Keine alte Frau bei blakender Kerze

von Manfred Lentz

Es ist ganz einfach: Als erstes macht man die Kette, dann bäumt man die Kette auf den Kettbaum auf und zieht jeden einzelnen Faden durch eine Litze. Steuerung nennt man das. Anschließend zieht man jeden dieser Fäden durchs Blatt, verschnürt die Schäfte mit den Tritten, bindet die Kette am Warenbaum an und fertig ist's. Nun kann angewebt werden, wobei der Weber hofft, nur keinen Fehler gemacht zu haben. Alles klar?

 

Nun ja, vermutlich ist nicht jedem Leser dieser Zeilen so ganz klar geworden, was hier passiert, und wenn ich ehrlich bin, habe auch ich nur wenig verstanden von dieser Anleitung, die ich mir in dem Geschäft in mein Notebook notiert habe. In dem Geschäft? Gemeint ist die "Tuchmacherei, Stickerei im Backhaus" in der Berliner Straße 46 in Zehdenick. Schilder auf der Straße weisen auf die "Tuchmacherei, Stickerei" hin, und damit jeder begreift, was es damit auf sich hat, liegen auf einem Tischchen ein paar textile Beispiele bereit. Geht man durch den Hauseingang, gelangt man in einen langgestreckten Innenhof mit einem Gebäude zu rechter Hand, auf dem "Backhaus" steht. Der Name ist irreführend, denn gebacken wird hier schon lange nicht mehr. Das hat die Bäckerei "Malingriaux" einst getan, deren Nachfolgerin - die Bäckerei "Janke" - sich heute in einem Laden im Vorderhaus befindet. Seit März 2018 ist das einstige Backhaus das Reich von Anne Pries, einer Frau mittleren Alters, zu der mir jetzt, da ich über sie schreibe, spontan die Wörter kompetent, dynamisch und verbindlich in den Sinn kommen. Vom unmittelbarsten Rand von Berlin stammend, den es gibt - wenn ihr Sohn beim Spielen einen Ball über die Hecke des Grundstücks warf, dann 

flog der aus Brandenburg nach Berlin -, ist sie seit vier Jahren in Zehdenick ansässig und betreibt nach Ausbau des "Backhauses" eben jene "Tuchmacherei, Stickerei" in der Berliner Straße. Statt Tuchmacherei könnte dort auch "Spinnerei und Weberei" stehen, gehört doch beides zu diesem Handwerk.

Sticken - das war für mich bis zum Tag unseres Besuchs bei Anne Pries zum einen meine Mutter, wie sie mit einem leeren weißen Tuch in ihrem Sessel saß und dieses überwiegend mit Kreuzstichen in eine schmucke Tischdecke verwandelte, zum anderen verband ich mit Sticken hutzlige alte Frauen in früheren Jahrhunderten sowie Nonnen in Klöstern, die bei blakendem Kerzenlicht in winterkalten Räumen über ihre Stickrahmen gebeugt zusammensaßen und - während sie über das Geschehen im Dorf, im Kloster oder in der nächstgelegenen Stadt tratschten -, jene 

vor der Restaurierung

Textilien für profane oder religiöse Zwecke produzierten, die wir heute bei zumeist abgedunkeltem Licht in den Vitrinen unserer Museen bewundern. Doch was für eine gänzlich andere Welt war das, verglichen mit jener, die wir nun in der Werkstatt von Anne Pries kennenlernen! Da sitzt keine alte Frau bei blakender Kerze, und simple Kreuzstiche gibt es hier auch nicht - da regiert Hightech in Gestalt eines Computers, auf dessen Display sowohl einfache als auch äußerst

nach der Restaurierung durch Anne Pries


komplexe Muster entstehen, die anschließend von einer Maschine - teuer wie ein Auto, wie wir erfahren - mit maschinengewehrähnlichem Rattern in affenartiger Geschwindigkeit Stich für Stich auf ein Stück Stoff übertragen werden. Gerade sind es die Abzeichen eines Fußballvereins, die auf Jacken und Shirts aufgebracht werden, knapp 300 Stück, alle perfekt vom Aussehen her, völlig identisch und meiner Vermutung nach selbst dann noch in Form, wenn die Fußballer längst auf Rente sein werden. Eine Zierde jedes Sportlerdresses, aber natürlich können auch Handtücher mit eingesticktem Namen das Endprodukt des maschinellen Stickvorgangs sein oder Taschen mit Emblemen oder Stoffbeutel mit Häschen oder Rehlein oder was der Kunde an kitschigen Motiven sonst noch verlangen mag. Doch das ist nur die eine Seite von Anne Pries' Geschäft, die technisierte, daneben gibt es noch die traditionelle, das Sticken mit der Hand. Und wenn ich schreibe, dass das 

