In Verlusten vereint

Manfred Lentz / 14. Februar 2019

Eine Zehdenickerin schrieb mir heute, sie und ihr Mann seien froh, dass sie ihr Haus noch gut verkaufen konnten, womit sie meinte: noch vor der aktuellen Diskussion über das Erdgas. Und obwohl sie den Verkauf nach bestem Gewissen abgewickelt hatten, fügte sie hinzu: "Wir hoffen, dass die neuen Besitzer nicht eines Tages vor unserer neuen Haustür stehen und uns irgendetwas vorwerfen." Die Frage, die dahinter steht: Wird es zu einem Wertverlust unserer Häuser kommen, falls bei uns Gas gefördert wird? Wobei ich vorausschicken muss - weil das manchem vielleicht noch nicht klar ist -, dass es in diesem Fall nicht nur eine einzige Förderanlage geben würde, sondern eine größere Anzahl davon. Bisher also nur Natur und nichts als Natur, dann Natur plus etliche Förderanlagen. Selbst einmal angenommen, die Förderung wäre ohne Risiken - die Zweifel sind da, und was ich an anderer Stelle schon geschrieben habe: Es sind nicht die Tatsachen, die die Menschen beunruhigen, sondern die Meinungen über die Tatsachen. Was das für jeden von uns bedeuten würde, wollte er sein Haus verkaufen, liegt auf der Hand. Und das völlig unabhängig davon, ob er vorher für oder gegen das Gasbohren war. In den finanziellen Verlusten - einmal vorausgesetzt, es würden sich überhaupt Käufer für unsere Häuser finden - wären Befürworter und Gegner des Gasbohrens vereint.

Was ich in der aktuellen Diskussion vermisse

Susanne Nickel / 11. Februar 2019

Wie viele andere auch schaue ich von Zeit zu Zeit auf Kurtschlags Webseite nach, was es so Neues gibt an Terminen, Themen und Fotos. Meistens stoße ich auf schöne Bilder, informative und unterhaltsame Texte, mitunter auch auf interessante Denkanstöße. Heute war das anders: Mit wachsender Verwunderung las ich etliche Texte über die Erkundung von Erdgasvorkommen in unserer Gegend. Nach der Lektüre wurde ich das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass hier was Entscheidendes fehlt.

 

Wir wollen alle mobil sein, kaum jemand in Kurtschlag wird dauerhaft auf sein Auto verzichten wollen, für viele ist die jährliche Flugreise oder Kreuzfahrt eine Selbstverständlichkeit. Die Wohnung soll warm und gemütlich sein, erst recht in dieser Jahreszeit. Keiner wird ohne die praktischen Helfer in  Küche und Bad auskommen wollen, die der Fachhandel als "weiße Ware" bezeichnet. Fernseher, Computer, Mobiltelefone und die vielen anderen smarten Geräte sind für uns ebenso selbstverständlich geworden. Lebensqualität, die wir nicht missen möchten. All das braucht Energie und die muss ja irgendwoher kommen. Irgendwoher, am liebsten von ganz weit weg und eigentlich wollen wir  es gar nicht so genau wissen. Hauptsache, die Energie kommt zuverlässig bei uns an, natürlich zu einem Preis, den sich jeder leisten kann. Dass dafür anderswo die Menschen und die Umwelt leiden, finden wir zwar nicht gut, wir unternehmen aber auch nicht wirklich was dagegen. Erst dann, wenn die Energie vermeintlich zu teuer wird oder die Förderung quasi direkt vor der eigenen Haustür stattfinden soll, setzen die Proteste ein, ein weitverbreitetes Phänomen, das sich derzeit auf kurtschlag.de bewundern lässt. Der Tenor der Beiträge ist klar: Wir sind dagegen!

 

Als Argumente werden Risiken wie Erdbeben, Risse in unseren Häusern und krebserregende Schadstoffe im Grundwasser ins Feld geführt. Mutmaßungen werden hierbei teilweise als Tatsachen präsentiert. Wie groß diese Risiken hier bei uns tatsächlich sind und wie ihnen entgegengewirkt werden kann, wird nicht wirklich hinterfragt. Möglichkeiten, sich zu informieren, gab es in den vergangenen Jahren schon mehrfach, genutzt wurden sie kaum. Ich glaube, es ist ein, vielleicht auch zwei Jahre her, da besuchte ich eine solche Info-Veranstaltung im Zehdenicker Rathaus. Der Termin war in der Lokalpresse bekannt gegeben worden. Etliche Zehdenicker Stadtverordnete, die Presse und noch nicht mal eine Hand voll Interessierte aus Zehdenick und den betroffenen Gemeinden waren anwesend, als ein Vertreter von Jasper Resources die Pläne der Firma erläuterte und sich den teilweise kritischen Fragen der Laien stellte. Weder hatte ich den Eindruck, dass die Politiker und Jasper die Sorgen und Ängste der Bevölkerung nicht Ernst nehmen noch schien es mir so, als wären alle Entscheidungen schon getroffen und die Genehmigungen faktisch bereits erteilt. Den Eindruck kann man aber bekommen, wenn man die aktuellen Beiträge auf unserer Webseite liest. Überhaupt kommt es mir so vor, als ob die Seite der Erdgasgegner ihre Argumentation nicht unbedingt auf sachliche Aspekte stützt (evtl. weil in den vergangenen Monaten Chancen zum Erwerb von entsprechender Sachkenntnis nicht ergriffen wurden?).

 

Stattdessen wird eine Milchmädchenrechnung präsentiert, in der eine grobe Schätzung der unterirdischen Erdgasvorkommen bei uns verbunden mit der Angabe des jährlichen Bedarfs in Deutschland zur Grundlage einer abenteuerlichen Kalkulation werden. Der deutsche Jahresbedarf ist vielleicht einfach nur eine Vergleichsgröße, um die Größe der vermuteten Vorkommen zu veranschaulichen. Und nicht unbedingt ein Maß für die Ambitionen, die Jasper Resources bezüglich der Erdgasförderung in Zehdenick hegt. Und auch nicht der Beweis dafür, dass wir wissentlich hinters Licht geführt werden sollen. Könnte doch sein. Zugegeben, ich weiß es nicht. Während ich noch darüber grüble, folgt das nächste arithmetische Kunststück in Teil 2 des angesprochenen Textes auf dem Fuße. Nicht alle 30 Mitarbeiter logieren in Zehdenick, 9 sind am Döllnsee einquartiert - auweia! Das bedeutet natürlich eindeutig, dass der Jasper-Mitarbeiter nicht die Wahrheit sagt. Denn von den Übernachtungen am Döllnsee hat ja, im Gegensatz zu den Übernachtungen in Zehdenick, niemand aus der Region etewas!? Auch hier fehlt mir die Sachlichkeit.

