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Ein Beitrag von Axel Kulicke

Meine Meinung würde in großen Teilen auf eine Wiederholung der Argumente und Ausführungen von Siegfried Haase hinauslaufen. deshalb erspare ich den Besuchern von Kurtschlag.de und mir großartige Ausführungen. Für mich ist  der Wolf eine Komponente des biologischen Gleichgewichts  und er hat seine Bestimmung, wie andere Lebewesen und Pflanzen, deren Aufgaben in der Natur sich nicht auf dem ersten Blick erschließen. Mit regulierenden Maßnahmen und gemäß dem weisen Spruch, "die Dosis macht das Gift" sowie mit einer Portion Naturverständnis und guten Willens, sollten auch wir ein Zusammenleben mit dem Wolf hinbekommen.


Gedanken zum Wolf

von Siegfried Haase

Vorausschicken möchte ich, dass ich mich mein halbes Leben für den praktischen Naturschutz eingesetzt habe, ich bin im NABU, Ornithologe und Naturschutzhelfer, also befangen. Auch gebe ich gerne zu, Wölfe schön zu finden und dass ich auch gerne mal einen im Wald sehen möchte.

Den zwei Polen der Debatte, der romantischen Fraktion, die den Wolf ohne Einschränkungen hier leben lassen will, und der anderen, ich nenne sie mal die Rotkäppchen-Fraktion, der Wolf gehört hier nicht her, kann ich nichts abgewinnen. Das ist mir zu einfach und zu emotional. Solche Positionen spalten nur die Gesellschaft.

Natürlich war der Wolf schon vor dem Menschen in dieser Landschaft "zu Hause" und wurde erst von diesem ausgerottet. Vor allem ökonomische Gründe und oftmals der Kampf ums Überleben machten den Wolf zu einem existenziellen Konkurrenten, auch Feind der Menschen. Nutztiere und Wild hatten früher einen ganz anderen Stellenwert. Menschen hat der Wolf damals vor allem auf den Schlachtfeldern gefressen. "Der Mensch ist des Menschen Wolf", ein Spruch, über den man nachdenken sollte. Über ökologische Zusammenhänge, Artenschutz und Artenvielfalt hat damals niemand nachgedacht. Vor allem das Primat der Wirtschaft hat sich bis in die jüngste Zeit, fast ungebremst, bis in den letzten Waldwinkel ausgedehnt.

Ich will hier keine Liste der ausgestorbenen oder auf Roten Listen stehenden Arten aufführen, wir alle wissen warum. Immer mehr verstehen wir die hochkomplexen Zusammenhänge der Natur und merken, wie wichtig auch scheinbar unbedeutende Arten sind, die vor kurzem noch als lästig, schädlich oder unter allgemeinen Begriffen wie Raubzeug und Raubvögel bekämpft wurden. Die Kategorien nützlich/schädlich sind in der Natur unbekannt. Oft wurden sie an den Rand des Aussterbens gebracht, bis in letzter Minute mit großem Aufwand eine Gegenkampagne gestartet wurde. Leider hat dann manchmal deren Erfolg, z.B. beim Kormoran oder Biber, das Pendel in die andere Richtung ausschlagen lassen. Die Schäden und Konflikte sind bekannt. Und damit bin ich beim Wolf.

Wieso sollen Wölfe also wieder in der Schorfheide oder Uckermark leben? 

Ja, zuerst auch weil sie schon vor uns da waren und damit aus ethischen Gründen auch ein Recht haben, hier zu sein. Über Tierethik und Tierrechte wird nicht nur im Zusammenhang mit der Massentierhaltung gestritten. Das will ich nicht weiter ausführen, halte diese Diskussion aber für wichtig.

Vor allem aber, weil sie eine wichtige ökologische Aufgabe erfüllen können, besser als jeder Jäger.

Bevor wir Menschen hier ankamen, bildeten der Braunbär und vor allem der Wolf die Spitze der Nahrungspyramide. Mit deren Ausrottung haben alle Schalenwildarten und anderen größeren Tiere kaum noch natürliche Feinde. Höchstens als Jungtiere werden sie noch von Beutegreifern, früher Raubzeug genannt, gefressen. Jetzt bleibt nur noch der Mensch, der als Jäger, Autofahrer oder Bauer mit seiner Technik größeres Wild töten kann. Die selektiven Eingriffe der Jäger sind jedoch oft auf Trophäen, auf Beute für den Kochtopf, Wildschadensbekämpfung auf Feldern oder wie bei Treibjagden, auf große Strecken ausgerichtet. Immer stehen viele persönliche Interessen hinter der Jagd. Selten werden sie die sensiblen, fließenden Gleichgewichte in der Natur im Auge haben.

