Die "Gaststätte Ney" von ihren Anfängen bis heute

von Birgit Halle und Manfred Lentz


Bild 1: Gaststätte ("Restaurant") von Wilhelm und Auguste Ney, um 1915  -  Bild 2: Polizeiliche Bauerlaubnis, 1910

 

Die Entstehung und die Entwicklung der Gaststätte Ney sind auf das Engste mit der Straße verbunden, an der sie liegt. Diese Straße - die heutige "Döllner Chaussee" - war und ist eine wichtige Ost-West-Verbindung, sie führt von Döllnkrug nördlich an Kurtschlag vorbei und mündet in die Templiner Landstraße, die heutige Bundesstraße B 109. Kurz hinter Kurtschlag  besteht ein Abzweig zum Blockhaus und von dort weiter nach Wesendorf und Kappe. (Im Blockhaus war der Vater von Auguste Ney - siehe im folgenden - als Wildhüter des Kaisers tätig.) Über einen langen Zeitraum hinweg war diese Straße nichts anderes als ein gewöhnlicher Sandweg, dessen Zustand in starkem Maße von den Witterungsverhältnissen abhängig war: aufgewühlter Sand in den Sommermonaten, weshalb die Waldarbeiter abgeschnittenes Strauch- und Astwerk über die Fahrrinnen legten, damit die schweren Wagen nicht stecken blieben; bei Regen Morast, der nur schwer und im Extremfall gar nicht mehr befahrbar war. Eine Änderung dieser Situation brachte der Umbau der Straße zu einer Chaussee, der der Kurtschläger Dorfchronik zufolge "etwa im Jahr 1898" stattfand. Das Wort "Chaussee" stammt aus dem Französischen und ist die heute veraltete Bezeichnung für eine gut ausgebaute (gepflasterte) Landstraße. Weil diese Straße für die Gaststätte von ganz erheblicher Bedeutung war, wollen wir uns zunächst mit ihr befassen.

 

Über Straßen reisen Menschen, und sie dienen dem Transport von Gütern. Das Gut, das auf dem erwähnten Sandweg bzw. später der Döllner Chaussee mehr als alles andere transportiert wurde, war Holz. In der umliegenden Schorfheide geschlagen, wurde es mit Hilfe von schweren Pferdegespannen zu den Sägewerken in Vogelsang und Zehdenick gefahren, von wo aus ein Großteil als verarbeitetes Holz den Weg nach Berlin fand. Seit 1871 Hauptstadt des Deutschen Reiches, erlebte Berlin in den nachfolgenden Jahrzehnten ein starkes Bevölkerungswachstum und daraus resultierend einen kräftigen Bauboom, für den Holz in großen Mengen gebraucht wurde. Zahlreiche Fuhrwerke waren für dessen Transport unterwegs, darunter auch solche von Kurtschlägern, die die dafür erforderlichen Gespanne besaßen. Über den Ablauf solcher Transporte findet sich eine Schilderung in der Kurtschläger Dorfchronik: "... zu Zeiten des Holzeinschlags beförderten (die Kurtschläger Fuhrleute) ... schwere Fuhren Langrohholz in die Sägewerke ... Aus Erzählungen ihrer Eltern wissen ältere Leute noch heute zu berichten, dass früh am Morgen die leeren Gespanne in den Wald fuhren, wo die Stämme auf die Wagen geladen wurden. Um die Mittagszeit passierten die Fuhrwerke die Chaussee in Kurtschlag. Dort wurde Pause gemacht, und Gespann hinter Gespann standen in Zeiten des Holztransports die Fuhren die Straße entlang. Auch die Pferde konnten ausruhen. Die Kurtschläger Fuhrleute eilten nach Hause, wo das Mittagessen auf sie wartete, die Auswärtigen hielten Rast im Gasthof Ney, wo sie ihr mitgebrachtes Brot aßen und einen kühlen Trunk bestellten. Bald ging es weiter, die Wagen setzten sich in Bewegung in Richtung Templiner Chaussee. Am Nachmittag luden die Fuhrleute in Vogelsang oder Zehdenick ihr Holz ab und machten sich anschließend auf den Heimweg. Erst spät erreichten sie ihre Anwesen."