 

Ich vermisse jedoch in einigen Beiträgen auf Kurtschlags Webseite noch etwas anderes, nämlich einen respektvollen Umgang mit der anderen Seite. Der Tonfall lässt an etlichen Stellen nicht auf eine fair geführte Debatte schließen. Das beginnt mit den einleitenden Bemerkungen zu Thomas Bayer Tygesen und seiner Präsentation auf der firmeneigenen Website lediglich mit dem Vornamen. Hier lohnt es sich durchaus, mal über den eigenen Tellerrad hinaus zu schauen. Im skandinavischen Kulturkreis, zu dem auch Dänemark gehört, ist es absolut üblich sich zu duzen und beim Vornamen zu nennen, auch wenn man nicht verwandt, befreundet oder verkumpelt ist. An anderen Textstellen taucht der Gedanke auf, Zehdenicker Lokalpolitiker und Befürworter der Bohrungen hätten den Ernst der Lage noch nicht begriffen, auch wird dem Jasper Mitarbeiter ziemlich unverblümt unterstellt, die Einheimischen als blöd zu beurteilen. Fair geht anders, ich empfinde das Gelesene an etlichen Stellen schlicht und einfach als anmaßend.

 

Bitte nicht falsch verstehen: Kritische Fragen zur Erdgasförderung in unserer Region sind zwingend erforderlich, die Politik darf keine Tatsachen am Bürger vorbei schaffen, wir müssen genau hinschauen, damit Entscheidungen (für oder gegen das Gas) wohlüberlegt und unter Abwägung aller Vor- und Nachteile getroffen werden. Aber Sachlichkeit und Fairness dürfen dabei nicht auf der Strecke bleiben.

Armes Templin

oder: der Faktor Kevin

von Manfred Lentz / 9. Februar 2019

Eigentlich wollte ich als nächstes "Thomas (Teil 2)" schreiben, doch als ich heute zwei Stunden in unserer wunderschönen Landschaft zwischen Kurtschlag und Kappe unterwegs war (selbst bei diesem tristen Wetter empfinde ich sie als wunderschön), kam mir auf einmal im Zusammenhang mit dem Gasbohren ein neuer Gedanke. Stellen wir uns folgende Situation vor:

 

Es ist das Jahr 2021 oder eines danach. Alle Anstrengungen der Bürgerinitiative sind gescheitert, Jasper fördert Erdgas, die Berichterstattung der Medien über das Thema ist versiegt, und in Templin läuft der Badebetrieb wie gehabt. Ruhe ist also eingekehrt - jedenfalls scheint es so, denn eines Tages kommt Kevin ins Spiel. Kevin lebt in Templin, er ist 21 Jahre alt und ein Nichtsnutz der übelsten Sorte. Mit Dealen verdient er sein Geld, er verhökert geklaute Sachen, und ein paar Einbrüche in den umliegenden Dörfern gehen auch auf sein Konto. Seine übrige Zeit verbringt er mit Pillen und Schnaps, er schläft viel, liebt Ballerspiele und gelegentlich auch die eine oder andere "Tussi" , die blöd genug ist, mit einer Lusche wie Kevin ins Bett zu steigen. Eines Tages laufen seine Geschäfte schlecht, und er gerät in Schwierigkeiten. Die Wohnungsgesellschaft droht ihm mit Rausschmiss, das Wasser wollen sie ihm abstellen, vor allem aber den Strom, was nach Kevins Auffassung ein glatter Verstoß gegen sämtliche Menschenrechte ist, denn am Strom hängen sein Computer und damit seine Ballerspiele. Doch die da draußen lassen nicht locker, "diese Wichser in Templin", wie er sie nennt, alle pauschal, denn eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Subjekten war noch nie seine Stärke. Schließlich geht es Kevin so dreckig, dass er "den verdammten Pennern", die ihn fertigmachen wollen, eins auswischen will. Nur wie?

 

Zwei Tage später hat er eine Idee, und obwohl das Leben eigentlich Scheiße ist, eine riesengroße Scheiße, verspürt er auf einmal einen inneren Aufbruch, wie er ihn schon lange nicht mehr kannte. Seine Zeit im Kindergarten war ihm eingefallen, wie sie damals Spiele gemacht hatten, langweilige Spiele allesamt, gar nicht zu vergleichen mit seinen Ego-Shootern, bei denen jedes Mal die Luzi abgeht. Es schüttelt ihn noch heute, wenn er an diesen Kinderkram denkt, allerdings gab es ein Spiel, mit dem war das anders, nicht damals, aber heute, denn genau mit diesem Spiel hat seine Idee zu tun. Eine richtig geile Idee, wie er findet, weshalb er sich erst mal ein Bier gönnt und sich anschließend an seinen Computer setzt. Prost, sagt er zu sich selbst, und dass er es den Schweinen schon zeigen wird, diesen Wichsern da in ihrem feinen Rathaus in Templin. Er sucht das Facebook-Icon ... ach was, das sucht er nicht, das findet er im Schlaf, schließlich ist er auf Facebook zu Hause, da hat er 'ne Menge Kumpels, auf die er setzen kann. Er muss nur noch den richtigen Einstieg finden. Eine Weile sitzt er so da, holt sich dann ein zweites Bier und überlegt und entschließt sich endlich zu einem "Hallo leute", was ihm gleich darauf spießig vorkommt, weshalb er es durch "Ey leute" ersetzt. Was danach kommt, fließt ihm schon flüssiger aus den Fingern. "Gestan war ick in busch mit den Cesar mein hund." Mein Hund? Er überlegt wieder, löscht dann den Hund und ersetzt ihn durch Töle, weil Töle sagt er ja sonst, wenn er von Cäsar spricht, als warum jetzt anders. "... mit den Cesar meine töle" steht nun da. "Der Cesar hat dit wassa aus son tümpel in Busch jesoffn und danach hatta n janzen amd jekozt. Wegn dit jift in dit wassa von die schweine ihr Bohrn. wegn dit grundwassa, wat die schweine vajiftet ham." Kevin nimmt einen kräftigen Zug und lehnt sich zufrieden zurück. Sieht gut aus, ein halber Roman, aber das versteht jeder, was er da geschrieben hat. Oder vielleicht doch noch mehr? Als er vom Kühlschrank mit dem dritten Bier zurückkehrt, hat er sich fürs Wenn schon, denn schon entschieden und fügt noch ein "die vajiftn die viecher und di menschn och" hinzu. Ein weiterer Schluck, ein Rülpser und ab geht die Post. Genau: die Post. So hieß das Spiel damals: die Stille Post. Und als wäre jemand im Raum und hörte ihm zu, ruft er in Vorahnung seines Triumphs: "Jetze zieht euch warm an, ihr Penna!"

