8. Gefährliche Nachbarn?

Das war starker Tobak, was der ehemalige Verteidigungsminister der Bundesrepublik Rupert Scholz da in einem Rückblick auf die Anwesenheit der sowjetischen Soldaten in der DDR von sich gab: "Sie mordeten und stahlen, sie vergewaltigten, verursachten grob fahrlässig schwerste Verkehrsunfälle oder Waldbrände, verkauften Waffen und setzten beim Scharfschießen sämtliche Sicherheitsbestimmungen außer Kraft." Und dabei hatte er durchaus Recht, nur wie heißt es so schön: Der Ton macht die Musik. Nimmt man den Satz von Scholz isoliert und weiß ansonsten nichts über das, was er beschreiben soll, so kann einen noch nachträglich die Angst beschleichen. Aber man kann das Gesagte auch anders formulieren: Millionen sowjetischer Soldaten waren über Jahrzehnte hinweg in der DDR stationiert, und ein Teil von ihnen war an Morden, Diebstählen usw. beteiligt. Was völlig normal ist, denn wo immer Menschen zusammen sind, ereignen sich auch solche unschönen Dinge, einige Südseeparadiese vielleicht ausgenommen. Und dass man diesen Umstand nicht abstellen kann, haben die sozialistischen Staaten mit ihrer gescheiterten Vorstellung vom neuen Menschen, der ausschließlich beste Eigenschaften besitzt, anschaulich bewiesen.

Ein paar Zahlen: "Immer wieder gab es auch Übergriffe von Sowjetsoldaten außerhalb der Kasernen", heißt es beispielsweise in einem Artikel der Zeitung "Neues Deutschland" aus dem Jahr 2009. "In den Akten der Staatssicherheit sind allein für die Jahre 1976 bis 1989 etwa 27.500 Delikte sowjetischer Militärangehöriger verzeichnet: Verkehrsdelikte, Diebstähle, aber auch Mord, Körperverletzung, Raub und Vergewaltigung." In den 1980er Jahren zählte das MfS einem Bericht des Mitteldeutschen Rundfunks zufolge jährlich mehr als 2.000 schwere Straftaten von Russen in der DDR. Wie diese Zahlen einzuordnen sind, beschreibt Silke Satjukow: "Seit Mitte der siebziger Jahre ließ sich, im Gegensatz zur generellen Kriminalitätsentwicklung in der DDR, ein stetiges Ansteigen der durch Angehörige der GSSD (also der Russen - ML) verübten Verbrechen ausmachen. Vor allem seit Beginn der achtziger Jahre schnellten die Statistiken in die Höhe: 1981 verdoppelte sich die Anzahl der verfolgten Straftaten, 1984 erreichten sie mit 3.000 Fällen ihren zahlenmäßigen Höhepunkt. Innerhalb von sechs Jahren hatte sich die Zahl der eingeleiteten Ermittlungsverfahren um mehr als das Dreifache erhöht."



Man könnte die Liste solcher Angaben noch verlängern, doch es stellt sich die Frage, wie aussagekräftig sie sind. Um wirklich etwas mit ihnen anfangen zu können, müsste zum einen geklärt werden, worauf sie basieren - handelt es sich beispielsweise um die angezeigten Delikte oder geht es um Fälle, in denen eine Verurteilung erfolgte? Außerdem wäre zu klären, inwieweit die Angaben, die sich auf die gesamte DDR beziehen, auch für die kleinräumliche Situation in unserer Gegend gültig sind, nur leider liegen mir hierfür keine Statistiken vor. Ganz unnütz sind die angeführten Angaben für die gesamte DDR dennoch nicht, und zwar wenn man sie als einen Trend begreift und wenn man außerdem die nicht ganz unwahrscheinliche Annahme zugrunde legt, dass die Situation im Umkreis unseres Flugplatzes nicht grundsätzlich anders war. Bevor wir uns aber in einer Diskussion über "grundsätzlich" und "wahrscheinlich" verlieren, sehen wir uns am besten die Situation vor Ort an, und zwar anhand der Fälle, die uns von unseren Gesprächspartnern geschildert wurden. Die Frage ist also: Wie sehr waren die Menschen in unserer Gegend in ihrem Alltag von russischen Straftaten betroffen, und wie sicher bzw. wie unsicher haben sie sich damals gefühlt? Wobei wir von der unmittelbaren Nachkriegszeit absehen wollen, waren die 

Bedingungen damals doch ganz andere als später. (Auf die Wilderei als Straftat werde ich im 10. Kapitel gesondert eingehen.)

 

Von den uns bekannt gewordenen Straftaten im Umkreis des Flugplatzes sind die spektakulärsten ein tatsächlicher Mord in den 1960er Jahren und ein Ereignis rund dreißig Jahre später, das man mit dem Etikett "ein mutmaßlicher Mord" versehen könnte. Opfer des gesicherten Falls war die Tochter des damaligen russischen Flugplatzkommandanten, wobei diese Tatsache leider auch schon alles ist, was wir wissen. Ein Motiv für den Mord kennen wir ebenso wenig wie die Art, wie sie zu Tode kam, und wir wissen auch nicht, ob der Täter gefasst wurde und ob es sich um einen Russen oder um einen Deutschen gehandelt hat. Die Bewohner der umliegenden Dörfer waren von dem damaligen Geschehen insoweit betroffen, als es bei ihnen Razzien und Durchsuchungen gab. - Der "mutmaßliche Mord" aus dem Jahr 1992 hat ebenfalls mit einem Flugplatzkommandanten zu tun, allerdings ist in diesem Fall der Kommendant selbst das Opfer. Mehrere Befragte wussten über das Ereignis zu berichten, allerdings kann von belastbaren Informationen keine Rede sein. Als gesichert darf allenfalls gelten, dass der 


