Schrauber Kay

von Manfred Lentz

Es war ein hässliches Entlein, das der Norderstedter Spediteur im Sommer 2017 an der Kurtschläger Dorfstraße 12a aus seinem LKW auslud. Verschmutzt, zerschrammt und voller Rost, die Farbe abgeplatzt und im Blech zahlreiche Dellen, zerschlissene Sitze und wo die Scheinwerfer und das Firmenemblem hingehörten, nur trostlose Löcher. Dazu die unpassenden blauen Türen, die auf den schäbigen Eindruck noch eins draufsetzten. Ignoranten wie ich hätten ein solches Fahrzeug wohl einfach dem nächsten Schrotthändler übergeben. Nicht so jedoch Kay Wichmann, der Adressat dieser Lieferung. Für ihn war das, was er da vor sich sah, kein hässliches Entlein - für ihn war es ein stolzer Schwan. Nicht aktuell natürlich, doch irgendwann - davon war er fest überzeugt -, nach viel Arbeit, viel Zeit und mit Hilfe etlicher Finanzspritzen würde sich das Entlein in einen Schwan verwandeln. In einen solchen, wie sein Vater ihn einstmals besessen hatte.


Viele Kurtschläger werden ihn noch kennen, den BMW Dixi Limousine, mit dem die Familie von Wilfried Wichmann bis zum Jahr 1985 unterwegs war, ein amtliches "DB 55-96" auf dem Nummernschild und über dem Fenster auf der Rückseite die Aufschrift "Xanthippe". Als Xanthippe bezeichnet man eine streitsüchtige Frau, und streitsüchtig war auch der Wagen, etwa wenn er wieder einmal nicht anspringen wollte, wenn der Motor stotterte oder wenn das ganze Gefährt sich als Folge der schlechten Federung gar auf die Seite legte, so dass die Insassen - verletzt wurde

in all den Jahren zum Glück niemand - ihn per Muskelkraft wieder aufrichten mussten. Aber dennoch scheint die Familie den Wagen auch geliebt zu haben, schließlich waren die Jahre von 1962 bis 1985, in denen er ihr als fahrbarer Untersatz diente, eine lange Zeit. Und so scheinen es denn genau diese positiven Erinnerungen gewesen zu sein, die Kay zu seinem Kauf motiviert haben. Nicht zu seinem ersten Kauf dieser Art im übrigen - bereits ein Jahr zuvor hatte er über Ebay bei einem Münchner eine Limousine desselben Typs erworben, womit nun bereits zwei Fahrzeuge aus derselben Serie in seinem Hobbyraum an der Dorfstraße standen.

"Dixi" ist ein Wort aus dem Lateinischen und bedeutet "Ich habe gesprochen". Ob hier jemand seine humanistische Bildung unter Beweis stellen wollte oder ob man den Namen gewählt hatte, weil er irgendwie freundlich klingt, einfach und sympathisch, mag dahingestellt sein - Fakt ist, dass es eben dieser Name war, unter dem im Jahr 1904 der erste "Dixi" in der Fahrzeugfabrik Eisenach zusammengeschraubt wurde. Die folgenden Jahre verliefen für das Unternehmen erfolgreich, verschiedene mittlere und große "Dixi"-PKW kamen auf den Markt, doch Schwierigkeiten nach dem Ersten Weltkrieg führten dazu, dass die Firma einen kleinen "Dixi" herausbrachte, einen Nachbau der britischen Firma Austin mit 750 ccm und 15 PS. Eine Maßnahme, die den Niedergang der Firma jedoch nicht mehr aufhalten konnte. Schließlich übernahm der 


bayerische Motorrad- und Flugmotorenhersteller BMW die Produktion, der sich gerade zu diesem Zeitpunkt in der rasch boomenden Automobilproduktion engagieren wollte. Gewissermaßen als Einsteigermodell wurde der "BMW Dixi 3/15" - so seine genaue Bezeichnung - der erste Schritt des Unternehmens in die bis heute andauernde automobile Zukunft. Die allermeisten der damals hergestellten Karossen sind inzwischen den Weg alles Irdischen gegangen, doch geschätzt ein paar hundert blieben bis zum heutigen Tage erhalten. Und wie nicht anders zu erwarten war, ist jeder einzelne von ihnen längst von einem simplen Instrument der Bewegung zu einem mit Emotionen besetzten Gegenstand der Verehrung mutiert, mit all dem Drumherum, das Hobbys heute üblicherweise umgibt: mit einer spezialisierten Presse à la "Oldtimer Praxis. Das Schrauber-Magazin", die über alles mit dem Objekt der Begierde in Zusammenhang Stehende berichtet, mit 


Internetforen, in denen tatsächliche und vermeintliche Kenner der Materie mit ihrem einschlägigen Wissen brillieren und mit den digitalen Marktplätzen Ebay & Co., die 24/7 dafür sorgen, dass der für das Funktionieren des Hobbys unerlässliche Nachschub nicht ausbleibt: gelegentlich komplette Wagen, vor allem aber Ersatzteile aller Art, denn natürlich gibt es bei Autos dieser Altersklasse immer mal wieder Dinge, die ersetzt werden müssen. Nachkaufen ist in solchen Fällen die eine Möglichkeit, die andere ist "Schrauben" - eine zeitaufwändige, Engagement erfordernde und mehr oder weniger kostspielige Tätigkeit, an deren Ende dann allerdings ein wie neu oder womöglich noch besser aussehendes, voll funktionsfähiges Gefährt aus den Anfangsjahren des Automobils winkt, mit dem man sich auf Oldtimer-Korsos oder in Ausstellungen einem Publikum Gleichgesinnter vorstellen kann. Eben weil dieses Hobby Geld kostet, ist einer der beiden Wagen von Kay

inzwischen weitergereicht worden, und nur noch der andere steht in dem Arbeitsraum - das eingangs erwähnte hässliche Entlein. Keine Limousine im übrigen, wie es auf den ersten Blick den Anschein gehabt hatte, sondern ein Kabriolett, das zum Vorschein gekommen war, nachdem Kay die später angebauten Teile entfernt und den Wagen in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt hatte. Inzwischen ist seit der Anlieferung fast ein Jahr vergangen, Kay hat geschraubt 

und gereinigt, hat Roststellen beseitigt und geschliffen und lackiert, hat sich Dokumentationen über das Auto besorgt und immer mal wieder ein fehlendes Teil über das Internet bestellt - dabei unterstützt und ermutigt von Ariane, seiner Partnerin, ohne deren Beistand ein solch langdauerndes und aufwendiges Projekt schlecht gelingen könnte. Schritt für Schritt ist inzwischen die Verwandlung in Richtung Schwan vor sich gegangen, und mittlerweile vermag selbst ein  


Automuffel wie ich sich vorstellen, dass aus der ursprünglichen "Schrottkiste" eines Tages ein schmucker Oldtimer werden kann. Noch zwei Jahre wird es dauern, schätzt Kay, bis er den "Dixi Phaeton Kabriolett" in seinem ursprünglichen Glanz präsentieren kann, nicht zuletzt auf dieser Webseite. Doch bis dahin wird noch viel Wasser das Döllnfließ hinunterfließen. "Geduldsspielzeuge" nennen manche, die sich in der  Materie auskennen, die Oldtimer - in diesem Sinne wünschen wir Kay auf der noch vor ihm liegenden Wegstrecke auch weiterhin viel Geduld. 

 

Fotos: Kay Wichmann / Manfred Lentz