5. Schwierige Nachbarschaft

Während ich mir Gedanken über dieses Kapitel gemacht habe, kam mir eine Erinnerung. Ein Freund aus meiner Studienzeit fiel mir ein, aus den 1970er Jahren in West-Berlin. Wir waren damals des öfteren in einer irischen Kneipe, in der auch in Berlin stationierte britische Soldaten verkehrten. Bei dem einen oder anderen Glas Guinness sind wir mit einigen von ihnen ins Gespräch gekommen, und zwischen meinem Freund und einem dieser Soldaten entwickelte sich eine Freundschaft. Die beiden haben sich hin und wieder getroffen, waren auch ein paarmal gemeinsam auf unseren Studentenfeten und auf Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, und als der Soldat in seine Heimat zurückkehrte, hat mein Freund ihn dort besucht. Es war ein Kontakt, der lange hielt, auch später noch zwischen den Familien.

 

Doch unser Thema sind ja nicht die West-Berliner und die Briten, sondern die Anwohner unseres Flugplatzes und die Russen. Also: Wie sahen die Beziehungen in diesem Fall aus? Wo gab es Kontakte, und wie intensiv waren sie? Der Beginn am Kriegsende 1945 war denkbar schlecht, doch bereits damals haben sich Menschen über die schrecklichen Ereignisse der vergangenen Jahre hinweg für bessere Beziehungen eingesetzt. Auch die neu gegründete Partei SED hat es sich seinerzeit zur Aufgabe gemacht, das Verhältnis zur Sowjetunion 

zu verbessern, mit der Folge, dass diese für die Menschen im Land schließlich nahezu allgegenwärtig war. Ob in den Arbeitskollektiven, in den Medien oder auf Plakaten und Transparenten an jedem halbwegs dafür geeigneten Ort - überall ging es um die Freundschaft zum "Lande Lenins und Stalins" und zu seinen Menschen. Seit Anfang der 1950er Jahre waren dann bedingt durch den Flugplatz Russen in größerer Zahl in unserer Gegend, und so blieb es bis zu ihrem Abzug im Jahr 1994. Theoretisch eine geradezu ideale Voraussetzung, um Kontakte zu knüpfen und Beziehungen zu entwickeln. Sehen wir uns im Folgenden an, wie sich die Praxis gestaltete, und beginnen wir mit den Kontakten auf privater Ebene.

 

Hört man sich die Schilderungen von Zeitzeugen an, so hat es Kontakte in großer Zahl gegeben, allerdings wird bei näherem Hinsehen schnell deutlich, dass es sich bei den meisten um eine sehr spezielle Art von wirtschaftlichen Kontakten gehandelt hat, und zwar  um Schiebereien jedweder Art. Auf sie werde ich im nächsten Kapitel näher eingehen. Daneben existierten berufliche Kontakte beim Bau des Flugplatzes und auch noch nach dessen Fertigstellung, als Deutsche weiterhin für die Russen tätig waren. Und es gab (flüchtige) Begegnungen in den "Russenmagazinen", die zwar nicht  


Russische Hinterlassenschaften nach ihrem Abzug 1994

von allen, aber doch von vielen Anwohnern des Flugplatzes zum Einkaufen aufgesucht wurden. Zu Kontakten kam es schließlich auch in den örtlichen Gaststätten, so in der "Eiche" in Groß Väter, in der "Schorfheide" in Groß Dölln sowie in Kurtschlag im "Mittelpunkt der Erde" und in der Gaststätte Ney. "Sonntags trafen dort häufig Offiziere ein", berichtete uns ein Kurtschläger über den "Mittelpunkt". Nicht "Russen", das hätte unser Gesprächspartner ja auch sagen können, sondern "Offiziere" - eine Wortwahl, mit der er ganz bewusst auf eine bestimmte Gruppe innerhalb des russischen Militärs abstellte. Und das nicht zufällig, war doch längst nicht jedem Russen der Besuch in einer Gaststätte erlaubt. Ganz im Gegenteil existierte im russischen Militär auch in dieser Hinsicht eine strenge Hierarchie, und was dem einen gestattet war, das war es dem anderen noch lange nicht. In einer privilegierten Position befanden sich die Offiziere, während die einfachen Soldaten - in den Dörfern wurden sie zumeist "die Muschkoten" genannt - darunter rangierten und insbesondere im ersten Dienstjahr faktisch weitgehend rechtlos waren. 

