2. Die Angst der Frauen

Es ist ein Phänomen: Spricht man mit "Wessis" über das Thema Russen und Kriegsende, fällt mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit und dazu noch sehr bald das Wort Vergewaltigungen. Bei "Ossis" ist das anders. Als wir für unsere Untersuchung Befragungen durchgeführt haben, mussten wir unsere "Ossi"-Gesprächspartner in aller Regel erst selbst auf dieses Thema ansprechen. Für diesen Unterschied gibt es einen einfachen Grund: Während sich die Medien in der alten Bundesrepublik dieses Themas immer wieder angenommen und sich dabei mit drastischen Schilderungen oftmals geradezu überboten haben, war die Vergewaltigung deutscher Frauen durch russische Soldaten am Kriegsende in der DDR ein Thema, über das man offiziell nicht sprach. Bei meinen Recherchen bin ich auf Aussagen eines früheren DDR-Funktionärs aus dem Jahr 1961 gestoßen, die diese Tabuisierung nicht nur deutlich machen, sondern das noch dazu auf eine Art, die fassungslos macht. Der Mann hieß Egon Rentzsch und war Stellvertretender Leiter der Abteilung Literatur und Buchwesen im Ministerium für Kultur der DDR, also kein Mann in einer ganz unbedeutenden Position. Zum Thema Vergewaltigungen schrieb er: "Was reizt eigentlich unsere sozialistischen Schriftsteller, die vom Feinde künstlich 

aufgebauschten Vorkommnisse (als wesentliches Element der Antisowjethetze und des 'modernen' Antikommunismus) immer wieder in ihre Bücher aufzunehmen??? ... Zweitens erfolgte häufig keine 'Vergewaltigung', sondern durch den Krieg haltlos gewordene deutsche Frauen 'schmissen sich an' und boten sich an, um etwas zu Essen zu bekommen. Und schließlich wuchs über Einzelfälle sehr rasch wieder Gras und es kam höchstens später ein Kind an. ... Gegen allzu Hartnäckige haben wir 1945/46 sogar etwas hart so argumentiert: Kinder machen, wenn auch nicht ganz freiwillig bei den Empfangenden, ist lang nicht so arg wie Kinder töten. ... Zum andern ist es nicht Aufgabe des sozialistischen Autors in einer dummen Sache, über die Gras gewachsen ist, als Kamel zu fungieren, das 'alles wieder runterfrißt'!!" Sätze, die so menschenverachtend sind, dass einem davon übel werden kann!

 

Mag diese Wortwahl auch ein Extrembeispiel sein - Fakt bleibt, dass das Thema, um das es geht, in der DDR offiziell totgeschwiegen wurde. Die 'Freunde' oder 'Brüder' vergewaltigten nicht, und so weit es solche Vorkommnisse dennoch gegeben hatte, waren das Ausnahmen, über die nicht gesprochen werden musste. Anders die 



westdeutschen Medien, die diesem Thema einen breiten Raum widmeten und deren Formulierungen mitunter auf frappierende Weise der zuvor zitierten Darstellung ähnelten - lediglich um 180 Grad gedreht: "In allen Bauernhäusern sind Gruppen von alten Männern und Frauen gefunden worden, die mit durchgeschnittenen Pulsadern oder mit Genickschüssen auf Decken oder Sofas lagen. Buchstäblich alle jungen Frauen waren von den Bolschewisten vergewaltigt worden." - "Die Frauen werden in der Regel in einen Raum gezerrt und dort von sämtlichen Rotarmisten vergewaltigt. Da diese Horden in den meisten Fällen zahlreicher sind als die Frauen, werden diese mehrmals geschändet." - "Alle sagen, es wäre besser tot zu sein, als den Russen in die Hände zu fallen. Das waren doch Tiere."

 

Nun will ich solche und ähnliche Schilderungen nicht etwa generell als Lügengeschichten abtun, genug schreckliche Fälle sind belegt. Allerdings darf man nicht außer acht lassen, dass diese Schilderungen in den Jahren des Kalten Krieges auch stets als Munition in der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West dienten. Unverdächtiger ist demgegenüber ein Autor, der weder ein hasserfüllter Kommunistenfresser war noch ein unkritischer 

Speichellecker der DDR-Ideologen. 1948 schrieb Bertold Brecht: "Immer noch, nach drei jahren, zittert unter den arbeitern, höre ich allgemein, die panik, verursacht durch die plünderungen und vergewaltigungen nach, die der eroberung von berlin folgten. in den arbeitervierteln hatte man die befreier mit verzweifelter freude erwartet, die arme weit ausgestreckt, aber die begegnung wurde zum überfall, der die siebzigjährigen und zwölfjährigen nicht schonte und in aller öffentlichkeit vor sich ging. es wird berichtet, daß die russischen soldaten noch während der kämpfe von haus zu haus, blutend, erschöpft, erbittert ihr feuer einstellten, damit frauen sich wasser holen konnten, die hungrigen aus den kellern in die bäckereien geleiteten, die unter den trümmern begrabenen ausgraben halfen, aber nach dem kampf durchzogen betrunkene horden die wohnungen, holten die frauen, schossen die widerstand leistenden männer und frauen nieder, vergewaltigten vor den augen der kinder, standen in schlangen an den häusern."

