12. Die Russen ziehen ab

7. Mai 1994. Der Fahrer des Berliner Polizeipräsidenten Hagen Saberschinsky ist mit dessen Dienstwagen unterwegs, einem fünf Monate alten Mercedes 200 E, Preis: 58.000 DM. An der Schloss- Ecke Treitschkestraße in Berlin-Steglitz verlässt er für eine kurze Erledigung den Wagen, und als er nach fünf Minuten zurückkehrt, ist dieser verschwunden. Gestohlen. Zwei Jahre später wird er von der russischen Polizei in der Stadt Podolsk nahe Moskau entdeckt. Funkgerät, Blaulicht und Autoradio fehlen. Die russischen Beamten ermitteln einen Tatverdächtigen. Organisierte Banden hatten den Wagen entwendet und auf dem Luftweg in die Sowjetunion geschafft. In diesem Zusammenhang fällt der Name des Flugplatzes Groß Dölln.

 

Ein teurer Diebstahl war das seinerzeit, keine Kleinigkeit, und doch konnte sich so mancher Berliner das Grinsen nicht verkneifen - ausgerechnet den Wagen des Polizeipräsidenten hatten sich die Täter geschnappt! Wer die "organisierten Banden" waren, wer also hinter dem von der russischen Polizei aufgegriffenen Verdächtigen stand, wurde nie ermittelt. Für die Öffentlichkeit war es "die Russenmafia", was spannend klang, oder sogar "die Tschetschenenmafia", was noch spannender klang, denn die Tschetschenen waren nun mal zahlreichen Presseberichten zufolge die Härtesten der Harten. Aber  

wer auch immer für die Tat verantwortlich zeichnete - Fakt war auf jeden Fall der Diebstahl eines teuren Autos, und Fakt war außerdem, dass dieser Diebstahl nicht allein stand, sondern in einer langen Reihe vergleichbarer Fälle. Nahezu täglich wurden damals Autos gestohlen, vor allem in Berlin sowie in den Randgebieten der Stadt und betroffen waren ausschließlich Luxuskarossen. Dass "die Russen-" oder eben "die Tschetschenen-Mafia" dahinter steckte, dass die Abnehmer der heißen Ware im Osten saßen, insbesondere in den Nachfolgestaaten der aufgelösten Sowjetunion, und dass der Transport zu großen Teilen über den Luftweg erfolgte, wusste damals jeder, oder richtiger: jeder ahnte es, denn erwischt wurden die Täter nur in den seltensten Fällen. Doch es passte eben alles so gut in die damalige Zeit - in die Jahre, als die Russen sich anschickten, Deutschland zu verlassen und der Spruch vom "Wilden Osten" für einige Zeit Wirklichkeit war.

 

Die Bedingungen für Kriminelle waren seinerzeit aber auch allzu verlockend. Mitunter im Stundentakt hoben die schweren Maschinen von den ostdeutschen Flugplätzen ab, "fliegende Umzugswagen", die alles abtransportierten, was vor Ort nicht länger gebraucht wurde, Militärisches und Ziviles und eben dann und wann auch gestohlene  



Autos. Wenn Beobachter von einer "logistischen Großaufgabe" sprachen, von "enormen logistischen Herausforderungen", so waren solche Formulierungen keineswegs übertrieben. In einer letzten Meldung an seinen obersten Dienstherrn, den russischen Präsidenten Boris Jelzin, drückte der Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte in Deutschland diesen Sachverhalt am 31. August 1994 anlässlich einer Abschiedsveranstaltung im Beisein von Bundeskanzler Helmut Kohl so aus: "Ich melde, der zwischenstaatliche Vertrag über die Bedingungen des begrenzten Aufenthaltes und der Modalitäten des planmäßigen Abzugs der sowjetischen Truppen aus dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland ist erfüllt. In drei Jahren und acht Monaten sind nach Russland und nach den anderen GUS-Staaten abgezogen worden: die Führung der Westgruppe, sechs Armeen bestehend aus 22 Divisionen, 49 Brigaden und 42 selbständigen Regimentern. ... Die zwischenstaatliche strategische Operation des Abzugs der Westgruppe der Truppen ist beendet. ... Das gesamte Personal ist nach Russland abgezogen worden und ist bereit, weitere Aufgaben zu erfüllen." Sechs Armeen - eine Formulierung, die Militärs vermutlich tief beeindrucken dürfte, Laien wohl eher weniger, weshalb ich zum  

besseren Verständnis ein paar Zahlen nenne: Danach traten 337.800 Soldaten und Offiziere sowie 44.700 Zivilbeschäftigte und 163.000 Familienangehörige die Heimreise an, hinzu kamen 91.750 Stück Kriegsgerät und 2.602.500 Tonnen Material einschließlich Munition - laut Wikipedia "eine der größten Truppenverlegungen zu Friedenszeiten in der Militärgeschichte".

