Der Gasthof "Zum Mittelpunkt der Erde"

Ein Abriss seiner Geschichte

von Manfred Lentz

Drei Bemerkungen vorab:

- Die folgende Darstellung der Geschichte des "Mittelpunkts" geht zurück auf eine Initiative der Kurtschläger Gruppe der Volkssolidarität. Die Idee für das Projekt stammt von Brigitte Hansmeier-Hörning, und sie war es auch,  die sich - unterstützt von Marieta Haensch - für die organisatorische Durchführung des Projekts engagiert hat. Besonders hervorzuheben ist die Mitarbeit von Erika Menzel. Ohne ihre Berichte - basierend auf einem geradezu phänomenalen Gedächtnis - wäre die vorliegende Darstellung nicht möglich gewesen.

- Der Text befasst sich ausschließlich mit der Gaststätte "Zum Mittelpunkt der Erde". Nicht berücksichtigt werden die anderen Gaststätten bzw. Trinkstuben im Ort, die es in der Vergangenheit gab bzw. heute noch gibt. Ihrer Geschichte nachzuspüren, wäre einen eigenen Bericht wert.

- In den Quellen, die den "Mittelpunkt" betreffen, gehen die Begriffe "Gasthof" und "Gaststätte" häufig durcheinander. Beide bezeichnen aber etwas Unterschiedliches: Eine Gaststätte dient der Verköstigung der Gäste; in einem Gasthof können diese außerdem übernachten und - falls sie früher mit Pferden unterwegs waren - konnten sie diese unterstellen.

 

(Die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern.)

Warum der Malermeister Geppert im Jahr 1921 auf die Idee kam, dem neben der Kurtschläger Kirche gelegenen Gasthof den für eine solche Einrichtung ungewöhnlichen Namen "Zum Mittelpunkt der Erde" zu geben, ist nicht überliefert. Allerdings liegt es nahe, dass der Name auf einen Romantitel Bezug nimmt. Vielleicht hat dem Malermeister der Titel dieses Romans imponiert, vielleicht war er beeindruckt davon, was dessen Helden erlebt haben, oder er wollte den Gasthof lediglich von der endlosen Reihe der Gasthöfe "Zur Eiche", "Zum Adler" und solchen mit ähnlichen Namen abheben. Doch was auch immer der Grund dafür war - auf jeden Fall trägt unser Gasthof bzw. heute unsere Gaststätte diesen Namen, wenngleich nicht als einzige, was uns zweifellos gefallen würde, was aber nicht den Tatsachen entspricht. Neben dem unseren gibt es weitere "Mittelpunkte der Erde" im näheren Umkreis und womöglich noch weitere in größerer Entfernung. Aber der Reihe nach. Wenden wir uns zunächst der Entstehung unseres Gasthofs zu und seiner Entwicklung über mehr als 100 Jahre.

 

Zur Geschichte des Gasthofs äußert sich Erna Falk in der zum 250jährigen Jubiläum Kurtschlags erschienenen Dorfchronik mit dem Satz, diese Geschichte sei "sehr kompliziert". Eine zutreffende Feststellung, wenn Erna Falk damit ausdrücken will, dass vieles nur lückenhaft überliefert ist. Zwei Quellen sind es im Wesentlichen, auf die sich die folgende Darstellung stützt. Da ist zum einen die Dorfchronik, in der ihre Verfasser zusammengetragen haben, was damals bekannt war (in der allerdings auch Fehler in Bezug auf den "Mittelpunkt" enthalten sind). Und da sind zum anderen die Informationen von Erika Menzel (Jahrgang 1935), die ab dem 11. Lebensjahr in diesem Gasthof aufgewachsen ist, die die Jahre bis zu ihrem Fortgang 1956 also unmittelbar vor Ort miterlebte und die deshalb sehr konkret und sehr anschaulich darüber Auskunft geben kann.

