Die Russen als Nachbarn

Vom Leben in den Dörfern beim Flugplatz Groß Dölln 1945-1994 

Manfred Lentz

unter Mitwirkung von Siegfried Haase und Birgit Halle

Vorwort

(Die Erklärungen zu den Abbildungen folgen in den einzelnen Kapiteln.)

 

(Um auf Tablets zu den einzelnen Kapiteln zu gelangen, bitte den folgenden Pfad benutzen: Damals / Die Russen als Nachbarn)

Der 28. April 1945 ist ein Sonntag. Keiner von der ruhigen Art, an denen die Arbeit auf das Mindeste beschränkt ist, an denen die Menschen Verwandte besuchen, in die Gastwirtschaft gehen oder mit den Nachbarn auf der Bank vor dem Haus über Gott und die Welt reden. Dieser Sonntag ist anders, denn es ist ein Sonntag im Krieg. An dessen Ende, um genau zu sein. Zwölf Tage zuvor hat die Rote Armee die Oder überschritten, sie hat den deutschen Truppen schwere Verluste zugefügt und zieht nun den Ring um die Reichshauptstadt Berlin immer enger. Begleitet von fernem Kanonendonner bewegt sich eine Kolonne russischer Panzer von Groß Dölln her auf Kurtschlag zu. Schon von weitem hört man das Dröhnen ihrer Motoren und das Klirren der Ketten. Plötzlich wird Kurtschlag von einer Explosion erschüttert. Ein zurückgebliebenes SS-Kommando hat die Brücke über das Döllnfließ gesprengt, um den feindlichen Einheiten den Vormarsch zu erschweren. Da die Russen offenbar vermuten, auf deutsche Abwehr gestoßen zu sein, nehmen sie das Dorf unter Beschuss. Während sich die SS-Männer nach der Sprengung der Brücke absetzen, feuern die Panzer drei Granaten ab. Die erste schlägt hinter dem Hof von Heinz Schäfer im Feld ein, die zweite trifft die Scheune von Max Fenglers "Gasthof zum Mittelpunkt der Erde", die dritte zerstört die Spitze des Kirchturms. 

Drei Schüsse, abgegeben aus den Geschützrohren russischer Panzer. Überflüssig, da es zu diesem Zeitpunkt nichts mehr zu bekämpfen gab, gleichwohl von symbolhafter Bedeutung, markierten sie doch für Kurtschlag den Beginn einer neuen Ära. Einer Ära, die bis zum Abzug der russischen Truppen im Jahr 1994 andauerte und in der mit der UdSSR eine fremde Macht auf vielfältige Weise Einfluss auf das Leben zahlloser Menschen nahm - solcher in Kurtschlag und in den umliegenden Dörfern und ebenso auf das Leben von Millionen Menschen in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone und später der DDR. Doch um letztere soll es in dieser Abhandlung nicht gehen. Was uns interessiert, ist das Schicksal der Menschen "vor Ort". Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als ich wieder einmal in der Nähe des einstigen russischen Militärflugplatzes Groß Dölln unterwegs war und mir plötzlich ein Gedanke kam: Wie, so habe ich mich gefragt, hat sich eigentlich die Anwesenheit so vieler Russen über einen so langen Zeitraum auf die Situation in den umliegenden Dörfern ausgewirkt? Wie hat es sich in der Nachbarschaft der Russen gelebt? Kamen die Menschen mit ihnen aus? Gab es Differenzen? Und welche Erinnerungen hat diese Zeit in den Köpfen der hier Lebenden hinterlassen? Spannende Fragen, wie ich fand, auf die es sich lohnen würde, Antworten zu suchen.