 

(Neben dem Holz spielten zu jener Zeit zwei weitere Güter eine wichtige Rolle. Das waren Ziegelsteine aus den Zehdenicker Tongruben, die ebenfalls beim Aufbau Berlins in großer Menge Verwendung fanden, und das war Heu als Futter für die damals in der Hauptstadt noch in großer Zahl vorhandenen Pferde.)

 

Welche Bedeutung der Einsatz von Pferden lange Zeit hatte, zeigen diese Bilder

War der Holztransport über den Sandweg nur allzu oft eine mühsame Angelegenheit, so bedeutete der Umbau der Straße zu einer (mit Findlingen gepflasterten) Chaussee  für die Fuhrleute eine wesentliche Verbesserung. Doch nicht nur für sie änderte sich die Situation, die neue Straße hatte auch Auswirkungen auf die Entwicklung des Dorfes. War Kurtschlag zunächst eine Ansammlung von 64 Häusern, einer Schule und einer Kirche gewesen, deren nördliche Begrenzung das Döllnfließ gebildet hatte, so dehnte sich das Dorf nun weiter nach Norden aus. Wiesen- und Ackerflächen wurden von den Eigentümern als Bauland verkauft, und bis zur Chaussee und weiter in Richtung Zehdenick entstanden etliche neue Häuser. In der Dorfchronik erinnert sich Erna Falk: "Die neue Chaussee löste eine rege Bautätigkeit im Unterdorf aus. Man suchte den Anschluss an die feste Straße. Dort befand sich zunächst nur das Haus von Wilhelm Bracklow, schon 1890 errichtet. Als tüchtiger Maurer war mein Vater mit einigen anderen am Bau dieses Häuserbereichs beteiligt. ... Die Maurer kauften sich vom Landwirt Schäfer an der Chaussee oder der Dorfstraße liegende Flächen für etwa zehn Anwesen. Bald waren die darauf errichteten Häuser verkauft ..."

 


Wilhelm und Auguste Ney mit ihren Töchtern Herta und Emma

 

Nach diesen einleitenden Bemerkungen über die Vergangenheit der Döllner Chaussee wenden wir uns nun der an dieser Straße liegenden Gaststätte Ney zu. Im Jahr 1902, also bald nach den geschilderten Veränderungen, heiratete der Kurtschläger Bäckermeister Wilhelm Ney Auguste Falkenhagen aus Wesendorf und zog mit ihr in das Haus in der Dorfstraße, das später (und bis heute) die Familie Wichmann bewohnt(e) und in dem Wilhelm Ney zunächst eine Bäckerei betrieb. Das Ehepaar Ney hatte zwei Kinder: Herta und Emma. Als sich bei Wilhelm als Folge seines Berufs gesundheitliche Beschwerden einstellten und er ihn schließlich nicht mehr ausüben konnte, entschied er sich, das Bäckerhandwerk aufzugeben und in die Gastronomie zu wechseln. Im Jahr 1911 errichtete er auf dem Grundstück an der Dorfstraße Ecke Döllner Chaussee neben seinem bisherigen Wohnhaus jenes Haus, aus dem sich ein Jahr später die Gaststätte entwickelte. Das Gebäude bestand im Erdgeschoss aus drei Stuben, einer Küche und einem Flur, im Obergeschoss aus einem Zimmer und zwei Kammern. Eine Waschküche und eine Toilette - ein "Abort" im damaligen Sprachgebrauch - befanden sich im Hof. Nachdem das Ehepaar im August 1912 eine Konzession für eine Gastwirtschaft und einen Kleinhandel mit Branntwein und Spirituosen erhalten hatte, wurden zwei der drei Stuben im Erdgeschoss in Gasträume umgewandelt. Im Hof kamen zwei weitere Aborte hinzu, dazu ein "Reisestall" für Pferde. (Den Saal gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.) Für ihren Betrieb hatte die Familie Ney die Bezeichnung "Restaurant" gewählt. Diese Bezeichnung irritiert, wurden und werden als "Restaurants" doch Gaststätten einer gehobenen Kategorie bezeichnet, und eine solche war die Gaststätte Ney keineswegs. Wenn sie dennoch dieses aus dem Französischen stammende Wort wählte, so möglicherweise deshalb, weil sie es als ein Pendant zu dem ebenfalls französisch-stämmigen Wort "Chaussee" sah. (Wir werden im Folgenden durchgängig den Begriff "Gaststätte" verwenden.) Über Räumlichkeiten zum Übernachten verfügte die Gaststätte nicht, woran sich auch in späteren Jahren nichts änderte. Wer in Kurtschlag die Nacht verbringen wollte, musste von der Döllner Chaussee ins Dorf hinein fahren, wo im "Zum Mittelpunkt der Erde" zwei Fremdenzimmer zur Verfügung standen.