 

Die ersten verlässlichen Informationen über den Gasthof stammen vom Ende des 19. Jahrhunderts, nach Erika Menzels Einschätzung aus der Zeit um 1880. Danach befand sich am Ort des heutigen "Mittelpunkts" ein aus Fachwerk errichteter Vorgänger-Gasthof von etwa derselben Größe wie das gegenwärtige Gebäude, dessen Eigentümer und zugleich Betreiber der Kurschläger Friedrich Wissmann war. Um das Jahr 1900 fiel dieser Gasthof einem Brand zum Opfer, allerdings nicht unbedingt zum Leidwesen seines Eigentümers, der dem verlorenen Betrieb - so erinnert sich Erika Menzel - keine Träne nachweinte. Warum das so war, darüber können wir nur spekulieren; sicher ist, dass sich die Beteiligten beim Löschen des Brandes sehr zurückgehalten haben - heute würde man so etwas vielleicht als einen "warmen Abriss" bezeichnen. An der Stelle des abgebrannten Gebäudes errichtete Friedrich Wissmann mit dem Geld seiner Versicherung einen neuen Gasthof, bei dem es sich - obwohl noch unter anderem Namen - um den heutigen "Mittelpunkt" handelte. 

Wie der neue Gasthof aussah, ist auf einer Ansichtskarte aus dem Jahr 1916 zu sehen. Es ist die erste Abbildung, die wir von ihm haben. Über der Gaststube war die Inschrift "Gasthof von Friedrich Wissmann" zu lesen, im Giebel hatte man das Jahr der Erbauung sowie die Initialen des Besitzers angebracht:  "F.W. 1903". Was die Größe des Gasthofs betrifft, so dürfte er den heutigen Dimensionen entsprochen haben. Der Saal, der sich parallel zur Dorfstraße erstreckt, war zu diesem Zeitpunkt bereits vorhanden. Eine anderslautende Information in der Dorfchronik, wonach der Saal erst 1924 angebaut wurde, ist demzufolge falsch. (Diese Information dürfte die Gaststätte Ney an der Döllner Chaussee betreffen.)

 

In der Dorfchronik gibt es eine Notiz zu dem Gasthof, die etwa aus dem Jahr 1912 stammt, also aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Danach hatte Kurtschlag zu diesem Zeitpunkt prominenten Besuch: Karl Liebknecht, Rechtsanwalt von Beruf und Reichstagsabgeordneter der SPD, der wenige Jahre später zusammen mit Rosa Luxemburg die KPD gründete und wie sie 1919 von rechten Militärs ermordet wurde. Der Grund für den Besuch Karl Liebknechts war seine Verteidigung eines Kurtschläger Maurerpoliers, der in Berlin angeklagt war, seine Pflichten verletzt zu haben. Doch geht es hier nicht um diesen Fall, sondern um etwas anderes: "Liebknecht", so steht es in der Dorfchronik, "vertrat auch den Wirt des heutigen Gasthofes 'Zum Mittelpunkt der Erde' erfolgreich" - also Friedrich Wissmann. Worum es in dessen Angelegenheit ging, ist entweder nicht bekannt, oder die Verfasser der Dorfchronik sind dem Fall nicht weiter nachgegangen.

Ist hier also ein weiteres Mal etwas nicht bekannt, so wissen wir etwas anderes um so genauer: die Tatsache, dass der Gasthof zu dieser Zeit nicht mehr seinen ursprünglichen Namen trug ("Gasthof von Friedrich Wissmann"), sondern den nicht mehr auf eine Person Bezug nehmenden  Namen "Weidmannslust". Dies belegt eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1918, d.h. die Umbenennung muss während des Ersten Weltkrieges stattgefunden haben. Warum die Schreibweise "Weidmannslust" gewählt wurde (mit einem e) und nicht die übliche "Waidmannslust" (mit einem a), muss offen bleiben. Hintergrund für die Umbenennung dürfte ein Wechsel des Eigentümers gewesen sein. Warum und an wen Friedrich Wissmann seinen Gasthof verkaufte, ist leider auch unbekannt. Erika Menzels Erinnerungen zufolge war dieser Verkauf nicht der einzige bis zum Jahr 1921, aber auch darüber gibt es keine gesicherten Informationen.