 

Der Rest ist eingespielte Routine, ist das, was mehr als zwei Milliarden Facebook-User rund um den Globus Tag für Tag machen. Zwanzig Follower hat Kevin in seiner Gruppe, drei liken den Post sofort, weil sie alles aus der Gruppe liken, fünf retweeten ihn, davon einer (mit satten 130 Followern) mit dem Zusatz "dit vajiftete grundwassa trinkn wa och", zwei haben gerade Zoff mit Kevin und verweigern sich, die ängstliche Chantal mit ihren beiden Doggen schreibt zurück und fragt, wo denn der Tümpel im Wald war. Kevin ignoriert ihre Frage und ergänzt stattdessen, dass der Cäsar "fast varekt" wäre. Zwei andere aus seiner Gruppe blasen die Geschichte ebenfalls auf, indem sie flugs in den Plural wechseln, aber was macht das schon, denn wenn sich ein Hund vergiftet, dann tun das auch andere, also schreiben sie ihren Followern von kotzenden Hunden. Und weil vergiftete Hunde nicht nur kotzen sondern - alles nur eine Frage der Dosis - am Ende alle Viere von sich strecken, kommt auf der dritten Ebene der Posts bereits der erste tote Hund ins Spiel. Die Zahl der mit dem Vorfall Befassten ist derweil auf 87 gestiegen (auf Instagram ist ein pixliges Foto von einem Wasserloch im Wald aufgetaucht mit der Unterschrift: "dis hier?") und setzt sich in den folgenden Stunden unaufhaltsam fort, quantitativ, vor allem aber auch qualitativ, was heißt, das jetzt neben den Tieren auch die Menschen leiden, allerdings nur leiden und nicht sterben, "jednfalls jetze noch nich". Aber wie auch immer - wer von vergiftetem Grundwasser liest, von toten Hunden und von "die schweine", die das alles auf dem Gewissen haben, und zwar "nur wegn irn profit", der weiß genug, der ist über die Lage in Templin bestens im Bilde. Also nahezu alle.

 

Der nächste Akt meiner Geschichte spielt im schönen Bayern, bei der Familie Huber, die die bevorstehenden Schulferien der Kinder "bei die Preißn" verbringen will und sich zu diesem Zweck bereits eine Stadt ... wie hieß die doch gleich? ... ja, Templin ausgesucht hat. Wo es eine Badewelt mit tausend Anwendungen gibt, die der Vater der Mutter als Wiedergutmachung für ein harmloses (!) Techtelmechtel mit der Wirtin vom "Goldenen Ochsen" versprochen hat, und außerdem ganz in der Nähe eine Westernstadt für den kleinen Sepp. Und in diese allgemeine Vorfreude platzt nun die Zenzi rein, das computeraffine Töchterchen. Sie habe im Netz gerade etwas gelesen, bricht es aus ihr heraus, und es klingt, als stecke ihr ein vergammelter Speckknödel im Hals. In Templin, ja genau da, wo sie hinwollten, in Templin sei das Grundwasser verseucht, ein paar Hunde seien bereits tot, die hätten davon getrunken und schwupps seien sie umgefallen, und das war's. Die Rosi habe ihr gerade einen Link geschickt, da stehe alles ganz genau drin, auch dass der Bürgermeister die Sache bestreite. Der Bürgermeister! höhnt die Mutter, der Bürgermeister! na klar bestreite der das, das müsse der doch, schließlich bekomme er dafür sein Geld. Und schon im nächsten Atemzug erinnert sie daran, dass sie ohnehin nicht zu den Ossis wollte, was sie nun natürlich erst recht nicht will. Und weil der Vater klug genug ist, nicht wieder die Sache mit dem Techtelmechtel heraufzuprovozieren und weil die Kinder ohnehin meist auf der Seite der Mutter sind, beschließt die ganze Familie kurzerhand, sich neu zu orientieren. Bleiben wir halt in unserem schönen Bayern, sagt die Mutter, sollen die Ossis sich doch vergiften, aber ohne uns. Worauf sich alle um das computeraffine Töchterchen scharen und nach einem neuen Reiseziel Ausschau halten.

 

Eine fiktive Geschichte, gewiss, aber vom Prinzip her eine absolut realistische. Fake news ist das Stichwort, und solche Typen wie Kevin gibt es überall. Was ich mit der Geschichte sagen will? Falls alle Bemühungen der Bürgerinitiative im Sande verlaufen, liebe Templiner, falls Jasper also mit der Gasförderung beginnt, ist es für Euch absolut gleichgültig, ob es zu Pannen kommt und Schäden eintreten oder nicht. Einer wie Kevin findet sich allemal, und dass die Social Media Nachrichten nicht nur wie ein Schwamm aufsaugen, sondern diese oft genug auch noch willkürlich verbiegen und verdrehen, das weiß jeder, der die Entwicklungen der letzten Jahre nicht verschlafen hat. Oder um es noch anders zu sagen: Sollte Jasper mit der Gasförderung beginnen, wärt Ihr, liebe Templiner, nicht nur in einer schwierigen Lage, weil Ihr ständig hoffen müsstet, dass kein Unglück geschieht - nein, in einem solchen Fall stünde Euch das Wasser bis zum Hals. Ein einziger Kevin, und Ihr könntet Euer schönes Bad mitsamt seinen vielen tollen Einrichtungen vergessen. Deshalb: Wer heute sagt: Sollen sie doch bohren und fördern, allein schon aus ihrem eigenen Interesse werden sie Sicherheit und Umweltschutz ganz hoch halten - wer das sagt, der hat den Ernst der Lage noch nicht begriffen. Im Zeitalter von Social Media werden Begriffe wie Ehrlichkeit und Wahrheit anders definiert als früher. Wir leben längst in einer anderen Welt.

Danke Thomas! (Teil 2)

von Manfred Lentz / 11. Februar 2019

"Thomas" ist Thomas Bayer Tygesen, geschäftsführender CEO der Firma Jasper Resources, die in unserer Region Erdgas fördern will. Ihn bei seinem Vornamen zu nennen, war nicht meine Idee. Auf der Webseite seiner Firma wird er so genannt. Thomas, der Kumpel. In einem Gespräch mit der Gransee Zeitung vom 5. Februar hat er über die Pläne seines Unternehmens informiert, und das recht offen.

