6. Geschäfte

Waren die menschlichen Kontakte zwischen den Anwohnern des Flugplatzes und den Russen also gering, so waren die wirtschaftlichen umso intensiver. Eine Tatsache, die sich fest in die Erinnerung der Dorfbewohner eingebrannt hat. Jeder der von uns Angesprochenen hat darüber berichtet, und zwar ohne dass es eines Stichwortes von unserer Seite bedurft hätte. Und oft mit einem spitzbübischen Lächeln, war dies doch ein Gebiet, auf dem man mit Kreativität und Engagement den eigenen Staat ausgetrickst hat - oder genauer: die Planwirtschaft dieses Staates, die Tag für Tag ihre Schwächen offenbarte. Irgendetwas, wonach man suchte, war immer nicht verfügbar. Und dann halfen in vielen Fällen eben die russischen Nachbarn aus. Legal, und wenn das nicht zum Ziel führte, dann eben auch illegal.

 

Legal - das waren die "Russenmagazine". Verkaufseinrichtungen, die es in der DDR teils außerhalb von Militärobjekten gab, teils innerhalb, so wie das bei unserem Flugplatz der Fall war. Die eigentliche Aufgabe der dortigen Magazine bestand in der Versorgung der Soldaten. Für diesen Zweck existierten mehrere Gebäude, in denen unter anderem Textilien und Schuhe, Baumaterial und Spielwaren angeboten wurden, außerdem gab es eine Kaufhalle mit 

Lebensmitteln, darunter auch Obst. Da die Belieferung in der Regel reibungslos verlief, verfügten diese Einrichtungen über ein Angebot, das außerhalb des Flugplatzes oftmals nur schwer oder gar nicht erhältlich war. Zusätzlich gab es Produkte aus dem NSW, dem "Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet". Unter den Bedingungen der DDR waren "Russenmagazine" damit geradezu Einkaufsparadiese, und das durchaus nicht nur für Privilegierte. Auch der "normalen" Bevölkerung standen sie offen, was indes nicht bedeutete, dass jeder hier seine Einkäufe getätigt hätte. Viele machten aus unterschiedlichen Gründen von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch (*). Ein Grund sei ein "diffuses Unbehagen" gewesen, das manche empfunden hätten, erzählten uns einige Gesprächspartner. Andere nannten die Modalitäten des Zutritts: Konnten die Inhaber eines "Propusk" (einer speziellen Genehmigung) das Flugplatzgelände durch die Schranke am Eingang betreten, mussten die anderen durch ein Loch im Zaun, der den Flugplatz umschloss. "Dort standen manchmal Soldaten", erzählte uns einer, der die Situation selbst oft erlebt hatte, "und kassierten Eintritt von den Leuten, die sie nicht kannten, von Zehdenickern zum Beispiel. 1 Mark war der übliche Satz." Auch Schnaps wechselte bei solchen Gelegenheiten mitunter den Besitzer. Das Verkaufspersonal in den Magazinen bestand 



überwiegend aus den Ehefrauen der russischen Offiziere, aber auch Frauen aus den umliegenden Dörfern waren hier zeitweise beschäftigt. Die Arbeit im "Russenmagazin" auf dem Flugplatz sei lukrativ gewesen, erzählte uns eine dieser ehemaligen Verkäuferinnen, dort habe sie mehr Geld verdient als in den Kaufhallen der staatlichen HO.

(*) Unter den Besuchern der Magazine befanden sich mehr Frauen als Männer, ein Umstand, der vielleicht mit dem traditionellen Einkaufsverhalten zusammenhing.

 

"Zwei- bis dreimal pro Woche bin ich mit dem Fahrrad zum Einkaufen auf den Flugplatz gefahren", erzählte uns einer, wobei ein solch häufiger Besuch vermutlich eher die Ausnahme war. Einen privilegierten Zugriff auf die Waren im Magazin hatten jene Deutsche, die dort arbeiteten. "Nach einem Betriebsunfall fing mein Mann im Russenlager als Einkäufer für das Magazin an", erinnert sich eine Frau aus Kurtschlag. "Dadurch war unsere Familie gut versorgt, vor allem mit Obst. Das brachte den Neid der Mitbürger mit sich." Den Neid - in vielen Fällen dürfte aber auch Dankbarkeit die Folge gewesen sein, konnte der Mann an der Quelle doch auch das besorgen, wonach die Nachbarn im Dorf anlässlich von Familienfesten oder zu Feiertagen 