 

Was sich im Sommer des Jahres 1994 ereignete, war der Schlusspunkt einer Entwicklung, die ein paar Jahre zuvor in der Sowjetunion ihren Anfang genommen hatte. Einer Entwicklung, die untrennbar mit dem Namen Michail Gorbatschow und den Begriffen "Glasnost" und "Perestroika" verbunden war - jenen Zauberwörtern, die die Nachkriegsordnung binnen weniger Jahre zum Einsturz brachte. 1985 an die Macht gekommen, hatte Gorbatschow sich schon bald als ein Erneuerer der überkommenen politischen Strukturen seines Landes erwiesen, der alles in Frage stellte, was für seine Vorgänger noch heilig und unantastbar gewesen war. Dass diese neue Politik auch von großen Teilen der DDR-Bevölkerung mit gespannter Erwartung verfolgt wurde, konnte nur diejenigen überraschen, die die permanente Selbstbeweihräucherung ihrer 


Foto 1: Ein russischer Sattelschlepper transportiert einen Panzer, fotografiert in der Reihenstraße von Groß Dölln, etwa 1992/93

Fotos 2 und 3: Russische Hinterlassenschaften nach ihrem Abzug 1994

führenden Repräsentanten für bare Münze genommen hatten. Vielen kam ein Mann wie Gorbatschow gerade recht. Über Nacht avancierten die russischen Truppen auf einmal zum Hoffnungsträger, klebten an den Denkmälern ihres Sieges über Hitlerdeutschland Zettel mit Aufschriften wie "Perestroika!" und "Befreit uns noch mal!" - Losungen, die der damalige Chefideologe der SED Kurt Hager mit der ebenso dümmlichen wie hilflosen Frage zu parieren versuchte: "Würden Sie, wenn der Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?" Hatte es jahrzehntelang geheißen "Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen", so bekamen die Bürger nun plötzlich nicht einmal mehr unzensiert deren Druckerzeugnisse zu lesen. Und als Gorbatschow bei seinem Aufenthalt in Ost-Berlin im Oktober 1989 keinen Zweifel daran ließ, dass die Sowjetunion im Fall einer Neuauflage des Juni-Aufstands von 1953 nicht noch einmal mit ihren Panzern eingreifen würde, hätte auch den verblendetsten Genossen klar sein müssen, in welche Richtung der Zug unterwegs war. Längst hatte sich der "Wind of Change" in einen ausgewachsenen Sturm verwandelt, der geeignet war, das Haus DDR binnen kürzester Zeit 

zum Einsturz zu bringen. Nur wenige Tage später, am 9. November, war es dann so weit - die Mauer fiel, und ein Wort einte die Deutschen in Ost und in West: das Wort "Wahnsinn!".

 

Die weitere Entwicklung ist bekannt: die deutsche Einheit; der Vertrag zwischen den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges und den beiden deutschen Staaten, durch den Deutschland die vollständige Souveränität zurückerhielt; schließlich der Startschuss für den Abzug aller vier Mächte. Was in unserem Fall hieß: Abzug der Russen, und für unsere Untersuchung konkret: unserer russischen Nachbarn. Sehen wir uns in diesem letzten Kapitel an, wie zu Ende ging, was 49 Jahre zuvor seinen Anfang genommen hatte.

 

Auf die gewaltige logistische Leistung, die der Abzug bedeutete, habe ich bereits hingewiesen. Doch war der technische Aspekt nur die eine Seite des Problems, die andere - und viel gravierendere - waren die Menschen. War die Tatsache, dass die Sowjetunion bzw. deren Nachfolgestaaten in einer relativ kurzen Zeit die Rückkehr ihrer Soldaten und deren Familienangehöriger aus der DDR zu verkraften 



hatte. Aber nicht nur von dort - auch aus den übrigen Ländern des Warschauer Paktes strömten Menschen zurück, rund 760.000 insgesamt, was selbst für das riesige Russland keine Kleinigkeit war. Auch deshalb nicht, weil das Land zu dieser Zeit in einer tiefen Krise steckte. Die Wirtschaft befand sich auf Talfahrt, die staatliche Einheit war mit der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 zerbrochen, und als wäre das noch nicht genug, wurde die Lage auch noch durch eine tiefe Bewusstseinskrise (*) seiner Bewohner verschärft. Was eben noch wahr gewesen war, sollte auf einmal falsch sein, und was aus dem Chaos am Ende hervorgehen würde, war allenfalls in Ansätzen zu erkennen. Und nun also auch noch die Rückkehr so vieler Menschen, die - soweit sie nicht beim Militär unterkamen - alle einen Arbeitsplatz brauchten, gegebenenfalls eine Ausbildung  und außerdem eine Wohnung. Die 15 Milliarden DM Rückkehrhilfe, mit denen Deutschland zur Lösung dieser Aufgaben beizutragen versuchte, konnten angesichts dieser Probleme nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein.