Aus den ersten Gedanken entwickelte sich schon bald ein konkretes Projekt, wobei mir schnell klar wurde, dass ich für seine Realisierung "Verbündete" brauchen würde. Ein Grund dafür liegt in meiner Biographie: Ich bin "Wessi". Zwar stammt ein Teil meiner Familie aus Kurtschlag, doch hat das Schicksal es gefügt, dass ich in West-Berlin geboren wurde und dort gelebt habe, was ich noch immer tue, seit Mitte der 1990er Jahre allerdings mit einem Zweitwohnsitz in Kurtschlag. Der persönliche Hintergrund, um Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu finden, fehlt mir mithin. Andererseits muss das kein Defizit sein, kann der Blick "von draußen" doch auch als eine Bereicherung wirken. Hinzu kommt, dass ich als Politologe in der politischen Bildungsarbeit und im Rundfunk über viele Jahre berufsmäßig mit der DDR und der Sowjetunion befasst war, also auch keine schlechte Voraussetzung. Ganz anders stellt sich die Situation meiner "Verbündeten" dar, die ich für die Mitarbeit an dem Projekt gewinnen konnte. Da ist zum einen Siegfried Haase. Aufgewachsen in Groß Dölln, war er lange Zeit bei der GASAG und am Deutschen Theater in Berlin beschäftigt, bis er vor einigen Jahren in seine alte Heimat zurückgekehrt ist, wo er sich seither mit Heimatgeschichte befasst und außerdem als Metallbildhauer und aktiver Ornithologe tätig ist. Und da ist Birgit Halle, eine geborene Kurtschlägerin, die 

heute in Kappe lebt und gewiss so manchem in unserer Gegend als ehemalige Lehrerin noch gut in Erinnerung ist. Jeder von beiden hat in enger Nachbarschaft mit den Russen gelebt und dabei jahrelange Erfahrungen gesammelt, die er nun in unser gemeinsames Projekt einbringen konnte. Außerdem verfügt jeder von ihnen über vielfältige Kontakte, die sich für das Sammeln von Informationen gut einsetzen ließen. Ohne die Mitarbeit von beiden wäre diese Abhandlung nicht zustande gekommen. Zu dritt allerdings - davon waren wir bereits nach unserem ersten Gespräch überzeugt - würden wir das Thema durchaus schultern können.

 

Gespannt darauf, was wir an Informationen zusammentragen würden, haben wir uns voller Enthusiasmus an die Arbeit gemacht - und sahen uns gleich bei unseren ersten Gesprächspartnern mit einem gerüttelten Maß an Skepsis konfrontiert. Zwei Argumente waren es, mit denen man uns begegnete. Das erste wurde nicht direkt angesprochen, es klang bei einigen (wenigen) Befragten allerdings mit: die Unterstellung, wir würden dieses Projekt mit der Absicht betreiben, "die Vergangenheit in den Dreck zu ziehen". Ein "Argument", auf das wir hier nicht viele Worte verschwenden wollen, auf das wir stattdessen eine glasklare Antwort geben: Keiner von uns 


hatte auch nur im geringsten die Absicht, die Vergangenheit "in den Dreck zu ziehen". Wir hatten Fragen, auf die wollten wir Antworten finden, und zwar völlig unabhängig davon, wie diese Anworten ausfallen würden. Es gab nur ein einziges Kriterium, dem wir uns verpflichtet fühlten, und das war die Wahrheit.

 

Ganz anders das zweite Argument: "Was wollt Ihr über uns und die Russen denn schreiben?", wurden wir wiederholt gefragt. "Es gab damals die politische Vorgabe, wonach die Freundschaft mit der Sowjetunion von zentraler Bedeutung für uns war, daran durfte niemand rütteln. Wie das Verhältnis wirklich aussah, wo es Probleme gab und was nicht so gut lief, darüber haben wir nichts erfahren." Stimmt. Aber natürlich haben unsere Gesprächspartner - nicht anders als alle übrigen Bürger der ehemaligen DDR - auch in dieser Zeit staatlicher Bevormundung nicht das Denken eingestellt. Und deshalb wusste der eine etwas über dieses Thema zu berichten, der andere über jenes, und als wir am Ende alles zusammenfassten, war das Ergebnis in der Summe durchaus beachtlich. Längst nicht so viele Informationen, wie wir gern gehabt hätten, aber auch nicht so wenige, als dass sie für ein aussagekräftiges Ergebnis nicht ausgereicht hätten.

Schwerwiegender als "Wir haben doch nichts erfahren" war ein ganz anderes Problem: der Zeitablauf und damit die Tatsache, dass viele Zeitzeugen nicht mehr am Leben waren, die uns über die frühen Jahre der deutsch-russischen Kontakte hätten berichten können. War jemand 1945 zum Beispiel 15 Jahre alt, so wäre er heute beinahe 90, entsprechend ist die Zahl dieser Personen gering. Hinzu kommt, dass die Erinnerung von Menschen in der Regel abnimmt, je länger ein Ereignis zurückliegt. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass wir mit zunehmend besseren Informationen rechnen konnten, je mehr wir uns der Gegenwart näherten. Als eine große Hilfe erwies sich für unser Projekt die im Jahr 1999 verfasste Dorfchronik von Kurtschlag (sie behandelt die Zeit bis zur Wende 1989), die noch auf Informationen zurückgreifen konnte, die uns heute nicht mehr zugänglich sind. Ähnlich ausführliche Aufarbeitungen der Vergangenheit liegen uns aus den anderen Dörfern am Rande des Flugplatzes nicht vor.