noch mal eine eigene Welt ist, so ist das zwar richtig, aber gleichzeitig noch stark untertrieben. Ein Durchblättern ihrer Musterbücher für Stickstiche entlockt uns Wörter wie "unglaublich" und "faszinierend", und immer wieder schütteln wir tief beeindruckt den Kopf. Wer sich nie näher mit diesem Thema befasst hat, der nimmt die Beschreibungen von textilen Ausstellungsstücken in Museen als "gestickt" einfach so hin. Doch wenn man sieht, wie viel hochkonzentrierte, anspruchsvolle und absolut exakte Fummelarbeit vielfach nötig ist, um jene Stücke herzustellen,  der kann ihren Machern den höchsten Respekt nicht versagen. Anne Pries zeigt uns einige Exemplare, an denen sie selbst ihr

Können unter Beweis gestellt hat, darunter ein Kreuz für ein Altartuch in einer Kirche, das sie arbeits- und zeitaufwändig restauriert hat. Irgendwie fällt es uns schwer, diese agile Powerfrau mit dem unendliche Geduld erfordernden Klein-Klein zu verbinden, das diese Arbeit ausmacht, aber sie bringt das fertig - weil sie schon immer eine Leidenschaft für diese Arbeit hatte und weil sie sich die notwendigen Kenntnisse in einer zweijährigen Ausbildung auf einer Stuttgarter Stickschule angeeignet hat. Dass man allerdings auch bei noch so viel Leidenschaft und handwerklichem Geschick allein vom Sticken nicht leben kann, hat sie sich schon frühzeitig gedacht, weshalb sie zunächst eine Ausbildung als Erzieherin absolviert hat. Inzwischen arbeitet sie zwei Tage in der Woche als Einzelfallhelferin für Erwachsene mit geistigen oder sonstigen 


Behinderungen und führt ihr textiles Leben an den übrigen Tagen. Dann wird gestickt, und außerdem wird noch gewebt - gleich an mehreren Webstühlen - und gesponnen, mit Hilfe von Spinnrädern oder wie einst Dornröschen mit einer Spindel. Geduldigt führt sie uns auch diese Techniken vor und lässt uns ein wenig in die Materie hineinschnuppern, wobei das wirklich nur ein Schnuppern ist, mehr geht nicht, denn alles andere bräuchte viel Zeit, viel Energie und eine gehörige Portion Begeisterung. So wie das eben bei ihr der Fall ist, aber auch bei manchen ihrer Kunden, die neugierig und interessiert in der Stickstube auftauchen. Wer immer schon mal an einem Webstuhl ein Schiffchen durch eine Kette schießen wollte, wer wie einst die Frauen in früheren Zeiten mit einem Spinnrad oder einer Handspindel aus Wollfasern Fäden herstellen oder ein Stickunikat für den heimischen Wohnzimmertisch anfertigen wollte, der kann das hier tun. Mit 10 Euro in der Stunde ist er dabei, er wird angeleitet und unterstützt, so dass er am Ende seiner Sitzung mit etwas Selbsthergestelltem stolz von dannen ziehen kann. Auch zu einem

größeren Event kann man den Aufenthalt in der Stickstube machen - wie etwa jene Paare, die vor einem gemütlichen Abend mit Grillfleisch und Bier noch ein paar kreative Stunden an Webstühlen eingeplant haben. Eine ausgefallene Idee, aber vermutlich eine, die sich als  sehr unterhaltsam erweisen wird.

 

Dass Textilien in Zehdenick früher eine große Rolle spielten, erfahren wir bei unserem Besuch in der Stickstube nebenbei. Über Jahrhunderte, so Anne Pries, blühte das Tuchmacherhandwerk in Zehdenick, worauf auch heute noch Straßennamen hindeuten wie Hirtenstraße, Rahmen- und (Walk-)Mühlenstraße. Erst mit dem Aufkommen der Ziegelindustrie Ende des 19. Jahrhunderts starb das Tuchmacherhandwerk aus, und heute weiß kaum noch jemand von diesem Teil der Zehdenicker Geschichte. Dass die textile Vergangenheit wiederaufleben wird, das zu glauben wäre Unsinn. Aber dass das Wissen um die Zusammenhänge zumindest teilweise fortleben wird, dass die Fertigkeiten unserer Vorfahren nicht ganz in Vergessenheit geraten werden, davon ist auszugehen, solange es Menschen gibt, die für ein Stück Stoff zwischen den Fingern und einer Nadel in der Hand einen Faible haben. Anne Pries will ihren Teil zur Bewahrung dieser Tradition beitragen und sie wird es auch weiterhin tun. Davon haben uns die zwei Stunden in ihrer Werkstatt, die wie im Flug vergangen sind, überzeugt.

 

Weitere Informationen gibt es auf der Webseite von Anne Pries: https://www.stickatelier-anne.de