7. Fahnenflucht

Eine Begebenheit in Bebersee Mitte der 1980er Jahre: In einem leerstehenden Haus bemerkt jemand eine gewaltsam geöffnete Tür. Er informiert W., der in dem Dorf lebt und am Großen Döllnsee arbeitet - in dem Gebäudekomplex, in dem in DDR-Zeiten Pieck, Ulbricht und Honecker ein- und ausgingen und in dem heute ein Hotel existiert. Aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit besitzt W. eine Dienstpistole. Als er das Haus durchsucht, entdeckt er im Keller einen jungen russischen Soldaten. Dass es sich um einen Deserteur handelt, liegt auf der Hand, ebenso, dass er vermutlich vom nahegelegenen Flugplatz stammt. Da der Russe sich über die zu erwartenden Folgen seines Tuns im Fall einer Festnahme keine Illusionen macht, fleht er seinen Entdecker an, ihn nicht zu verraten. Doch der hat keine Wahl, selbst wenn er den Mann schützen wollte, da der Vorfall bereits bekannt ist. Also verständigt er die Volkspolizei in Templin, die den Flüchtigen in Gewahrsam nimmt und das russische Militär informiert. Was mit ihm geschieht, wissen wir nicht. Auch in diesem Fall regeln die Russen die Angelegenheit intern und geben keine Informationen nach draußen.

 

Warum war der Soldat weggelaufen? Was hatte ihn dazu bewogen, sich auf ein Abenteuer einzulassen, dass mit nahezu 

hundertprozentiger Sicherheit nur schlecht für ihn ausgehen konnte? Bevor ich auf die Situation in unserer Gegend eingehe, zunächst ein paar allgemeine Sätze zum Thema russische Deserteure in der DDR. In der Öffentlichkeit wurde darüber in den Jahren bis zur Wende nicht gesprochen, weder aufseiten der DDR noch bei den sowjetischen Genossen. Zwar dürfte jedermann bekannt gewesen sein, dass es Soldaten gab, die sch dem Wehrdienst in der sowjetischen Armee zu entziehen versuchten. Doch war das Phänomen Fahnenflucht von der Armee eines sozialistischen Staates für Parteiideologen nicht leicht zu vermitteln. Nur nicht an dem rosaroten Bild vom Soldatsein im Sozialismus rühren, schien das Motto zu sein, weshalb sich die offizielle Politik genau so verhielt wie bei anderen sensiblen Themen: sie schwieg. Was aus ihrer Sicht wohl auch die besten Lösung war, denn wie hätte sie beispielsweise die "Dedowschtschina" als Fluchtgrund erklären können, die schlechte, teils unmenschliche Behandlung junger Soldaten, die manch einer von ihnen irgendwann nicht mehr aushielt, weshalb er sich absetzte? Oder das Heimweh als Grund für die Fahnenflucht, was zwangsläufig die Frage aufgeworfen hätte, warum es für die jungen Rekruten nicht mehr Kontaktmöglichkeiten zu ihren Angehörigen daheim gab. Und dann war da noch eine weitere Frage, mit der sich sowohl die DDR- 


Russische Hinterlassenschaften nach ihrem Abzug 1994

als auch die sowjetischen Propagandaabteilungen schwer getan hätten: die Frage, warum junge Russen, die in einer sozialistischen Gesellschaft aufgewachsen und Teil einer sozialistischen Armee waren, sich als Ziel ihrer Flucht ausgerechnet die laut Propaganda ihres Staates mit allem Negativen behaftete Bundesrepublik oder West-Berlin aussuchten, und das trotz härtester Strafandrohung im Fall eines Misslingens?

 

Versuchen wir, uns ein Bild von der Größenordnung des Phänomens Fahnenflucht zu verschaffen. Einstmals geheime Informationen über Deserteure aus dem sowjetischen Militär in der DDR finden sich vor allem in den Akten des MfS (heute im "Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen DDR"). War die Fahnenflucht in den 1950er und 1960er Jahren noch eine sehr seltene Ausnahme, so nahm sie danach zu, vor allem in den 1980er Jahren. In der Zeit von 1983 bis 1987 wurde auf Ersuchen sowjetischer Dienststellen von der Volkspolizei der DDR und der Staatssicherheit nach 1.981 Personen gefahndet. Da die DDR von den Russen nicht über alle Fälle informiert wurde, muss  die tatsächliche Zahl höher gelegen haben. Für den Bezirk Neubrandenburg, auf dessen Territorium sich der Flugplatz befand, 

liegen mir keine Zahlen vor, wohl aber für den angrenzenden Bezirk Potsdam: Dort wurden für das Jahr 1971 22 Fahndungen nach Deserteuren genannt, für 1987 129. Rund 100 bis 150 Soldaten seien ständig fahnenflüchtig gewesen, erklärte einer, der - einem von dem Fernsehsender Phoenix ausgestrahlten Film über die "Sowjetarmee geheim" zufolge - einst in hoher Position solche Fahndungen geleitet hatte. Mit Waffen verließen nur 16 von 100 Soldaten das Militärgelände, obwohl sie in den Kasernen leichten Zugang dazu hatten.

