von Manfred Lentz

Viele Kurtschläger wissen es, und wer es nicht weiß, kann es in der Dorfchronik nachlesen oder kann es ausrechnen: Im Jahr 1999 feierte Kurtschlag seinen 250. Geburtstag. 1999 minus 250 macht 1749, d.h. 1749 ist das Jahr, in dem Kurtschlag gegründet wurde. Exakt am 7. Mai dieses Jahres genehmigte der Preußenkönig Friedrich II. einem Dutzend Pfälzer Kolonisten den Plan für eine Siedlung mit dem Namen Curthschlag. 1749 ist für unser Dorf also ein ganz besonderes Jahr, und weil das so ist, wollten wir wissen, was es in diesem Jahr sonst noch an nennenswerten Ereignissen gab.

 

Freunde der deutschen Literatur wüssten ein Ereignis gewiss auf Anhieb zu nennen: die Geburt von Johann Wolfgang von Goethe am 28. August dieses Jahres, dem "Dichterfürst", wie er oft genannt wurde, dessen Namen in Deutschland wohl fast jeder kennt. Was natürlich nicht heißt, dass jeder mit seinen Werken auf Du und Du stünde. Eher schon mit seinen Aussprüchen, die wir im Alltag immer wieder benutzen, ohne dass uns Goethes Urheberschaft dabei bekannt wäre. Das "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" etwa oder "Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide".

Auch Freunden einer anderen Art von Literatur wird unser Datum vielleicht etwas sagen, einer sehr speziellen Literatur, die auch heute noch en vogue ist, wenngleich sehr viel kräftiger gewürzt. Einen frühen Vorläufer von "Fifty Shades of Grey" könnte man das Werk nennen, das unter dem Titel "Fanny Hill" im Jahr 1749 in London erschien. Ein erotischer Roman aus der Feder eines gewissen John Cleland, der seinerzeit einen öffentlichen Aufruhr verursachte. Würde heute auch jeder Fünftklässler aus der Youporn-Generation bei der Lektüre mit dem Einschlafen kämpfen - damals war der Roman für ein Verbot gut, und sein Verfasser wurde gar unter Arrest gestellt. "Fanny Hill, die Memoiren eines Freudenmädchens" - erschienen just in jenen Tagen, als Arnold Steuer, Jakob Ney und ihre Kolonistenfreunde das vom König genehmigte Dorf aus dem sandigen Boden der Schorfheide zu stampfen begannen. Als sie im Schweiße ihres Angesichts erste Behausungen bauten, Felder anlegten und dabei hofften, dass aus den bescheidenen Anfängen eines Tages ein properes Dorf werden würde. Was dann ja auch geschehen ist.


Doch weiter mit den Ereignissen im Kurtschläger Schicksalsjahr 1749: Dass es in diesem Jahr nahe der Stadt Krasnojarsk den ersten bekannt gewordenen Meteoritenfund in Russland gegeben hat, dürfte selbst eingefleischten Hobby- und professionellen Astronomen eher weniger bekannt sein, und so superspannend ist dieses Ereignis ja auch in der Tat nicht. Hätten die frischgebackenen Kurtschläger davon allerdings gewusst, so hätten sie dieses Ereignis womöglich auf sich bezogen, schließlich kündigten vom Himmel herabfallende kosmische Körper im Denken der Zeit stets besondere Ereignisse an. Der Krasnojarsker Meteorit also als ein Hinweis auf die Gründung Kurtschlags? Nun ja ... Gleiches gilt für die in der Wikipedia aufgeführten herausragenden musikalischen Ereignisse dieses Jahres, die ebenfalls nicht den geringsten Bezug zu dem Geschehen in der Schorfheide hatten: die Fertigstellung der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach sowie die Uraufführung der Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel. Dasselbe Jahr, jedoch zwei Welten.

 

Schließlich noch ein Ereignis, das eine Erwähnung wert ist: das Erscheinen von Clara vor dem französischen König. Wobei Clara nicht etwa eine Schauspielerin war, auch keine Tänzerin, und singen konnte sie auch nicht - Clara war ein Nashorn. Allerdings ein ganz besonderes, denn warum sonst hätte das Online-Lexikon unter dem Jahr 1749 dieses Nashorn erwähnt? Clara stammte aus Indien. Jäger hatten die Mutter getötet, als das Baby gerade erst einen Monat alt war, worauf ein wohlhabender Kaufmann das Tier in seine Obhut genommen hatte. Clara war zahm und durfte sich auf dem Anwesen 

seines Besitzers frei bewegen, jedenfalls eine Zeit lang, denn irgendwann war aus dem niedlichen Baby ein Koloss geworden, und der Besitzer verkaufte es an einen Schausteller. Der witterte ein gutes Geschäft mit dem Nashorn und schaffte es auf einem Schiff in die Niederlande. Anschließend zog er mit Clara durch halb Europa, und da die damaligen Zeitgenossen ein Tier wie dieses noch nie zu Gesicht bekommen hatten, wurde seine Präsentation zu einem großen finanziellen Erfolg. Ein Nashorn als ein Goldesel gewissermaßen. Im Jahr 1749 machte die Tour in Versailles Halt, der Residenz der französischen Könige, wo der Besitzer das Tier Ludwig XV. zum Kauf anbot. Der jedoch lehnte ab, und so musste der Besitzer mit Clara weiterziehen. Gedichte und Lieder wurden über das Nashorn geschrieben, Modeartikel mit seinem Konterfei angefertigt, und sogar Perücken à la rhinocéros wurden erfunden. Und es gab jede Menge Bilder, teure Gemälde sowohl als auch einfache "fliegende Blätter", die den Betrachtern einen Eindruck von dem fremdartigen Wesen vermitteln sollten. Ob ein solches Blatt auch den damaligen Kurtschlägern in die Hände fiel, ist verständlicherweise unbekannt, doch durchaus möglich. Und so stellen wir uns denn vor, wie die allerersten Kurtschläger am Abend nach getaner Arbeit auf grob gezimmerten Bänken vor ihren erst halbfertigen Häusern saßen, Kartoffeln aßen (die es seit wenigen Jahren in Preußen gab und für deren Anbau sich der König höchstselbst stark gemacht hatte), dazu vielleicht Fische aus dem Döllnfließ über dem Feuer grillten und zutiefst verwundert, manche vielleicht sogar erschreckt ob seines Aussehens das ihnen bis dahin völlig unbekannte Wesen anstarrten. Wie schade, dass es von einer solchen Szene kein Bild gibt!