mitunter verlangten wie Champignons und Ananas in Dosen oder "Radeberger Bier", das es "draußen" nur selten gab und das gut  geeignet war, die Herzen der Gäste bei einer Feier höher schlagen zu lassen. Natürlich konnte der "Glückliche" die Waren auch weiterverkaufen oder sie gegen Dienstleistungen eintauschen, die üblicherweise schwer zu bekommen waren. Und wie standen die Russen als die Betreiber der Magazine zu solchen Geschäften? Für sie bedeutete der Verkauf an Deutsche einen zusätzlichen Absatz und damit zusätzliches Geld, mit dem sie ihrerseits in Läden außerhalb des Flugplatzes einkaufen konnten (*). Solange Sicherheitsfragen nicht berührt waren - und an diesem Punkt verstanden die Russen keinen Spaß -, ließ man die deutschen Einkäufer auf dem russischen Militärgelände ganz einfach gewähren.

(*) Was für die Versorgung der Bevölkerung allerdings von Nachteil war: "Bei der Zuteilung der Waren an den Handel wurden die Russen nicht berücksichtigt, die aber eine erhebliche Kaufkraft repräsentierten. Einen großen Teil ihrer Einkäufe schickten sie nach Hause. Für Einheimische blieb dann oftmals nichts mehr übrig, und die Waren mussten für sie nachbestellt werden." - Etwas anders scheint die Situation im nahe dem Flugplatz gelegenen Döllner Landkaufhaus (hauptsächlich 

 


Ein Dorf am Rande des Flugplatzes: Kurtschlag (linkes Foto: russische Soldaten als Helfer)

Konfektion) sowie in dem Industriewarenladen gewesen zu sein, wo die Russen einem Dorfbewohner zufolge "eine starke Konsumentenschicht" darstellten. Was dazu führte, dass diese Einrichtungen besser beliefert wurden als andere und manche Produkte für DDR-Bürger dort leichter erhältlich waren als anderswo.

  

Für die DDR-Führung war die Konsumalternative ihrer Bürger eine zweischneidige Angelegenheit. Trugen die Einkaufsmöglichkeiten in den Magazinen zwar einerseits zu einer besseren Bedarfsdeckung bei und entzogen damit dem verbreiteten Klagen über Versorgungsmängel wenigstens teilweise den Boden, so waren sie gleichzeitig geeignet, die Stimmung innerhalb eines Teils der Bevölkerung zu belasten. Wie die Intershops und die Delikat- und Exquisitläden förderten auch die "Russenmagazine" im Bereich des Konsums eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: die einen, die von diesen Einrichtungen profitierten, die anderen, bei denen das nicht der Fall war. Im Jahr 1982 beschäftigte sich das SED-Politbüro mit diesem Thema und kam zu dem Entschluss, den bestehenden Zustand beizubehalten. Eine wohl unvermeidbare Entscheidung angesichts 

der Probleme, die das ineffiziente Wirtschaftssystem ständig begleiteten. (Eine Rolle bei dieser Entscheidung dürfte aber auch der Umstand gespielt haben, dass man das Interesse der Russen an dem Erhalt ihrer lukrativen Einkaufsquelle nicht einfach ignorieren konnte.)

 

Zu den legalen wirtschaftlichen Beziehungen gehören auch solche, bei denen Russen die Dienste von Deutschen außerhalb des Flugplatzes in Anspruch nahmen. So erzählte uns Helmut Suter (Autor des Buches "Honeckers letzter Hirsch") in einem Gespräch, dass die Russen vom Flugplatz längere Zeit von ihnen gehaltene Schweine für die Verpflegung ihrer Soldaten von seinem Vater hätten schlachten lassen, der in Groß Schönebeck eine Fleischerei besaß. - Der Döllner Schuster Knoll wiederum reparierte für die Russen Militärstiefel und auch ziviles Schuhwerk. ("In seiner Werkstatt standen oder hingen fast immer ein paar russische Knobelbecher.") - Ebenfalls in diese Kategorie gehören z.B. die Behandlung von russischen Kindern durch einen Kinderarzt in Groß Dölln oder die Besuche von Russen bei Friseuren in den umliegenden Dörfern.