 

Da Fahnenflucht im russischen Militär als eine schwere Straftat galt, wurden jedes Mal alle Hebel in Bewegung gesetzt, um eines Entflohenen wieder habhaft zu werden. Besonders groß war der Aufwand, wenn ein Deserteur nicht nur bewaffnet war, sondern obendrein mit einem Fahrzeug der Armee unterwegs. So geschehen beispielsweise im September 1989 - also nur wenige Wochen vor Öffnung der Grenze! -, als zwei Soldaten aus einer sächsischen Garnison desertierten: 780 sowjetische Soldaten mit 16 Fahrzeugen waren damals an der Suche beteiligt, drei Spürpanzer und weitere Spezialfahrzeuge. Unterstützt wurden sie von mehreren Hundertschaften der Volkspolizei und der Staatssicherheit, 



außerdem hatte man weitere Personen wie die Abschnittsbevollmächtigten des mutmaßlichen Aufenthaltsgebietes der Geflüchteten in die Aktion eingebunden. Angesichts eines solchen Großaufgebots standen die beiden auf verlorenem Posten, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie gefasst wurden. - Nicht nur für diese beiden waren die Chancen für eine erfolgreiche Flucht von Anfang an schlecht. Sie befanden sich in einem fremden Land, wussten oftmals nicht einmal genau, wo in diesem Land sie sich aufhielten, sie kannten die Lebensgewohnheiten der Menschen nicht, denen sie begegneten, und in aller Regel beherrschten sie auch nicht deren Sprache. Auf die Hilfe von Einheimischen konnten sie auch nicht unbedingt hoffen. Zwar sind Fälle bekannt, in denen Deutsche einem dieser "armen Kerle" mit Kleidung und Nahrung halfen und ihn gelegentlich sogar bei sich übernachten ließen, doch waren dies seltene Ausnahmen. Die Angst vor einer Bestrafung durch die DDR-Justiz wog viel zu schwer, als dass man bereit gewesen wäre, für einen Fremden ein solches Risiko einzugehen. Hinzu kam, dass eine Gefährdung des Helfenden durch einen Deserteur, die von den Behörden bei solchen Gelegenheiten immer wieder beschworen wurde, keineswegs von der Hand zu weisen war. Wer in die Enge getrieben wird und keinen Ausweg mehr sieht, der wird 

unberechenbar und damit womöglich zu einer Gefahr für seine Umwelt.

 

Das sowjetische Recht unterschied zwischen zwei Formen von Fahnenflucht: Die leichtere war das "eigenmächtige Entfernen von der Truppe", eine vorübergehende Absonderung, die je nach Dauer mit Dienst in einem Strafbataillon oder einer mehrjährigen Freiheitsstrafe geahndet wurde. Schwerer wog eine Fahnenflucht, bei der es darum ging, die Armee dauerhaft zu verlassen. Ein Grundwehrdienstleistender musste in diesem Fall mit Freiheitsentzug von drei bis sieben Jahren rechnen, ein Offizier mit fünf bis sieben Jahren. Wurde der Fluchtversuch in Richtung Bundesrepublik oder West-Berlin unternommen, handelte es sich nicht mehr nur um eine Fahnenflucht, sondern um Hochverrat, der mit einer Freiheitsstrafe von zehn bis fünfzehn Jahren bedroht war, in besonders schwerwiegenden Fällen sogar mit der Todesstrafe. Doch vor einer Verurteilung kam erst einmal die Festnahme. "Ich habe zwei- oder dreimal ganz gravierende Sachen miterlebt, womit ich wochen- und monatelang nicht mehr fertig geworden bin", zitiert Silke Satjukow eine Augenzeugin. "Das war etwas, das ich auch zu Hause nie erzählen konnte. Man fing zwei Soldaten ein, die sich wohl irgendwie 


