30 Jahre

Wie Kurtschläger den 9. November 1989 erlebt haben

Der 9. November 1989 ist der Tag, an dem die Berliner Mauer fiel - ein Datum, an das sich wohl jeder von uns erinnert. Im kommenden November jährt sich dieses denkwürdige Ereignis zum 30. Mal, und wir von kurtschlag.de wollen dieses Datum nicht einfach übergehen. Wir haben Kurtschläger gebeten aufzuschreiben, wie sie diesen Tag und die Zeit drumherum erlebt haben: wann und wie sie von der Maueröffnung erfahren haben, wann sie das erste Mal "drüben" waren und wie sie sich seinerzeit die künftige Entwicklung vorgestellt haben. Etwa ein Dutzend Kurtschläger haben ihre Erinnerungen für uns zusammengefasst. Damit wir mit der Veröffentlichung dieser Erinnerungen nicht zu nahe an das Jubiläum heranrücken, wenn sämtliche Medien voll des Gedenkens an diesen Tag sind, beginnen wir bereits in Abstand zum 9. November. Ab sofort werden wir alle paar Tage einen Bericht einstellen.

 

Allen, die sich die Zeit genommen und die Mühe gemacht haben, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, sagen wir unseren herzlichen Dank. Verständlicherweise konnten wir nicht alle Kurtschläger ansprechen und um einen Bericht bitten. Allerdings können wir die Reihe der bisherigen Berichte ergänzen. Sollte also noch jemand seine Erinnerungen an den 9. November mitteilen wollen, so kann er uns diese gerne zukommen lassen, damit wir sie ebenfalls einstellen.

 

Die Reihenfolge der Berichte haben wir ausgelost. Die Fotos zeigen die Installationen zum 20. und 25. Jahrestag des Mauerfalls in den Jahren 2009 und 2014 in Berlin.


Helmut Schöttler

Von der Maueröffnung habe ich erst am 10. November erfahren. Die politische Situation war im Herbst '89 sehr aufregend, spannend, gefährlich, beängstigend und schizophren zugleich. Wir hofften, ermutigt durch Gorbatschows Öffnung mit Glasnost und Perestroika, auf positive Veränderungen auch in der DDR. Die Stagnation in allen Lebensbereichen wurde immer gravierender und unerträglicher. Die Fluchtbewegungen über Ungarn und die Besetzungen der Botschaften in Prag und Warschau waren eine Auswirkung dieser Stagnation. Der staatliche Propagandaapparat wurde noch aggressiver und die Drohungen deutlicher. Jede noch so kleine Kritik wurde als subversive, volksfeindliche Intrige gebrandmarkt. Die SED reagierte mit Härte und Verschärfung der drakonischen Maßnahmen gegen jede andere Meinung. Die Beglückwünschung von Egon Krenz zu dem Massenmord auf dem Platz des himmlischen Friedens in China war im Gedächtnis. Ich empfand dies als unerträglichen Zynismus. Diese Gefahr, so hatte ich das Empfinden, bestand auch für uns. Der Spielraum, zu Widersprüchen Stellung zu nehmen, wurde immer kleiner. Die Reformen in der SU wurden verunglimpft und beschimpft. Ein Einwohner aus unserem Dorf bezeichnete Gorbatschow als Verbrecher. Sogar die sowjetische Zeitschrift

"Sputnik" wurde verboten. Honeckers Aussage "Die Mauer steht noch in 100 Jahren" war für mich ein Tiefschlag und extrem deprimierend. Jede Kritik an der SED und am System wurde bestraft. Wir erfuhren, dass Konzentrationslager in den Kreisen geplant wurden. Im Kreis Templin war das Woroschilowlager am Röddelinsee dafür vorbereitet worden, um bis zu 2.000 Menschen zu inhaftieren.

 

Am 6. und 7. Oktober 1989 war ich zu einer Besuchsreise in Schleswig-Holstein. Die Aufgeschlossenheit und Offenheit der Menschen dort waren beeindruckend. Die Berichte im Fernsehen waren für mich besonders beängstigend. Mir ging die chinesische Lösung nicht aus dem Kopf, die die SED für die DDR plante. Denn die Reden im Fernsehen und den Zeitungen zeugten von Hass und Hetze gegen das eigene Volk.