 

Gleich unter mehreren Gaststätten konnten die Offiziere also wählen, wenn sie nach Dienstschluss oder am Wochenende bei Bier und 

Wodka Abstand von ihrer - oftmals vermutlich recht eintönigen - Arbeit gewinnen wollten. Doch eine Gaststätte gab es, die auf der Beliebtheitsskala der Russen mit Abstand den ersten Platz besetzte: "Die Eiche" in Groß Väter. Ein Grund dafür war, dass sie vom Flugplatz aus am schnellsten zu erreichen war, entweder - die Offiziere - ganz offiziell durch den Schlagbaum am Tor oder - alle anderen - durch ein Loch im Flugplatzzaun. Letzteres eine Möglichkeit, die es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen, die aber dennoch existierte und von den Verantwortlichen geduldet wurde. Vielfach brachten die Offiziere auch ihre Frauen und Kinder mit, die während der warmen Jahreszeit den gleich hinter der Gaststätte gelegenen See für Badefreuden nutzten. Doch nicht nur Russen verkehrten in der "Eiche", sondern ebenso Deutsche aus Groß Väter und auch von woanders her, was die Gaststätte zu einem Ort intensiver Begegnungen zwischen den beiden Nationalitäten machte. Insbesondere "geschäftlicher" Begegnungen, bei denen - legal oder illegal - Zeitzeugen zufolge so ziemlich mit allem gehandelt wurde, was sich nur denken ließ. Neutral formulierte es einer unserer Gesprächspartner: "Hier wurden Geschäfte gemacht, während man Wodka trank und Trockenfisch aß, den die Russen in die Prawda oder Iswestija eingewickelt mitgebracht hatten." Nicht immer ging es bei solchen Gelegenheiten 



friedlich zu. So erzählten uns zwei, die dabei waren, "dass Gewaltandrohungen und Schlägereien in den Kneipen, vor allem in Groß Väter, nicht so selten waren. Unter dem oft reichlich fließenden Alkohol waren diese Schlägereien auch recht heftig, und mitunter floss Blut. Meist fingen solche Gelage unter dem Zeichen der 'deutsch-sowjetischen Freundschaft' recht brüderlich an, um dann irgendwann zu kippen." Bei den Männern in der Gaststätte handelte es sich, wie schon erwähnt, um Offiziere. Waren sie mit einem Fahrer gekommen - mit einem "Muschkoten" -, so musste der draußen warten. "Eine Erinnerung lässt mich an einen strengen Winter denken", erzählte uns ein Döllner. "Mit einem Freund saßen wir in der Kneipe mit russischen Offizieren an einem Tisch und tranken. Draußen stand der Jeep der Offiziere, darin wartete der frierende Fahrer. Trotz der eisigen Kälte tauschte dieser mit meinem Freund seine dicke Jacke gegen eine Flasche Schnaps. Drinnen bekam keiner davon etwas mit." Alkohol war zumeist auch das Ziel derjenigen Soldaten, die mit irgendwelcher Tauschware durch das Loch im Zaun zur "Eiche" gelangten und dort versuchten, ihre eigenen Geschäfte zu machen. - Tranken Russen bei ihrem Aufenthalt in der Gaststätte zu viel (das Gleiche galt natürlich auch für alle anderen Gaststätten), 

so konnte der Ausflug vom Flugplatz ein hässliches Nachspiel haben. Mehrere Zeugen berichteten uns, wie volltrunkene Russen von anderen abgeholt, grob auf einen Wagen geworfen und abtransportiert worden waren.

 

Während die meisten Kontakte zwischen dem deutschen Wirt der "Eiche" und seinen russischen Gästen naturgemäß eher oberflächlich waren, so gab es auch Ausnahmen. Als eine solche darf der Fall gelten, bei dem der Wirt von einem Offizier anlässlich des offiziellen Abschieds der Russen Anfang der 1990er Jahre eine DVD mit einstündigen Filmaufnahmen vom Flugplatz geschenkt bekam - ein absoluter Vertrauensbeweis, war darauf doch diverses militärisches Gerät in Aktion zu sehen, was dem Offizier auch in dieser relativ entspannten Zeit und obwohl es sich um unspektakuläre Aufnahmen handelte, durchaus noch Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten hätte einbringen können.