 

Neben der Befragung von Zeitzeugen gab es eine zweite Art von Quellen, auf die wir uns gestützt haben. Dabei sind wir von der Tatsache ausgegangen, dass die Dörfer beim Flugplatz keine Inseln innerhalb der DDR waren. Am Ende des Krieges haben die Russen den gesamten Osten Deutschlands besetzt und ihm ihren Stempel 


aufgedrückt, und natürlich traf alles, was dort zutraf, auch in unseren Dörfern zu. Aus diesem Grund konnten wir auf Literatur zurückgreifen, die das Thema Russen und Deutsche auf der Ebene der gesamten DDR behandelt. Als besonders hilfreich erwies sich dabei das Buch von Silke Satjukow, "'Die Russen' in Deutschland 1945-1994", auf das im Text gelegentlich Bezug genommen wird.

 

Vorworte lesen die wenigsten gern. Wer ein Buch zur Hand nimmt, der will, dass es zur Sache geht. Deshalb will ich dieses Vorwort so schnell wie möglich beenden, allerdings müssen einige wenige Punkte noch kurz erwähnt werden: 

 

- Das ist zum einen die Arbeitsteilung: Siegfried Haase, Birgit Halle und ich selbst (Manfred Lentz) haben das Material für diese Abhandlung zusammengetragen und bei mehreren Treffen alle wichtigen Fragen durchgesprochen. D.h. der Inhalt ist unser gemeinsames Produkt, für den Text dagegen zeichne ich allein verantwortlich. Wenn das "wir" und das "ich" dabei gelegentlich ein wenig durcheinandergehen, so ist das eine Folge dieser arbeitsteiligen Konstruktion.

- Wir haben den Text mit Fotos angereichert, allerdings haben nur die wenigsten einen direkten Bezug zum jeweiligen Thema. Was darauf zurückzuführen ist, dass Aufnahmen, wie wir sie zur Illustration unserer Texte gern gehabt hätten, nicht existieren bzw. uns nicht zur Verfügung standen. Wenn wir dennoch Fotos eingestellt haben, so vor allem in der Absicht, für unsere Leser (wenigstens ansatzweise) die Atmosphäre der damaligen Zeit wiederaufleben zu lassen.

 

- Fotos vom Flugplatz haben seinerzeit weder die Russen noch die DDR veröffentlicht, dennoch haben die US-Amerikaner (die NATO) verstanden, sich mittels nachrichtendienstlicher Aktivitäten - unter anderem durch Spionagesatelliten - Bilder von der Anlage zu verschaffen. Lange schlummerten diese Bilder in den Archiven der CIA und des US-Verteidigungsministeriums, seit einigen Jahren sind sie für die Öffentlichkeit verfügbar. Auf der Webseite mil-airfields.de bin ich auf die Aufnahmen gestoßen. Ich habe den Webmaster der Seite kontaktiert, und er hat mir freundlicherweise gestattet, die Bilder direkt von seiner Webseite zu übernehmen. Im Anschluss an das 4. Kapitel habe ich sie eingefügt. 


- Wir wollten keine "Anekdotensammlung" vorlegen. Womit wir Anekdoten keineswegs herabwürdigen wollen, ganz im Gegenteil, sie bilden das Salz in unserer "Suppe". Nur sollte sich unsere Abhandlung nicht in der Aneinanderreihung von Anekdoten erschöpfen. Deshalb haben wir, wann immer es nötig war, diese in ihrem größeren Kontext dargestellt. Erst beides zusammen - Anekdote und Hintergrund - ergibt die Geschichte der deutsch-russischen Kontakte, die wir für unsere Gegend nachzeichnen wollen.