(*) Anders sah das offenbar der Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte in seiner oben erwähnten Meldung an Präsident Jelzin, als er den Bewusstseinszustand seiner Truppen mit den 

Worten beschrieb: "Der moralische Zustand des Personals ist gesund."

 

Als Frist für das Ende der russischen Präsenz in Deutschland wurde der 31. August 1994 bestimmt, und so setzte sich nach Unterzeichnung der Vereinbarung sogleich eine gewaltige

Abzugsmaschinerie in Bewegung. Panzer um Panzer, Geschütz um Geschütz und eine Kompanie nach der anderen verließen die russischen Streitkräfte das Land. Dass so manch Heimkehrender in dieser Situation auf den Gedanken kommen würde, sich mittels dunkler Geschäfte eine günstigere Startposition für den Neuanfang zu verschaffen, damit war zu rechnen gewesen, und so geschah es denn auch. Kriminelle Strukturen bildeten sich, wahlweise als "Russen-" oder "Tschetschenen-Mafia" bezeichnet, die insbesondere mit dem Schmuggel gestohlener Autos auf den großen Gewinn setzten (*). Legt man die damaligen Gerüchte und die vielen einschlägigen Presseberichte zugrunde, muss die Zahl der entwendeten Wagen erheblich gewesen sein. Dass der Flugplatz Groß Dölln dabei eine wichtige, womöglich sogar die wichtigste Rolle spielte, überrascht nicht: die Nähe des Flugplatzes zu Berlin, seine


Eingang zum ehemaligen Außenlager rechts der Straße von Kurtschlag nach Zehdenick

Größe und damit auch eine gewisse Unübersichtlichkeit sowie der intensive Flugbetrieb waren beste Voraussetzungen, um neben dem regulären Betrieb auch kriminelle Geschäfte abzuwickeln. Die gelegentlich allerdings auch schief gingen. So beschlagnahmte eine  "Soko Turbo" laut "Templiner Zeitung" am 27. Mai 1994 "in Abstimmung mit dem Kommandanten auf dem Flugplatz in der vergangenen Nacht sieben Luxus-PKW im Wert von 500.000 DM, die in Berlin gestohlen worden waren." Gerade mal eine Woche später war in derselben Zeitung von einem Polizeieinsatz mit Hubschraubern auf dem Flugplatz die Rede, um Autodiebe zu stellen. Und in einem weiteren Artikel hieß es: "Ärger mit der Tschetschenen-Mafia, vor allem für die Bewohner der Garnison. Sie verschob mit Großtransportern PKW nach Russland und ließ Mädchen für den Puff einfliegen. Die Garnison ließ Soldaten mit Gummiknüppeln um das Objekt patroullieren."

(*) Neben den illegalen Geschäften mit gestohlenen Fahrzeugen gab es auch einen legalen Handel mit Gebrauchtwagen. In diesem Zusammenhang berichtete uns ein Döllner von Russen, die auf seinem Gehöft viele billig erstandene "Lada" geparkt hätten, um sie später nach Russland zu fahren. Auf dem Flugplatz hätten sie diese nicht abstellen wollen, so erzählten sie, da sie 

ihren eigenen Leuten nicht trauten. In einem anderen Fall ebenfalls aus Groß Dölln hatte ein Russe seinen Wagen auf dem Grundstück des Pfarrers abgestellt, der sich während dieser Zeit im Urlaub befand. Als der Pfarrer zurückkehrte, war dieser Wagen verschwunden und dazu noch sein eigener.