 

Zu näheren Kontakten zwischen Deutschen und Russen kam es gelegentlich auch außerhalb der Gaststätten, wie uns ein Döllner berichtete: "Traf man die Russen beim Angeln - auch wir waren 


Private Kontakte zu Russen (Foto 4 und 5: beim Fasching in Kurtschlag)

Schwarzangler im Staatsjagdgebiet -, wurde man oft angesprochen und auch eingeladen zu Zwiebeln, Speck und  Brot." Doch bildeten derartige Kontakte die Ausnahme, weit üblicher war ein Nebeneinander beider Nationalitäten. So etwa bei Begegnungen am winterlichen Vätersee, wohin die russischen Männer zum Eisbaden kamen (ein kleines Handtuch in die Prawda eingewickelt), während die Deutschen ein Stück entfernt davon Eishockey spielten.

 

Ein paar Episoden, die man uns erzählt hat, sollen den Komplex "private Beziehungen" ergänzen. Es handelt sich um keine großen Geschichten, doch werfen sie ein Licht auf den Alltag, in dem Deutsche und Russen als Nachbarn seinerzeit gelebt haben:

- "B.H. erzählte, dass er und andere Jungs auf ihren Mopeds die Funkstation Richtung Seebruch provokant umrundeten. Dicht am Zaun entlang wollten sie wohl die Russen ärgern. Diese aber schnappten sich die Jungs, warfen sie und ihre Mopeds auf einen 'Ural' und fuhren sie quer über den Flugplatz zum Kommandanten. Während sie dort warteten und sich über die Russen (in der Annehme, keiner verstehe Deutsch) lustig machten und sie als Idioten bezeichneten, war doch ein Bewacher dabei, der sie verstand. Ein kräftiger Schlag fegte B.H. von der Bank. Wie immer in solchen 

Fällen wurde die Stasi von Templin geholt, die die Jungs dann wieder in die Freiheit brachte. Denen war ja klar, dass sie keine Spione vor sich hatten, zumal die meisten Jungs nicht das erste Mal in dieser Situation waren."

- "Russen kamen gelegentlich mit Motorrädern und Mopeds zur Gaststätte. Jungen aus Dölln nahmen sich heimlich die Maschinen und fuhren damit. Angeblich ging immer alles gut."

- "Ende der 1950er Jahre, als der Truppenübungsplatz Lotzin noch in Betrieb war, fuhren oft Panzer und Fahrzeugkonvois durchs Dorf. Sogenannte Regulierer standen auf der Kreuzung und lenkten die Fahrzeuge. Solch ein Regulierer mit Kartentasche und Maschinenpistole wollte unseren Schafbock, der von der Wiese nach Hause gebracht wurde, streicheln. Aus dem Konsum heraus beobachteten die Döllner die Aktion, sie wussten wie aggressiv der Bock war. Wie erwartet, stieß er den Soldaten nieder und ließ ihn nicht mehr hoch. Erst mein Vater konnte den Bock weitertreiben. Ansonsten hätte der Soldat vielleicht zur Waffe gegriffen. Im Konsum hat man sich sicherlich köstlich amüsiert."

 

So viel zu den privaten Kontakten. Und wie sah es auf offizieller Ebene aus? Geht man von der bei jeder Gelegenheit beschworenen 