Nachdem ich zunächst in Teil 1 die Bedeutung des Erdgases, das Jasper aus der Erde holen will, für die Versorgung  Deutschlands angesprochen habe, geht es nun in Teil 2 um eine Zahl. Die Zahl 30. Sie nennt die Größenordnung der Mitarbeiter und Subunternehmer der Geophysik Leipzig, die für die Dauer von fünf Wochen in unserer Region tätig sind. Mittels seismischer Messungen wollen sie klären, ob sich die Förderung von Erdgas bei uns überhaupt lohnt. 30 Personen für fünf Wochen, das sind nach Thomas 1000 Übernachtungen, die sich im "Hotel Klement" und in der "Herberge zum Dock" positiv auf die dortige Arbeitsplatzsituation ausgewirkt haben. "Darüber hinaus mussten sich die Mitarbeiter von montags bis sonnabends verpflegen", wovon die Region ebenfalls profitiert habe. (Was haben die Mitarbeiter eigentlich am Sonntag gemacht? Gefastet?) Nun hat uns ein Mitglied der Bürgerinitiative berichtet, dass neun Mitarbeiter im "Hotel am Döllnsee" logieren würden. Bei 30 minus 9 kommt man nicht mehr auf 1000 Übernachtungen für Zehdenick, denn Döllnsee gehört zu Templin. Was Thomas vermutlich nicht wusste. Nur hat er zum einen die Übernachtungen am Döllnsee mit keinem Wort erwähnt, zum zweiten würde seine Zahl 1000 für Zehdenick (die "Herberge im Dock" und das "Hotel Klement") nicht stimmen, d.h. er hätte also etwas Falsches gesagt. In einer letztlich völlig unwichtigen Kleinigkeit, zugegeben. Nur wenn er schon bei derartigen Kleinigkeiten die Unwahrheit sagt, dann stellt sich die Frage, wie er das mit der Wahrheit in wichtigeren Fällen hält. Vielleicht sollte er den Text auf seiner eigenen Webseite noch einmal nachlesen: "Wir wollen eine beispielgebende langfristige Bindung mit allen Beteiligten eingehen, die auf gegenseitigem Verständnis und Vertrauen gegründet ist." Eben.

 

Zur Zeit laufen noch die seismischen Messungen, doch sind diese in Kürze beendet, weshalb die Mitarbeiter der Leipziger Firma abziehen werden. Zurück bleiben dann nur noch die Mitarbeiter des Büros von Jasper in der Zehdenicker Schmelzstraße, was unter dem Gesichtspunkt der Beschäftigung wohl kaum ins Gewicht fallen dürfte (falls überhaupt Leute aus der Region dabei sind). Interessant könnten allenfalls die künftigen Arbeitsplätze sein. "Sollte es in einigen Jahren tatsächlich zur Erdgasförderung kommen", wird Thomas von der Gransee Zeitung zitiert, "würden etwa 30 Arbeitsplätze geschaffen." 30 Arbeitsplätze also, wobei hier natürlich nicht nur die Quantität zu berücksichtigen wäre, sondern ebenso die Qualität. Konkret: Gibt es in unserer Region überhaupt Leute mit den Anforderungsprofilen von Jasper? Bohrspezialisten in Zehdenick und Umgebung? Kann ich mir schwer vorstellen, denn sollte es sie geben, würde sich die Frage stellen, was machen die zur Zeit, wo es noch kein Erdgas zu bohren gibt? Zu Hause rumsitzen und auf Jasper warten? Wohl kaum. Also dürften die Spezialisten fürs Bohren vermutlich aus anderen Gegenden kommen, womit die Zahl der avisierten Arbeitsplätze in unserer Region schon mal unter 30 sinken würde. Wobei diese Leute natürlich ebenso wie die gegenwärtig bei uns tätigen für das Beherbergungsgewerbe und die Restaurants interessant, d.h. arbeitsplatzwirksam wären. Anders als einheimische Arbeitskräfte, die ihr Bett ja bereits hätten und auch ihr Essen - die aber dafür wiederum bei Jasper einen Arbeitsplatz erhielten. Wie immer man es auch drehen mag, einen Einfluss auf die Beschäftigungssituation bei uns hätte das Gasbohren ganz bestimmt, allerdings einen, der gerade mal einen Hauch über Null läge.

 

Auf der anderen Seite stünde dem ein Effekt gegenüber, den Thomas gar nicht angesprochen hat, weil er für ihn vermutlich überhaupt nicht existiert: der Verlust von Arbeitsplätzen im Tourismusgewerbe. Wobei nicht einmal die Fördertürme von Jasper das Problem wären, die wären im Zweifel weit weniger sichtbar als die Windräder, die seit Jahren unsere Landschaft verschandeln (womit ich nichts grundsätzlich gegen Windräder sagen will, unter Klimagesichtspunkten sind sie vermutlich für eine Übergangszeit unentbehrlich). Allerdings könnten die von der Erdgasförderung ausgehenden Gefahren einen merklichen Einfluss auf den Tourismus in unserer Region haben. Welche Gefahren? wird Thomas jetzt fragen. Ich bin ein Anhänger von Murphys Gesetz, wonach alles, was schiefgehen kann, irgendwann auch schiefgehen wird. Und das sogar dann, wenn Jasper sich um die Einhaltung sämtlicher Umweltstandards bemühen würde (was ich der Firma sogar einräume). Hinzu käme noch der psychologische Faktor, wonach es nicht die Tatsachen sind, die die Menschen beunruhigen, sondern die Meinungen über die Tatsachen. Und schließlich - damit zusammenhängend - käme auch noch das Thema Fake News ins Spiel, das ich in meinem Kommentar "Armes Templin oder: der Faktor Kevin" darzustellen versucht habe. Deshalb: Wären wir die einzige Urlaubsregion in Deutschlands, in diesem Fall bräuchte uns das Gasbohren (unter dem Gesichtspunkt der Touristen) nicht weiter zu beunruhigen. Allerdings sind wir das nicht. Nebenan ist es auch schön, weshalb potentielle Besucher, die auch nur den geringsten Zweifel an einer intakten Natur bei uns hätten, womöglich "nach nebenan" fahren würden. Was das für die zahlreichen Arbeitsplätze bedeuten würde, die in unserer Region vom Tourismus abhängen, kann sich wohl jeder leicht vorstellen. So viel zu den von Thomas genannten 30 Arbeitsplätzen.

Im Zehdenicker Rathaus und davor

Petra Elsner / 8. Februar 2019

Der Abend im alten Rathaus von Zehdenick hatte etwas von dem kreativen Geist der Wende 1989. Es ging darum, Schaden abzuwenden - für unsere (Um)Welt, für uns und unsere Kinder. Das ist keineswegs pathetisch gemeint, denn die ersten Schäden an Wegen und Straßen durch die Rüttelfahrzeuge haben wir schon u.a. in Vogelsang. In der Stadtverordnetenversammlung war eine Einwohnerfragestunde (eigentlich nur eine halbe Stunde) angesetzt, zu der mehr als hundert Leute den kleinen Saal bevölkerten, um zum Thema Gasbohren den Abgeordneten Fragen zu stellen. Ich will Euch nicht mit einem Sitzungsverlauf nerven, den kann man in der Lokalpresse nachlesen, hier nur mein kleines Fazit: Nach anfänglichem Fremdeln kam es auf Nachdruck der Bürger zu einem ersten Dialog, zu vagen Auskünften und dem Eingeständnis der Abgeordneten, dass es an Kompetenz mangelte, als sie ihre Stellungnahme gegenüber dem Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe Brandenburg abgeben mussten. Doch zum Ende der Fragezeit konnte man sich darauf einigen, dass Abgeordnete mit der Bürgerinitiative Templin-Zehdenick gemeinsam agieren werden. Das ist eine gute Voraussetzung, um sich nicht aufzuzehren, sondern um Kräfte zu bündeln. 