Neben den legalen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Anwohnern des Flugplatzes und den Russen gab es zur gleichen Zeit auch immer verschiedene Spielarten von illgalen Beziehungen. Das waren vor allem die Geschäfte, bei denen die Russen den Deutschen etwas verkauften, was ihnen gar nicht gehörte. So beispielsweise Kohlen: "Spätabends fuhren sie mit einem LKW auf unseren Hof, mehrere 'Muschkoten' und ein Offizier. So schnell wie möglich haben sie die Kohlen ausgeladen, und anschließend sind sie gleich wieder weggefahren. Die Kohlen waren von guter Qualität, nicht der Dreck, den wir üblicherweise bekommen haben. Offiziell kosteten sie 200 Mark, die Russen haben sie uns für den halben Preis gelassen." Verbreitet war auch der Handel mit Benzin. Mussten seinerzeit an der Tankstelle 1,50 Mark für einen Liter bezahlt werden, so hatte ein Kurtschläger eine Bezugsquelle für den halben Preis aufgetan: "Das Benzin kam aus dem Treibstofflager der Russen links der Straße zur heutigen B 109. Ich hatte ein Depot im Wald angelegt, dorthin lieferten mir die Russen 200-l-Fässer. Ich habe das Benzin abgeholt und das Geld hinterlegt. Brauchte ich mehr, war das kein Problem." Gelegentlich erfolgte die Lieferung von Benzin aber auch auf kürzerem Weg: "Die Russen saugten mit Hilfe eines Schlauchs das 

Benzin mit dem Mund aus einem Fass an und füllten es in die Tanks unserer Autos." Waren diese Diebstähle für die interne russische Treibstoffversorgung schon als solche ein Problem, so wurde die Sache noch verschlimmert, wenn die Diebe die aus den Fässern entnommene Menge durch Wasser oder durch Steine ersetzten.

 

Gehandelt wurden von seiten der Russen aber nicht nur Kohlen und Benzin, sondern auch andere Dinge, wobei wohl längst nicht in allen Fällen klar war, woher sie stammten. Uhren gehörten dazu und Radios ("'Alpinist' war der Renner"), aber selbst russische Bootsmotoren oder Mopeds wechselten gelegentlich den Besitzer. "Seine russischen Freunde belieferten ihn mit größeren Mengen Zigaretten oder Marke 'Dakota', die er im Bekanntenkreis weiterverkaufte", erzählte uns ein Döllner über einen anderen. Selbst Tiere waren im Angebot: "M. hat des öfteren Ferkel für seine kleine Schweinemast bei den Russen gekauft, wie auch andere in Groß Dölln und Groß Väter." (*) Geschäfte, die auch mal schief gehen konnten. So wird von einem Fall berichtet, bei dem sich Verkäufer und Käufer um das Geld stritten, worauf der eine den anderen denunzierte. "Am nächsten Tag stand die Kriminalpolizei vor der Tür, 


Gemeinsamer deutsch-russischer Arbeitseinsatz in dem russischen Lager rechts der Straße nach Zehdenick, Anfang der 1970er Jahre (Teil 1)

und sowohl das Geld als auch die Ferkel waren verloren. Wer aber nun angenommen hätte, die Polizei wäre gegen solche Geschäfte ganz allgemein eingeschritten, der unterliegt einem Irrtum. Einzig die Ermahnung, bei solchen Gelegenheiten nicht Militärgelände zu betreten, erhielten die Käufer. Aus welcher Quelle die Tiere stammten und dass das ganze Geschäft illegal war, interessierte die Kriminalpolizei nicht." Entsprechend lief der Handel nach solchen Ermahnungen denn auch jedes Mal weiter.

(*) Angaben  eines Döllners zufolge wurden auf dem Flugplatzgelände auch Kühe gehalten.

 

Doch nicht allein materielle Güter waren Gegenstand von illegalen Geschäften, die Palette der einschlägigen Aktivitäten war breiter. So wurde uns folgende Begebenheit  berichtet: Ende der 1980er Jahre wollte ein Döllner ein Haus bauen, und dazu brauchte er Holz. Vom kurz zuvor erfolgten Ausbau der Landebahn des Flugplatzes waren Kiefern vorhanden, von denen er welche bekommen konnte. Ein Sägewerk hatte sich auch schon bereit erklärt, für ihn zu arbeiten, allerdings sollte er die nötige Arbeitskraft stellen. "Da erinnerte sich der Döllner an seine russischen Freunde aus der Gaststätte in Groß 

