4. Der Flugplatz Groß Dölln

Der Flugplatz Groß Dölln war einer der größten Flugplätze Europas. Er wurde auf Betreiben der Sowjetunion gebaut und diente ihr für militärische Zwecke. Um seine große Bedeutung für die UdSSR ermessen zu können, ist ein kurzer Blick auf die sowjetische Militärstrategie unverzichtbar, bevor ich mich ausführlich dem Flugplatz zuwende.

 

Am Ende des Krieges hatte die Sowjetunion 11,4 Millionen Mann unter Waffen, eine Zahl, die bis zum Jahr 1948 auf 2,9 Millionen abnahm. Die Zahl der Soldaten in Deutschland verringerte sich im gleichen Zeitraum auf 500.000 bis 600.000. Diese Größenordnung blieb bis zum Abzug der russischen Truppen in etwa konstant. Genaue Zahlen liegen uns für das Jahr 1991 vor: Damals befanden sich insgesamt 546.200 Angehörige der "Westgruppe der Truppen" in der DDR, wovon 338.800 Soldaten waren und 207.400 Zivilangestellte sowie Familienangehörige. Mario Hoffmann, der sich intensiv mit den Russen in Vogelsang beschäftigt hat, schreibt auf seiner Webseite heimatgalerie.de, dass die Sowjetunion in der Zeit zwischen dem Kriegsende 1945 und dem Abzug ihrer Truppen 1994 insgesamt ca. "10.000.000 Soldaten (hat) kommen und gehen lassen". Eine beeindruckende Zahl, aber beeindruckend war auch die von den 

Russen in der DDR genutzte Fläche. 2.430 Quadratkilometer waren als sowjetisches Militärgebiet ausgewiesen, ein Gebiet fast so groß wie das Saarland. Auf ihm befanden sich Kasernen, Flugplätze, Truppenübungsplätze und anderes mehr. 1.170 Quadratkilometer dieser Fläche lagen in Brandenburg, was zweifellos mit der Nähe Berlins und den dort stationierten westlichen Siegermächten zusammenhing. Die Zahl der von der Sowjetunion genutzten Flugplätze auf dem Territorium der DDR belief sich auf 47, von denen der bei Groß Dölln mit Abstand der größte war.

 

Der Grund für die starke Präsenz der Sowjetunion in der DDR geht auf die Erfahrungen zurück, die das Land während des letzten Krieges gemacht hatte: auf den ungeheuren Verlust an Menschenleben und auf die gewaltigen Zerstörungen in Wirtschaft und Infrastruktur - beides eine Folge der Tatsache, dass sich die Kriegshandlungen weitestgehend auf sowjetischem Territorium abgespielt hatten. Dies nie wieder zuzulassen, war fortan eine Maxime der sowjetischen Militärpolitik. Jeder Angreifer sollte schnellstmöglich auf sein eigenes Territorium zurückgedrängt und anschließend dort besiegt werden. Ausgehend von diesem Ansatz kam den sowjetischen Streitkräften in der DDR eine Schlüsselposition zu. Gemeinsam mit der Nationalen 


Hinterlassenschaften der Russen nach ihrem Abzug 1994 (in Vogelsang)

Volksarmee der DDR bildeten sie den Kern der "ersten strategischen Staffel", die sich ihrer Bedeutung entsprechend stets im bestmöglichen Zustand befinden sollte, gut ausgebildet und ausgerüstet mit den modernsten Waffen. Von der "Speerspitze des Warschauer Paktes" war in diesem Zusammenhang die Rede oder - wie der ehemalige US-amerikanische Verteidigungsminister Schlesinger die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen bezeichnet hatte - von dem "Sahnehäubchen der Sowjetarmee". Ihren Ausdruck fand die Moskauer Strategie in den 1950er Jahren, als es noch keine mit Atomwaffen bestückten Raketen gab, unter anderem in der Anlage von Flugplätzen für schwere Bomber entlang der Grenze zur NATO. Dazu gehörte neben Militärbasen in Polen, der CSSR und Ungarn auch der Flugplatz Groß Dölln. Ein Flugplatz der Superlative: der größte militärisch genutzte Flugplatz in Deutschland zu jener Zeit, bis zum Abzug der Russen 1994 der größte auf dem Gebiet der DDR und zugleich der größte und modernste Militärflugplatz, den die Sowjetunion außerhalb ihrer Staatsgrenzen  unterhielt.