 

Bild 1: Kindergeburtstag auf dem Hof, um 1942  -  Bild 2: Auguste Ney auf dem Hof  -  Bild 3: Herta Ney vor der Waschküche  -  Bild 4: Innenhof mit "Reisestall", Thea Heuer, um 1940,   -  Bild 5: Thea Heuer und Wilhelm Ney jr., um 1940  -  Bild 6: Blick auf das Stallgebäude und den Durchgang zum Hinterhof mit Stallungen

 

Die Gaststätte an der Chaussee war gerade erst zwei Jahre in Betrieb, als der Erste Weltkrieg ausbrach. In der Dorfchronik findet sich ein interessanter Vermerk im Zusammenhang mit dem damaligen Geschehen, wobei es nicht um Kriegsereignisse an der Front ging, sondern um die Situation in der Heimat. Konkret: um die Angst vor ausländischer Spionage. "Mit der Furcht vor Spionen", so lesen wir, "setzte auch die Jagd auf Automobile ein. Die Leute erzählten untereinander, französische Offiziere und Spione reisten verkleidet umher und wollten über die Grenzen auf allerlei Umwegen entfliehen und wollten Millionen wegschaffen. Bei Gastwirtin Ney ... wurde eine Wache untergebracht und die Straße gesperrt." Einzelheiten über den Ablauf und den Erfolg dieser Aktion wären höchst interessant, sind aber leider nicht überliefert.

 

13 Jahre nach Gründung der Gaststätte - es war im Jahr 1925 - wurde der heute noch vorhandene Saal an die Gaststätte angebaut.  Von Anfang an hatte diese nicht nur als ein Rastplatz für durchreisende Fuhrleute gedient, sie war auch zu einem beliebten Treffpunkt für die Kurtschläger geworden (vermutlich vor allem für diejenigen aus dem Unterdorf, d.h. aus der unmittelbaren Nachbarschaft). Vom Platz her waren die beiden vorhandenen Gasträume für eine begrenzte Anzahl von Besuchern ausreichend gewesen, auch kleinere Feiern hatten hier stattfinden können. Für größere Festlichkeiten hingegen hatten die Kurtschläger bis 1925 auf den "Mittelpunkt" ausweichen müssen. Diese Situation änderte sich mit der Errichtung des Saals, so dass von nun an auch an der Döllner Chaussee besucherstärkere Veranstaltungen stattfinden konnten. Wobei solche Feiern aber natürlich die Ausnahme waren - das Alltagsgeschäft war weitaus bescheidener und spielte sich auch weiterhin in den beiden Gasträumen ab: der abendliche Besuch auf ein Bier, Feiern in kleinem Kreis oder - wovon ältere Kurtschläger berichten - Gaststättenbesuche von Familien mit Kindern nach sonntäglichen Spaziergängen. In Erinnerung geblieben ist den älteren Kurtschlägern auch noch, dass die Wirtsleute der Gaststätte Auguste und Wilhelm Ney viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit in ihren Räumen legten und in diesem Zusammenhang unter anderem die Kinder häufig ermahnten, still zu sitzen und nicht das Parkett zu zerkratzen. 

Die Gaststätte Ney in den 1960er Jahren

In der Gaststätte

sitzend v.l.n.r.: Erich Freitag, Paul Heuer, Emma Ney, Gustav Ney, Paul Wörpel, Auguste Ney.

stehend v.l.n.r.: Manfred Koch, Siegfried Feist, Heinz Steuer, Alfred Oehlke

 


