der Gedanke gekommen, auf kurtschlag.de ein paar Sätze zum Thema Corona zu schreiben. Das hat zwar mit Kurtschlag nicht direkt zu tun, macht aber auch nichts. Passt gut in die aktuelle Corona-Diskussion, die uns alle gerade rund um die Uhr beschäftigt. Und bei dieser Gelegenheit mal ein wenig über den Tellerrand zu schauen, kann nicht falsch sein. Wer also Lust hat, der liest es - wer nicht, der lässt es. Danach folgen dann wieder reine Kurtschlag-Themen.

 

Ein Satz zum Anfang: Corona belastet uns zwar alle, und daran wird sich wohl vorläufig nichts ändern. Trotzdem sind wir mit dieser Pandemie noch gut dran, sehr gut sogar, denn in der Vergangenheit sahen Pandemien auch schon ganz anders aus. Womit wir bei der Pest wären. Ich meine die große Pest aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Es hat auch davor und danach Pestpandemien gegeben, aber es gab eben die eine ganz große, von der jeder schon mal gehört hat, und die in die Geschichte unter dem Namen "Der Schwarze Tod" eingegangen ist. Eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte überhaupt. Ihr Ursprung lag ebenfalls in China, wie bei Corona. Von dort gelangte die Pest über die Seidenstraße nach Europa. 1346 versuchten die Mongolen, die auf der Krim gelegene, von den Genuesern gehaltene Handelsstadt Kaffa zu erobern. Als unter den Mongolen die Pest ausbrach, kamen sie auf die makabre Idee, die Toten gewissermaßen als biologische Waffen zu benutzen. Sie banden die Leichen auf ihre Katapulte und schleuderten sie in die Stadt. Mit verheerenden Folgen. Auch hier starben Menschen in kürzester Zeit, weshalb Überlebende über das Meer zu flüchten versuchten. Auf Sizilien traf ein Schiff ein, dessen Mannschaft zum größten Teil an der Seuche gestorben war. Von hier aus verbreitete sich die Pest auf dem Seeweg in fast alle europäischen Länder. Gleichzeitig gelangte sie auf dem Landweg in den Norden, über die Alpen ins Deutsche Reich, das 1349 erreicht wurde. Ein Siegeszug der Pest, der nur wenige Jahre gedauert hatte.

 

Es gibt zwei Formen der Pest: die Beulenpest und die Lungenpest. Den Namen "Schwarzer Tod" hat die Krankheit von der Beulenpest erhalten, denn die Beulen, die überall auf der Haut entstehen, sind schwarz. Sie verbreiten einen entsetzlichen Gestank, weshalb sich bis heute die Formulierung erhalten hat, die wir manchmal benutzen, wonach etwas stinke wie die Pest, wenn es sich um einen besonders üblen Gestank handelt. Außerdem sind diese Beulen außerordentlich schmerzhaft. Wenn der Kranke Glück hat, platzen sie nach einigen Tagen auf, und eine Genesung setzt ein. (Auf den Übertragungsweg dieser Pestart gehe ich noch ein.) Es gibt als zweite Form die Lungenpest. Sie wird durch Tröpfcheninfektion übertragen, ein Begriff, der bei uns inzwischen Allgemeingut sein dürfte, spielt er doch auch bei der Übertragung des Coronavirus' eine wesentliche Rolle. Würde ich jetzt schreiben, die Lungenpest sei gefährlicher als die Beulenpest, so wäre das eine extreme Untertreibung, liegt die Sterblichkeit bei der Lungenpest doch bei fast 100 Prozent. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Nahezu jeder, der damals an dieser Form erkrankte, starb auch daran - unter furchtbaren Schmerzen, innerhalb weniger Tage, gelegentlich sogar innerhalb von Stunden! Bei der Beulenpest ist die Sterblichkeit deutlich niedriger. Die neuere Forschung geht davon aus, dass im 14. Jahrhundert in Europa etwa 45-50 Prozent der Bevölkerung den Tod fanden! Allerdings mit teils erheblichen Unterschieden. Während die Pest einige wenige Gebiete sogar völlig verschonte (Polen zum Beispiel, wo eine spätere Pest allerdings um so heftiger wütete), wurden andere Landstriche hingegen fast vollständig entvölkert. 