 

In den Herbstferien 1989 planten wir eine Reise in die CSSR (Hohe Tatra). Wenige Wochen vor unserem Reisetermin wurden Auslandsreisen verboten. Wir wagten zu widersprechen und bekräftigten mit einer Einladung der Gastgeber unsere Reiseabsicht in die CSSR. In der staatlichen Hierarchie lief es teilweise  



widersprüchlich, so dass wir nach langer Wartezeit am Abend vor dem Reisetag gegen 18 Uhr eine Reiseerlaubnis bekamen. Diese bestand darin, dass im Personalausweis ein Visum eingetragen wurde. Am folgenden Tag waren wir morgens um 6 Uhr am Grenzübergang Seifennersdorf. Dort angekommen, war der Grenzübergang geschlossen. Ein Grenzoffizier trat in extrem abweisender Haltung (ein Bild wie ein SS-Kettenhund im Nazideutschland) auf uns zu und wies uns sehr barsch auf das Verbot zum Grenzübertritt hin. Meinen Hinweis auf das Visum im Personalausweis kontrollierte er sichtlich schockiert und verärgert. In der Hohen Tatra erfuhren wir von der Ablösung Honeckers durch Egon Krenz. Meine Bemerkung "Der grinsende Idiot" sorgte für mein Erschrecken, vielleicht hatte ein "Gummiohr" zugehört.

 

Wieder zu Hause angekommen, erfuhren wir von den Friedensgebeten in der Templiner Kirche, wo die Stasi den ca. 500 anwesenden Menschen das Betreten der Kirche verbot. Am nächsten Montag waren wir ca. 5.000 Menschen, um unseren Unmut gegen die Repressalien der Stasi und den staatlichen Machtapparat zu demonstrieren. Besonders in Erinnerung blieb die Betonung der Gewaltfreiheit . Wir waren uns bewusst, dass jeder Übergriff ein   

willkommener Anlass für die Staatsmacht wäre, um Waffengewalt anzuwenden. Die Gewaltfreiheit hatte höchste Priorität. Die Bevormundung und Unterdrückung durch die SED, die sich immer im Recht sah, war unerträglich. Auch in Zehdenick trafen wir uns, viele hundert Frauen und Männer in und an der Kirche. Wir diskutierten und äußerten unseren Unmut. Die Angst war immer zugegen, denn die Stasi war immer und überall dabei. Die Menschen wurden trotz aller Gefahr mutiger und sprachen über die Willkür und das Unrecht. Die Aussage einer Kollegin (Lehrerin aus Kurtschlag): "Ich bin Mitglied der SED, und ich schäme mich dafür, dass ich jahrelang diesen Staat verteidigt habe." Heute mag uns dieses Bekenntnis nicht viel bedeuten, damals gehörte dazu sehr großer Mut. Den Beweis dafür erfuhr ich am 29. Juli 2014 in Gransee in einer öffentlichen Veranstaltung über die Arbeitsweise der Stasi im Altkreis Gransee, wo unter vielen anderen diese Aussage vorgelesen wurde. Zu der Zeit, im November 1989, konnten wir nicht wissen, dass die russische Armee nicht eingreift. Mit war immer noch der 17. Juni 1953 im Gedächtnis.

 

Anfang November 1989 waren mein Sohn, seine Freundin und mein Neffe aus Hammelspring zur Demonstration in Berlin. Das Auto stellten sie in der Nähe des S-Bahnhofs Prenzlauer Allee ab. Von dort  



gingen sie zu Fuß Richtung Alexanderplatz. Sehr viele Menschen waren mit dem gleichen Ziel unterwegs. Es wurde sehr viel fotografiert und oft sicher von der Stasi. Wir gingen (sagten sie) mit Mut und Angst zugleich, denn wir waren uns der Gefahr bewusst, dass eine spätere Bestrafung vorgesehen und geplant war. Wir wollten jedoch nicht untätig sein und alles weiter so ertragen.