Hinterlassenschaften der Russen nach ihrem Abzug 1994 (in Vogelsang)

Kommandant bei einem Autounfall auf der ehemaligen B 109 ums Leben kam, als sein Wagen gegen einen Baum prallte. Wobei es sich in den Augen unserer Gesprächspartner um eine "dubiose Angelegenheit" gehandelt hat, bei der "jemand nachgeholfen hat", und zwar die "Tschetschenenmafia". Jene nebulöse Organisation, von der in der Abzugsphase der Russen Anfang der 1990er Jahre immer wieder die Rede war und der man sämtliche Schlechtigkeiten zutraute, die in diesem Fall aber vielleicht tatsächlich die Finger im Spiel hatte. Im 12. Kapitel Kapitel werde ich auf diesen Vorfall noch einmal zurückkommen.

 

Zwei schwere Straftaten im Umfeld des Flugplatzes also, allerdings keine, die auf die Bewohner der umliegenden Dörfer zielten. Die Fälle, die sie betrafen, waren allesamt mehrere Nummern kleiner. Und so mussten denn auch unsere Gesprächspartner auf die Frage "Erinnert Ihr Euch an Straftaten der Russen in unserer Gegend?" jeweils eine Weile überlegen, bis ihnen etwas einfiel. So wie diese Kurtschlägerin: "Ich saß mit meinem Mann in der Gaststätte, und als wir rauskamen, waren unsere Fahrräder gestohlen. Da wir zuvor zwei Russen gesehen hatten und die beiden verdächtigten, sind wir zum Flugplatz gelaufen und haben an der Schranke verlangt, den 

Kommandanten zu sprechen. Der kam natürlich nicht, aber ein Offizier erkundigte sich bei uns, ob wir die Täter gesehen hätten. Das hatten wir. Worauf man uns aufforderte, am nächsten Tag wiederzukommen und die beiden zu identifizieren. Bei diesem Besuch zeigte man uns dann Fotos, und wir erkannten die Täter. Eines der beiden Fahrräder bekamen wir sofort zurück, das andere war beschädigt und musste repariert werden. Ein paar Tage später erschien der Russe bei uns, der das Fahrrad gestohlen hatte, und brachte es zurück. Er kam in Begleitung eines anderen, wohl eines Militärpolizisten."

 

Keine große Sache also, dieser Vorfall, aber durchaus ärgerlich. Wie auch die Diebstähle, über die uns mehrere der Befragten berichteten, wobei es in der Mehrzahl der Fälle um Alkohol ging. (*) Dass in dieser Hinsicht gerade Bebersee mit seinen teilweise von Berlinern nur am Wochenende benutzten und sonst verwaisten Häusern ein bevorzugtes Ziel war, habe ich an anderer Stelle bereits angesprochen. Auch einen weiteren Fall, bei dem es ebenfalls um Alkohol ging habe ich schon erwähnt: die beiden Soldaten, die in einen Laden in Groß Dölln stürmten und mit vorgehaltener Waffe die Herausgabe von Alkohol erzwingen wollten. (Worauf ein zufällig 



in der Nähe weilender Offizier für ihre Festnahme sorgte.) War das Vorgehen wegen der Waffen der beiden Soldaten in diesem Fall auch besonders heftig, so war das, worum es ging - eben der Alkohol - auch diesmal nicht der Rede wert. - Zu wiederholten Einbrüchen kam es in den 1980er Jahren in einem nur an den Wochenenden bewohnten Haus in Groß Dölln, wobei Alkohol ebenfalls das Ziel war, aber auch Fahrräder entwendet wurden. Dabei bewiesen die Täter Flexibilität: Nachdem ihnen von den Bewohnern ein Zugang in das Haus nach dem anderen versperrt worden war, entfernten sie am Ende sogar die Dachziegel und stiegen von oben ein.

(*) In Berichten über Straftaten wird im übrigen immer wieder hervorgehoben, dass Alkohol nicht nur das Ziel von Straftaten war, sondern auch bei deren Begehung eine wichtige Rolle spielte.

 

Sie erinnere sich überhaupt nicht an Straftaten von Russen, erklärte uns eine Kurtschlägerin, die ihr ganzes Leben im Dorf verbracht hat. 

Natürlich könne es solche Taten gegeben haben, allerdings dürften diese dann wohl kaum besonders schwerwiegend gewesen sein, denn sonst hätten sie sich bestimmt in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Und um das Gesagte zu unterstreichen, fügte sie hinzu, mit welcher Unbeschwertheit sie all die Jahre in Kurtschlag gelebt hätte: "Am Wochenende waren wir gelegentlich in Grunewald zum Tanzen. Abends sind wir dann durch den Wald zurückgegangen, und obwohl es dunkel war, haben wir uns nicht gefürchtet. Auch auf dem Weg nach Groß Dölln oder zurück haben wir nie Angst gehabt, obwohl der Flugplatz nicht weit entfernt war. Und auch die anderen Leute im Dorf sind nicht davon ausgegangen, dass die Russen ihnen gefährlich werden könnten."

 

 



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