 

Um die Beziehungen zwischen unseren Dörfern und den Russen geht 

es in unserer Abhandlung. Beziehungen hat es gegeben, seit die 

Russen 1945 als Siegermacht nach Deutschland kamen, und Beispiele dafür habe ich in den vorangegangenen Kapiteln angeführt. Dass diese Beziehungen auch später noch - mehrere Jahrzehnte nach Kriegsende - so eng waren, dass eine Abhandlung wie die unsere überhaupt Sinn macht, ist ausschließlich dem Vorhandensein des Flugplatzes geschuldet. Ohne diesen hätten die Bewohner unserer Dörfer wohl allenfalls alle paar Wochen einen Russen gesehen, und einen unmittelbaren Einfluss auf ihr Leben hätten Russen wohl nur in sehr seltenen Ausnahmefällen gehabt. Durch den Flugplatz indes waren beide Seiten zu unmittelbaren Nachbarn geworden, deren Alltag auf vielfältige Weise dauerhaft miteinander verknüpft war. Mit den verschiedenen Arten dieser Verknüpfungen werde ich mich im Einzelnen noch beschäftigen, hier soll es zunächst um die grundlegende gehen - um den Bau des Flugplatzes selbst, an dem neben vielen anderen auch Menschen aus unseren Dörfern beteiligt waren. In der Kurtschläger Dorfchronik lesen wir dazu: "Für eine Reihe von Jahren brachte den Arbeitern der Buschdörfer (*) der Bau des sowjetischen Flugplatzes nördlich von Groß Dölln Lohn und Brot. Von 1950 bis 1955 beschäftigten die Großbetriebe Bauunion Magdeburg und Ingenieurtiefbau Brandenburg (**) dort etwa 2.000 Menschen. ... In den Betriebsküchen und Büros fanden auch die 



Frauen der Umgebung Arbeit." Eine weitere Zahl nennt die "Templiner Zeitung" in einem Artikel. Danach waren von 1952 bis 1956 1.100 Personen am Flugplatzbau beteiligt, "darunter 80 % der Groß Döllner". Vergleichbare Angaben für die Kurtschläger konnte ich nicht finden, jedoch stimmten mehrere Zeitzeugen darin überein, dass es "viele" waren. Ein Teil der Arbeitskräfte stammte auch aus anderen Teilen der DDR und war nur zeitweise in unserer Gegend tätig. Die meisten kehrten nach Erledigung ihrer Aufgaben in ihre Heimatorte zurück, etliche allerdings schlossen im Umfeld des Flugplatzes Bekanntschaften, heirateten und fanden in unseren Dörfern eine neue Heimat. Fälle, in denen der Flugplatz als Ehestifter gewirkt hat. Ein frühes Beispiel für den Einfluss der russischen Präsenz auf das hiesige Leben.

(*) Der Begriff Buschdörfer bezeichnet rund ein halbes Dutzend in der Gegend von Kurtschlag und Groß Dölln "im Busch", d.h. im Wald gelegener Dörfer. Er ist heute nur noch wenig gebräuchlich, allerdings in den "Buschdorf-Künstlern" wieder aufgelebt, einer Gruppe von Künstlern aus diesen Dörfern.

(**) Auf der Baustelle waren ausschließlich deutsche Firmen tätig.

Menschen aus unseren Dörfern waren auch an den sehr umfangreichen und deshalb sehr arbeitsintensiven Rodungsarbeiten beteiligt, die dem Bau des Flugplatzes vorangingen. Betroffen waren die heutigen Forstreviere Vietmannsdorf und Döllnkrug, die zur Oberförsterei Reiersdorf gehören. Über Einzelheiten berichtet der damalige Förster Klaus Wehden: "Anfang der 1950er Jahre wurde ein großes Waldgebiet der Schorfheide kahl geschlagen (*). Große  Mengen an alten Kiefern fielen an. Die umliegenden Sägewerke hatten gut zu tun. Die Holzfällung und -abfuhr florierte. Alte Waldarbeiter erzählten des Öfteren, dass dicke und alte Kiefern den Sägewerken ans Gatter geliefert wurden. Sie mögen bis um die 200 Jahre alt gewesen sein. In den ersten Jahren wurde noch mit Handsägen gefällt und die Holzabfuhr per Pferde oder mit Bulldozern  getätigt." Betroffen waren rund 1.000 Hektar Wald. Einem Zeitungsbericht aus dem Jahr 1997 zufolge stieß dieser Kahlschlag seinerzeit auf den "Protest Eberswalder Forstwissenschaftler und einheimischer Forstleute".

(*) Zur selben Zeit wurden große Waldflächen im Revier Lotzin zum Betreiben eines Truppenübungsplatzes gerodet. Von Döllner wird dieses Gebiet heute noch als "Mondlandschaft" bezeichnet.