 Der Dorfchronik entnehmen wir eine weitere Nutzung, die über viele Jahre andauerte und erst 1933 ein jähes Ende fand: "Ältere Einwohner erinnern sich, dass zu dieser Zeit in der Gaststätte ... Versammlungen der beiden Arbeiterparteien SPD und KPD stattfanden. Besonders Ella Willamowski, Erich Freitag, Erich Tamm, Richard Streu und andere Genossen der KPD fanden sich des Abends dort ein und diskutierten mit den Einwohnern, unterstützt von Genossen aus Kappe und Groß Dölln. Es war überhaupt damals üblich, vielseitige politische Gespräche zu führen, wobei man sich den aktuellen Themen Arbeitslosigkeit und Machtaufstieg der Hitlerpartei am meisten zuwandte. ... Die Arbeitslosigkeit zwang die Menschen, Wege aus der Ausweglosigkeit zu suchen; die einen fanden sie auf der politischen Linken, andere bei der politischen Rechten."

 

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war es mit dieser politischen Funktion der Gaststätte vorbei. Gespräche über politische Themen konnten nur noch heimlich geführt werden, war die Gefahr einer Sanktionierung durch die Terrorjustiz des Dritten Reiches doch allgegenwärtig. Nicht zuletzt der Prozess gegen den Kurtschläger Erich Freitag und mehrere seiner KPD-Genossen machte das deutlich. Einen privaten Einschnitt brachte das Jahr 1938: Wilhelm Ney, der die Gaststätte vor Jahren gebaut hatte, verstarb; seine Frau Auguste führte den Betrieb fortan allein weiter. Unterstützung erhielt sie dabei von ihrer jüngeren Tochter Emma, die im Haus blieb  (und die Gaststätte später übernahm), während Herta, die ältere Tochter, zu diesem Zeitpunkt bereits ausgezogen war und eine eigene Familie gegründet hatte.

 

Bild 1: vor der Gaststätte, Emma Ney und Söhne Wilhelm jr. und Gustav jr.   -   Bild 2: Emma und Gustav Ney mit ihren Söhnen Wilhelm jr. und Gustav jr., um 1949   -   Bild 3: Emma Ney am Tresen der Gaststätte, im Hintergrund Tür und Durchreiche zum Saal   -   Bild 4: Emma und Gustav Ney mit der Enkeltochter Birgit (der Mitautorin dieses Berichts) auf dem Hof vor der Waschküche, 1958   -   Bild 5: Emma Ney, um 1975

 

Ein nächstes für die Gaststätte wichtiges Ereignis fiel in das Jahr 1943. War der Betrieb nach dem Beginn des Krieges 1939 zunächst unverändert weitergegangen, so wurde er vier Jahre später eingestellt und das sogar über die Dauer des Krieges hinaus. Verständlicherweise traf diese Unterbrechung bei den Kurtschlägern auf keine Begeisterung, mussten sie damit doch auf ihren traditionellen Treffpunkt verzichten. Eine Änderung der Situation brachte erst das Jahr 1946, als es dem damaligen Bürgermeister Richard Streu in Zusammenwirken mit Auguste Ney gelang, die Gaststätte - nicht zuletzt für die Jugend - wieder zu öffnen. (Dabei lag es Auguste Ney den Erzählungen älterer Kurtschläger zufolge sehr am Herzen, dass die Gäste ihre Räumlichkeiten stets "ordentlich" verließen.) Auch für die Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr entwickelte sich die Gaststätte nach 1946 erneut zu einem beliebten Treffpunkt, und nicht nur die Kurtschläger, sondern auch die Zehdenicker Kameraden kehrten gerne hier ein. 

 

Kameradschaftsabende der Feuerwehr in der Gaststätte, Ende der 1950er Jahre

 