 

Die folgenden Wochen im November und Dezember brachten jeden Tag neue Aufregungen und Versuche, das repressive DDR-System zu reparieren und wieder zu festigen. Auch die Umbenennung der Stasi in Nasi gehörte dazu. Diese Umbenennung sollte uns suggerieren, dass diese Einrichtung sich nun um die nationale Sicherheit kümmert, jedoch ohne das Personal oder die Struktur zu ändern. Die Kampagne "Für unser Land" war von einigen Initiatoren sicher gut gemeint, es hörte sich auch gut an, aber die Skepsis überwog. Die Vertreter der Staatsmacht des real existierenden Sozialismus schlossen sich diesem Aufruf an, damit wurde deutlich, dass der "Zug" umgeleitet werden sollte, ich fürchtete in die vorbereiteten Internierungslager. Teilweise ist versucht worden, den Demonstranten Überfälle auf die Sowjetarmee anzudichten. Die 

Verursacher solcher Anschuldigungen wollten die Russen zum Eingreifen nötigen, so vermute ich. Zu den Russen in unserer Nähe hatten wir ein gutes Verhältnis. Persönliche Kontakte gab es nur wenige, denn die russische Militärdoktrin hat diese weitgehend unterbunden. Vereinzelt gab es doch persönliche Kontakte, worüber jedoch nicht gesprochen wurde. Bei Bekanntwerden solcher Kontakte erfolgte eine sofortige Strafversetzung der Russen. In einer Unterhaltung mit einem russischen Fliegeroffizier wurde mir deutlich, dass die Russen nichts über die Situation in der DDR wussten. Auch über die Bundesrepublik war das Wissen erschreckend gering und entsprach den Zeitungsüberschriften des ND ("Neues Deutschland"). Der Offizier versuchte mir zu erklären, dass die Nazis in Westdeutschland und die amerikanischen Imperialisten den Überfall auf uns planten. Ich hatte den Eindruck, dass er glaubte, was er sagte. Meine Gelassenheit schien ihm unverständlich und beunruhigte ihn zusätzlich. Offensichtlich nahm er die sozialistische Propaganda wörtlich. In einer anderen Unterhaltung mit einem russischen Offizier (nach meiner Erinnerung im Jahr 1990) wurde deutlich, dass die Armeeangehörigen der Sowjetarmee keine Kenntnis über die Abrüstung in der Bundesrepublik hatten. Sie  



glaubten immer noch daran, dass der Überfall der Nazis und der imperialistischen Nato bevorstehe.

 

Selbst bei uns im Dorf hatten einfache Mitglieder der SED teilweise Probleme, die Wirklichkeit zu erkennen. In einem Gespräch über die Situation in der SU wurden Stalin und seine Verbrechen in der SU benannt. Stalins "große" Leistungen wurden gelobt, und er verniedlichte einzelne Vorkommnisse. Auch hier hatte ich den Eindruck, dass der Sprecher daran glaubte. Das DDR-System war nach seinem Verständnis eine sozialistische Demokratie, die in der Folge durch bürgerliche Demokratie ersetzt werden sollte. Was jedoch der Inhalt einer Demokratie ist mit seinem Potential und auch deren Probleme, sind solchen Sichtweisen fremd und nebensächlich. Aus heutiger Sicht müssen wir erkennen, dass solche Sichtweisen nach großen Umbrüchen keine Seltenheit sind. Das war und ist so bei der Naziideologie und nicht anders bei der DDR-Sicht mit ihrer Ideologie des realen Sozialismus.

 

Im Januar und Februar 1990 bemühten wir uns um die Gründung eines Ortsvereins der SPD in Kurtschlag. Nach mehreren Gesprächen 

half uns Pfarrer Kassner aus Templin (Angela Merkels Vater) bei der Gründung des Ortsvereins. Aber auch im Februar und März 1990 begleitete uns noch die Angst. Ein Stasimann aus Gransee sagte: "Euch kriegen wir noch alle. Ihr müsst nicht denken, dass das schon alles war. Wir wissen alles und vergessen nichts." Wir sahen diese Drohung auch als große Gefahr für Leib und Leben.

 

Nach den ersten freien Wahlen im März legte sich unsere Angst ein wenig, obgleich bei Reisen, besonders in den Westen, beim Grenzübertritt immer noch Beklemmungen auftraten, denn die Repressionen wirkten im Gedächtnis noch lange nach.