Russische Hinterlassenschaften nach ihrem Abzug 1994

abgesetzt hatten. Und die wurden von dem LKW geworfen, als ich gerade wegen irgendwelcher Abrechnungen auf der Kommandantur war. Die waren schon halb tot geschlagen und blutig und alles Mögliche. Die wurden regelrecht vom LKW geschmissen. Und dann haben sie die in diesen Keller runtergeschleppt. Ich bin damals stehen geblieben, mir kamen die Tränen. Ich wurde gedrängt, die Treppen hochzugehen. Einer der Chefs hat mich beiseite genommen und gesagt: 'Wie du gesehen hast, das ist so bei uns. Ich kann dir auch sagen, warum: Solche Soldaten müssen hart bestraft werden. Das ist wie ein Exempel.' Sie mussten so hart bestraft werden, weil wenn sich jeder zehnte Soldat das einfach erlauben würde, sich von der Kaserne zu entfernen und Leute zu überfallen, sich irgendetwas holen würde, was er begehrt, dann wäre das ein Riesenchaos aufgrund dieser Menge an Menschen, die ja hier war. ... Er sagte dann noch: 'Wir müssen das so machen.'"

 

Soweite der Hintergrund. Bei unseren Befragungen von Zeitzeugen haben wir auch nach dem Thema Deserteure gefragt, und tatsächlich wussten einige von solchen Fällen zu berichten, leider ohne Details. In einem Fall, an den sich eine Zeugin erinnert, hatten sich zwei vom Flugplatz geflohene Soldaten in einem Haus in Kurtschlag versteckt, 

in der Dorfstraße 17. Sie wurden von einem Suchtrupp gestellt, "schlecht behandelt" und anschließend abtransportiert. - An einen Fall aus dem Jahr 1967 konnte sich eine Kurtschlägerin erinnern, wobei in diesem Fall die Suche nach dem Entflohenen noch im Gange war: Sie habe, so erzählte uns die Zeugin, damals in Groß Dölln im Werk für Fernsehelektronik gearbeitet. Eines Tages habe man sie informiert, dass ein Russe desertiert und irgendwo in der Gegend unterwegs sei. Aus diesem Grund würde man vom Flugplatz Militärpolizei schicken, um die Frauen auf ihrem Heimweg zu begleiten. - Schließlich ein weiterer Fall aus dem Oberdorf in Kurtschlag, der nach dem gleichen Muster ablief wie der erste: Ein Deserteur hatte sich in einem Haus versteckt, er wurde von russischem Militär aufgespürt und mitgenommen. Auch dieser Zeuge erwähnt im Zusammenhang mit dem Geschehen eine "schlechte Behandlung". - Eine Begebenheit wurde uns aus Hammelspring berichtet. Unklar ist, ob der Deserteur vom Flugplatz gekommen war oder aus der Militärsiedlung in Vogelsang. Auf jeden Fall handelte es sich um einen russischen Soldaten auf der Flucht. Eine Familie aus dem Ort habe dem Mann geholfen, erfuhren wir von unserem Gegenüber, und als das bekannt geworden sei, habe man die Familie ins Gefängnis gesteckt. Auch in diesem Fall waren leider keine 



Einzelheiten zu erfahren. - Abschließend noch eine Begebenheit, die nicht in das übliche Muster von Deserteuren und ihren Fluchtgründen passt: Eines Tages erschien ein russischer Soldat bei der Familie L. in Kurtschlag. Dass er sich gerade diese Familie ausgesucht hatte, lag vermutlich daran, dass Herr L. längere Zeit als Einkäufer im Russenmagazin auf dem Flugplatz gearbeitet hatte und der Soldat ihn von daher kannte. Wie der Mann erklärte, sei er mit einem Flugzeug abgestürzt, und nun habe er furchtbare Angst vor den Folgen, vor allem aber wolle er nie wieder fliegen. Die Familie L. gab 

ihm eine Steppdecke und ließ ihn in ihrer Veranda auf einer Liege übernachten. Am nächsten Morgen erklärte der Soldat, er habe die Nacht "wie ein König verbracht" - eine Aussage, die angesichts der spartanischen Unterbringung auf dem Flugplatz gut nachvollziehbar war. Anschließend verschwand der Mann. Was aus ihm geworden ist, hat die Familie L. nicht erfahren. Sie selbst konnte sich glücklich schätzen, dass von ihrer Hilfeleistung für einen russischen Deserteur seinerzeit niemand etwas mitbekommen hat.



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- per Mail an info@kurtschlag.de

oder direkt an:

- Manfred Lentz, Neuer Kietz 6, 16792 Zehdenick OT Kurtschlag, Tel. 039883 490699

- Siegfried Haase, Kleine Dellenstr. 9, 17628 Templin OT Groß Dölln, Tel. 039883 333018

- Birgit Halle, Kapper Dorfstr. 46, 16792 Zehdenick OT Kappe, Tel. 03307 315037

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