 

Genaueres wissen wir erst wieder für das Jahr 1921, als Max Fengler, der Großvater von Erika Menzel, den Gasthof erwarb. Max Fengler war ein Zuzügler in Kurtschlag und ursprünglich in den Gebieten jenseits der Oder beheimatet. Ein kurzer Blick in die Geschichte soll die damalige Situation verdeulichen: Polen, Deutschlands Nachbar im Osten, war am Ende des 18. Jahrhunderts von den umgebenden Großmächten Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt worden und vollständig von der Landkarte verschwunden. Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich die Lage. Auf Druck der Siegermächte erhielten die Polen wieder einen eigenen Staat, was unter anderem bedeutete, dass Preußen bzw. jetzt Deutschland die besetzten Gebiete Westpreußen und Posen zurückgeben musste. Nachdem die dort lebenden Menschen also über einen Zeitraum von mehr als einhundert Jahren zu Deutschland gehört hatten, sollten sie nun Bürger des neuen Polen werden, und da viele das nicht wollten, ergoss sich ein Strom von Flüchtlingen ins Reich. Rund 200.000 waren es, und Max Fengler war einer von ihnen. Gelebt hatte er bis dahin in Culm, zusammen mit seiner Frau Klara, zwei von drei Kindern aus deren erster Ehe (Ernst und Fritz Bensemann) sowie den beiden gemeinsamen Kindern Herta und Max Fengler jun. Klaras drittes Kind - die Tochter Mariechen Bensemann - hatte bereits Jahre vor dem politischen Umbruch nach Berlin geheiratet (sie trug seither den Namen Dobbeck), von wo aus sie nun den Umzug ihrer Familie organisierte. Als Ort für einen Neuanfang hatte sie Kurtschlag ausgewählt. Max Fengler gelang es, seinen Besitz in der alten Heimat gegen gutes Geld zu verkaufen und dieses trotz staatlichen Verbots außer Landes zu schaffen. Kein ungefährliches Unterfangen, das dennoch gelang, und das ihm und seiner Familie in Kurtschlag einen Neuanfang ermöglichte. Der Erwerb des damals gerade zum Verkauf stehenden Gasthofs sollte die wirtschaftliche Grundlage dafür sein.

"Weidmannslust" hieß dieser Gasthof damals noch - ein Name, der Max Fengler nicht zusagte, weshalb er nach einem neuen suchte. Als hilfreich erwies sich dabei der Dorfchronik zufolge ein aus Berlin nach Kurtschlag zugezogener Malermeister namens Geppert, der ihm jenen Namen "Gasthof zum Mittelpunkt der Erde" empfahl, den die Gaststätte bis heute trägt und den Geppert auch gleich über den Eingang malte. Warum gerade dieser Name? Die Beweggründe sowohl des Malermeisters als auch die von Max Fengler sind nicht überliefert, allerdings gehört nicht viel Fantasie zu der Vermutung, dass sich der neue Name auf den 1864 erschienenen Roman "Voyage au centre de la terre" des französischen Schriftstellers Jules Verne bezog, der seit 1873 unter dem Titel "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" auch in deutscher Übersetzung vorlag. Der Roman erzählt eine fantasiereiche Geschichte, die auf damalige Technik- und Wissenschaftsinteressierte einen großen Eindruck gemacht haben dürfte, ebenso wie einige andere Romane von Jules Verne wie "Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer" oder "Die Reise um die Erde in 80 Tagen". Vielleicht gab es aber auch noch einen zweiten Grund für die Umbenennung des Gasthofs: den Wunsch, ihn durch die Wahl eines solch auffälligen Namens von den traditionellen "Zur Eiche", "Zur Post" oder ähnlichen Namen abzusetzen. Eine Überlegung, die auch andere Gasthofbesitzer bereits angestellt hatten, wie ich am Schluss noch zeigen werde.

 

Eine abweichende Begründung für die Namensgebung führt Erika Menzel an, die ihr aus ihrer Jugend geläufig ist. Danach deutete in einem Gespräch zwischen Max Fengler und Malermeister Geppert einer von beiden zum Himmel, betonte, wie hoch dieser doch über Kurtschlag sei, worauf der andere einhakte mit der Bemerkung, dann befinde sich hier wohl der Mittelpunkt der Erde. Eine nette Geschichte ähnlich der Herleitung des Namens Kurtschlag von dem Spruch "Curth, mach den Schlag auf!" (Durchreisende zu einem Zöllner mit dem Namen Curth), aber von der Wahrheit wohl ebenso weit entfernt wie dieser..

 

Ein weiteres Bilddokument stammt aus den 1930er Jahren, wobei eine genauere Datierung leider nicht möglich ist. Das Bild zeigt den Gasthof, und auf ihm ist deutlich zu erkennen, dass der bis dahin existierende Name um den seines neuen Besitzers erweitert worden war. "Gasthof zum Mittelpunkt der Erde Max Fengler" hieß er nun, ein Name, der ebenfalls auf einem Erntefest-Foto aus den 1930er Jahren zu erkennen ist sowie auf einer Abbildung von 1941.