Denken wir nur an den heftig geführten Streit unter Jägern und Waldbesitzern, wieviel Wild ein Wald verträgt.

Ganz anders der Wolf, er frisst und tötet, weil er Hunger hat, mehr nicht. Als Nahrungsopportunist nimmt er das, was am leichtesten zu bekommen ist. Krankes, junges, angeschossenes und altes Wild. Ganz oben auf seiner Beuteliste steht bei uns das Reh, aber auch alle anderen Schalenwildarten, Mäuse, Biber, Füchse, Marderhund,  

Nutria, Aas und andere Tiere je nach Verfügbarkeit. Alles, was schnell genug flüchten kann, hat auch die Chance zu entkommen. So sieht eine echte Selektion in der Natur aus. Geweihenden zählt der Wolf nicht.

Ja, er frisst auch Schafe, Kühe, überhaupt alle Weidetiere, die er leicht überwältigen kann. Vor allem wenn sie eingepfercht sind und nicht fliehen können. Bricht er in solch einen Pferch ein, entsteht Panik, und oft beginnt so ein Massentöten. Manche sprechen dann vom "Blutrausch". Ähnliches findet man auch, wenn Fuchs oder Marder in den Hühnerstall eindringen. Das sind natürliche Reflexe, die nur unter der Bedingung ausgelöst werden, dass die Tiere nicht fliehen können und panisch reagieren. Im Fall Kappe könnte man die Frage stellen, wieso hält ein Jäger in der Schorfheide DamWILD in einem Gatter? Sicherlich war es gegen die Flucht des Wildes gut gesichert, aber nicht gegen Einbruch.

Hier sind wir bei einem der Hauptstreitpunkte anbelangt. Ich halte das für ein Dilemma, das nicht ganz zu verhindern ist, es sei denn, wir rotten den Wolf wieder aus. Durch guten Schutz (Zäune, Herdenschutzhunde) lassen sich die Verluste der Tierhalter stark reduzieren. Da ein Teil der Gesellschaft den Wolf will, gilt es, die Tierhalter gebührend zu unterstützen und zu entschädigen. Tötet der Wolf Nutztiere, werden dem Tierhalter trotz des Geldes die Tränen kommen.  

Auch die Jäger müssen oft tief in die Tasche greifen, um Wildschäden auszugleichen, und die Waldbesitzer müssen teure Zäune um ihren Jungwuchs ziehen, doch verlangt deshalb ernsthaft keiner, das Schalenwild auszurotten. 

Ein anderes immer wieder geäußertes Gegenargument ist die Gefährlichkeit des Wolfes für den Menschen. Wenn viele Wolfsbefürworter und -kenner auch meinen, da passiert nichts, die Wölfe sind scheu und meiden die Konfrontation mit dem Menschen, denke ich: Ja, es kann auch Angriffe geben, denn jedes Tier wie auch der Mensch sind nicht berechenbar, und Verhaltensanomalien kann man nicht ausschließen. Also Vorsicht ist geboten. Wir gehen ja auch vorsichtig über die Straße, immer in der Hoffnung, dass der Autofahrer alles richtig macht. Und macht er immer alles richtig, obwohl er ein Mensch ist? Ein Leben ohne Risiko ist unmöglich, auch im Wald. Nicht immer kommt man gesünder wieder aus dem Wald, als man reingeht. Siehe Zecken.

In Fällen, wo der Wolf sich auf Weidetiere spezialisiert oder die Nähe zu Menschen nicht mehr scheut, bin ich auch für eine gezielte Bejagung. Nachdenken sollte man auch über Strategien der Vergrämung von Wölfen oder deren Reduzierung auf geeignete Gebiete, um die Konflikte gering zu halten.

Wer einmal Statistiken aus Deutschland gesehen hat, wie oft und wie schwer Menschen von Haushunden verletzt oder getötet wurden, sollte ganz woanders Angst haben. Schaffen wir deshalb unsere Hunde ab? Dass dieser Vergleich nicht gut ankommt, ist mir klar, aber man kann ja mal sein Wertesystem überdenken.