 

Intellektuell-distanziert, aber völlig zutreffend beschreibt Silke Satjukow die Situation so: "Die unvorbereitete Begegnung mit westlichem Konsum, mit westlicher Lebensart allgemein, führte bei einem Teil der Militärs zu schwerwiegenden psychologischen Folgen. Der Zusammenbruch ideologischer Leitbilder, die Aussöhnung mit dem Westen und die in den Massenmedien gefeierte Transformation Deutschlands zu einem bewunderungswürdigen Hort der Demokratie und Prosperität förderten die Angehörigen der Streitkräfte nach einer anfänglichen Lähmung heraus, den zeitlich begrenzten Aufenthalt in Deutschland maximal zu nutzen, um sich für die erlittenen Entbehrungen der Vergangenheit und die erwarteten Einbußen in Zukunft zu entschädigen." Wofür neben gestohlenen Luxusautos auch die im letzten Kapitel erwähnten Waffen bestens geeignet waren. Ebenfalls verbreitet und dabei weit harmloser waren der Verkauf von Militärkleidung sowie der illegale Handel mit Zigaretten,



deren Transport nach Deutschland angesichts des regen Flugverkehrs ein Kinderspiel gewesen sein dürfte. Ein gutes Geschäft nicht nur für die Strippenzieher im Hintergrund, sondern gleichermaßen - wenngleich für diese sicherlich weniger lukrativ - für die Kleinhändler, die die geschmuggelten Zigaretten stangenweise verkauften. Wobei die Betreiber solch illegaler Geschäfte sich mitunter nicht einmal die Mühe machten, diese diskret abzuwickeln. "Am Haupttor (der Kaserne)", so noch einmal die "Templiner Zeitung" fand ein schwungvoller Handel statt."

 

Als ein Sumpf aus Kriminalität und Korruption wird die Situation zu dieser Zeit häufig beschrieben, der sogar die höchsten Ränge mit einschloss. "Aufgrund zunehmender Vorkommnisse in den Kasernen, aufgrund von Fahnenfluchten, Waffendiebstählen sowie allgemeiner Disziplinlosigkeit wurde Boris Snetkow im Dezember 1990 per Präsidentenerlass durch Matwej Burlakow als Oberkommandierender abgelöst. Der hoch dotierte Militär war nicht mehr Herr der eskalierenden Lage gewesen." Drastische Vorwürfe an den obersten Befehlshaber der Sowjetarmee in der DDR. Allerdings scheint auch Burlakow den Erwartungen seines Präsidenten nicht 

gerecht geworden zu sein, hieß es doch rückblickend vier Jahre später, dass "unter (seiner) Ägide ein kaum zu überbietender illegaler Ausverkauf von Waffen, Munition und Gerät stattgefunden (hat)." - Womöglich hatte auch jener dubiose - im 8. Kapitel bereits kurz angesprochene - Vorfall einen ähnlichen Hintergrund, der sich am 22. Juni 1994 in unserer Gegend ereignete. An diesem Tag, schrieb die "Templiner Zeitung", "verunglückte der letzte Flugplatzkommandant, Oberst Alexander Bobrow, mit seinem Fahrer auf der F 109 zwischen Gollin und Döllnsee. Bobrow starb. Der Jeep fuhr gegen zwei Bäume." Obwohl dieser Fall bereits viele Jahre zurückliegt, konnten sich alle unsere Gesprächspartner an das spektakuläre Ereignis erinnern. Bedauerlich nur, dass es zwar diverse Gerüchte über dessen Hintergrund und seinen Ablauf gab, dass aber niemand etwas Genaueres wusste. Kleinster gemeinsamer Nenner aller Gerüchte war die Annahme, dass sich der Kommandant dem illegalen Treiben der "Russen-" oder "Tschetschenen-Mafia" auf seinem Flugplatz widersetzt habe, worauf er von dieser mittels eines inszenierten Unfalls ausgeschaltet worden sei. Eine Interpretation, die im Licht der damaligen Situation plausibel erscheint.


Driving Center Groß Dölln auf dem Areal des ehemaligen Flugplatzes. Auf den Fotos 2 und 3 ist rechts im Hintergrund die

Hauptstartbahn zu erkennen.

"Bei uns haben sie bei ihrem Abzug Geräte vom Spielplatz mitgehen lassen", erzählte uns ein Döllner und fügte hinzu: "Dafür haben sie uns ihre Tiere hiergelassen." Ein Thema, das mehrere Befragte uns gegenüber erwähnten. Betroffen waren zahlreiche Katzen und Hunde, die Lieblinge so manch russischer Familie, die (weil die Einfuhrbestimmungen in ihrer Heimat es nicht erlaubten?) ausgesetzt wurden und fortan die Wälder bevölkerten (*). "Die Behörden vor Ort forderten die Bundesregierung unmittelbar nach dem Abzug zum sofortigen Handeln auf, allerdings ohne Erfolg. Die Bitte des Potsdamer Landwirtschaftsministeriums um Finanzhilfe wies Bundesminister Theo Waigel mit der Begründung zurück: 'Bei den von der Westgruppe zurückgelassenen Haustieren handelt es sich rechtlich nicht um Eigentum des Bundes.'" Hatten die Tiere Glück, fanden sie eine neue Familie in den umliegenden Dörfern oder zumindest stellte ihnen eine mitleidige Seele dann und wann Futter hin. Streunende Hunde endeten in vielen Fällen duch die Kugel eines Jägers.