engen Freundschaft zwischen der DDR und der Sowjetunion aus, so müsste man eigentlich erwarten dürfen, dass diese in einer Fülle von Kontakten auf staatlicher und gesellschaftlicher Ebene ihren Ausdruck finden würde. Wir haben unseren Gesprächspartnern eine ganz allgemeine Frage dazu gestellt: "Hat es offizielle Kontakte zwischen Deutschen und Russen gegeben?" Bezeichnend die Antwort einer Kurtschlägerin, die ihr ganzes Leben im Dorf zugebracht hat und die üblicherweise über alles bestens unterrichtet ist. Eine Weile dachte sie nach, dann schüttelte sie den Kopf: Nein, solche Kontakte habe es nicht gegeben. Was ein Irrtum ist, wie wir wissen, denn andere Kurtschläger konnten sich sehr wohl an solche erinnern. Und doch war diese Aussage für uns von Wert, denn wenn gerade diese Zeugin sich an keine offiziellen Kontakte erinnern konnte, dann kann es nicht allzu viele davon gegeben haben. Und in der Tat war im Fall Kurtschlags die Zahl der uns genannten Beispiele äußerst gering. Bei Tanzveranstaltungen in der Gaststätte und anlässlich besonderer Feiertage, erzählte uns ein Gesprächspartner, waren auf Einladung der damaligen Bürgermeisterin Edith Wörpel gelegentlich russische Offiziere mit ihren Ehefrauen anwesend. Ein anderer erwähnte einen von der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft (DSF)  

organisierten Besuch russischer Kinder aus Vogelsang als Gäste in Vorbereitung einer Jugendweihe (einen Gegenbesuch bei den Russen hat es nicht gegeben). Und eine Kurtschlägerin, die in Luckenwalde eine Ausbildung zur Kindergärtnerin machte, schilderte uns, wie sie zweimal zusammen mit anderen jungen Frauen mit einem Bus zu einer Tanzveranstaltung mit russischen Offizieren gefahren worden war und der  Bus sie anschließend alle gemeinsam wieder zurück gebracht hatte. Und das war's.

 

Andernorts die gleiche Situation: So erinnerte sich eine ehemalige Lehrerin aus Zehdenick an jährliche Freundschaftstreffen ihrer Schule  mit Russen in der Kaserne Vogelsang, organisiert ebenfalls über die DSF und mit einem von den Schülern vorgetragenen Programm. Außerdem gab es gemeinsame Feiern aus Anlass des Tages des Lehrers ("während des Alkoholverbots Gorbatschows wurde Himbeerlimonade getrunken"), einen Besuch in Drögen, arrangiert von der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) mit Besichtigungen und einem Vortrag über Militärtechnik und - zweifellos ein Highlight im Veranstaltungskalender - ein 1988 von der FDJ-Bezirksleitung organisiertes Lager für Arbeit und Erholung bei Minsk. Nun war die  


Russische Offiziere mit Ehefrauen bei einer Veranstaltung des Dorfclubs in der Gaststätte "Mittelpunkt der Erde" in Kurtschlag.

Zahl unserer Gesprächspartner zwangsläufig begrenzt, und fairerweise muss gesagt werden, wenn wir noch mehr gefragt hätten, dann hätten wir vermutlich von weiteren Kontakten erfahren. Doch am Prinzip würde sich dadurch nichts ändern: Die Zahl der Kontakte war gering, und dass viel mehr nicht erwünscht waren, machten die russischen Militärs immer wieder deutlich, indem sie entsprechende Vorstöße von deutscher Seite in aller Regel abblockten. So etwa die Versuche von Einwohnern Vogelsangs, über die übliche Einladung zu Dorffesten hinaus engere Kontakte zu den Russen in der nahegelegenen Garnison zu knüpfen oder die Bemühungen eines FDJ-Sekretärs aus Groß Dölln, mit den Russen Fußballspiele zu organisieren.

 

Als ein Mittelding zwischen offiziellen und privaten Kontakten seien noch die von mehreren Befragten angeführten Brieffreundschaften erwähnt, die über die DSF von der Kurtschläger Schule zu Schülern in der Sowjetunion vermittelt wurden ("so etwas geschah häufiger"). Zu Begegnungen zwischen den Schülern kam es indes nie - womit auch in diesem Fall eine Chance vertan wurde, Menschen aus der DDR und der Sowjetunion einander näherzubringen. In diesem Fall 

ausgerechnet Kinder und Jugendliche, die für ein gutes Verhältnis zwischen beiden Ländern ganz besonders wichtig gewesen wären.