Wieso kommen eigentlich die Polen, Italiener, Schweizer und andere Europäer mit dem Wolf aus? In der Regel hängen auch sie am Leben und haben Nutz- und Haustiere.

Natürlich kommt der Mensch ohne Wölfe, Bären, Luchse, Habichte, Biber, Kormorane, Wühlmäuse, Wespen und anderes Getier aus, doch wollen wir das wirklich? Was ginge uns da nicht alles verloren.

Man kann das alles auch als eine große Bereicherung sehen. Wenn in Afrika die Löwen oder in Indien die Tiger abgeschossen werden, stöhnen wir alle auf ...

Ob man dafür oder dagegen ist, bleibt immer eine Abwägung, hängt von der Betroffenheit und von der eigenen Einstellung zur Natur ab. Die viel bemühte Tierliebe sollte jedoch nicht beim eigenen Haustier aufhören.



Wölfe

Der Vorfall von Kappe

von Manfred Lentz

Hätten es Menschen getan, so hätte man von einem Massaker gesprochen. Aber können Tiere Massaker begehen? Im Zusammenhang mit ihnen wäre es wohl ein unpassendes Wort, obwohl es inhaltlich genau das bezeichnet, was in Kappe geschehen ist. Und vielleicht ist dem Jäger ja auch gerade dieses Wort durch den Kopf geschossen, als er vor einigen Tagen früh am Morgen das dortige Damwildgehege betreten hat - am Ortsausgang rechts vom Weg nach Krewelin -, das er für einen Berliner Jagdfreund betreut. Fotos von dem Geschehen kann ich nicht beisteuern, doch wer sich eine Vorstellung machen will von dem, was besagter Jäger an jenem Morgen in dem Gehege vorgefunden hat, der kann ganz einfach die Google-Bildsuche bemühen und z.B. die Wörter "Reh" und "gerissen" eingeben, und schon wird der Kappe-Vorfall anschaulich. Und mit ein wenig Fantasie kann er sich die Szenerie auch noch etwas genauer ausmalen: Rund zwei Dutzend Stück Damwild gibt es meiner Erinnerung nach in dem Gehege, von denen vier das Ziel der nächtlichen Attacke geworden sind. Wobei man fast versucht ist zu sagen, die Tiere, die tot waren, haben Glück gehabt. Denn die anderen waren bei ihrer Auffindung weit übler dran: die Körper zuckend, weil noch Leben in ihnen war, mit klaffenden Fleischwunden und womöglich mit herausgezogenem Gedärm, überall Blut, und dazu die Schreie oder das Wimmern der Tiere, was allerdings nur meine persönliche Vermutung ist, da ich mich mit dem Verhalten halb-getöteten Damwilds nicht auskenne. Auf jeden Fall aber leidend (erst ein Gnadenschuss hat sie erlöst), weil die Angreifer sie auf diese widerliche Weise zugerichtet hatten. Die Angreifer: zwei oder drei Wölfe, die in das Gehege eingedrungen waren und die Tiere, die keine Chance zum Fliehen hatten, die immer nur wieder in Todesangst gegen den Zaun anrennen konnten, gehetzt und gerissen hatten. Die "widerliche Weise" würden mir unsere Wolfsideologen jetzt gewiss gerne streichen wollen mit dem Hinweis, dass eine solch moralisierende Terminologie bei Tieren fehl am Platze sei, da diese ja nur das täten, was ihr Instinkt ihnen eingäbe. Und anschließend würden sie vermutlich wieder all die bekannten Floskeln abspulen, die jeder von uns schon bis zum Erbrechen gehört hat: dass die Wölfe in unsere Landschaft gehören; dass die Besitzer der gerissenen Tiere diese nur besser hätten schützen müssen; dass Wölfe grundsätzlich den Menschen scheuten, sie für ihn also keine Gefahr darstellten; und natürlich würde auch der Verweis auf die bösen Jäger nicht fehlen, die wütend seien, weil die Wölfe ihnnen ihre Jagdbeute wegnähmen. Menschen und Wölfe, so tönen diese Ideologen, müssten sich nicht nur miteinander arragieren - sie könnten es auch.

