Und nun?

Manfred Lentz / 7. April 2019

Das war ein schöner Anblick am Nachmittag des 6. April auf dem Zehdenicker Marktplatz: das historische Rathaus, die hübschen Bürgerhäuser ringsum, und auf dem Platz eine bunte Menge, die dem Aufruf der "Bürgerinitiative gegen das Gasbohren" gefolgt war. Menschen aus Zehdenick, Templin und Gransee und den Dörfern dazwischen, jung und alt, mit und ohne Transparente, und alle vereint in dem Anliegen: No Gas! Die Trommler aus Kurtschlag machten den Anfang, es folgten mehrere Redner, Lieder zum Mitsingen und schließlich die Demonstration, ein halbstündiger Marsch vorbei am Sitz von Jasper Resources und wieder zurück zum Markt. Geschätzte Teilnehmerzahl: Ich gehe von 700-800 aus, andere meinten: 1.000. Egal - viel wichtiger ist die Frage: War die lange vorbereitete und angekündigte Veranstaltung ein Erfolg?

 

Ja und nein. Dass Leute, die in ihrem Alltag für gewöhnlich etwas ganz anderes machen, binnen kurzer Zeit mehrere Versammlungen organisieren und als Höhepunkt obendrauf noch eine Demonstration, ist zweifellos eine Leistung und spricht für das Engagement der Beteiligten. Doch sind die 1000 - nehmen wir einmal diesen großzügigen Wert - keineswegs eine großartige Zahl. Rund 40.000 Menschen leben in dem Gebiet, in dem das Gasbohren droht, auf rund 50.000 von der BI herausgegebenen Flyern war neben allgemeinen Informationen über die Gasproblematik der Aufruf zur Demonstration zu lesen, und am Ende waren es gerade einmal 1000 Menschen, die den Weg auf den Zehdenicker Marktplatz fanden. Vergleicht man diese Zahl mit den rund 400 Personen bei der Gründungsversammlung der Bürgerinitiative in Templin und den rund 500 bei der Versammlung im Februar ebenfalls in Templin, so sind die 1000 zwar eine deutliche Steigerung. Aber ausgehend von dem vorhandenen Potential wäre mehr drin gewesen. Dass es nicht so gekommen ist, zeigt in meinen Augen, dass bei der Mobilisierung der Menschen zumindest gegenwärtig ein Ende der Fahnenstange erreicht ist. Die Gründe dafür kennt jeder, der sich gegen das Gasbohren engagiert und der versucht hat, mit seinen Mitbürgern darüber zu sprechen: die immer wieder anzutreffende Gleichgültigkeit sowie die Haltung "Die da oben machen sowieso, was sie wollen", gegen die man sich den Mund fusselig reden kann. Mag man als Gasgegner das Thema auch als noch so wichtig ansehen und zum Widerstand dagegen aufrufen - viele Zeitgenossen werden leider erst dann munter, wenn es ans Eingemachte geht, wenn Gift im Trinkwasser ist, ein Riss im Haus oder wenn die Zahl der Touristen zurückgeht. Davor läuft gar nichts. Eine Situation, die die Gasgegner beklagen können, mit der sie sich aber wohl oder übel abfinden müssen. Und das erst recht in den kommenden Monaten, wenn nach der ersten Empörung und den spontanen Aktivitäten der letzten Zeit der weitgehend ereignislose Alltag beginnt. Oder sollten mir die nächsten BI-Highlights vielleicht entgangen sein?

 

Pessimismur pur also? Keineswegs. Die Mobilisierung von Menschen ist nur einer von mehreren Hebeln, die man ansetzen kann, um das Gasbohren zu stoppen. Es gibt drei weitere. Der eine ist die rechtliche Schiene. Räumen unsere gegenwärtigen Gesetze den Gasfirmen auch einen großen Spielraum ein, so ist dieser doch nicht unbegrenzt. Und genau hier kann die Bürgerinitiative - etwa in Zusammenarbeit mit dem BUND - ansetzen und versuchen, über eine BI-genehme Auslegung von Paragraphen das von Jasper anvisierte Probebohren und die erhoffte Förderung von Erdgas zu Fall zu bringen. Ob die Paragraphen das hergeben, wird sich zeigen. Ein zweiter Hebel, und letztlich ein noch besserer, ist die Politik. Die Energiepolitik wird von Politikern bestimmt, und wenn die nur wollen, so können sie die Energiepolitik ändern. Genau hierauf müssen die Gasgegner Einfluss zu nehmen versuchen, d.h. sie müssen exakt das tun, was jeder Lobbyist tut. Adressat ist - abgesehen von einem möglichen Einflussversuch auf die Bundespolitik - die Landesregierung in Potsdam. Und zwar die, die im September wiedergewählt werden will, was eine geradezu ideale Bedingung für das Agieren der Bürgerinitiative bedeutet. Einflussnahme auf die dortigen Politiker also, aber nicht mit drögen Bleiwüsten-Schreiben für den Papierkorb, sondern mit kreativen, ideenreichen Aktionen, die zum Nachdenken anregen, Sympathie wecken und im besten Fall Unterstützung im Kampf gegen das Gasbohren bewirken. Und schließlich ist da noch ein dritter Hebel, und auf dem Marktplatz in Zehdenick ist deutlich geworden, dass dieser Hebel eine ganz vorzügliche Waffe sein kann: die Entschlossenheit der politisch Verantwortlichen in den drei Städten Zehdenick, Templin und Gransee, sich dem Gasbohren zu widersetzen. Wie die drei Musketiere standen sie auf dem Podest, einer für alle und alle für einen, und als Zuschauer spürte man beinahe schon die diebische Vorfreude, mit der sie den Jaspers in Zukunft das Leben schwer machen wollen. Stolpersteine auslegen, hat das einer genannt, und Stolpersteine gibt es zwischen Feuerschutzauflagen und dem Versagen von Wegerechten für eine fantasiereiche Verwaltung wahrlich genug. Jeder von uns weiß, wozu clevere Leute in der Lage sind, wenn sie den Nachbarn ärgern wollen oder den Partner oder sonst wen, und genau das können - und werden wohl auch - die drei Städte zukünftig tun. Frei nach dem Motto "Gemeinsam sind wir unausstehlich".

 

Wird es also gelingen, das Gasbohren zu verhindern? Die Chancen stehen nicht schlecht, auch wenn der Hebel der Mobilisierung der Menschen offenbar an eine Grenze gestoßen ist. Aber drei Hebel gibt es  ja noch. Werden sie richtig eingesetzt, können sie den erhofften Erfolg vielleicht bringen. Schauen wir mal!