 

Insgesamt also Kontakte "auf Sparflamme", sowohl im privaten als auch im offiziellen Bereich. Ein Auseinanderklaffen zwischen Propaganda und Realität, das bemerkenswert ist. Doch "wenig Kontakte" heißt nicht, dass es keine gegeben hätte, und so haben sich in den Jahrzehnten gemeinsamer Nachbarschaft denn auch immer mal wieder Freundschaften zwischen Deutschen und Russen entwickelt. So wie im Fall jenes Kurtschlägers, der als Ofensetzer über längere Zeit auf dem Flugplatz tätig war: Während seiner zehnjährigen Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion hatte er die Sprache erlernt, so dass er sich mit den Russen problemlos verständigen konnte. Zu einem der Offiziere hatte sich eine engere Beziehung entwickelt, der Offizier kam zu Besuch, man redete und trank und schaute sich Fotos von den Familien an - alles völlig normal, wie es jeden Tag Millionen Mal auf dieser Welt passiert. Vor dem Abzug der Russen 1994 erschien dieser Offizier dann noch mal bei seinem deutschen Bekannten und verabschiedete sich. - Auch 

von anderen freundschaftlichen Kontakten haben wir erfahren, so 



aus Groß Dölln: "Manchmal wurde T. von seinen russischen Freunden zum Angeln auf dem Groß Döllnsee auch in der Nacht abgeholt. ... Irgendwann konnte T. schon keine Aale mehr sehen. Immer wieder brachten die Freunde welche vorbei." - "Onkel Wolodja" (ein anderes Beispiel) nannten die Kinder den Russen, der "oft zum Saufen und Geschäfte machen" nach Hause kam. "Vieles im Haushalt stammte vom Flugplatz. Zwei Schweine wurden mit Küchenabfällen von den 'Freunden' gefüttert."

 

Beziehungen dieser Art wurden von der russischen Militärführung zwar mitunter geduldet, aber nicht gerne gesehen. In manchen Fällen hatten solche Beziehungen für die beteiligten Russen negative Konsequenzen: "D. half mal beim Suchen eines Kühlschranks, den ein Offizier in der Sowjetunion gekauft hatte und der hier nicht angekommen war. Der Kühlschrank wurde in Zehdenick am Bahnhof gefunden und übergeben. Als Dankeschön wurde D. von dem Offizier eingeladen. Das wurde gemeldet, und es folgte die Versetzung." - Von einem anderen Fall erfuhren wir, in dem die Freundschaft zu einem russischen Leutnant ebenfalls zu dessen Versetzung führte." - "Es gab die offiziellen Sachen und von den Vogelsangern auch die 

Einladung zu Dorffesten", zitierte die Märkische Allgemeine den einstigen Bürgermeister der Gemeinde. "Aber Kontakte darüber hinaus waren nicht gewünscht. Sie waren den Soldaten nicht erlaubt." - Was die Kurtschläger Dorfchronik bestätigt: "Die in der Nähe (des Flugplatzes)  wohnenden Besatzungstruppen mit ihren Familien waren seit Jahren keine Besonderheit mehr, im Gegenteil: Man fuhr zum Einkauf auf das Flugplatzgelände, um billige oder ausländische, bei uns nicht angebotene Erzeugnisse zu erwerben. Doch nur in wenigen Fällen kam es zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen russischen und deutsche Familien, da Angehörigen der sowjetischen Besatzungsmacht diese Verbindungen untersagt waren." Formulierungen, bei denen das Bedauern über diese Situation nicht zu überhören ist. Deutlich äußerte sich ein Leserbriefschreiber in der MAZ anlässlich des Abzugs der Russen: "Unverständlich bleibt mir die Abgrenzung. Die war falsch. Weshalb durften wir nicht mit den sowjetischen Offizieren ganz normal in Kontakt treten? Der Freundschaftsgedanke hatte es auch dadurch schwer." Sätze, die vermutlich jeder der von uns Befragten unterschrieben hätte.