1930er Jahre

1941


In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre tauchte ein neuer Name im Zusammenhang mit dem "Mittelpunkt" auf, und zwar anlässlich einer Eheschließung. Geheiratet haben damals Herta Fengler, die Tochter von Max Fengler, und der aus Kurtschlag stammende Karl Regling. Für diesen war es bereits die zweite Ehe. Seine erste Frau (Else Brünger, die Mutter von Erika Menzel) war 1939 im Alter von nur 26 Jahren verstorben. Die Hochzeit fand im Jahr 1946 statt, nachdem Karl Regling zu Weihnachten 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. Nach Wissmann und Fengler ist Regling also der dritte Name, der mit dem Gasthof verbunden ist. Zusammen mit seinem Schwiegervater Max Fengler und seiner Ehefrau Herta betrieb Karl Regling diesen in den folgenden Jahren, dabei unterstützt von Erika, die bis zu ihrer Heirat mit Werner Menzel im Jahr 1956 im "Mittelpunkt" lebte. Ebenfalls zu der Familie gehörten Erikas Halbgeschwister Günter und Marianne, die in den Jahren 1948 bzw. 1951 aus der Ehe von Karl und Herta Fengler hervorgegangen waren.

An dieser Stelle ein paar Sätze zu dem Thema Gasthof bzw. Gaststätte: Über viele Jahrzehnte war das Wort Gasthof gebräuchlich, eine korrekte Bezeichnung, spiegelte sie doch die damalige Funktion des Betriebs wider. Erika Menzel zufolge verfügte der "Mittelpunkt" über zwei Fremdenzimmer sowie über Unterstellmöglichkeiten für Pferde für den Fall, dass die Gäste mit solchen angereist waren. Die Fremdenzimmer, so Erika Menzel, seien in all den Jahren, in denen sie selbst im "Mittelpunkt" gelebt habe, sehr gut ausgelastet gewesen. Drei Typen von Gästen nennt sie als Beispiele:

 

- Die "Hamsterer", also Personen, die angesichts der angespannten Versorgungssituation in den Städten nach dem Krieg aufs Land fuhren, um für sich und ihre Familien Lebensmittel zu organisieren. Womit sie bezahlten, daran erinnert sich Erika Menzel nicht mehr im einzelnen, und es gibt darüber auch keine Aufzeichnungen. Allerdings ist dieses Thema in der einschlägigen Literatur vielfach dargestellt worden, und dort werden als Bezahlung unter anderem Schmuck und Bilder genannt sowie Porzellan und andere mehr oder weniger wertvolle Gegenstände. Mit Teppichen - so eine zweifelsohne maßlos übertriebene Darstellung, allerdings wohl ein Körnchen Wahrheit enthaltend - soll so mancher Bauer seinerzeit gar seinen Kuhstall ausgelegt haben.

 

- Als eine zweite Gruppe nennt Erika Menzel Männer, die in der Landwirtschaft tätig waren und dabei spezielle Aufgaben erfüllten. Angetrieben von dem Wunsch, die Eigentumsverhältnisse auf dem Land grundlegend zu verändern, wurden seinerzeit nicht nur Betriebe mit über 100 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche (und auch etliche andere) entschädigungslos enteignet und an Neubauern verteilt, sondern es sollten auch neue Flächen unter den Pflug genommen werden. Dazu mussten in vielen Fällen Bäume abgeholzt werden. Die anfallenden Stubben wurden oftmals gesprengt, und Männer, die diese Aufgabe ausführten, gehörten laut Erika Menzel ebenfalls zu den Gästen des "Mittelpunkts."

 

- Eine dritte Gruppe, von denen sie zu berichten weiß, bildeten die örtlichen Schornsteinfeger. Da diese nicht an einem einzigen Tag sämtliche Kamine im Dorf fegen konnten, sie aber noch nicht wie heute über Autos verfügten, mit denen sie über Nacht nach Hause fahren konnten, um am nächsten Tag ihre Arbeit fortzusetzen, mussten sie im Dorf übernachten. Die Fremdenzimmer kamen wegen ihrer verrußten Kleidung für sie nicht in Frage, doch war es üblich, dass man sie in der Scheune im Stroh schlafen ließ. Häufig wurde vor dem Schlafengehen in der Gaststätte Alkohol getrunken, und um einer möglichen Brandgefahr in der Scheune durch angezündete Zigaretten zu begegnen, sammelte Max Fengler - so berichtet es  Erika Menzel von ihrem Großvater - von den Männern Feuerzeuge und Streichhölzer ein, bevor er sie ins Stroh entließ.

