3. Der große Bruder

Jeder DDR-Bürger kannte den Witz: "Frage: Sind die Russen unsere Brüder oder unsere Freunde? Antwort: Sie sind unsere Brüder, denn seine Freunde kann man sich aussuchen." Soll heißen: Wir haben zwar enge Beziehungen zu den Russen, aber wir haben sie uns nicht ausgesucht. Doch nicht nur die Bürger haben das nicht getan, sondern die Politiker ebenso wenig. Und das, obwohl Letztere von allem Anfang an durch ihre Formulierungen stets den gegenteiligen Eindruck zu erwecken versuchten. Etwa wenn sie wie Honecker davon sprachen, dass "die Freundschaft zur Sowjetunion der Herzschlag unseres Lebens" sei, oder wenn sie dem Verhältnis zur UdSSR in ihrer Verfassung gar einen Ewigkeitscharakter zugeschrieben haben (*).

(*) Artikel 6 Absatz 2: "Die Deutsche Demokratische Republik ist für immer und unwiderruflich mit der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken verbündet."

 

Doch auch noch so viel Empathie in den Formulierungen vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die enge Beziehung zur Sowjetunion nicht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhte. Und das nicht etwa in dem einfachen Sinn, dass die DDR-Führung keine

Wahl gehabt hätte. Nein, diese Führung hatte zwar keine Wahl, aber wenn sie eine gehabt hätte, dann hätte sie sich auch nicht anders entschieden. Klingt verwirrend, ist aber ganz einfach: Am Kriegsende standen sich Sieger und Besiegter gegenüber. Die Sowjetunion als der Sieger hatte die Macht - was sie wollte, das sollte geschehen. Und wie konnte sie das am leichtesten realisieren? Indem sie bei dem Besiegten Personen in Führungspositionen brachte, die das Gleiche wollten wie sie selbst. Die also "freiwillig" handelten. Aber was bedeutete eine solche Art von "Freiwilligkeit" schon in der gegebenen Situation! Was dabei herauskam, war das, was man auf westlicher Seite als die "Sowjetisierung" der Sowjetischen Besatzungszone bzw. ab 1949 der DDR bezeichnet hat: nach außen hin eine enge Anlehnung an die UdSSR, nach innen eine starke Orientierung der Gesellschaft am sowjetischen Beispiel. Gleich nach Kriegsende fing diese Entwicklung an, und je mehr sich in der Folge das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und den drei westlichen Siegermächten USA, Großbritannien und Frankreich verschlechterte, je kälter der Kalte Krieg wurde, um so ausgeprägtere Formen nahm diese Entwicklung an. Womit wir wieder bei unseren Dörfern angelangt sind. 


Mitgliedsbücher und Abzeichen der "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft" (DSF)

Ältere Einwohner haben diese Zeit weitgehender Anpassung gleich nach Kriegsende noch selbst erlebt. Sie werden sich erinnern, wer damals die politische Richtung vorgab und wie minimal - so weit  überhaupt vorhanden - der Spielraum für alternative Entwicklungen war. Einige Beispiele sollen das belegen:

- So haben die Russen z.B. in Kurtschlag den Bürgermeister ernannt, erinnert sich eine Einwohnerin. Ihre Wahl fiel auf den Schuhmacher Emil Giese. Als seine Amtsführung ihnen nicht gefiel, setzten sie ihn wegen eines vermeintlichen Fehlers wieder ab.

- Der Kurtschläger Dorfchronik zufolge handelte es sich um einen Befehl des sowjetischen Kommandanten, dass das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs verschwinden musste. Es wurde an Ort und Stelle eingegraben. (Für die Verantwortung der Russen gibt es allerdings keinen Beleg. Alternativen sind vorstellbar, die ich in einem Beitrag über das Kriegerdenkmal auf kurtschlag.de angeführt habe.)

- Aufgrund eines Befehls der Sowjetischen Militäradministration SMAD vom Juni 1945 wurde die Bildung "antifaschistischer Parteien und Organisationen" erlaubt. In Kurtschlag entstanden daraufhin die SPD und die KPD. Ihre Gründer waren Sozialdemokraten und 

Kommunisten, die in der Zeit der Hitlerdiktatur unterdrückt und verfolgt worden waren.

- Wenige Wochen nach dem Einmarsch der Roten Armee in Kurtschlag wurde (einer undatierten Kurzchronik aus dem Stadtarchiv Zehdenick zufolge) "auf Initiative des sowjetischen Ortskommandanten ... der damals jugendliche Bürger Werner Kulicke beauftragt, das kulturelle und Jugendleben in der Gemeinde aufzubauen." Kulicke wird in dem Text als Genosse bezeichnet. Er wurde auch Mitglied im Gemeinderat.

- Bereits wenige Monate nach Kriegsende gedachten die Kinder der Kurtschläger Schule in einer Feierstunde der russischen Oktoberrevolution von 1917.