 

Nachbetrachtung aus heutiger Sicht: Voraussetzungen für eine sichere Zukunft sind banale, aber extrem wichtige Dinge wie:

- freie und geheime Wahlen

- unabhängige Gerichte

- eine freie Presse

- Das Zusammenwachsen der europäischen Länder ist Friedenssicherung.

- Der Klimawandel und die Migration sind nicht national lösbar. 



- Die eigene aktive Auseinandersetzung mit der Politik ist zugleich Voraussetzung für das Verstehen und das Funktionieren der Demokratie.

 

In den neuen Bundesländern ist die politische und gesellschaftliche Situation wesentlich schwieriger als in den alten Bundesländern. Dies hat sowohl wirtschaftliche als auch historische Gründe. Die wirtschaftlichen Gründe sind höhere Arbeitslosigkeit, geringere Löhne, längere Arbeitszeiten, schlechtere Infrastruktur, geringeres Rentenniveau, geringere Anerkennung. Diese Nachteile einseitig zu betrachten ist ein großer Fehler, denn hätten wir noch DDR-Verhältnisse, könnten wir von den derzeitigen Lebensbedingungen nur träumen. Darüber zu sprechen, wäre aus DDR-Sicht strafbar gewesen.

 

Die historischen Gründe liegen ganz wesentlich in der 40 Jahre länger währenden Diktaturerfahrung. Die Lebenserfahrung von uns Ostdeutschen beruht darauf, dass wir in dieser Zeit keine Gestaltungsmöglichkeiten hatten, sondern alles von oben 

entschieden wurde. Kritik war ausgeschlossen in der sogenannten "Diktatur des Proletariats" oder der "sozialistischen Demokratie". Das Proletariat hatte zu tun, was die Partei vorgab, damit blieb allein die Diktatur, die wir widerspruchslos hinzunehmen hatten. Argumente wie "Es war nicht alles schlecht" oder "Heute ist auch nicht alles Gold, was glänzt" sind richtig, verkennen jedoch die Wirklichkeit. Eine demokratische Gesellschaftsordnung erhebt auch keinen Anspruch auf Vollkommenheit. Ein Schlaraffenland muss ein Land der Fantasie bleiben. In wirklich demokratischen Verhältnissen mit allem "Für" und "Wider" entwickeln viele Menschen bei uns Frust, den sie entladen wollen. Demokratie ist eben nicht einfach, und deshalb sind langwierige, gründliche, teilweise widersprüchliche Ansichten zu diskutieren. Eine Diktatur hat es dagegen einfach, denn "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns". Nach meiner Einschätzung ist dies der Hauptgrund, dass viele Menschen auf die Parolen der AfD hereinfallen, denn deren Ideologie ist einfach. Nach außen werden wohlklingende Parolen genannt, deren Verwirklichung ist jedoch weder beabsichtigt noch im Plan. 

 


20. Jahrestag des Mauerfalls (2009)

Ingrid und Jürgen

Auch unser Sohn war Anfang November 1989 nicht mehr davon abzuhalten, mit Frau und halbjährigem Kind den Weg nach Westdeutschland über die Tschechoslowakei zu wählen. Vorausgegangen war schon ein Besuch bei unseren Prager Freunden. Hier hatten sie sich auch ein Bild gemacht am Zaun der Prager Botschaft. Am 8. November trafen wir uns zum Abschied, zur Trennung voraussichtlich für Jahrzehnte, ein schwerer Abschied.

 

Die Folgende Nacht und der Tag danach waren schrecklich, an Schlaf und an Arbeiten war nicht zu denken. Dann kam um 19 Uhr die unerwartete Nachricht vom neuen Reisegesetz der DDR und seiner sofortigen Wirksamkeit! Also am nächsten Morgen sofort zur Polizei, um ein Visum zu beantragen, dann können wir unsere Kinder wieder besuchen. Eine Stunde später klingelte das Telefon, und unser Sohn meldete sich nicht aus dem Westen, sondern von zuhause. Wir waren ganz erstaunt, denn eigentlich wollten sie ja schon weg sein, aber sie hatten es an dem Tag nicht geschafft und wollten nun am nächsten Tag fahren. Da sie in der Nähe der Bornholmer Brücke wohnten, wollten sie nun mal sehen, was sich dort tat. Wir beide gehen erlöst schlafen, stellen den Wecker, damit wir frühzeitig an der Polizei-Inspektion einen guten Platz in der Schlange bekommen zum 