Bild 1: 1954 auf dem Hof     Bild 2: etwa 1958: Toiletten der Gaststätte auf dem Hof     Bild 3: auf dem Hof

Dass es neben diesen drei Typen von Übernachtungsgästen noch diverse weitere gab, liegt auf der Hand - der "Mittelpunkt" unterschied sich in dieser Hinsicht halt nicht von jedem anderen beliebigen Gasthof. Erwähnt werden sollen hier noch die Ausführungen, die Erika Menzel zum Tagesablauf im "Mittelpunkt" macht: Geöffnet wurde die Gaststätte gegen 6 Uhr morgens. Zu dieser Zeit erschienen bereits die ersten Gäste, kauften Zigaretten und aßen oder tranken etwas, bevor sie sich an ihre Arbeit machten. Feierabend war dann, wenn sich am Abend der letzte Gast auf den Heimweg gemacht hatte, was mitunter recht spät sein konnte. Zusätzliche Arbeit brachten die verschiedenen Feiern mit sich, die zum dörflichen Leben gehörten wie Taufen und Konfirmationen, Hochzeiten und Todesfälle, daneben aber auch Kinovorführungen, Tanzveranstaltungen und Kinderfeste sowie nicht zuletzt die Faschingsveranstaltungen, die sich bei den Kurtschlägern ebenso wie bei den Bewohnern der umliegenden Dörfer stets großer Beliebtheit erfreuten. Seit 1947 fanden jeweils im Herbst auch wieder Erntefeste statt. In der Dorfchronik wird der Ablauf eines solchen Festes geschildert:

 

"Daran beteiligte sich das ganze Dorf. Alles sah festlich aus. Von Baum zu Baum hingen an der Straße die Girlanden. Traktoren und Pferdewagen wurden mit grünen Zweigen, Gemüse und Blumen bekränzt. Die Kinder bastelten Blumenbögen und Blumenstäbe. Am Erntedanktag sammelte sich alles vor der Gaststätte 'Zum Mittelpunkt der Erde'. Dann begann die Aufstellung. Vorweg schritt die Kapelle, danach folgten die geschmückten Wagen, der erste mit einer Erntekrone, dahinter kamen die Reiter, ihnen schlossen sich die Kinder an, und die Dorfbewohner bildeten das Ende. Der Zug führte bis zu den Rehbergen, wendete hinter dem letzten Haus, kam zurück, zog durch den Alten und Neuen Kietz, dann die Chaussee entlang zum Ende des Dorfes, wendete und bewegte sich wieder zur Ausgangsstelle zurück. Am Abend fand Tanz in zwei Sälen statt, in einem mit Blasmusik, im anderen mit Streichmusik, bei Ney und Fengler."

1930er Jahre  Erntedankfeste

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die Familie Regling neben dem Gasthof auch noch Landwirtschaft einschließlich Viehhaltung betrieb mit all den üblichen dabei anfallenden Arbeiten. Nimmt man den recht großen Haushalt hinzu, der versorgt werden musste, so handelte es sich also um eine recht erhebliche Belastung, der sich die Mitglieder der Familie gegenübersahen.

 

Eine genaue Information darüber, bis wann die Gasthof-Funktion des "Mittelpunkts" bestand, bis wann also das Übernachten dort möglich war, gibt es nicht. Laut Erika Menzel war das "längstens bis 1959" der Fall. Dass sie dieses Jahr nennt, ist nicht zufällig, denn dieses Jahr bedeutete einen Einschnitt in der Geschichte des "Mittelpunkts": Aus der Gaststätte wurde eine "Konsumgaststätte". Zwar blieb die Familie Regling weiterhin Eigentümer des Anwesens, die Bewirtschaftung der Gaststätte indes ging an die Konsumgenossenschaft über mit der Folge, dass Herta Regling fortan als Angestellte arbeitete. Ihr zur Seite standen als weitere Angestellte nacheinander Gertraud und Friedrich Nickel, Wilhelm und Hilde Kassube sowie Helga und Ernst Henning. Nicht für die Konsumgenossenschaft tätig war Karl Regling. Er - der schon nicht bereit gewesen war, für die LPG zu arbeiten - verdiente in diesen Jahren sein Geld als Maurer, bis er 1970 bei einem Autounfall im Alter von 59 Jahren zu Tode kam. Im selben Jahr verließ Günter Regling den "Mittelpunkt". Der Halbbruder von Erika Menzel hatte sich sowohl gegen eine Tätigkeit in der Gaststätte entschieden als auch gegen die Landwirtschaft, hatte statt dessen eine Ausbildung zum Autoschlosser gemacht und übersiedelte nun nach Vietmannsdorf.