 

Als die Bürger das Rathaus verließen, staunten sie nicht schlecht, denn auf dem Platz vor der Tür standen noch gut 250 bis 300 Menschen - ruhig wartend, einfach ihre Zugehörigkeit demonstrierend. Sie alle wollten eigentlich in die Versammlung, was die Räumlichkeiten jedoch nicht hergaben. Sprecher Ralf Riesenberg von der Bürgerinitiative fragte kurzentschlossen in die Runde: "Wollt Ihr wissen, was herauskam?" Zustimmung. Seine Worte und die Aussicht auf ein Miteinander brachte die Bürgeraktion dieses Abends zu einem hoffnungsvollen Ausklang. Man war überrascht und auch ein bisschen stolz - und hatte Demokratie erlebt. Am 15. März wird es in Zehdenick einen Bürgerdialog geben, der platzmäßig Gelegenheit bieten wird, alle Interessierten anzuhören und zu sehen.

Danke Thomas! (Teil 1)

von Manfred Lentz / 5. Februar 2019

Beim Fußball nennt man so etwas eine Steilvorlage, was Thomas in seinem Gespräch mit der Gransee Zeitung geliefert hat. Thomas? Mit vollem Namen heißt er Thomas Bayer Tygesen, er ist der geschäftsführende CEO von Jasper Resources GmbH. Auf der Webseite, die unverkennbar auf Sympathiewerbung setzt, wird er Thomas genannt. Thomas - das klingt nett, das ist der gutmütige Typ von nebenan, mit dem man gern ein Bier trinken würde. Ein Wanderer, wie ihn das Foto auf der Webseite zeigt, mit Rucksack und locker um den Bauch geschlungener Jacke in einer idyllischen Landschaft. Aber lassen wir die Polemik, kommen wir zu den Fakten. Soll heißen: zu den Zahlen, die uns Thomas laut Gransee Zeitung genannt hat. Den Namen allerdings kann ich mir nicht verkneifen - wenn er den auf seiner Webseite schon selbst anbietet ...

 Da steht zunächst einmal die Zahl 1 Million Euro im Raum. So viel wendet die Firma zur Zeit auf, um mit seismischen Messungen den Untergrund zu erkunden. Mit den Rüttelplatten und den "Seismis", wie sie ihre Messgeräte nennen, ein niedliches Wort aus der Kategorie Thomas. Also: 1 Million, um die Struktur der Erdschichten unter unseren Füßen kennenzulernen und daraus schließen zu können, ob es dort günstige Bedingungen für die Förderung von Erdgas gibt. Eine Erkundung, die Aussagen treffen soll über Zukünftiges, allerdings scheint das Zukünftige nicht mehr ganz so zukünftig zu sein, denn Thomas weiß bereits von 20 bis 25 Millionen Euro, die für die anschließenden Probebohrungen ausgegeben werden sollen. Was ich erstaunlich finde, denn eine Genehmigung dafür liegt doch wohl noch nicht vor. Für eine solche Genehmigung müssen zunächst Anträge gestellt werden, bei denen sich - wenn ich das richtig verstehe - alle Beteiligten und Betroffenen äußern können. Und wenn ich es weiter richtig verstehe, dann sollte ein solches Verfahren eigentlich ergebnisoffen sein.  Aber lassen wir das an dieser Stelle auf sich beruhen und wenden uns einem anderen Punkt zu.

 

Mit einer Fördermenge von 10 bis 50 Milliarden Kubikmetern Erdgas rechnet Thomas laut Gransee Zeitung in unserem Gebiet. Da frage ich mich: Woher stammen diese Zahlen, wenn sie doch gerade erst ihre seismischen Messungen machen? Nach unten 10, nach oben 50 Milliarden - sind das vielleicht alte Unterlagen aus der DDR-Zeit, als man hier schon einmal auf der Suche nach Erdgas war, oder ist es die feine Nase des Gasspürers Thomas, der - so die Jasper-Webseite - mehr als 35 Jahre Erfahrungen in der Öl- und Gasindustrie hat? Aber auch das sei geschenkt, mehr interessiert mich eine Rechnung, die ich auch als Nichtkenner der Materie leicht nachvollziehen kann, schließlich habe ich in den Mathestunden in meiner Schulzeit seinerzeit aufgepasst. Und diese Rechnung geht so: "Bei einem Jahresverbrauch Deutschlands von 100 Milliarden Kubikmetern Erdgas reiche das aus", so zitiert die Gransee Zeitung, "um etwa die Hälfte des Jahresverbrauchs zu decken und Deutschland ein Stück weit unabhängig von Erdgasimporten aus Russland zu machen." Nun liegt dieser Berechnung recht willkürlich die Fördermenge von 50 Milliarden Kubikmetern zugrunde, die Thomas als die mögliche Obergrenze genannt hat. Die Alternative, die er selbst anbietet, bewegt sich demgegenüber bei lediglich 10 Milliarden Kubikmetern. Was dann eben nicht  50 Prozent von 100 Milliarden ausmacht, sondern nur 10, und das ist ja wohl ein  beträchtlicher Unterschied.

 

Aber das ist noch nicht alles, zwei Aspekte kommen hinzu. Da ist zunächst einmal etwas, worauf mein alter Mathelehrer mich wiederholt aufmerkam gemacht hat: Nie Äpfel mit Birnen vergleichen, hat er gesagt, und natürlich hat er recht. Auch in diesem Fall. Denn bei den 10 bis 50 Milliarden Kubikmetern handelt es sich um die insgesamt mögliche Fördermenge, während die 100 Milliarden den Verbrauch eines einzigen Jahres darstellen. Womit was sich zunächst so toll anhört, gleich gar nicht mehr so toll ist: Denn wenn wir die Höchstmenge von 50 Milliarden bei uns vorhandenem Erdgas annehmen und der Einfachheit halber davon ausgehen, dass alles in einem einzigen Jahr strömen würde - was natürlich nicht der Fall ist, denn in Wirklichkeit würde sich das Strömen über viele Jahre verteilen -, dann würde unser Gas in einem Jahr zwar die Hälfte des gesamten deutschen Verbrauchs ausmachen, ab dem nächsten Jahr wäre der Anteil unseres Erdgases dann allerdings Null, und im darauffolgenden Jahr ebenso und in allen weiteren Jahren nicht anders, schließlich wäre das Vorkommen Thomas zufolge dann ja erschöpft. Aber da stand ja auch noch die Untergrenze von 10 Milliarden im Raum. Bezieht man diese 10 auf die gesamte  deutsche Verbrauchsmenge von 100, so läge der Anteil nicht mehr bei 50, sondern nur noch bei 10 Prozent. Oder noch mal anders, weil die Sache etwas verwirrend ist: Das Gas unter unseren Füßen würde 10 Prozent des deutschen Gasbedarfs decken, und das auch nur in einem einzigen Jahr. Danach wäre Schluss mit jeglichen Gaslieferungen aus unserer Gegend.