Väter, die immer wieder Hilfe angeboten hatten. Sie vermittelten ein Treffen mit höheren Offizieren, die ihm zwei Soldaten für 25 Mark pro Tag zuwiesen, zuzüglich Verpflegung und Transport zum Sägewerk und zurück. Morgens um 4 Uhr holte M. die beiden dann immer ab . Als sie eines Morgens nicht am Haupteingang standen, löste der Wachhabende sogar Alarm aus. Da die beiden Soldaten von dem Döllner regelmäßig auch Schnaps bekommen hatten, war dies wohl der Grund für ihr Verschlafen gewesen. Am Abend musste der Döllner den schlimmsten Ärger für sie glätten." Trotz dieser Panne schließt der Bericht mit den Worten: "Diese Woche hat allen geholfen."

 

Wollte man streng sein, so könnte man zumindest einen Teil dieser Geschäfte als wirtschaftskriminelle Handlungen bezeichnen. Die Beteiligten sprachen wohlwollender von "Bagatellen", und entsprechend gelangten solche Vorfälle nur selten zur Anzeige. (Auch deshalb nicht, weil in der Regel beide Beteiligte Nutznießer solcher Geschäfte waren, wer hätte sie also anzeigen sollen?) Und da in vielen Fällen auch die Vorgesetzten vom Flugplatz nicht leer ausgingen und so mancher Offizier sich auf diese Weise ein gutes Zubrot verdiente, waren die illegalen Aktivitäten zumeist ohne Risiko. 



Erst recht galt das, wenn nicht nur eine Privatperson davon profitierte. So gibt es einen Bericht aus einem anderen Teil der DDR - eine LPG, die wegen unzureichender Benzinlieferungen in Schwierigkeiten bei der Planerfüllung geraten war und sich deshalb kurzerhand das fehlende Benzin im Austausch gegen Schweine beim russischen Militär besorgte. Auch Metalle gab es bei den Russen zu holen, die in der DDR-Wirtschaft an vielen Stellen dringend gebraucht wurden, aber nur schwer zu bekommen waren, weshalb entsprechend dem Gesetz von Angebot und Nachfrage ein Angebot entstanden war: In Groß Dölln hatte sich jemand auf die "Vermarktung" von Buntmetallen und Akkus spezialisiert (besonders begehrt waren Kupfer, Blei und Aluminium), die die Russen als Abfälle auf dem Flugplatz aussortiert hatten. Immer wieder besorgte er sich solche Abfälle direkt vom Flugplatzgelände, meist im Austausch gegen Alkohol und erotische Magazine. Wurde er bei seinen Aktivitäten erwischt, hatte er allenfalls mit einem Verweis zu rechnen. Ja, es gab sogar Fälle, in denen die Posten ihn zuerst wegschickten und ihm anschließend selbst die Metalle - mit entsprechender Gegenleistung - bis an den Zaun brachten. - Dass Geschäfte der geschilderten Art die Beteiligten allerdings gelegentlich auch ernsthaft in Schwierigkeiten bringen konnten, erwähnte einer 

unserer Gesprächspartner. Einzelheiten konnte er nicht nennen, nur dass mehrere Personen solche Schwierigkeiten in der Zeit vor dem Mauerbau 1961 zum Anlass genommen haben, die DDR durch Flucht zu verlassen. (Inwieweit noch andere Gründe dabei eine Rolle spielten oder vielleicht sogar entscheidend waren, muss offen bleiben.) - Schlecht erging es einem Döllner, der bei einem illegalen Geschäft von einem Offizier überrascht wurde. Dieser führte ihn in einen Schuppen, ließ ihn sich auf den Boden legen und deckte ihn mit einer Plane zu. Voller Angst und in Ungewissheit über sein weiteres Schicksal lag der Döllner längere Zeit da, bis der Offizier irgendwann verschwunden war und er nach Hause zurückkehren konnte - von wo aus er trotz dieser Erfahrung zusammen mit anderen seine illegalen Aktivitäten fortsetzte. - Zu wirklich gravierenden Bestrafungen wegen der Beteiligung an dunklen Geschäften scheint es nur in Ausnahmefällen gekommen zu sein. So im Fall eines nach Groß Dölln Zugezogenen, der auf dem Flugplatz als Heizer gearbeitet und nebenbei mit Russenbenzin gehandelt hatte. Als man unter seinem Misthaufen verborgene Fässer entdeckte, landete er im Gefängnis. Vielleicht weil er als Zugezogener Einheimischen in die Quere gekommen war?