Ein weiteres Ereignis im Jahr 1946 war die Gründung einer Theatergruppe in der Gaststätte. Als Gründer traten Werner Kulicke und Gerda Leist in Erscheinung. Letztere war am Theater in Berlin groß geworden und konnte ihre dort gemachten Erfahrungen einbringen. Nach intensiven Vorbereitungen wurden verschiedene Stücke aufgeführt. An einige Titel können sich ältere Kurtschläger noch heute erinnern, so an "Der Onkel aus Amerika", "Tante Jutta aus Kalkutta", "Die vier Brummers", "Die Spanische Fliege" und an "Ich seh's an deiner Stirne". Für die Kostümierung der Akteure sorgten unter anderem Herta Heuer (Tochter von Auguste Ney) sowie Ella Willamowski, eine von mehreren Schneiderinnen, die es in Kurtschlag damals gab. Auftritte des Ensembles fanden zunächst auch in Templin und in Badingen statt, doch erwiesen sich die dadurch entstehenden Kosten als zu hoch, so dass die Schauspieler schließlich nur noch in Kurtschlag auftraten. Nach den Theaterproben - so wird berichtet - spielte Gerda Leist oft auf dem Klavier, und es wurde gesungen und getanzt. Im Sommer saß man draußen vor der Gaststätte, Hans Krugler spielte Mundharmonika und Herbert Kulicke begleitete ihn auf dem Akkordeon. Wurde es Auguste Ney am Abend zu spät, pflegte sie ihre Gäste mit dem Spruch zu verabschieden: "Spielt noch einmal mein Lieblingslied La Paloma, und dann geht's nach Hause."

 

Von den Aufführungen unmittelbar nach Gründung der Theatergruppe liegen uns keine Bilder vor. Die Fotos stammen aus späteren Jahren. 

 

Im Jahr 1950 wurde in der Gaststätte ein Billardtisch aufgestellt und jeweils Dienstagabend und am Sonntagvormittag darauf gespielt.  Herbert Giese, Herbert Kulicke und Heinz Schäfer gründeten einen "Verein der Billardfreunde". 

Nicht nur Erwachsene führten in der Gaststätte Theaterstücke auf, sondern auch Kinder. Außerdem fanden dort Veranstaltungen der Schule und des  Kindergartens statt. 

Mit der Normalisierung des Lebens nach dem Krieg wurden auch die alten Bräuche wiederaufgenommen. "Ab 1947 fanden im Herbst wieder die alljährlichen Erntefeste statt", heißt es in der Dorfchronik. "Daran beteiligte sich das ganze Dorf. Alles sah festlich aus. Von Baum zu Baum hingen an der Straße die Girlanden. Traktoren und Pferdewagen wurden mit grünen Zweigen, Gemüse und Blumen bekränzt. Die Kinder bastelten Blumenbogen und Blumenstäbe. Am Erntedanktag sammelte sich alles vor der Gaststätte 'Zum Mittelpunkt der Erde'. Dann begann die Aufstellung. Vorweg schritt die Kapelle, danach folgten die geschmückten Wagen, der erste mit einer Erntekrone, dahinter kamen die Reiter, ihnen schlossen sich die Kinder an, und die Dorfbewohner bildeten das Ende. Der Zug führte bis zu den Rehbergen, wendete (am Ortsende), kam zurück, zog durch den Alten und den Neuen Kietz, dann die Chaussee entlang zum Ende des Dorfes, wendete und bewegte sich wieder zur Ausgangsstelle zurück. Am Abend fand Tanz in zwei Sälen statt, in einem mit Blasmusik, im anderen mit Streichmusik, bei Ney und bei Fengler."

 


Bilder 1 und 2: Erntefest 1966, im Hintergrund die Gaststätte  -  Bild 3: Musik in der Gaststätte, Jahr unbekannt; v.l.n.r.: Herber Giese, Willi Koch, Kurt Sokolowski, Herbert Kulicke

 

1961 und damit 23 Jahre nach dem Tod ihres Ehemanns Wilhelm verstarb Auguste Ney. Seit der Gründung im Jahr 1912 hatte sie - nur mit der kurzen Unterbrechung am Ende des Zweiten Weltkrieges - die Gaststätte betrieben. Nun trat ihre Tochter Emma an ihre Stelle. Emma war mit Gustav (er hieß ebenfalls Ney) verheiratet. Aus der Ehe waren zwei Söhne hervorgegangen, Gustav jr. und Wilhelm jr. Die älteste Tochter von Wilhelm Ney jr. ist Birgit Halle, die als Mitautorin entscheidend zum Gelingen dieser Geschichte der Gaststätte Ney beigetragen hat.