Dokumente vom Flugplatz Groß Dölln: 1. Arbeitsnachweis, 2. Geldbanderole, 3. Passierschein, 4. Bescheinigung über einen Russischlehrgang

Eine Zeitzeugin aus Groß Dölln hat das damalige Geschehen aus eigenem Erleben kennen gelernt und später ihre Erinnerungen aufgeschrieben: "Ende Mai 1952 bemerkte man viele Veränderungen. Im Wald wurde vermessen. Viele Russenfahrzeuge fuhren durch Dölln, und dann kam der Baustab hierher, um den Bau des Flugplatzes einzurichten. - Es wurde Quartier gemacht. Jedes Zimmer war belegt. In dem Wald in Richtung Vietmannsdorf wurden Baracken aufgestellt, wo die Arbeiter wohnten. HO-Verkaufsstellen entstanden. Der Wald wurde abgeholzt. Eine Bahnlinie nach Vogelsang gebaut. Die Bauunion Brandenburg, Bauunion Magdeburg, Bahnbau Günther rückten an. Über 1.000 Menschen waren beschäftigt, um den größten sowjetischen militärischen Flugplatz außerhalb der UdSSR zu bauen. - Unsere dienstlichen Arbeiten (bei der Post - ML) nahmen überhand. ... Ich übernahm die Hauptzweigstelle nun in Vollbeschäftigung. Durch die vielen Menschen, die hier waren, hatte der Betrieb sich so vergrößert, so daß die Arbeit kaum zu schaffen war. Im April hatten wir bereits eine Poststelle im Wald eingerichtet. - Das Postauto, das jetzt von und nach Templin fuhr, konnte nicht mehr lange den Weg direkt über Vietmannsdorf nehmen, sondern mußte über Milmersdorf den Weg

nehmen (*). - Der 17. Juni 1953 ... brachte uns auch viele Aufregungen. Panzer rollten die ganze Nacht an unserem Haus vorbei in Richtung Berlin. Im Kreis Templin wird der Ausnahmezustand ausgerufen. Er wird am 25.6. aufgehoben. - Am Flugplatz wurde indessen weiter gebaut. Viele Freundschaften entstanden. Mädchen und Frauen heirateten. Auch Kinder blieben von den Flugplatzbauern zurück."

(*) Mit dem Bau des Flugplatzes wurde der Vietmannsdorfer Damm unterbrochen, die kürzeste Verbindung von Groß Dölln nach Templin. Die Pflastersteine wurden von der Forst verkauft.

 

Nachdem die Flächen freigeschlagen waren, konnte mit den Baumaßnahmen begonnen werden. Der 1. Abschnitt umfasste den Bau der 3,6 km langen Hauptstartbahn. Die Arbeiten nahmen im Februar 1953 ihren Anfang und waren gegen Ende des Jahres beendet. Um die riesigen Baustoffmengen sowie einen Teil der Arbeitskräfte zu transportieren, wurde am Bahnhof Vogelsang eine Anschlussstrecke gebaut. 1954 folgten in einem 2. Bauabschnitt die zweite Startbahn mit einer Länge von 2,5 km sowie Abstellflächen für Langstreckenbomber (*). Bis 1955 entstanden Kasernen und 



Wohngebäude für Soldaten und Offiziere. Laut Wikipedia handelte es sich dabei um "in Deutschland einmalige Wohngebäude", zweigeschossig in Holzbauweise auf gemauerten Kellergeschossen. (In den 1970er Jahren wurden Plattenbauten als Wohnhäuser errichtet.) 1957 war der Flugplatz fertiggestellt (**). Die Bahnstrecke blieb erhalten und diente fortan dem Transport von Flugbenzin und militärischen Versorgungsgütern.

(*) Erkennbar fasziniert schrieb kürzlich ein offensichtlicher Kenner der Materie auf der Webseite airport-regional.de: "Das Beeindruckende am einstigen Flugplatz waren seine gigantischen Dimensionen. Die Haupt-Start- und Landebahn hatte eine nahezu unglaubliche Ausdehnung von 3.600 x 96 m! Zudem hatte allein bereits die Ersatz-Start- und Landebahn die Ausmaße eines vollwertigen Militärflugplatzes."

(**) Die Gesamtfläche des Flugplatzes belief sich auf rund 1.500 ha. Bei der NATO trug der Flugplatz unterschiedliche Bezeichnungen: zunächst "Schorfheide", danach "Groß Dölln", später "Templin". Diese Informationen finden sich auf der Webseite mil-airfields.de. Dort gibt es außerdem mehrere Karten des Flugplatzes sowie Aufnahmen US-amerikanischer Spionagesatelliten. Siehe dazu das folgende Kapitel 4a: Der Flugplatz auf Abbildungen. 