 

Vergewaltigungen hat es in allen Kriegen gegeben, von allen kämpfenden Parteien. Allerdings hat sich die Sowjetunion eben nicht - wie im vorhergehenden Kapitel bereits kurz erwähnt - als eine 



beliebige kriegführende Macht gesehen. Ihre Ideologie unterschied zwischen den Herrschenden und den "Massen", wobei man Erstere bekämpfen wollte, sich Letzteren aber verbunden fühlte gemäß dem Motto "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!". Wenn die deutschen "Massen" nun aber Verbündete waren, die sich nur zeitweise von einer demagogischen Diktatur in die Irre hatten führen lassen, dann passten Vergewaltigungen nicht in das Bild. Was die Frage aufwirft, wie sich die offizielle Politik gegenüber solchen Vorkommnissen verhalten hat. Ohne auf Einzelheiten einzugehen - wir wollen uns ja die Situation vor Ort ansehen -, lässt sich in aller Knappheit feststellen, dass unmittelbar am Kriegsende eine einheitliche Linie nicht existierte. So gab es einerseits Vergewaltigungen durch russische Soldaten zum Teil in erheblichem Umfang und ohne dass die Vorgesetzten nachdrücklich dagegen eingeschritten wären. Gleichzeitig existierten Anordnungen der Militärführung, gegen Vergewaltiger mit aller Härte vorzugehen. Es gibt zahlreiche Augenzeugenberichte, wonach solche Personen von ihren Vorgesetzten kurzerhand erschossen wurden, insbesondere wenn minderjährige Mädchen betroffen waren. Wie dazu allerdings die Äußerung Stalins im Zusammenhang mit Vergewaltigungen durch

Soldaten der Roten Armee in Jugoslawien passt, muss dahingestellt bleiben: "Kann (sein Gesprächspartner) nicht verstehen, wenn ein Soldat, der Tausende von Kilometern durch Blut, Feuer und Tod marschiert ist, mal seinen Spaß mit einer Frau haben möchte oder irgendeine Kleinigkeit mitgehen lässt?"

 

So weit einige grundsätzliche Aspekte zum Thema, kommen wir nun zu der Situation in unseren Dörfern. Spricht man in Kurtschlag ältere Einwohner auf die Tage an, als die Russen ins Dorf kamen, so hört man immer wieder von der Angst der Frauen vor Vergewaltigung, und zwar sowohl der älteren Frauen als auch der jungen Mädchen. Viele von ihnen haben sich in diesen Tagen versteckt, haben sich hässlich geschminkt oder alles getan, um einen verwahrlosten oder kranken Eindruck zu erwecken und auf diese Weise für mögliche Täter unattraktiv zu sein. Dennoch kam es zu Vergewaltigungen. So berichtete ein Kurtschläger von einer Frau, die beim Blaubeerpflücken von zwei Russen missbraucht wurde. Ein anderer schilderte uns, wie seine Mutter (zur selben Zeit, allerdings an einem anderen Ort) dasselbe Schicksal erlitt. Worauf sich der Vater an den zuständigen russischen Kommandanten wandte und ihm den Fall



vortrug - mit der Konsequenz, dass einige Tage später vor seinem Haus ein Offizier erschien und sich erschoss. Und schließlich ist mir selbst ein Fall bekannt, in dem eine Frau mittleren Alters Opfer einer Vergewaltigung wurde.

 

Weitere Vorfälle wurden von unseren Gesprächspartnern nur pauschal erwähnt, so dass ich hierzu keine näheren Angaben machen kann. Einen Fall gibt es allerdings, bei dem uns sogar Einzelheiten mitgeteilt wurden. Mehrere Jahrzehnte hatte die Betroffene über das Erlebnis geschwiegen, sechs Jahre zuvor hatte sie das erste Mal darüber gesprochen. Sie berichtete, wie Russen die Häuser in Kurtschlag nach Frauen durchsuchten ("Das war schlimm."), wobei sich insbesondere junge Frauen in Acht nehmen mussten, was jedoch nicht immer gelang. An ihrem vierten Geburtstag wurde sie Augenzeugin, wie ihre Mutter von einem Russen vergewaltigt wurde. Doch das war noch nicht alles, denn nur wenige Wochen später wurde die Mutter ein zweites Mal zum Opfer. Als die beiden in der Nähe von Kappe mit einem "Kuddelwagen" unterwegs waren, 

begegneten ihnen zwei Russen. Der ältere verging sich abermals an der Mutter, der jüngere hingegen wollte damit nichts zu tun haben und drehte sogar die Tochter zur Seite, so dass diese das Geschehen nicht mitansehen musste. Später, so erzählte uns die Zeugin, habe ein Kommandant der Mutter den Rat gegeben, sie solle ständig Tinte mit sich führen. Sollte sich dann noch einmal jemand an ihr vergehen, so könne sie ihn mit Tinte bespritzen, womit der Täter leicht zu identifizieren sei. Gewiss ein gut gemeinter Rat, aber womöglich kein guter. Denn wie würde ein Vergewaltiger reagieren, wenn er die Tinte bemerkte und ihm bewusst würde, dass man ihn an diesem Zeichen erkennen konnte ... Im Anschluss an diese Schilderungen berichtete die Frau davon, dass sie neben diesen schrecklichen Erfahrungen mit den Russen aber auch ganz andere mit ihnen gemacht habe. So habe später im Jahr 1945 in ihrer Nachbarschaft ein russischer Arzt mit seiner Familie gelebt, und als sie sehr krank gewesen sei, habe dieser Arzt sie trotz eines offiziellen Verbots behandelt und ihr auf diese Weise das Leben gerettet.



Ihr habt Informationen zu unserem Thema, die uns bisher entgangen sind? So könnt Ihr uns diese mitteilen:

- per Mail an info@kurtschlag.de

oder direkt an

- Manfred Lentz, Neuer Kietz 6, 16792 Zehdenick OT Kurtschlag, Tel. 039883 490699

- Siegfried Haase, Kleine Dellenstr. 9, 17628 Templin OT Groß Dölln, Tel. 039883 333018

- Birgit Halle, Kapper Dorfstr. 46, 16792 Zehdenick OT Kappe, Tel. 03307 315037

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