 

Auf einen weiteren Aspekt will ich nicht näher eingehen, sondern nur darauf hinweisen, da er den Kohl auch nicht mehr fett macht. Nur so viel: Wie wir dank Thomas & Co. inzwischen gelernt haben, gibt es verschiedene Typen von Gas, und zwar das H-Gas (das russische etwa) mit einem hohen und das L-Gas mit einem niedrigeren Brennwert (das unter unseren Füßen). Beide Brennwerte unterscheiden sich - mit aller notwendigen Zurückhaltung, denn ich bin kein Fachmann - wohl um rund 20 Prozent. Will man also die Bedeutung unseres Gasvorkommens für den gesamten deutschen Verbrauch beurteilen, müsste man alles auf einen einheitlichen Brennwert umrechnen, wodurch sich die von Thomas genannte Zahl betreffend unsere verfügbare Gasmenge um etwa 20 Prozent verringern würde, d.h. das Gas wäre also anteilsmäßig noch kürzer verfügbar. Doch schenken wir ihm diese 20 Prozent, da sie für das Ergebnis unserer Überlegungen nicht entscheidend sind. Für uns entscheidend ist die Tatsache, dass nach dem Verbrennen unseres Erdgases  nichts mehr nachkäme, d.h. danach müsste sich Deutschland also weiter auf seine bishereigen Lieferanten verlassen. Womit wir bei dem Thema Abhängigkeit wären (und hier sind die Russen gemeint). Ein sehr emotionales Thema, bei dem jegliche Rationalität nur allzu oft außer Acht gelassen wird. Aber selbst wenn wir uns die Russen so bösartig vorstellen, wie es nur irgendwie geht - wer bitte wollte allen Ernstes behaupten, dass sich die Abhängigkeit von diesen bösartigen Russen dadurch verändern würde, dass wir in einem Jahr - und noch mal: in einem einzigen Jahr! - einmalig 10 Prozent unseres Bedarfs selbst abdecken oder meinetwegen auch 20 oder 30 oder selbst 50 Prozent?! Oder um an dieser Stelle unsere ursprüngliche, der Einfachheit halber zunächst gemacht  Annahme aufzugeben, wonach unsere gesamte Fördermenge in einem einzigen Jahr anfällt und stattdessen auf die tatsächliche Situation abzustellen, nämlich einer (laut Jasper) Förderung über 15 bis 30 Jahre, was pro Jahr unter Umständen noch nicht einmal ein Prozent der gesamten in Deutschland verbrauchten Menge ausmachen würde. Und angesicht solch minimaler Werte sollten wir Thomas zufolge nicht mehr abhängig sein? Wobei im übrigen noch nicht einmal anzunehmen ist, dass sich angesichts unserer Eigenförderung die russischen Liefermengen reduzieren würden, schließlich gibt es über diese langfristige Verträge. D.h. die Russen würden weiter liefern, und zusätzlich kämen unsere 10 bis 50 Milliarden Kubikmeter hinzu (verteilt über wie viele Jahre auch immer). Was machen wir dann mit diesem Gas, das wir selbst nicht brauchen, denn wir haben (durch die langfristigen Verträge) ja genug. Sollen wir es also exportieren, d.h. vielleicht in andere Länder verkaufen? Exporte also als der Weg, um unsere Abhängigkeit von russischem Erdgas zu reduzieren? Nein, Thomas, wie immer man die Menschen in unserer Gegend auch beurteilen mag, eines sind sie ganz gewiss nicht: nämlich blöd!

 

 Wer nun gedacht hätte, damit sei meine Kritik an Thomas' Gepräch mit der Gransee Zeitung zu Ende, der irrt. "Steilvorlage", wie ich dieses Gespräch am Anfang genannt habe, heißt: Da ist noch mehr drin, worauf man eingehen muss. Da ich aber die Geduld der Leser nicht überstrapazieren will und dieser Kommentar bereits recht lang ist, mache ich an dieser Stelle erst einmal Pause. Fertig bin ich noch nicht. Deshalb danke, Thomas, für die vielen Aufhänger in Ihrem Gespräch. In den nächsten Tagen geht's weiter.

Das meint ...

Petra Elsner / 4. Februar 2019

Die holländische Gasindustrie streckt schon seit 2014 ihre Finger nach der westlichen Schorfheide aus, aber so recht haben viele es nicht geglaubt, dass der Naturschutz im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin unterliegen könnte. Ich kann es nicht fassen, dass die Brandenburger Politik und die Stadt Zehdenick mit der Erkundung ein Scheunentor geöffnet haben und nun die Firma Jasper Resources ihre Messtechnik auf den nahen Waldstraßen bei Kurtschlag in Position gebracht hat, um die tatsächliche Größe der Fundstätten in etwa 4.000 Meter Tiefe zu erkunden. Eine Erlaubnis zur Förderung besteht noch nicht, und das gilt es zu verhindern, denn wenn sie erst bohren, werden u.a. die Schorfheidegemeinden Kappe und Kurtschlag mit Schadstoffen belastet sein, das Erdbebenrisiko steigt, die Grundwasserschätze könnten mit krebserregendem Bohrschlamm zerstört werden, was an die Umweltsünden der Russen in unserer Region erinnert. Ich will nicht wiederholen, was z.B. Manfred Lentz für kurtschlag.de bereits umsichtig schrieb, doch ich will hier explizit mein Unbehagen und meinen Widerstand ankündigen. Ich werde bei den zukünftigen regionalen Wahlen keinem mehr meine Stimme geben, der dieses Unterfangen unterstützt und werde mich demokratischen Aktonen der "Bürgerinitiative gegen Gasbohren" anschließen.