Von mehreren der beim Flugplatzbau Beteiligten aus unserer Gegend haben wir Informationen über ihre Arbeit. Sie waren als Maurer und Schweißer tätig, als Heizungsbauer, Ofensetzer und Heizer, als Verkäuferinnen in dem HO-Laden (den es bis zur Eröffnung des "Russenmagazins" gab) sowie als Reinigungskräfte. Auch nach der Fertigstellung des Flugplatzes waren dort noch zahlreiche Personen aus den umliegenden Dörfern im Dienstleistungsbereich tätig, örtliche Handwerksbetriebe führten auch weiterhin Reparaturen und Wartungen aus, bis diese Aufgaben an den Spezialbau Eberswalde übergingen. (*) Der schuf sich zu diesem Zweck in Kurtschlag eine Niederlassung und errichtete auf dem Sportplatz zwei Objekte, um die Bauleitung unterzubringen, auswärtigen Arbeitern eine Übernachtungsmöglichkeit zu  bieten und Material zu lagern. Als die beiden Gebäude nach 1984 nicht mehr gebraucht wurden, stellte sie der Rat des Kreises der Gemeinde Kurtschlag zur Verfügung. Nach Renovierungsmaßnahmen und Umbauten diente das hintere Gebäude fortan als Kinderkrippe, das vordere wurde vom Rat der Gemeinde, der Post, einer neueingerichteten Bibliothek sowie als Klubraum genutzt. Heute fungiert das vordere Gebäude als Gemeindezentrum, in dem u.a. Veranstaltungen stattfinden.

(*) Von einem besonderen Einsatz berichtete einer unserer Gesprächspartner: Ein Wasseranteil im Treibstoff bereitete den 


Hinterlassenschaften der Russen nach ihrem Abzug 1994 (in Vogelsang)

Piloten Probleme, was möglicherweise auf Mängel in den Leitungen zurückzuführen war, über die der Treibstoff zum Flugplatz gelangte. Um dem abzuhelfen, wurden deutsche Fachkräfte herangezogen.

 

Die Belegung des Flugplatzes nach seiner Fertigstellung im Jahr 1957 entsprach der Bedeutung, die die sowjetische Militärführung diesem Objekt beimaß. Während bis zum Ende der DDR die diesbezüglichen Informationen höchster Geheimhaltung unterlagen, ist seit der Wende vieles öffentlich geworden. Für unser Thema sind Einzelheiten nicht wichtig, lediglich einige wenige Sätze sollen deutlich machen, was sich jahrzehntelang in unmittelbarer Nachbarschaft unserer Dörfer befand. Es waren vor allem Fernbomber, Jagdflieger und Kampfhubschrauber, die hier stationiert waren, wobei die Liste der Typen lang war und stets das Modernste umfasste, was die sowjetische Militärluftfahrt zu bieten hatte. Die Zahl der Flugzeuge dürfte in den einzelnen Jahren geschwankt haben. Für die 1980er Jahre liegt mir eine Angabe "mehr als 100 Flugzeuge und Hubschrauber" vor (bei "rund 2.500 Armeeangehörigen in der Garnison Groß Dölln"). In den späten 1980er Jahren, kurz vor der 

Wende, wurde der Flugplatz noch einmal großräumig ausgebaut. Mit dem traditionellen Flugverkehr hatte dieser Ausbau allerdings nichts zu tun. Hintergrund der Maßnahme war vielmehr die Absicht, den Flugplatz gegebenenfalls als Notlandeplatz für die russische Buran-Raumfähre nutzen zu können.

 

Flugzeuge verursachen Lärm, und natürlich stellt sich die Frage, wie diese Belästigung in den umliegenden Dörfern empfunden wurde. Wobei das Ausmaß der Belästigung von mehreren Faktoren abhängt: von der Nähe zum Flugplatz, von der Häufigkeit der Flugbewegungen, von den Flugzeugtypen und nicht zuletzt von der Geräuschempfindlichkeit der von dem Lärm Betroffenen. Was für den einen bereits ein Übermaß an Lärm ist, empfindet ein anderer vielleicht als völlig unproblematisch, und dementsprechend haben die von uns Befragten denn auch sehr unterschiedlich auf die Frage nach störendem Fluglärm geantwortet. Rechtliche Möglichkeiten, gegen diesen Lärm vorzugehen, gab es für die Betroffenen nicht - nicht bei den DDR-Behörden, und erst recht nicht bei den Russen. Letztere haben vielmehr über die gesamte Dauer ihrer Präsenz in der DDR deutlich gemacht, dass sie sich an Bestimmungen ihres 