 

- Wir benutzen in unserer Abhandlung den Begriff "Russen", auch wenn uns natürlich bewusst ist, dass Russland (seinerzeit die "Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik") nur ein Teil - wenn auch der größte - der Sowjetunion war und längst nicht alle Bewohner dieses Staates Russen waren. Angehörige anderer Nationalitäten gehörten ebenso dazu. Im offiziellen Sprachgebrauch der DDR war das Wort "Russen" nicht erwünscht, hier war zumeist von "Sowjetmenschen" die Rede - was die Bevölkerung indes nicht davon abhielt, in privaten Gesprächen dennoch den verpönten Begriff zu gebrauchen.

 

- Wer den nachfolgenden Text liest, wird feststellen dass er ein wenig "Kurtschlag-lastig" ist. Ein Grund dafür ist, dass wir mit der 

Fragestellung "Wie war das Verhältnis zwischen den Kurtschlägern und den Russen?" begonnen haben und diese erst später auf die anderen Dörfer ausgeweitet haben. Kurtschlag ganz einfach deshalb, weil es "mein" Dorf war bzw. ist und diese Fragestellung von daher durchaus naheliegend war. Doch es gibt noch einen anderen Grund für die "Kurtschlag-Lastigkeit": die bereits erwähnte, relativ ausführliche Dorfchronik aus dem Jahr 1999, die insbesondere für die Zeit unmittelbar nach Kriegsende eine gute Informationsquelle darstellte, wie sie uns in den anderen Dörfern nicht zur Verfügung stand. Dennoch haben wir uns bemüht, auch von dort einschlägige  Informationen zusammenzutragen. Was uns bei Groß Dölln und Groß Väter auch einigermaßen gelungen ist, weniger schon bei Bebersee und noch weniger bei Grunewald, Storkow und Vietmannsdorf. Bei diesen letztgenannten Dörfern gibt es also noch reichlich "Luft nach oben", was heißt, dass es wünschenswert wäre, wenn jemand die von uns gesammelten Informationen über das Zusammenleben von Deutschen und Russen für die Situation in diesen Dörfern ergänzen würde.  - Eine Frage am Beginn unserer Arbeit war die nach der Einbeziehung der russischen Garnison Vogelsang in unsere Abhandlung. Wir haben uns für einen pragmatischen Weg entschieden, d.h. wann immer wir auf Informationen über Vogelsang stießen, haben wir sie miteinbezogen. Doch auch hier gäbe es für


andere noch einiges zu tun. Nicht was die militärischen Aspekte anbelangt - für dieses Thema hat Mario Hoffmann auf seiner sehr umfangreichen Webseite heimatgalerie.de bereits eine Fülle  von Fakten zusammengetragen. Doch für die Beziehungen zwischen den "Vogelsanger Russen" und den Bewohnern der dort umliegenden Dörfer gäbe es bestimmt auch noch so manch Interessantes zu entdecken.

 

- Die vorliegende Abhandlung ist keine wissenschaftliche Arbeit (was nicht bedeutet, dass wir weniger Sorgfalt auf sie verwendet hätten), wir verzichten deshalb im allgemeinen auf  Quellenangaben. 

- Hervorheben möchten wir schließlich noch die große Bereitschaft aller von uns Angesprochenen, uns bei der Bearbeitung des Themas zu helfen. Auch wenn bei etlichen Skepsis vorherrschte - "Wird denn bei Eurem Projekt etwas herauskommen, was den Aufwand lohnt?" -, so hat sich niemand verweigert. Dass wir unseren Gesprächspartnern Vertraulichkeit zugesichert haben, war für uns eine Selbstverständlichkeit. Auch wenn die meisten mit der Nennung ihres Namens einverstanden gewesen wären, haben wir  uns entschlossen, in der Regel darauf zu verzichten.


Der Flugplatz Groß Dölln und die umliegenden Dörfer


Quelle: OpenStreetMap


Ihr habt Informationen zu unserem Thema, die uns bisher entgangen sind? So könnt Ihr uns diese mitteilen:

- per Mail an info@kurtschlag.de

oder direkt an:

- Manfred Lentz, Neuer Kietz 6, 16792 Zehdenick OT Kurtschlag, Tel. 039883 490699

- Siegfried Haase, Kleine Dellenstr. 9, 17628 Templin OT Groß Dölln, Tel. 039883 333018

- Birgit Halle, Kapper Dorfstr. 46, 16792 Zehdenick OT Kappe, Tel. 03307 315037

Dass wir Eure Informationen vertraulich behandeln, ist selbstverständlich.