Foto 1: Russische Urkunde zum 20. Jahrestag der Gründung der DDR 1969

Fotos 2-4: Glückwünsche von Vertretern der russischen Garnison zum 25. Jahrestag der Gründung der DDR 1974

Freundschaftsbeziehungen zwischen Deutschen und Russen waren das eine, Liebesbeziehungen das andere. Nicht etwa solche von "Muschkoten" - für die einfachen Mannschaftsdienstgrade waren Kontakte zu deutschen Frauen so gut wie ausgeschlossen. Eher möglich waren sie für Unteroffiziere, Offiziere und Zivilbeschäftigte, und bei ihnen hat es denn auch Beziehungen dieser Art gegeben, gelegentlich mit der Absicht einer Eheschließung. Was unter rechtlichen Gesichtspunkten durchaus möglich gewesen wäre, dennoch wurden solche Verbindungen bis auf wenige Ausnahmen bis zum Ende der DDR verhindert. Weder die Regierung der UdSSR noch das sowjetische Oberkommando in Wünsdorf "ließen ... jemals auch nur den geringsten Zweifel daran aufkommen", schreibt Silke Satjukow, "dass eine solch enge Vermischung politisch nicht erwünscht war. Deutsch-sowjetischen Vermählungsbegehren wurden daher zu jeder Zeit alle denkbaren Hindernisse und Hemmnisse in den Weg gelegt." In vielen Fällen endete eine Liebesbeziehung mit der zwangsweisen Rückkehr des Russen in seine Heimat. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass keiner der von uns Befragten von einem Fall einer deutsch-russischen Eheschließung in der Zeit vor der Wende zu berichten wusste. Eine Ausnahme bildeten lediglich die Ehen zweier Männer aus Groß Dölln, die vermutlich über Kontakte 

auf dem Flugplatz angebahnt worden waren und bei denen es offenbar nicht um Liebe ging, sondern darum, zwei russischen Frauen gegen Geld die Übersiedlung in die DDR zu ermöglichen. Nachdem sich ihr Aufenthaltsstatus verfestigt hatte, wurden die Ehen geschieden, und die beiden Frauen hatten eine neue Heimat gefunden.

 

Bleibt noch eine Art von Kontakten, die sich aus der menschlichen - sprich: der männlichen - Natur ergibt: Sex. Bei einer so großen Zahl von Männern im aktivsten Alter auf dem Flugplatz und in den anderen Militäreinrichtungen wäre es höchst erstaunlich, wenn dieses Thema keine Rolle gespielt hätte. Entsprechend hat es denn solche Kontakte zwischen russischen Männern und deutschen Frauen auch tatsächlich gegeben, auch wenn keiner der von uns Befragten sich dazu näher äußern konnte oder wollte. Gehen wir also - ohne Einzelheiten zu kennen - einfach davon aus, dass dieses Phänomen existierte.

  

Und wie stand es mit den Kontakten zwischen den Militärs auf beiden Seiten? Waren sie eng angesichts der Tatsache, dass die feste Waffenbrüderschaft angeblich zu den herausragenden 



Errungenschaften im deutsch-russischen Verhältnis gehörte? Die folgenden Sätze aus dem Buch von Silke Satjukow stammen von NVA-Angehörigen, die mit den Russen Kontakt hatten: "Die jahrzehntelang vorgeführte mustergültige militärische Zusammenarbeit und Freundschaft schienen vertraut und vertrauensvoll - doch im Alltag existierten sie kaum ... In der Realität fanden Freundschaftstreffen sowie berufliche Kontakte zwar zuhauf statt, aber nur in seltenen Fällen kam es zu echten menschlichen Annäherungen ... Unsere Kontakte, vor allem zu den Mannschaftsdienstgraden, waren eher spärlich ... Im Nachhinein war die viel beschworene Waffenbrüderschaft nur ein Wort. Zwar verfügten wir zum Großteil über die gleichen Waffen, man hat sich da ein bisschen ausgetauscht. Aber letztlich lebte man nebeneinander her. Alles war von oben festgelegt worden. Waffenbrüderschaft bedeutete, man muss miteinander auskommen." Formulierungen, die Satjukow in dem Fazit zusammenfasst: "Gerade die Militärs und Geheimnisträger sollten sich niemals unkontrolliert und unvoreingenommen begegnen. Sämtliche Zusammenkünfte wurden akribisch beobachtet und reglementiert und - sofern politisch 

notwendig - auch verhindert. Unter diesen Vorzeichen gedieh keine Freundschaft im klassischen Sinne - und sollte auch keine gedeihen."