Gastlandes nicht gebunden fühlten. (Im 9. Kapitel komme ich auf dieses Thema zurück.) Möglich waren allerdings Absprachen mit den Russen auf freiwilliger Basis. So fanden nach Gesprächen zwischen dem Groß Döllner Bürgermeister Haase und dem Flugplatzkommandanten in den 1970er Jahren Übungsflüge nur noch während der Woche statt. Später wurden die Flugzeiten noch weiter reduziert, Zeitzeugen aus Bebersee zufolge auf zwei Tage in der Woche, an denen "nur während einiger Stunden" geflogen wurde. Ein Ergebnis, das die Einwohner von Bebersee durch "Eingaben und Beschwerden" erreicht hätten. Über Veränderungen in der Zeit kurz vor der Wende berichtet die Kurtschläger Dorfchronik: "Der störende Fluglärm vom sowjetischen Flugplatz Groß Dölln nahm seit der Einführung der Perestroika Gorbatschows ab, die Flugzeiten wurden reduziert."

 

Wurde der Fluglärm von den Bewohnern unserer Dörfer auch unterschiedlich wahrgenommen, so waren sich die meisten in einem Punkt allerdings einig: "Besonders groß war der Lärm, wenn die Russen ihre Soldaten ausgetauscht haben." (Bei diesen Flügen habe "das Geschirr im Schrank geklappert", erinnert sich einer der Befragten). Gegeben hat es solchen Austausch zweimal pro Jahr. Im 

Rahmen einer Aktion mit dem Namen "Sprung" wurden dabei jeweils 50.000 bis 60.000 der in der gesamten DDR stationierten russischen Soldaten ausgewechselt, einmal im Frühling und einmal im Herbst. Ursprünglich erfolgte dieser Austausch auf dem Landweg, ab 1971 wurde er - angeblich wegen "Problemen mit Polen" - per Flugzeug abgewickelt. Eingesetzt wurden dabei Passagiermaschinen der Aeroflot, die "vorzugsweise nachts" flogen. Vom Bahnhof Vogelsang aus wurden die frischen Kräfte anschließend auf die einzelnen Standorte in der DDR verteilt (*).

(*) Am Bahnhof Vogelsang mussten die Soldaten offenbar einige Zeit auf ihren Weitertransport warten. Ein Zeuge erwähnt in diesem Zusammenhang "offene Lager mit großen Feuern".

 

Neben den Aktivitäten auf dem Flugplatz gab es aber auch noch eine andere Form der russischen Präsenz: einzelne Soldaten bzw. Gruppen von solchen sowie Militärfahrzeuge, mal allein und mal in Kolonne, die für die Menschen in den Dörfern allgegenwärtig und damit Teil ihres Alltags waren. Und das vor allem deshalb, weil es Russen nicht nur auf dem Flugplatz gab, sondern auch andernorts in der Nähe. So in den beiden Außenlagern für Munition und Treibstoff rechts und links der heutigen L 215 Richtung Zehdenick sowie in der 


Hinterlassenschaften der Russen nach ihrem Abzug 1994 (in Vogelsang)

Flugabwehr-Raketenstellung nahe Storkow, vor allem aber in der riesigen Militärstadt bei Vogelsang, in der rund 15.000 Soldaten und Zivilisten lebten. Begegnen konnte man ihnen unterwegs auf den Straßen, oft aber auch in den Gaststätten insbesondere in unmittelbarer Nähe des Flugplatzes sowie in den Einkaufseinrichtungen in Groß Dölln. Ein Nebeneinander auf kurze Distanz also, was aber keineswegs  bedeutete, dass die Dorfbewohner etwa einen umfassenden Überblick über alles mit den Russen Zusammenhängende gehabt hätten. Ganz im Gegenteil war der weit überwiegende Teil der russischen Präsenz den Blicken der Öffentlichkeit entzogen.