Beantragen des Visums. Am nächsten Morgen: Himmel und Menschen vor der Polizei. Das Warten hat sich gelohnt, Gebühren bezahlt, Stempel in den Personalausweis bekommen und überglücklich darüber, dass es keine Trennung mehr geben wird. Im Betrieb arbeitet kaum einer, man spricht über die Reiseerleichterungen und schmiedet Pläne und kann ja in den nächsten Tagen auch noch ohne Visum nach West-Berlin fahren. 

 

Am Abend wieder ein Anruf unseres Sohnes, er fragte nach, ob wir auch im Westen waren. Sie hatten versucht, uns vom Kudamm anzurufen, aber bei uns ist keiner ans Telefon gegangen. Wir hatten aber fest geschlafen und kein Klingeln gehört. Sie waren bei den Ersten an der Bornholmer Brücke; wäre ein bisschen kritisch gewesen, als sich eine immer größer werdende Menschenmenge vor dem noch geschlossenen Übergang bildete. Aber alle waren sehr diszipliniert, und plötzlich ging das Tor auf!

 

Nun ist es seit 30 Jahren Normalität: Wir können, so oft wir wollen, uns sprechen, sehen, besuchen. Damit diese nicht wieder verloren geht, wollen wir uns erinnern an die Zeit davor.


25. Jahrestag des Mauerfalls (2014)

Dagmar Feuerhelm

Ich erinnere mich daran, dass mein Cousin aus dem Westen in Kurtschlag zu Besuch war. Wir saßen auf dem Sofa und schauten Nachrichten im Fernsehen. Da war zu sehen, dass die Stimmungen sich immer mehr aufheizten und Menschen ihren Unmut über die Verhältnisse in der DDR zum Ausdruck brachten. Ich sagte zu meinem Cousin, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die Grenze sich durch den starken Protest öffnen würde. Er sah das nicht so, und ich sagte: Bestimmt, du wirst sehen!! Er reiste wieder ab und bald danach kam es, wie es kommen musste! Der Jubel war überall groß, und die Menschen lagen sich in den Armen. So war es im Fernsehen zu sehen. Die Zeitungen und das Radio voller Euphorie!! OK, dachte ich, irgendwie habe ich immer daran geglaubt, dass es so, wie es war, auf Dauer nicht weitergehen würde! Die Menschen waren sehr mutig, und es hat geklappt!! Eine friedliche Revolution!!!

 

Ja, und nun? Auf der Arbeit ging es in Kurzarbeit. Ängste machten sich bei mir breit! Wie soll es weitergehen?? Was wird mit der Arbeit? Wird unser Geld zum Leben reichen? Ich muss was tun!!! Es ging mit meiner Arbeit zu Ende, das Werk für Fernsehelektronik in Groß Dölln wurde geschlossen. In der Zeitung eine Anzeige, Umschung zur 

Einzelhandelskauffrau an der AWT in Zehdenick. Ich fragte meine Nachbarin, die auch neue Orientierung suchte, ob wir gemeinsam umschulen wollten. Sie sagte zu, und wir marschierten zum Arbeitsamt Gransee. Von dort schickte man uns direkt zur AWT für ein Vorstellungsgespräch. Nach kurzer Zeit kam ein positiver Bescheid. Los ging es mit der Schule für Betriebswirtschaft im Einzelhandel. Ich war sehr dankbar für die viele Bildung und konnte nach zweieinhalb Jahren meinen IHK-Abschluss erfolgreich in Empfang nehmen. 11 Jahre arbeitete ich in einem Geschäft für Schuh- und Lederwaren. Diese Zeit hat mich sehr geprägt, und ich konnte meine Persönlichkeit im Umgang mit guten Kollegen, Chefin und Kundschaft super entwickeln. Da war ich gerade 30 Jahre alt.