Es gibt viel zu tun - wir packen's an!

von Manfred Lentz / 31. Januar 2019

Um es gleich vorweg zu sagen: Der ganz große Wurf war diese Versammlung der Bürgerinitiative gegen das Gasbohren nicht, die am 31. Januar im großen Saal der Therme Templin stattgefunden hat. Ein Moderator, der wiederholt betonte, dass er von der Materie eigentlich keine Ahnung hat; eine Vortragende, die die Gefahren des Gasbohrens darstellen wollte, aber nach eigenem Bekunden auch nicht wirklich viel davon verstand und deshalb stockend von projizierten Folien ablas; und auch über die rechtlichen Aspekte, die beim Gasbohren ja nicht ganz unwichtig sind, wusste niemand so recht Bescheid. Aber das alles ist überhaupt nicht schlimm, denn bei diesem ersten Treffen war es etwas ganz anderes, was zählte: das Engagement, mit dem sich Leute auf ein Projekt gestürzt haben, bei denen ganz offensichtlich war, dass sie so etwas zum ersten Mal taten. Dass der Moderator so oft seine mangelnde Ahnung bemühte - er ist erst vor zwei Jahren mit seiner Familie in unsere Gegend gezogen; dass die Vortragende von Folie zu Folie stolperte - sie war kurzfristig für einen Kenner der Materie eingesprungen, obwohl das Gasbohren nicht ihr eigentliches Thema ist (ohne ihre Bereitschaft hätte die Veranstaltung abgesagt werden müssen); und was die fehlende rechtliche Kompetenz betrifft - wenn Leute Berufe ausüben, die nicht das Geringste mit der Juristerei zu tun haben, dann kann man schlechterdings nicht erwarten, dass sie auf diesem Gebiet über Nacht zu Hause sind. Mangelnde Kompetenz also, dafür um so mehr Engagement als eine Haltung, die sich aus dem täglichen Leben der Engagierten speist: aus der Liebe zu ihrer Heimat; aus der Angst, dass Profitinteressen diese zerstören könnten (was nicht einmal ein Vorwurf an Jasper ist, denn so funktioniert Kapitalismus bzw. Marktwirtschaft nun mal); und aus der Entschlossenheit, sich nicht klaglos zu fügen, sondern dagegenzuhalten. In der Summe also beste Voraussetzungen, wenn Menschen sich für etwas stark machen wollen. Alles andere, woran es an diesem Abend noch mangelte, kann man lernen, und das werden die Mitglieder dieser Bürgerinitiative auch tun - vor allem angesichts der Tatsache, dass sie mit ihrem Anliegen nicht allein stehen, sondern über einen Rückhalt in der Bevölkerung verfügen, der schon bei diesem ersten Treffen beeindruckend war: mehr als 400 Besucher, die teils sitzend, teils - wegen des begrenzten Platzangebots - stehend oder auf dem Fußboden lagernd voll konzentriert die zweistündige Veranstaltung verfolgten. Und das nicht etwa nur passiv, sondern mit zahlreichen eigenen Beiträgen verdeutlichend, wie sehr das Thema dieser Versammlung auch ihr eigenes war. 

Hätte an diesem Abend die Verleihung eines Preises für ein besonders geringes Engagement angestanden, vielleicht ein "Goldener Ignorant" - Zehdenick wäre als Sieger aus der Abstimmung der Anwesenden hervorgegangen. Ob die dortigen Politiker noch nicht verstanden haben, worum es geht? Ob ihnen die Sache egal oder ihr Fell zu dick ist, als dass die Sorgen vieler Bürger - auch solcher aus Zehdenick - sie kratzen würden? Aber demnächst wird ja gewählt, und womöglich werden diese Wahlen sie ja aufrütteln, wenn die gegenwärtig herumfahrenden Rüttel-LKW von Japer das schon nicht bewirken. Doch wie auch immer - nehmen wir uns ein Motto zu Herzen, das ausgerechnet von einem Öl- und Gaskonzern stammt (nein, nicht von Jasper): Es gibt viel zu tun - packen wir's an! Und zwar das nächste Mal am 

 

Donnerstag, den 28. Februar um 19 Uhr in der Therme Templin

Und das sind noch drei Fotos vom 31. Januar:

Schon mal von Groningen gehört?

von Manfred Lentz / 30. Januar 2019

(30. Januar 2019)   Gespräch zu dritt vor ein paar Tagen. Thema: Erdgas, Fa. Jasper, die Bodenuntersuchungen usw. Die Geschichte, die wohl jeder in unserer Gegend inzwischen kennt. Sagt der eine: "Genau wie in Groningen." Sagt der andere: "Wieso Groningen?" Darauf der erste: "Hast du denn keine Ahnung?" Der zweite schüttelt den Kopf. Worauf ich sage: "Na gut, dann erklären wir's dir. Und ich schreib's gleich noch mal auf die Webseite. Für diejenigen, die mit Groningen auch nichts anfangen können."

Also: Groningen ist eine niederländische Provinz direkt an der Grenze zu Deutschland. Vor 60 Jahren hat man dort in 3.000 m Tiefe das größte Erdgasfeld Europas entdeckt, worauf die Niederländer groß eingestiegen sind und mit der Förderung begonnen haben. In den letzten Jahren kam ein Fünftel der gesamten europäischen Erdgasproduktion von dort, was die Niederlande zum größten Erdgasproduzenten der EU gemacht hat. Sieben Millionen Haushalte im eigenen Land wurden mit dieser Energie versorgt, hinzu kamen Verbraucher in Deutschland, Belgien und Frankreich. Für die Regierung war das ein Supergeschäft, das bis heute rund 300 Mrd. Euro in ihre Kassen gespült hat. Klar, dass die Politiker das Erdgas unter ihren Füßen geliebt haben. 

Inzwischen sieht es mit der Liebe nicht mehr so gut aus, oder im Klartext: Die Scheidung ist eingeleitet. Das Problem: Durch die jahrzehntelange Förderung hat sich in der Region Groningen der Boden abgesenkt, mit der Folge, dass es seit 1986 mehr als 1.000 Erdbeben gegeben hat. Vor zwei Jahren hat die Regierung entschieden, die Erdgasförderung deutlich zurückzufahren, doch dann ereignete sich am 8. Januar letzten Jahres - nur 40 km von der deutschen Grenze entfernt - ein Erdbeben der Stärke 3,4 auf der Richterskala. Gebäude fallen bei dieser Stärke noch nicht um, aber Risse treten auf. Angesichts von sage und schreibe 100.000 Schadensmeldungen der Bürger, die der Regierung inzwischen vorlagen, hat diese nach dem Erdbeben vom Januar die Notbremse gezogen und beschlossen, aus der Förderung komplett auszusteigen. Eine Frage der Sicherheit für Groningen, wie der Wirtschaftsminister das formulierte, aber nicht nur das: Auch sozial seien die Konsequenzen aus der Erdgasförderung in dem dicht besiedelten Land "nicht mehr akzeptabel". Und er hängte den Satz an, der ihn vermutlich zum Liebling der ansässigen Bevölkerung gemacht hat: "Groningen muss Groningen bleiben."

"Groningen" heißt also: vollständiger Ausstieg unserer Nachbarn aus dem Erdgas. Dass die das nicht gern machen, liegt auf der Hand. Milliarden Euro in der Vergangenheit und die Perspektive weiterer Milliarden in der Zukunft sind ein handfestes Argument. Wenn Politiker darauf verzichten, muss die Gefahr wahrlich sehr real sein. Ausstieg ist also definitiv angesagt, was allerdings nicht heißt: gleich morgen. Das Gas hat bei unseren Nachbarn fast den gesamten Energieverbrauch gedeckt, und diese Lücke muss natürlich geschlossen werden. Was nicht einfach ist, es gibt diverse technische Probleme, also einfach russisches oder norwegisches statt eigenem funktioniert nicht. Außerdem schauen die Niederländer nicht nur auf die Risse in ihren Häusern, sondern auch auf drohende Risse in ihren Portemonnaies, sollte die Energie drastisch teurer werden. Weshalb die Politiker die Umstellung finanziell abmildern wollen , eine lange und komplizierte Geschichte, die ich mir hier schenke. Wer mehr wissen will, braucht bei Google nur "erdgas" und "groningen" einzutippen, und schon hat er Lektüre für einen ganzen Abend.