 

Die meisten Bewohner der Dörfer dürften sich noch heute an Sperrschilder, Zäune und bewaffnete Posten erinnern, die deutlich die Bereiche markierten, die ihnen versperrt waren. Verletzten sie das Zutrittsverbot, mussten sie mit Bestrafung rechnen, die - wie uns Befragte erzählten - in der Praxis sehr unterschiedlich ausfallen konnte. So wurden etwa Erwachsene, die hinter der Absperrung Blaubeeren pflückten, von der Militärpolizei üblicherweise kurzzeitig festgehalten und anschließend mit einer Verwarnung entlassen, 

während Kinder in solchen Fällen einfach nur nach Hause geschickt wurden. Ein Gesprächspartner berichtete uns von einem Fall, in dem Frauen, die ebenfalls beim Blaubeerpflücken entdeckt worden waren, zur Strafe bei den Russen Kartoffeln schälen mussten. - Anders eine Begebenheit vom Anfang der 1980er Jahre: Mehrere Personen aus den umliegenden Dörfern hatten aus "Schuttkuhlen" auf dem Flugplatz Schrott gestohlen. Sie wurden erwischt und mussten sich flach auf den Boden legen, während ein Militärpolizist mit einer Maschinenpistole neben ihnen stand. Nach einem Verhör und einer Verwarnung wurden sie freigelassen. - In den 1970er Jahren hatte ein Berliner Lehrer mit einem Wochenendwohnsitz in Bebersee im Gollinsee illegal seine Angel ausgeworfen. Nicht nur, dass er von zwei russischen Soldaten festgenommen wurde, diese hatten auch noch seinen Trabi in einen Morast geschoben, vielleicht um ihm einen Denkzettel zu verpassen. - Ebenfalls festgenommen wurden zwei in Groß Dölln ansässige Berliner, die nach der Wende versucht hatten, sich durch ein Loch im Zaun dem Flugplatz zu nähern. Mehrere Stunden lang wurden sie eingesperrt, und erst als ein Bekannter intervenierte, setzte man sie wieder auf freien Fuß. - Ein Döllner schilderte uns den folgenden Fall, der sich in derselben 



Zeit zwischen der Wende und dem Abzug der Russen zugetragen hat: "V.S. leitete in Groß Schönebeck den Jugendclub, und als gebürtiger Döllner wollte er den Jugendlichen etwas Besonderes bieten. Mit drei Autos fuhren sie illegal über Klein Dölln auf die Querwindbahn des Flugplatzes und wurden dort von einem aus dem Wald kommenden Wachsoldaten mit vorgehaltener und entsicherter Maschinenpistole gezwungen, Geld und Zigaretten herauszugeben. Sie mussten die Autos und die Kofferräume öffnen. Als dann von weitem ein Auto auf sie zukam, flüchtete der Soldat in den Wald, und auch sie verließen panikartig den Flugplatz. So hatten sie bei aller Naivität Glück im Unglück."

 

Militärische Sperrgebiete sind Gebiete, in denen fremde Personen nichts zu suchen haben - das ist nicht nur bei den Russen so, sondern weltweit. Dringen dennoch Personen ein, reagieren die Wachen, auch das ist normal. Nun sind Kartoffelschälen und einen Trabi in den Morast schieben eher ungewöhnlich und in den Dienstvorschriften zweifellos nicht vorgesehen. Dennoch lässt sich festhalten, dass die Reaktionen der Russen in allen geschilderten Fällen moderat waren. Und dabei gibt es zwei Aspekte, die aus der Perspektive der 

russischen Wachposten für eine hohe Sensibilität in bezug auf die Sperrgebiete beim Flugplatz sprachen, unabhängig vom konkreten Ereignis. Da ist zum einen die Tatsache, dass die Wachen auf dem Flugplatz regelmäßig von Spionen "gereizt" wurden. Womit ich die US-amerikanischen, britischen und französischen Militärs meine, die häufig als ungebetene Gäste in der Umgebung des Flugplatzes auftauchten und - ausgestattet mit modernster Technik - diesen auszukundschaften versuchten. Ein Phänomen, das auf eine Vereinbarung der vier Siegermächte vom Kriegsende zurückging, wonach alle vier befugt waren, sich in Gesamtdeutschland frei zu bewegen. Was sie auch taten - die Russen in der Bundesrepublik und die Westmächte in der DDR. Wurden die westlichen Patrouillen bei ihrem Treiben erwischt, konnten die Russen nicht mehr tun, als sie wegschicken (*). Der zweite Aspekt, der für die besondere Sensibilität der Wachen sprach, ist der hohe Stellenwert, den Geheimhaltung bei den Russen ganz allgemein besaß. Sind die Erfahrungen von Millionen Menschen, denen in der Vergangenheit oft genug die Weitergabe selbst der unbedeutendsten Informationen als Geheimnisverrat ausgelegt worden war. Was bei westlichen Militärs allenfalls eine Disziplinarmaßnahme nach sich gezogen hätte, hat 


Hinterlassenschaften der Russen nach ihrem Abzug 1994 (Foto 1: Vogelsang, Foto 2 und 3: Flugplatz)

unzählige Russen in den Gulag gebracht. Entsprechend war jeder, der mit Geheimnissen welcher Art auch immer zu tun hatte, gut beraten, ihre Wahrung und Verteidigung sehr hoch zu hängen.