 

Ach ja, das Begrüßungsgeld! Wir freuten uns natürlich in meiner Familie darüber sehr, wollten uns einen Kassettenrekorder dafür kaufen. Was wir auch gemacht haben! Mit Mann und Maus ging es los. Schallplatten, Kassettenrekorder, Kassetten und dicke Schaumküsse voller Freude eingekauft. Die Straßen und die Läden waren voller Menschen. Alle waren gut gelaunt und ohne Ende neugierig, alles hat so toll gerochen. Unser Marcus trällerte ein Liedchen, er hatte ein 



kleines Kuscheltier mit Minirucksack. Dort steckte ein freundlicher Mensch, der unsere gute Laune beobachtet hatte, eine Mark in diesen Minirucksack! Wir staunten und bedankten uns.

 

Reisepläne nach Frankreich wurden geschmiedet! Dort lebte meine Schwester seit kurzer Zeit, sie hatte sich in einen Franzosen verliebt, und ihr erster Sohn ist im Mai 1990 geboren. Also sind wir los. Für die Bahnfahrkarten noch die Ostmark zusammengekratzt, gleich die Hin- und die Rückreise gebucht. Die Reise machten wir im Sommer 1990, da gab es im Juli dann die Umstellung von der Ost- auf die Westmark, wenn ich mich richtig erinnere. Los ging es von Berlin. Über Nacht, es war eine gute Verbindung. Alles war super aufregend. Zum Schluss kurz vor dem Ziel in Nancy noch ein Stück mit dem ICE. Es war sehr warm, und der ICE war mit Klimaanlage, das war auch was Neues für uns. Am Bahnhof angekommen, begrüßte uns mein Schwager. Wir waren glücklich, da zu sein. In der Wohnung im 10. Stock erwarteten uns meine Schwester und das Baby! Ich war überglücklich und heulte erst mal los. Wir hatten eine lustige Zeit und machten am 

Küchentisch mit weit offenem Fenster richtig viel Rabatz! In Frankreich großer Supermarkt, Schwimmhalle, Parkanlagen, Restaurant, die fremde Sprache! Alles neu und spannend! Das nächste Mal fuhren wir mit unserem ersten Westauto, einem Renault 19, zu meiner Schwester. 

 

Ja, so war das für mich in dieser Zeit. Ich hoffe, Ihr hattet alle Spaß beim Lesen!! Ich wünsche allen ganz viel Glück und Gesundheit für die nächsten Jahre!!

 

Liebe Grüße von Dagmar!!

 

P.S. Nach dreißig Jahren hat sich mein Cousin jetzt wieder bei mir gemeldet.


20. Jahrestag des Mauerfalls (2009)

Axel Kulicke

Es ist ja schon einige Zeit verstrichen, jedoch erinnert man sich an so einen besonderen Tag wohl besonders genau. In der Nacht vom 9. zum 10. November kam ich gegen 4 Uhr früh von einer Veranstaltung nach Hause und wunderte mich, dass das Haus noch hell erleuchtet war und meine Frau mich hellwach mit den Worten begrüßte: "Die Mauer ist auf!" Ich war zwar nicht mehr großartig zu Späßen aufgelegt, wollte nur noch duschen und ins Bett, jedoch der laufende Fernseher und die aufgeregte Stimmung ließen sofort die Müdigkeit verschwinden. Stattdessen blieb mir wohl die Kinnlade offen, und obwohl noch ein wenig ungläubig, musste ich eingestehen, dass sie wohl recht hatte. Nach dem Aufwachen jedoch zweifelte ich zunächst wieder daran und musste erneut den Fernseher bemühen, um mich von der Realität zu überzeugen. 