Das also zum Stichwort "Groningen". Obwohl die niederländische Regierung die Erdgasförderung als zu gefährlich ansieht, soll bei uns die Förderung demnächst womöglich anlaufen. Dass diese Perspektive Bürger beunruhigt, dürfte kaum überraschen. Wer will schon ein Erdbeben unter seinen Füßen oder eine gerissene Zimmerdecke über seinem Kopf. Ganz abgesehen von dem dicken Problem der bei der Erdgasförderung anfallenden Gifte, auf das ich hier noch nicht einmal eingegangen bin. Das wird am Donnerstag sicherlich geschehen, bei der Gründungsversammlung der Bürgerinitiative gegen das Gasbohren in unserer Gegend. Meine beiden Gesprächspartner und ich selbst werden dabei sein. Du kannst Dir die Sache ja auch mal  durch den Kopf gehen lassen, falls du nicht ohnehin schon entschlossen bist. Hinterher jammern geht jedenfalls gar nicht!

 

Gründungsversammlung der Bürgerinitiative gegen Gasbohren Zehdenick/Templin

Donnerstag, 31. Januar, 19 Uhr

Saal der Naturtherme Templin, Dargersdorfer Str. 121 in Templin

Uckermark TV vor Ort

Gas geben oder bremsen?

von Manfred Lentz / 22. Januar 2019

Ende letzten Jahres fand in unserem Gemeindezentrum eine Versammlung statt. Eingeladen hatte die Gemeinde, Gäste waren Vertreter der Firma Jasper Resources GmbH (Tochter eines gleichnamigen niederländischen Unternehmens), die in der Zehdenicker Schmelzstraße 9 ein Büro unterhält. Jasper ist in der Öl- und Gasförderung tätig. Ich selbst konnte bei der Versammlung leider nicht dabei sein, kann hier also nur weitergeben, was ich von anderen erfahren habe. Danach waren etwa 20 Zuhörer anwesend. Die Vertreter von Jasper berichteten von dem Plan, in unserer Gegend Gas zu fördern und gingen in diesem Zusammenhang auf diverse Details ein. Tenor der Ausführungen: Gas brauchen wir alle; wenn unter unseren Füßen welches zu finden ist, dann sollten wir es nutzen; und was die Modalitäten der Förderung betrifft, so ist das Ganze eine sichere Sache. Eine todsichere.

Nun gibt es inzwischen eine Menge Leute in unserer Gegend, die nehmen der Firma derlei Zusicherungen in puncto Sicherheit nicht ab. Diese Leute stehen nicht allein, ebenso wie Jasper in der Gasbranche nicht allein steht. Vielmehr gibt es eine umfangreiche Industrie, die in Deutschland und den angrenzenden Ländern bereits seit vielen Jahren Gas sucht und fördert. Die Vertreter der Firmen haben in der Vergangenheit das Gleiche wie Jasper erklärt, alles sei ganz sicher, allerdings gibt es in dieser Hinsicht nicht erst seit heute Bedenken. Zahlreiche Initiativen besorgter Bürger gegen diese Industrie haben sich gebildet, darunter etliche auch in Deutschland. Zudem ist in Medien wiederholt über Probleme berichtet worden, die im Zusammenhang mit der Gasförderung in der Vergangenheit aufgetreten sind und auch heute noch auftreten. Das reicht von giftigen, krebserregenden Substanzen, die bei der Förderung als Nebenprodukte anfallen und teilweise auf dubiose Art und Weise entsorgt werden, über Rissbildungen in Häusern, die über den ausgebeuteten Gasfeldern stehen, bis hin zu Erdbeben als  Folge von Veränderungen im Untergrund. Keinen ganz großen, aber auch keinen ganz kleinen, bei der die Erde nur mal eben ein bisschen gewackelt hat, es aber zu keinen Schäden gekommen ist. Von Kritikern auf solche Probleme angesprochen, waren die Reaktionen der Firmen nicht gerade geeignet, die Sorgen der Bürger zu zerstreuen: Von einem rotzfrechen "Wir geben keine Interviews" bis zu "Alles ist ganz sicher, andere haben nur falsch gemessen" reichten die Stellungnahmen. Dass bei derartigen "Informationen" Fragen auch bei den gutgläubigsten Bürgern entstehen, kann wohl kaum überraschen. Daher also die vielen Bürgerinitiativen und daher nun also - und damit komme ich zu meinem eigentlichen Thema - die Bildung einer solchen Bürgerinitiative auch bei uns. Ob sie recht hat, kann ich nicht sagen, das alles ist für mich Neuland, deshalb folgt an dieser Stelle auch kein Appell: Kurtschläger, schließt Euch der Bürgerinitiative an! Eines aber könnt Ihr tun, liebe Kurtschläger, und das solltet Ihr auch tun: Euch anhören, was Sache ist, denn es geht nicht um den Nordpol oder die Südsee oder sonstwelche entfernten Ecken auf dieser Welt (für die man sich allerdings auch engagieren kann), sondern es geht um unsere Gegend. Oder um es etwas pathetischer auszudrücken, um unsere Heimat. Also einfach mal hören, was dran ist an den Argumenten der Kritiker, dann kann man immer noch seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Wer nun ins Grübeln gekommen ist, für den gibt es hier den Termin:

 

Gründungsversammlung der Bürgerinitiative gegen Gasbohren Zehdenick/Templin

Donnerstag, 31. Januar, 19 Uhr

Saal der Naturtherme Templin, Dargersdofer Str. 121 in Templin

 

Und als kurtschlag.de-Service für diejenigen, die sich informieren wollen, an dieser Stelle noch drei Links, einmal pro Gas und zweimal contra. Da ist zunächst die Firma Jasper. (Die als Hintergrund für ihre Webseite zwar nicht Rosarot verwendet, aber es würde passen. Was nicht erstaunlich ist, schließlich will die Firma bohren.) Und da sind ein brandaktueller Beitrag des Deutschlandfunks sowie ein Bericht, der vom Fernsehen des NDR im letzten Jahr ausgestrahlt wurde, zwei Beiträge, die - Ihr ahnt es - das alles ganz anders sehen. Also einfach mal beide Seiten anschauen und vergleichen und sich dabei erinnern, dass es bei diesem Thema nicht um den Nordpol geht oder ... naja, siehe oben.