(*) Die DDR-Behörden waren in solchen Fällen grundsätzlich nicht zuständig.

 

Waren die erwähnten Fälle von Verletzungen des Sperrgebiets letztlich allesamt Bagatellen, so gab es natürlich auch andere, in denen das ausprägte Bemühen der Russen um Geheimhaltung seine Berechtigung hatte. Schließlich war die westliche Spionage - neben den erwähnten Militärpatrouillen - ebenso ein Faktum wie die Spionage in umgekehrter Richtung (*). Das fing beim Flugplatzbau schon bei den Vorarbeiten an. In dem sehr detailreichen Buch von Helmut Suter, "Honeckers letzter Hirsch", lesen wir hierzu: "Im Winter 1951 begannen die umfangreichen Rodungsarbeiten ... Informationen über das Ausmaß und den Verlauf der Arbeiten sind vor allem aus den Archiven westlicher Geheimdienste überliefert, die versuchten, mehr über die Vorgänge zu erfahren, die sich in diesem Teil der Schorfheide abspielten. Vor allem die von den USA ins Leben gerufene Vorgängerorganisation des Bundesnachrichtendienstes 

(BND), die 'Organisation Gehlen', fand unter der einheimischen Bevölkerung Informanten, die sich ein Ende des Sozialismus wünschten und bereitwillig Auskunft gaben. Doch auch von den Arbeitern, die auf der Baustelle beschäftigt waren, gab es immer wieder etwas zu erfahren, so z.B. 1952: 'Bauarbeiter der Bau-Union berichteten, dass westlich des Bahnhofs Vogelsang massive Kasernen errichtet werden sollen und dazu 2.500 Arbeiter abgestellt werden, Transport von 2 Millionen Ziegeln hat begonnen, weitere 3.000 Arbeiter sollen Kasernen im Lager Kannenburg, westlich Hammelspring errichten.'"

(*) Belege für die westliche Spionage sind nicht zuletzt die Dokumente, die ich unter "4a Der Flugplatz auf Abbildungen" eingestellt habe.

 

Aus demselben Jahr 1952 datiert der Spionagefall des Groß Döllner Bürgermeisters Robert Giese, der im Oktober verhaftet und unter dem Vorwurf, er habe für westliche Geheimdienste den im Bau befindlichen Flugplatz ausspioniert, zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. - Einen weiteren Fall zwei Jahre später erwähnt die Groß Döllnerin Irma Schönfeld (*), allerdings ist nicht ganz klar, ob die 



Verurteilung ihrer Schwester Herta aus diesem Grund erfolgte oder wegen "staatsfeindlicher Hetze": "... wurde Herti verhaftet. Spionage wurde ihr zur Last gelegt, die sie nie begangen hat. Sie wurde dann wegen Hetze gegen die politische Führung verurteilt. Der Postdienst, den sie versehen hatte, hatte dadurch sein Ende gefunden. Verhöre und Hausdurchsuchungen fanden nun bei uns statt. Zu der großen Ungewißheit über ihr Schicksal kamen nun auch diese Aufregungen dazu. Bei jedem fremden Menschen, der in die Tür kam, zitterte man. 7 Monate hörten wir nichts, wußten gar nicht, ob Herti noch lebte. Durch einen Rechtsanwalt, den ich angenommen hatte, bekamen wir erst Nachricht, daß die Verhandlung am 10.3.55 in Neubrandenburg ist. ... Ich konnte sie sehen und der Verhandlung beiwohnen. Wenn nicht alles so traurig gewesen wäre, hätte man lächeln können über die Anklagepunkte. Die Untersuchungshaft und Haftzeit währte vom 19.8.54 bis zum 15.7.56 und führte sie über Neustrelitz, Demmin, Bützow, Leipzig. Meine Besuche in den Haftanstalten waren seelisch schwer zu verkraften."

(*) Irma Schönfeld arbeitete bei der Sparkasse in Groß Dölln. Über ein Konto bei dieser Sparkasse liefen die Einnahmen der "Russenmagazine".