 

Vergleichen wir das bisher Geschriebene mit Corona. Im Augenblick reden wir von einigen wenigen bis zu mehr als eintausend Toten, unterschiedlich in den einzelnen Ländern. Das sind viele - viel zu viele natürlich! Vergleich man diese Zahlen jedoch mit der Pest des 14. Jahrhunderts, so ist das nichts. Und wenn wir uns nun unter diesem Gesichtspunkt die gegenwärtige Diskussion ansehen, die Aufregung, die Hektik und die Angst vieler Menschen, die Tatsache, dass Corona vielfach nur noch das einzige Gesprächsthema ist, dann können wir vielleicht wenigstens ansatzweise erahnen, wie das bei unseren Ur-ur-ur-ur-ur-ur...großeltern im 14. Jahrhundert gewesen sein muss. Bei denen jeder vierte starb, oder sogar jeder dritte oder noch mehr, ohne jegliche Chance auf Heilung, völlig unrettbar. Kurtschlag hat etwa 250 Einwohner, legt man diese Messlatte zugrunde, so wären nach der Seuche 60 tot, womöglich auch 80, 100 oder mehr. Und nicht nur Nachbarn, was schon schlimm genug wäre, sondern auch Mitglieder der eigenen Familie. Bei Vater, Mutter und vier Kindern wären unter Umständen zwei oder drei Familienmitglieder tot. Und am nächsten Tag wäre man vielleicht selbst an der Reihe. Zahlen, die man vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Corona-Diskussion einfach mal auf sich wirken lassen sollte. Natürlich ohne - damit kein Missverständnis aufkommt - das Corona-Problem herunterspielen zu wollen!

 

Geordnete Bestattungen waren unter den damaligen Bedingungen nicht mehr möglich. Die Menschen haben ihre Angehörigen nachts vor die Häuser gelegt, und am Morgen wurden sie abgeholt, auf Karren übereinander gestapelt und aus der Stadt oder dem Dorf gefahren. In den Städten übernahmen in der Regel Totengräber und der Henker mit seinen Gehilfen diese Aufgabe. Da die regulären Friedhöfe die Toten längst nicht mehr fassen konnten, hat man Pestfriedhöfe außerhalb der Städte angelegt. Große Gräber geschaufelt, die Leichen hineingeworfen, eine Schicht Kalk darüber, und das Gleiche auch an den folgenden Tagen immer wieder - Leichen, Kalk, Leichen, Kalk ... Wochenlang, monatelang, eventuell ein Jahr oder länger.

 

Ein Heilmittel gegen die Seuche gab es nicht, was entscheidend daran lag, dass den Menschen ihr Ursprung nicht bekannt war. Verbreitet war der Gedanke, die Pest wäre eine Strafe Gottes für die sündige Menschheit. Ein häufiges Denken in der Geschichte, wenn man nicht weiterwusste. Verbreitet war auch eine sehr konkrete Vorstellung, wonach die Juden schuld waren am Ausbruch der Pest. Sie hätten die Brunnen vergiftet, aus denen die Christen ihr Wasser tranken. Den Juden das nachzuweisen, war eine Kleinigkeit: Man folterte sie einfach so lange, bis sie gestanden, anschließend hat man sie dann verbrannt. Überall in Europa loderten damals die Scheiterhaufen. Mitunter hat man die Juden auch in ihre Synagogen getrieben und diese dann angesteckt, womit man viele "Brunnenvergifter" auf einmal los war. Auf diese Weise sind ganze Judengemeinden ausgelöscht worden. Geholfen hat es nichts, versteht sich. Der  Pest waren die Juden herzlich egal, die machte einfach genau so weiter wie zuvor. Dass auch Juden an der Pest starben, interessierte im übrigen nicht weiter. In solchen Extremsituation bleibt die Logik halt schnell auf der Strecke.