Gemeinsamer deutsch-russischer Arbeitseinsatz in dem russischen Lager rechts der Straße nach Zehdenick, Anfang der 1970er Jahre (Teil 2)

Eine Ware, die sowohl bei den legalen als auch bei den illegalen Transaktionen eine wichtige Rolle spielte, war der Alkohol. Nahezu in jedem Gespräch, das wir mit Zeitzeugen führten, wurde das Thema "Russen und Alkohol" angesprochen. Fast alle Russen tranken, so hat es den Anschein, vom gerade eingetroffenen Rekruten (vorausgesetzt, er konnte sich etwas zum Trinken besorgen) über die Offiziere bis zu den Militärs in den höchsten Rängen. Zu den allgemeinen Gründen für den Konsum von Alkohol kamen spezifische hinzu, die sich aus der besonderen Lage auf dem Flugplatz ergaben: die - abgesehen von militärischen Aktivitäten - weitgehende Ereignislosigkeit, die kulturelle Ödnis und bei den unteren Dienstgraden auch noch die Verzweiflung über die teils grausame Behandlung im Rahmen der "Dedowschtschina". Wege, an das Objekt der Begierde zu gelangen, gab es verschiedene. Der legale Kauf von Alkohol im Magazin war der einfachste und leicht zu realisieren für diejenigen, die die Erlaubnis und das nötige Geld dafür hatten. Schwieriger war es für alle übrigen, doch erwiesen diese sich als erfindungsreich und fanden immer wieder Wege, dem abzuhelfen. Einer dieser Wege waren illegale Geschäfte wie der Verkauf von Benzin, von Kohlen oder anderen Dingen. Auch der erwähnte 

"Wegezoll" beim Durchschlupf durch den Flugplatzzaun brachte Geld ein, ebenso führte der Naturaltausch zum Ziel wie in dem im letzten Kapitel angeführten Beispiel einer warmen Jacke gegen eine Flasche Schnaps. Waren dem nach Alkohol Verlangenden all diese Möglichkeiten verwehrt, so blieb nur noch das Stehlen, und entsprechend wissen viele Anwohner des Flugplatzes davon zu berichten. Im nahegelegenen Bebersee etwa, wo ein Teil der (insgesamt nur wenigen) Häuser nicht ständig bewohnt war und das Einbrechen deshalb keine allzu schwierige Sache. Das einzige Problem für den Einbrecher: Er durfte sich nicht erwischen lassen. Passierte das doch, so entschieden allein die Russen über eine mögliche Bestrafung. - Ein weit drastischerer Fall im Zusammenhang mit Alkohol wurde uns aus Groß Dölln berichtet: Zwei bereits angetrunkene Soldaten, die als Regulierer auf der Kreuzung standen, hatten den Konsumladen betreten, unter den Augen mehrerer Kunden die Verkäuferinnen mit ihren Waffen bedroht und die Herausgabe von Alkohol verlangt. Ihr Pech war, dass ein Offizier den Zwischenfall beobachtet hatte und Militär vom Flugplatz herbeirief. Vor den Augen der Groß Döllner - darunter Kinder - wurden die beiden Soldaten zusammengeschlagen, auf einen LKW geworfen und 



abtransportiert. Wegen des Gebrauchs von Waffen dürfte die Strafe in diesem Fall hart ausgefallen sein, aber wie üblich wurden auch dieses Mal keine Einzelheiten bekannt. - Ganz anders die folgende Begebenheit: Ein Elektriker aus Groß Dölln brachte Hefe nach Vogelsang, die dort für das Brotbacken gebraucht wurde. Die beteiligten Russen indes nutzten die Hefe nicht für Brot, sondern für die Herstellung von Alkohol. Der Verzehr dieses Alkohols lief aus dem Ruder - so sehr, dass Hinzukommende, die das Gelage unterbinden wollten, schließlich sogar Warnschüsse in die Decke abgaben. Den Elektriker kostete es anschließend einige Mühe, wieder "gute Stimmung" bei den Russen zu machen.