 

Die erste Reise zum Klassenfeind unternahmen wir einige Tage später nach Westberlin. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich beim Abstempeln meines Ausweises an der Wollankstraße ein wenig Bedenken hatte, dass man uns nicht wieder einreisen lässt. Dieser Gedanke ließ mich auch während der Stunden im anderen Teil der Stadt nicht mehr los. Jedoch diese Grenze einmal zu überschreiten - 

das war ein Gefühl, das man schlecht beschreiben kann. Der erste Aufenthalt war nur wenig spektakulär, wir hasteten über den Kudamm, bestaunten viele Schaufenster und schlossen mit einem Besuch am Bahnhof Zoo ab, um uns über den Umtauschkurs zu informieren. Diesen Tipp haben wir von anderen DDR-Bürgern in Westberlin bekommen und auch den Hinweis, dass man teilweise zu einem "guten Kurs" die DDR-Mark umtauschen kann. Erstmals machten wir die Erfahrung, wie Marktwirtschaft funktioniert. Die fliegenden Geldwechsler boten Umtauschkurse zwischen 6:1 und 7:1 an und hatten unvorstellbare Stapel DDR-Scheine in den Taschen. Bis heute ist mir rätselhaft, wo sie dieses Geld gewinnbringend loswurden oder ob es sich nur um eine Form von Geldwäsche handelte. Auf das Begrüßungsgeld haben wir zunächst verzichtet, weil wir uns nicht in die langen Menschenschlangen einfügen wollten, und irgendwie fanden wir es auch ein wenig peinlich, als Bittsteller aufzutreten. Wir haben aber auch erfahren können und nicht vergessen, dass man einen Ostmenschen fast überall gern zu einem Kaffee oder einem Getränk einlud und auch anderweitig großzügig reagierte. Die Westberliner hatten scheinbar schon von weitem das Gespür, wer von drüben kam (wohl auch wegen der DDR- 



"stonewashed"-Jeans, die viele trugen). Zu diesem Zeitpunkt stand es für mich fest, das ist ein Ausnahmezustand, und es wird nicht so bleiben. Meine Erwartungen gingen dahin, dass die DDR in wirklich demokratischer Form weiterexistieren würde und sich die Beziehungen zum Westen in geregelten und menschlichen Verhältnissen gestalten lassen. An eine Wiedervereinigung habe ich weder gedacht noch geglaubt. Mir schien die DDR reformierbar zu einer echten Demokratie und der Weg zu einer Wiedervereinigung nur sehr langfristig realisierbar. In diesem Zusammenhang habe ich auch erwartet, dass die Mauer wieder geschlossen wird, jedoch durch vereinfachte Reisemöglichkeiten erträglich gestaltet. Heute glaube ich, dass für nachfolgende Generationen ein vereintes Deutschland besser ist, auch wenn es teilweise sehr schmerzhaft war und vielleicht noch ist. Um so mehr sollten wir daran denken, dass wir nur dieses eine Deutschland haben.

 

Vielleicht noch schnell eine kleine Begebenheit, die zum Schmunzeln anregt. In der Folgezeit sind meine Gattin und ich des öfteren mit einer geliehenen Karte in die "Metro" in Spandau einkaufen gefahren. Wir hatten um diese Zeit irgendwann in Kurtschlag einen jungen 

russischen Offizier vom Flugplatz kennengelernt, der uns auch seine Frau vorstellte, die erst vor kurzer Zeit aus der tiefsten Sowjetunion hier angekommen war und in Vogelsang als Lehrerin arbeiten sollte. Eine gebildete und sehr selbstbewusste Frau. Er bat uns, doch seine Frau einmal nach Westberlin mitzunehmen, und da man in dieser Zeit kaum noch Ausweise kontrollierte, sondern nur noch durchwinkte, willigten wir ein. Schon auf dem riesigen Parkplatz der "Metro" sah man, dass sie die Menge der Autos sehr beeindruckte und sie immer stiller wurde. Kaum mit dem Wagen im Gebäude, machte sie noch einen großen ungläubigen Rundumblick und fiel dann in Ohnmacht. Es dauerte einige Minuten, bis sie trotz Hilfe wieder bei Bewusstsein war und teilte uns dann mit, dass das Angebot und der Überfluss schier unglaublich und unfassbar sind und ihr Vorstellungsvermögen überschritten haben. Das ist durchaus nachvollziehbar, wenn ich daran denke, dass auch uns manchmal der Atem stockte, als wir erstmals die Auswahl in den westlichen Kaufhäusern sahen, und für Menschen aus der damaligen Sowjetunion war ja die DDR damals schon das Land des Überflusses.


25. Jahrestag des Mauerfalls (2014)