 

Und was war nun der tatsächliche Auslöser der Pest? Flöhe, ganz einfach Flöhe. Die trugen Bakterien in sich, die die Pest übertrugen. Sie setzten sich auf Ratten, die es in mittelalterlichen Städten mehr als reichlich gab, und wenn eine dieser Ratten starb, dann suchte sich der Floh einen neuen Wirt, und das war häufig der Mensch. Sauberkeit und Hygiene wären schon damals gute, wenn auch nicht ausreichende Mittel gegen die Pest gewesen, aber auf diese Idee kam niemand. Was auch nicht weiter verwunderlich ist, hatte man doch von diesen winzigkleinen Bakterien, die niemand sehen konnte, nicht die geringste Ahnung. Zur Bekämpfung der Pest eingesetzt wurden zahllose Wundermittel, unter anderem speziell zubereitete Tränke und Räucherungen mit allen möglichen Duftstoffen. Alles vergeblich. Das einzige, was zumindest zeitweise half, war die Flucht. Aber auch die nur so lange, bis die Pest den Vorsprung aufgeholt hatte. (Boccaccio schildert in seinem Dekameron eine solche Flucht.) Wer nicht fliehen konnte - und das waren fast alle -, der war schlecht dran. Der konnte nur warten und hoffen. Und beten, was die meisten auch taten. Was allerdings einen ähnlichen Effekt hatte wie Glücksraddrehen, denn auch fleißige Beter fielen der Pest zum Opfer.

 

Den Erreger der Pest hat schließlich im Jahr 1894 ein schweizerisch-französischer Arzt entdeckt, ein Bakterium, das nach ihm den Namen Yersinia pestis trägt. Weil es ein Bakterium ist, lässt es sich mit Antibiotika bekämpfen, allerdings gibt es die erst seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch heute noch ist die Pest nicht vollständig ausgerottet. Etwa auf Madagaskar kommt es immer mal wieder zu kleineren Ausbrüchen, und einen größeren gab es vor einigen Jahren in Indien. Doch heute lassen sich solchen Fälle heilen, vorausgesetzt, der Erkrankte hat Zugang zu Antibiotika. Für uns in Deutschland ist die Pest keine Bedrohung mehr. Die Pandemie, die uns heute beschäftigt, ist Corona. Allerdings sind die Rahmenbedingungen, unter denen wir es mit der Seuche zu tun haben, unendlich viel besser als die Bedingungen zur Zeit der Pest: Wir wissen grundsätzlich, wie Viren funktionieren, wir kennen die Eigenheiten des Coronavirus', Dutzende von wissenschaftlichen und medizinischen Einrichtungen in der ganzen Welt forschen zur Zeit unter Hochdruck an einem Heilmittel und an einem Impfschutz, und es ist letztlich nur eine Frage der Zeit - hier bin ich ganz optimistisch -, bis beides zur Verfügung stehen wird. Vielleicht "schon" in einigen Wochen, schlimmstenfalls erst in einigen Monaten werden wir die Krankheit vermutlich im Griff haben. Auch wenn es bis dahin weitere Tote geben wird. Verglichen mit den Werten im 14. Jahrhundert aber zum Glück nur sehr, sehr, sehr wenige.

 

Natürlich bewältigen wir Corona nicht besser, wenn wir etwas über die Pest wissen. Wenn wir erfahren, dass es einst eine sehr viel schlimmere Situation gab als unsere heutige. Dennoch kann es nicht falsch sein, die Perspektiven mal etwas zurechtzurücken. Deshalb meine Überschrift: Nur Corona. Gottseidank!

 

Und abschließend denjenigen versprochen, die meinen, auf die Webseite von Kurtschlag gehören nur Kurtschlag-spezifische Beiträge: Der nächste Beitrag wird sich wieder mit unserem Dorf beschäftigen.