 

Auf die Gründe für die konsequente Abgrenzung der Russen von den Bürgern der DDR bin ich in den vorherigen Kapiteln bereits eingegangen. Ich will sie an dieser Stelle noch einmal kurz zusammenfassen: Da war zum einen die extreme Angst vor Spionage, zum anderen der nur aus der russischen Geschichte erklärbare übersteigerte Hang zur Geheimniskrämerei, der sich tief in der Psyche der Russen eingegraben hatte. Und da war das Wissen, es bei der DDR mit einem Staat zu tun zu haben, dessen wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der der Sowjetunion weit voraus war, ebenso wie der Lebensstandard seiner Bewohner. "Von der DDR lernen heißt siegen lernen", wäre der Wirklichkeit angemessener gewesen als das umgekehrte Motto, das jeder, der die Welt ohne Scheuklappen betrachtete, als politisch motivierte Schönfärberei erkennen musste. Hätte die Sowjetunion angesichts dieser Situation ihre Bürger zu möglichst intensiven Kontakten mit den Menschen in der DDR ermuntert, wäre sie unausweichlich und permanent mit dem



Propusk (Passierschein) für einen deutschen Polizisten für den Flugplatz Groß Dölln

Bankrott ihres eigenen ideologischen Anspruchs konfrontiert worden, woran sie verständlicherweise kein Interesse haben konnte. Auch aus diesem Grund war es für die Verantwortlichen in Moskau am besten, alle Arten von Kontakten zwischen ihren eigenen Leuten und den Bewohnern ihres Gastlandes möglichst klein zu halten.

 

Von der Theorie noch einmal zur Praxis und damit zu einem Thema, das ich oben nur gestreift habe, das für die Situation vor Ort jedoch eine Rolle spielte und deshalb noch ein wenig vertieft werden muss: Ich meine die "Muschkoten". Diese untersten Mannschaftsdienstgrade der Sowjetarmee hat jeder der von uns Befragten erwähnt, und jedes Mal mit einem Zusatz  wie "diese armen Burschen" oder ähnlichen Formulierungen. Worum geht es? Von den in der Sowjetunion frisch eingezogenen Soldaten (*) wurden jedes Mal mehrere Zehntausend in die DDR geschickt, wo sie eine gleichermaßen harte wie trostlose Dienstzeit erwartete. Nach Hause durften die Soldaten in dieser Zeit - wenn überhaupt - nur ein einziges Mal, Telefonate mit der Heimat gab es nicht, lediglich Briefkontakt war den jungen Männern erlaubt. Die Unterbringung in Schlafsälen mit 30 Mann oder mehr war an der Tagesordnung, was eine Privatsphäre ausschloss, die Verpflegung war schlecht (**), und 

als wäre das alles nicht schon schlimm genug, hatten die Neuen - und  hier noch einmal verstärkt die nicht-russischen Nationalitäten wie Kasachen, Kirgisen usw. - auch noch unter der Drangsalierung durch ihre Offiziere und der bereits länger dienenden Soldaten zu leiden. "Dedowschtschina" hieß dieses System, "Herrschaft der Großväter", was nett klingt, sich in den Äußerungen der Betroffenen aber ganz anders anhört: "Das erste halbe Jahr bist du kein Mensch, du wirst behandelt wie Dreck" oder "Wichtig war, das erste Dienstjahr zu überstehen." Nicht jeder hielt die physischen und psychischen Belastungen in dieser Zeit aus, immer wieder kam es zu Extremreaktionen, und manch einer wurde aus Verzweiflung zum Deserteur. "Tausende Sowjetsoldaten sind in der DDR ums Leben gekommen - durch Unfälle, Gewaltexzesse, Suizid", heißt es in einem Artikel der Zeitung "Neues Deutschland" aus dem Jahr 2018. In dieses Bild passt die folgende Begebenheit, von der uns ein Augenzeuge berichtete: "Ein dramatischer Zwischenfall trug sich in den 1980er Jahren in der Kneipe 'Zur Eiche' in Groß Väter zu. Während des üblichen Kneipentrubels mit 'gemischten' Gästen peitschten völlig unerwartet Salven aus einer Maschinenpistole gegen die Außenwand der Kneipe. Geistesgegenwärtig schmissen sich alle auf den Boden. Der Schütze, ein 'durchgedrehter Soldat', 



zielte glücklicherweise nur auf das Mauerwerk unterhalb der Fenster. Von dem Wenigen, was die Deutschen mitbekamen, blieb in Erinnerung, dass der Schütze brutal zusammengeschlagen wurde, so dass alle annahmen, er sei tot. Die Hintergründe blieben im Dunkel."