 

Zuständig für das Verhindern von Spionage und anderen einschlägigen Aktivitäten war auf russischer Seite insbesondere der militärische Nachrichtendienst GRU, der bei seiner Arbeit vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR unterstützt wurde. Dieses schuf in der Umgebung des Flugplatzes ein Netz von inoffiziellen Mitarbeitern (IM), die Informationen unter den Anwohnern sammeln und an die Staatssicherheit weiterleiten sollten. Über Einzelheiten berichtet Helmut Suter in seinem Buch: "So berichtete ab 1962 ein Mann aus Groß Dölln, zu dessen Aufgaben die 'Absicherung der Gemeinde, besonders der Gaststätte, wo ständig Angehörige der sowjetischen Armee des Objektes Groß Dölln verkehren' gehörte. ... Doch auch in anderen Gemeinden rund um den Flugplatz wurde fortlaufend nach geeigneten Mitarbeitern gesucht. In der Gemeinde Vietmannsdorf wurde 1985 zur 'Gewährleistung der konspirativen Treffdurchführung' eine Wohnung gesucht, in der 3 IMS und 1 GMS (Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit - ML) aus der Anliegergemeinde zum Schwerpunkt Flugplatz mit ihren Führungsoffizieren sprechen konnten. Der seit 1974 tätige Inoffizielle Mitarbeiter (IM) 'Frank' bot dafür die Voraussetzung, da er im Ortsteil Basdorf ein Zimmer zu konspirativen Treffen absicherte.'" Auch wenn 


Ein Dorf am Rande des Flugplatzes: Kurtschlag

mir keine Informationen zu den anderen Dörfern vorliegen, so ist kaum davon auszugehen, dass das MfS diese bei der Anwerbung von geheimen Informanten ausgespart hätte. - Erwähnt werden soll in diesem Zusammenhang noch eine Notiz aus der Kurtschläger Dorfchronik, die sehr gut die damalige Atmosphäre in ihrer Mischung aus Geheimhaltung, ständiger Furcht vor deren Verletzung und einem hohen Kontrollbedürfnis deutlich macht. Danach erlaubte die Gemeindevertretung 1974 erstmalig "den Verkauf abgelegener oder baufälliger Häuser im Dorfbereich zur Nutzung zu Wochenendzwecken an Berliner. Land zu kaufen und Wochenendhäuser zu bauen, blieb weiterhin wegen der Nähe des sowjetischen Flugplatzes im Nordosten und des Staatsjagdgebietes im Süden nicht gestattet."

 

Nicht erst bei unseren Befragungen anlässlich der Arbeit an dieser Abhandlung haben wir festgestellt, dass es in den umliegenden Dörfern teils beträchtliche Informationsdefizite in Bezug auf den Flugplatz gibt. Und das unbeschadet der Tatsache, dass Menschen aus den Dörfern auf ihm gearbeitet und in den "Russenmagazinen" eingekauft haben. Sowohl den Verantwortlichen auf russischer als auch auf DDR-Seite ist es gelungen, den Flugplatz über all die vielen Jahre gegenüber den Dorfbewohnern fast vollständig abzuschotten. Das galt auch und vor allem für die Frage von dort möglicherweise 

vorhanden gewesenen Atomwaffen. Ausgehend von der verfügbaren Literatur zum Thema und aufgrund von Hinweisen des Vogelsang-Experten Mario Hoffmann stellte sich die damalige Situation so dar: Während die Sowjetunion an mehreren Orten in der DDR Atomwaffen dauerhaft gelagert hatte, gab es eine solche Lagerung auf dem Flugplatz Groß Dölln nicht. Dieser nahm lediglich die Funktion eines Umschlag- und Zwischenlagerplatzes für die  Waffen wahr, die anschließend weitertransportiert wurden. Raketen mit atomaren Sprengköpfen waren auf dem Flugplatz zu keiner Zeit stationiert, auch nicht - wie in der Literatur teilweise fälschlich behauptet wird - in späteren Jahren die SS-20 (Reichweite 5.400 km). Anders stellte sich die Situation in der Militäreinrichtung Vogelsang dar. Dort gab es im Jahr 1959 für einen begrenzten Zeitraum von einem halben Jahr 12 mit Nuklearsprengköpfen bestückte Raketen vom Typ SS-3, mit Reichweiten von 1.200 km und jede mit einer Sprengkraft von etwa dem 20fachen der Hiroshima-Bombe. Von der Stationierung dieser Raketen war die DDR-Führung nicht unterrichtet worden. Gegen Ende des Jahres 1959 wurden die SS-3 abgezogen. Die zunächst geplante Stationierung eines Nachfolgesystems SS-4 wurde abgebrochen, da die Sowjetunion kurz darauf mit der SS-5 über eine Rakete mit mittlerer Reichweite verfügte, die sie von ihrem eigenen Territorium hätten starten können.



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