- Im September 1946, zu Beginn des neuen Schuljahres, nahm Paula Plenikowski ihre Arbeit an der Schule in Kurtschlag auf. Sie erteilte Unterricht in russischer Sprache.

- In der 3. Sitzung der Gemeindevertretung Kurtschlags im Dezember 1946 teilte Bürgermeister Richard Streu den Gemeindevertretern mit, dass er sein Amt niederlegen müsse. Der Grund dafür seien Meinungsverschiedenheiten mit dem sowjetischen Kreiskommandanten.



Ältere Kurtschläger haben noch miterlebt, wie die Sowjetunion nicht nur das politische Geschehen in ihrer Besatzungszone bestimmte, sondern wie sich ihr Einfluss nach und nach in allen Lebensbereichen bemerkbar machte. Beispiele gibt es zuhauf: der Sozialistische Realismus in der Kunst und der Stalinsche Zucerbäckerstil in der Architektur; unzählige Plakate und Transparente, auf denen die Konterfeis von Marx, Engels, Lenin und Stalin prangten; Filme aus russischer Produktion wie Ostrowskis "Wie der Stahl gehärtet wurde" oder die Trickfilmreihe "Nu Pogodi", die in der DDR unter dem Namen "Hase und Wolf" lief; LKW vom Typ "Kamaz" und "Ural"; "Junost"-Fernsehgeräte; die Soljanka in der Küche und die Matrjoschka im Wohnzimmerschrank und vieles andere mehr. Ob die Sowjetunion diese Ostorientierung ihres Teils Deutschlands damals schon als dauerhaft ansah oder ob die deutsche Wiedervereinigung zu diesem Zeitpunkt noch eine Option gewesen wäre, ist umstritten. Fakt war auf jeden Fall, dass die beiden deutschen Staaten sich immer weiter voneinander entfernten und gleichzeitig die Ausrichtung der DDR auf die Sowjetunion und die östliche Staatengemeinschaft  (ebenso wie die der BRD auf das westliche Bündnis) immer stärker zunahm.

Widerstand gegen diese Politik hat es gegeben, auch in unseren Dörfern. So lesen wir in der Kurtschläger Dorfchronik: "Als sich im April 1946 die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD zur SED zusammenschlossen, fand diese Maßnahme bei den organisierten Kurtschlägern nicht volle Zustimmung. Einige erklärten sogar ihren Austritt aus der Partei." Ein Akt des Widerstandes, der von denen, die ihn leisteten, durchaus einigen Mut erforderte. Weit mehr Mut war dann allerdings sieben Jahre später gefragt, beim Aufstand am 17. Juni 1953, der auch den zu dieser Zeit im Bau befindlichen Flugplatz Groß Dölln erfasste. An dem Projekt beteiligte Bauarbeiter, von denen ein beträchtlicher Teil aus den umliegenden Dörfern stammte, traten in den Streik, dem sich Harzarbeiter aus einem nahen Forstrevier anschlossen. Dass der Aufstand durch das Eingreifen russischer Panzer niedergeschlagen wurde, ist bekannt (*). Zweierlei war in diesem Zusammenhang deutlich geworden: zum einen die Tatsache, dass ein großer Teil der DDR-Bevölkerung die Sowjetunion im Sinne der oben gemachten Unterscheidung nicht als Freund betrachtete, sondern als (ungeliebten) Bruder, den man sich nicht ausgesucht hatte; zum anderen die Entschlossenheit der Russen, trotz dieser Stimmung in der Bevölkerung die Einbindung der DDR in den 


Ein Dorf am Rande des Flugplatzes: Kurtschlag (rechts: 1. Mai-Umzug 1955)

nicht in Frage stellen zu lassen. Für die Menschen in der DDR bedeutete das nichts anderes als eine erneute und diesmal sehr nachdrückliche Aufforderung, sich mit ihrem Staat zu arrangieren, wollten sie nicht in ständigen Konflikt mit ihm geraten. Gründe, weshalb die Sowjetunion so viel Wert auf die feste Zugehörigkeit der DDR zur östlichen Staatengemeinschaft legte, gab es mehrere. Nicht zuletzt militärische Überlegungen spielten hierbei eine Rolle. Womit wir beim Bau des  Flugplatzes Groß Dölln angelangt wären, dem wir uns im folgenden Kapitel zuwenden wollen.

(*) An den Einsätzen waren auch Panzer in großer Zahl aus unserer Region beteiligt. So erinnert sich ein Kurtschläger, wie sie  an seinem Haus vorbeifuhren: "Ich hatte den Eindruck, als wären es Tausende!" Und ein Döllner berichtete uns, er habe als Kind anlässlich des Aufstandes 144 Panzer gezählt, die von Vogelsang kommend durch Groß Dölln und über die Brücke in Richtung Berlin gefahren seien. Dieses Erlebnis sei so beeindruckend gewesen, dass er es bis heute nicht vergessen habe.



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