 

Die 1970er Jahre sind die Zeit, in die das Ende der Gaststätte fällt. Das genaue Datum konnten wir nicht in Erfahrung bringen, am wahrscheinlichsten scheint das Jahr 1974 zu sein. Ursächlich für das Ende dürften vor allem - und das gilt ebenso für den "Mittelpunkt" - die veränderten Bedingungen für den Betrieb einer Gaststätte gewesen sein: so der Siegeszug des Fernsehens, das bei so manchem Kurtschläger den abendlichen Besuch in der Gaststätte ersetzt hatte sowie die erhöhte Mobilität als Folge der gewachsenen Motorisierung, die es jedermann erlaubte, Freizeitangebote auch in der näheren und der weiteren Umgebung zu nutzen. Daneben dürfte der Verlust jener Einnahmequelle eine Rolle gespielt haben, die für die Gründung der Gaststätte einst so wichtig gewesen war - die Fuhrleute, die hier einen Rastplatz für sich und ihre Pferde gehabt und dafür Geld ausgegeben hatten und die längst von Händlern  mit LKW abgelöst worden waren, die auf einen speziellen Rastplatz an der Döllner Chaussee nicht mehr angewiesen waren. Als Folge dieser neuen Bedingungen reichte die Bewirtschaftung der Gaststätte nicht mehr aus, um eine Familie zu ernähren. Von daher ist es nur allzu verständlich, dass weder Gustav jr. noch Wilhelm jr. den Betrieb übernehmen wollten, den ihre Großeltern aufgebaut und ihre Eltern nach deren Tod weiterbetrieben hatten. Da die Gasträume angesichts dieser veränderten Situation entbehrlich geworden waren, wurden sie zurückgebaut und erhielten ihre ursprüngliche Funktion als Wohnräume zurück, die sie unmittelbar nach dem Bau des Hauses gehabt hatten. Den Saal mietete die Schule an und nutzte ihn bis zum Sommer 1976 für ihren Sportunterricht. Danach diente er für einige Jahre dem Bekleidungswerk Zehdenick als Lagerraum für Stoffe.

 

In den Jahren 1978 bzw. 1983 verstarben Gustav Ney und seine Ehefrau Emma Ney, worauf ihr Sohn Wilhelm jr. mit seiner Familie in das Haus zog. Der Saal wurde gelegentlich noch für Feiern genutzt. In den 1990er Jahren, als die Kinder aus dem Haus waren, verkaufte Wilhelm jr. das Gebäude und siedelte mit seiner Frau nach Zehdenick über. Unglücklicherweise konnte sich der Käufer nur kurze Zeit an seinem Erwerb erfreuen. Aus gesundheitlichen Gründen musste er das Haus bald wieder aufgeben, 2013 wurde es zwangsversteigert und befindet sich seither im Besitz der Familie von Andreas Schneider, die es zur Zeit als Wochenenddomizil nutzt. Einen erheblichen Teil dessen, was an die Geschichte des Hauses erinnert, wollen er und seine Frau dankenswerterweise erhalten. Dies ist die Situation Anfang 2018 zum Zeitpunkt dieser Abhandlung.

 

Die Gaststätte Ney im Februar 2018

Wir sagen danke!

Unser Dank gilt Anni Kulicke, Adeline Jaeckel, Marianne Giese und Karl-Heinz Tabbert, die mit ihren Erinnerungen und mit Fotos wesentlich zu dieser Darstellung beigetragen haben. Er gilt ebenso Karola Hoth für ihre Unterstützung, die wie Birgit Halle eine der Urenkelinnen von Auguste und Wilhelm Ney ist, sowie Marianne Ney, der zweiten Ehefrau von Wilhelm Ney jr. Einen besonderen Dank sagen wir  der Familie von Andreas Schneider, die uns mit beeindruckender Selbstverständlichkeit Zutritt zu dem Objekt unserer Darstellung gewährt hat - zu der alten Gaststätte Ney, in der nicht nur bis heute (im wesentlichen unverändert) der Saal existiert, sondern sogar noch das Bühnenbild, vor dem einst die Theatervorführungen und andere Veranstaltungen stattfanden. 

Nachträge

Die folgenden Informationen haben wir bekommen, nachdem der Artikel bereits abgeschlossen war. Da sie für das Thema interessant sind, stellen wir sie hier als Nachträge ein.

(0541) Hochzeit Karl Regling und Else Brünger/Regling, im Hof der Gaststätte, 1934

(0542) Hochzeit Erich Ney (Schmied) und Luci Regling/Ney, im Hof der Gaststätte Ney, in der zweiten Reihe hinter dem Brautpaar Emma und Gustav Ney, 1935