 

Sprüche, bei denen ich nur mit den Augen rollen kann. Weil es in früheren Zeiten Wölfe bei uns gab, deshalb gehören sie in diese Landschaft, sagen unsere Wolfsideologen. Ich habe bei solcher Argumentation immer nachgefragt, wie es sich denn mit den Bären verhalte, die gehörten schließlich auch lange Zeit in unsere Landschaft. Doch anstatt einer Antwort bekam ich jedes Mal nur ein 

irritiertes Lächeln, gefolgt von einem raschen Übergang zum nächsten Thema. Ebenso wie ich auf meine Frage, warum wir denn Wölfe überhaupt bräuchten, nie eine andere Antwort bekommen habe außer sinngemäß den beliebten Satz, der immer dann benutzt wird, wenn jemand nicht weiter weiß "Das war schon immer so." Alternativ: "Wir haben die Wölfe ja nicht geholt, die sind über die Oder eingewandert." Was vermutlich stimmt, aber was ist das für dünnes Eis, wenn man "argumentiert", weil das so sei, deshalb müssten wir nun auch mit ihnen leben? Wenn ich darauf antworte, dass man sie ja abschießen könne, erhalte ich nur vorwurfsvolle Blicke. Klar, Wildschweine kann man abschießen, Rehe, Hirsche, Füchse (Waschbären sowieso, weil die ja nicht in unsere Gegend gehören), aber Wölfe eben nicht. Warum nicht? Weil es Wölfe sind, ganz einfach. Ich kenne Leute, die fürchten sich inzwischen, in den Wald zu gehen. "Brauchen sie nicht", versichern unsere Ideologen, als wären Sprüche dieser Art geeignet, Angst verschwinden zu lassen. Dass Wölfe Menschen meiden, ist zwar richtig, nur wer garantiert, dass es nicht irgendwann einen Wolf (oder mehrere) geben wird, der vergessen hat, dass er für Menschen eigentlich harmlos ist, etwa weil er krank im Kopf ist (einen Wolf kann man nicht zum Psychiater schicken wie in einem vergleichbaren Fall einen Menschen), weil er durch irgendein Erlebnis aggressiv wurde (angeschossen z.B.) oder weil die mangelnde Furcht vor Menschen (sie tun ihm ja nichts) ihn zu gefährlichen Annäherungen verleitet? Was ist mit dem Wolf, der nachts auf den Straßen von Liebenwalde gesehen wurde? Unproblematisch? Ich glaube an Murphys Gesetz, wonach alles, was schiefgehen kann, auch irgendwann schiefgehen wird. Sollte das, was sich in allen Lebensbereichen immer wieder bewahrheitet hat, ausgerechnet für das Verhältnis Mensch/Wolf nicht gelten? Müssen wir erst einen Vorfall Rotkäppchen in der Schorfheide (oder woanders) erleben?  Wobei für unsere Ideologen in einem solchen Fall natürlich Rotkäppchen schuld wäre, versteht sich. Nur schade um Rotkäppchen, wenn es dann nicht mehr da wäre.

 

Für mich hat der Vorfall von Kappe vor allem zwei Facetten: Zum einen stößt er uns einmal mehr auf jenes Denken, das eine Tierart gewissermaßen zu "Herrentieren" stilisiert, denen gegenüber die übrige Tierwelt von Damwild bis zu Schafen nur nachrangig ist. Beträfe eine solche Abstufung der Wertigkeit nicht Tiere, sondern Menschen, so wäre das Stichwort Rassismus (zu Recht) wohl schnell bei der Hand. Eine Haltung, die mich als Tierfreund und Tierschützer nicht nur ärgerlich, sondern wütend macht. Aber es gibt noch eine zweite Facette: Wenn mir nach einem solchen Vorfall jemand sagt, er habe Angst, in den Wald zu gehen, so ist das eine nicht notwendige Einschränkung unserer Lebensqualität. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir es bei Wölfen mit einer tickenden Zeitbombe direkt vor unserer Haustür zu tun haben, die jederzeit hochgehen kann. Und die Murphys Gesetz zufolge auch irgendwann hochgehen wird.


Für unsere bäuerlichen Vorfahren war es völlig normal, gegen Wölfe vorzugehen, da sie Schäden anrichteten. Für den Adel stellten sie eine begehrte Jagdbeute dar. Wer sich eine Vorstellung davon machen will, wie eine Wolfsjagd im Jahr 1750 bei uns ausgesehen hat, der findet hier einen Auszug aus einem noch unveröffentlichten Romanmanuskript.