 

Wenn es um die wirtschaftlichen Kontakte zwischen den Russen und den Anwohnern des Flugplatzes geht, darf man die "sozialistische Hilfe" nicht außer acht lassen. Für die Menschen in den Dörfern war der Einsatz von russischem Militärpersonal bei nicht-militärischen Aufgaben ein durchaus gewohnter Anblick, und das gilt nicht nur für die Umgebung des Flugplatzes, sondern für die gesamte DDR. Ja, mehr noch: Auch in der Heimat der Soldaten ging ein großer Teil ihrer Dienstzeit für nicht-militärische Aufgaben drauf. In der Sowjetunion, so schreibt Silke Satjukow in ihrem Buch, "leistete jeder vierte Soldat

und Unteroffizier seinen Armeedienst auf Baustellen oder Feldern ab. Bis zu einem Viertel der Mannschaften beschäftigte sich dort statt mit Gefechtsübungen mit Räumungs-, Bau- und Reinigungsaufgaben; Abwesenheitsquoten von bis zu zwanzig Prozent bestimmten die Ausbildung." Natürlich hätte man den Einsatz dieser Männer auch einfach als das Schließen von Lücken bezeichnen können, weil die regulären Arbeitskräfte zur Erfüllung ihrer vom Plan festgelegten Aufgaben nicht in der Lage waren. Womit sie ein reiner Notbehelf waren, ein kostenloser noch dazu, doch hätte das Wort "Notbehelf" keinen guten Klang gehabt, also hat man den Begriff der "sozialistischen Hilfe" geprägt. Bereits seit 1945 waren solche Sondereinsätze des russischen Militärs unter anderem in der Industrie und der Landwirtschaft der DDR an der Tagesordnung, und jedes Mal wurden sie der Bevölkerung propagandistisch als selbstlose Bruderhilfe verkauft. So etwa die Ernteeinsätze im Herbst, von der uns Dorfbewohner berichteten - darunter das "Kartoffelstoppeln" -, oder das gemeinsame Pflanzen von Bäumen. Aus seiner Zeit als Mitarbeiter der LPG in Groß Schönebeck berichtete uns ein Döllner, wie die LPG als Gegenleistung für den Einsatz russischer Soldaten bei der Ernte für diese Rote Bete angebaut hat.


Russische Zeitungen, als Makulatur (Untertapete) an die Wände von Räumen geklebt

Wiederkehrende Wintereinsätze der Russen gab es, weil die zuständigen DDR-Betriebe mit Räumgerät unzureichend ausgerüstet waren. Allerdings muss der Einsatz in dem extrem schneereichen Winter 1978/79 durchaus als eine echte Hilfe verstanden werden, da die DDR selbst bei einer besseren Ausstattung die damaligen gravierenden Probleme kaum allein hätte schultern können. Nur durch den Einsatz des russischen Militärs gelang es seinerzeit, den völligen Zusammenbruch der Wirtschaft und des Verkehrs zu verhindern. (Ein wenig dazu beigetragen haben mögen auch jene 500 Bohrhämmer, die die DDR für ihre Braunkohletagebaue beim westdeutschen "Otto-Versand" bestellt hat - eine Information, die mir beim Bearbeiten des Themas zufällig in die Hände fiel.) Auch an diverse Brände erinnerten sich die von uns Befragten, bei denen Russen sich an den Löscharbeiten beteiligten, so unter anderem bei einem Hausbrand in Bebersee, beim Brand des Saals der Döllner Gaststätte und immer mal wieder bei Waldbränden (darunter auch solchen, die die Russen durch einen fahrlässigen Umgang mit Feuer erst verursacht hatten).

Abschließend zu diesem Kapitel noch zwei Fälle, die von unseren Gesprächspartnern unter dem Stichwort "wirtschaftliche Kontakte" genannt wurden. Da war zum einen in den 1960er Jahren jener russische LKW, der vor der Kurtschläger Kirche hielt und von dem aus Waren verschiedener Art an die Dorfbewohner verkauft wurden, darunter Mangelwaren und Obst. ("Bananen gab es sonst oft nur ein Stück pro Person. Hier konnte man gleich mehrere kaufen.") - Der zweite Fall war die Erinnerung einer Zeugin, "dass donnerstags ein sogenannter 'Russenbus' von Groß Väter über Kurtschlag nach Zehdenick fuhr, der auch von der Bevölkerung genutzt werden durfte. In Kurtschlag fuhr er jeweils um 13 Uhr ab. Ich bin auch mit diesem Buch gefahren und kann mich noch gut an den Geruch von Knoblauch und von dem schweren Parfüm der russischen Frauen erinnern. Es muss um 1970 gewesen sein. Wie lange diese Buslinie bestand, weiß ich nicht. Ich finde aber, das ist ein gutes Beispiel für das damalige Miteinander."



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