1963

1973


Zehn Jahre später (1980) änderte sich die Situation des "Mittelpunkts" abermals, als Herta Regling ihn aus Altersgründen an die Familie Boortz verkaufte. Gleichzeitig endete die Verpachtung der Gaststätte an die Konsumgenossenschaft, d.h. die Zeit des "Mittelpunkts" als Konsumgaststätte war vorbei. Herta Regling zog zu ihrer Tochter Marianne, die sich mit deren Mann Lutz Letzin in Liebenwalde niedergelassen hatte, und lebte dort im Haushalt ihrer Tochter und ihres Schwiegersohns bis zu ihrem Tode im Jahr 2002. Der "Mittelpunkt" befand sich nur wenige Jahre im Besitz der Familie Boortz. Bereits um die Jahreswende 1985/86 verkaufte sie ihn an Bernd und Jutta Rieber weiter, von denen er wiederum nur wenige Jahre später - kurz vor der Wende von 1989 - in das Eigentum von Manuela Laue aus Deutschboden überging. Bis auf eine zweijährige Unterbrechung  hat Manuela Laue den Mittelpunkt seither betrieben. Einen durchgängigen Betrieb die gesamte Woche über - so wie das in früheren Zeiten üblich war - gibt es heute allerdings nicht mehr. Die Gaststätte ist freitags bis sonntags von 11-13 Uhr geöffnet, außerdem steht sie für Familienfeiern und für die alle 14 Tage stattfindenden Versammlungen des Kulturvereins zur Verfügung sowie für dörfliche Veranstaltungen wie z.B. das alljährliche Kürbisfest. Erstere finden in der Gaststätte statt, für größere Veranstaltungen kann der Saal benutzt werden. Die einstige Funktion eines abendlichen Treffpunkts für die Kurtschläger existert nicht mehr, was vor allem daran liegt, dass sich die Rahmenbedingungen für eine rentable Bewirtschaftung eines solchen Objekts verglichen mit früheren Zeiten erheblich gewandelt haben: So ist die Einwohnerzahl Kurtschlags und damit die Zahl der potentiellen Kunden seit Jahren rückläufig; die Bewohner sind mobiler als früher, sind also nicht mehr so stark auf ein Angebot vor Ort angewiesen; und schließlich steht auch eine stärkere Individualisierung insbesondere durch das Fernsehen und das Internet einem Anknüpfen an frühere Nutzungsformen entgegen.

 

Zum Schluss der Wermutstropfen, den ich im ersten Absatz angekündigt hatte: Der "Mittelpunkt der Erde" ist - was vielleicht noch nicht jeder weiß und und mancher eher unwillig zur Kenntnis nehmen wird - nicht die einzige Gaststätte mit diesem Namen. Allein in der Umgebung von Kurtschlag konnte ich fünf weitere Gaststätten ausfindig machen, die sich ebenfalls "Mittelpunkt der Erde" nennen. Einen, der heute als griechisches Lokal geführt wird, gibt es in Hoppegarten, die anderen befinden sich in Hönow, Mahlsdorf und Berlin-Oberschöneweide, dazu existiert ein weiterer in Vierlinden, einer Gemeinde in Märkisch-Oderland. Seit wann und warum die Gaststätten diesen Namen tragen, habe ich nicht zu ergründen versucht. Aber selbst für den Fall, dass eine oder mehrere von ihnen älter sein sollten als unsere, so würden sie unserer dennoch nicht den Rang ablaufen können. Denn eines gibt es, was unseren "Mittelpunkt der Erde" über alle Namensverwandten hervorhebt und immer hervorheben wird und weshalb wir in dieser Sache ganz entspannt sein können: Er ist unserer.