(*) Der Wehrdienst betrug zunächst drei Jahre, 1967 wurde er auf zwei Jahre verkürzt.

(**) Die schlechte Verpflegung war vielleicht auch der Grund, weshalb die auf dem Flugplatz arbeitenden deutschen Handwerker ihre Mahlzeiten in der Kantine der Offiziere einnahmen.

 

An Begegnungen mit "Muschkoten" konnten sich alle unsere Gesprächspartner erinnern: "Ein paar von denen saßen beim Faulen Graben an der Straße nach Zehdenick", erzählte uns ein Kurtschläger. "Sie sollten auf Deserteure lauern. Verpflegung aus der Kaserne hatte man ihnen nicht mitgegeben, und es hat ihnen auch niemand etwas gebracht. Wenn sie durstig sind, hatte man ihnen gesagt, sollten sie Wasser aus dem Graben trinken. Ich habe ihnen dann erlaubt, mit einem Kanister zu unserer Pumpe zu kommen und sich frisches Wasser zu holen. Meine Frau hat ihnen derweil Schmalzstullen 

geschmiert, die haben sie gierig verschlungen. Und während der ganzen Zeit haben sie aufgepasst, dass ihre eigenen Leute sie nicht erwischten." - Wiederholt standen Soldaten ("Regulierer") mit Maschinenpistole und Kartentasche an der Einmündung der Kurtschläger Dorfstraße in die Döllner Chaussee. Ihre Aufgabe war es, den Verkehr von Militärfahrzeugen zu lenken. Aussagen von Kurtschlägern zufolge mussten sie dort mitunter einen ganzen Tag oder länger ausharren. Auch in diesen Fällen haben sich die Vorgesetzten nicht darum gekümmert, ob die Soldaten etwas zu essen hatten. Dorfbewohner, denen "diese armen Burschen" leid taten, haben ihnen etwas gebracht, und die Soldaten haben ihre Hilfe dankend angenommen. - Immer mal wieder, so erzählten uns Befragte, konnte man sie vor den Gaststätten sehen, mitunter im eiskalten Winter, stehend oder im Jeep sitzend und auf die Offiziere wartend, die sich in der warmen Gaststube an Hochprozentigem gütlich taten. Auch in solchen Fällen sprangen Dorfbewohner ein, jenseits aller ideologischen Phrasen und gleichgültig, welches Verhältnis sie zu dem Land hatten, aus dem diese Soldaten kamen. Einfach von Mensch zu Mensch.


Ein Dorf am Rande des (späteren) Flugplatzes: Erntefest in Groß Dölln 1949

Einen Auszug aus einer gemeinsam von der NVA und der Politischen Verwaltung der sowjetischen Truppen in der DDR 1984 herausgegebenen Propagandaschrift möchte ich an den Schluss dieses Kapitels stellen. Der Text ist ein krasses Beispiel für eine Ideologie, die jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren hatte. Dass auch die Adressaten dieses Textes das so sahen, zeigte sich nur wenige Jahre später, als die vorgeblich so schöne und heile Welt innerhalb kürzester Zeit in sich zusammenstürzte. "Die Freizeit des Soldaten", heißt es in dem Text, "ist mit interessanten Beschäftigungen

angefüllt. Überall kann man aktuelle Zeitungen lesen, Rundfunksendungen hören und Filme ansehen ... Unter Berücksichtigung der ständig wachsenden geistigen Bedürfnisse treten vor den Angehörigen der GSSD (Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland) bekannte sowjetische Künstler, das Gesangs- und Tanzensemble der GSSD, Agitationsbrigaden und Laienkollektive auf. Erklingt Musik, ertönt ein Lied, wirbeln die Tänzer umher, vergeht die Müdigkeit, erfasst die Soldaten eine helle, freudige Stimmung."



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- Siegfried Haase, Kleine Dellenstr. 9, 17628 Templin OT Groß Dölln, Tel. 039883 333018

- Birgit Halle, Kapper Dorfstr. 46, 16792 Zehdenick OT Kappe, Tel. 03307 315037

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