(*) Tierschützer schätzten die Zahl der ausgesetzten Tiere in der gesamten DDR auf etwa 10.000.

 

Während sich all dies ereignete, nahm der Abzug der Russen planmäßig seinen Fortgang. Der Rücktransport von Truppen und 

Material erfolgte vor allem auf dem Seeweg über die Häfen in Rostock und Mukran auf Rügen, ein Teil rollte auf der Bahn durch Polen gen Osten, alles Übrige nahm den Weg durch die Luft. Am 31. August 1994 wurden die russischen Truppen - nachdem es zu keiner Einigung über einen gemeinsamen Festakt für alle vier Siegermächte gekommen war - offiziell von ihrem Präsidenten Boris Jelzin und Bundeskanzler Helmut Kohl in Berlin verabschiedet. Der letzte Militärtransport verließ Deutschland am Tag darauf vom Bahnhof Berlin-Lichtenberg, eine Woche später folgte das Nachkommando der Truppen per Flugzeug von Berlin-Schönefeld. Die russische Präsenz in unserer Gegend war zu diesem Zeitpunkt längst beendet: Bereit im April hatte der letzte Soldat die Garnison Vogelsang verlassen, zwei Monate später waren vom Flugplatz Groß Dölln die letzten Transportflüge abgewickelt worden. 49 Jahre nach Ankunft der Russen und rund 44 Jahre nach Beginn der Rodungsarbeiten im Wald zwischen Vietmannsdorf und Groß Dölln hatte die Geschichte des russischen Militärflugplatzes ein Ende gefunden.

 

"Was für Feierlichkeiten oder Veranstaltungen anlässlich des Abzugs der Russen hat es bei uns gegeben?" war eine der Fragen, die wir unseren Gesprächspartnern stellten. Die Reaktion war bei allen die gleiche: Zuerst ein überraschter Blick, beinahe so, als hätten wir nach



etwas völlig Abwegigem gefragt, dann die Antwort: gar keine. "Nein, eine Feier gab es nicht", erzählte uns eine Kurtschlägerin, "nichts Offizielles. Die Russen waren plötzlich weg, das war alles." Ähnlich formulierten es andere, wobei einer ergänzte: "Die Russen haben ihr Material meist nachts transportiert, so dass niemand viel gesehen hat. Und dann waren auf einmal auch die Soldaten verschwunden." Nicht anders scheint es in Vogelsang gelaufen zu sein: "Vom Abzug haben wir am allerwenigsten mitbekommen", zitierte die "Märkische Allgemein" den damaligen Bürgermeister des Dorfes. Und er ergänzt, nachdem er zuvor die spärlichen Kontakte zwischen den Einwohnern von Vogelsang und der riesigen russischen Garnison in der Vergangenheit beklagt hat: "Der Abzug war wohl auch deshalb derart kurz und lautlos." Ganz so, wie all diese Aussagen es darstellen, scheint es dann allerdings doch nicht gewesen zu sein. So kam es laut "Templiner Zeitung" zu einer Verabschiedung der Garnison am 5. Mai 1994 im MKC Templin in Anwesenheit des Landrats Joachim Benthin und des Kommandeurs Oberst Alexander Bobrow sowie zu einer weiteren Veranstaltung eine Woche später in Steltners Kneipe in Storkow. Von persönlichen Verabschiedungen hat man uns in Einzelfällen berichtet. Und was war mit den (insgesamt allerdings 

nicht sehr zahlreichen) Kontakten, die Deutsche und Russen in der Vergangenheit geknüpft hatten - blieben sie erhalten oder waren sie mit dem Abzug der Russen beendet? "Die Freunde, die M. auch materiell unterstützte, als sie zurückgingen, haben sich leider nicht wieder gemeldet", erzählte uns ein Zeitzeuge, während ein anderer von einem mit einer deutschen Familie befreundeten russischen Fluglehrer wusste, der auch nach 1994 noch bei der Familie zu Besuch kam. Zwei Fälle, von denen wir erfahren haben - zu wenig, um eine verallgemeinernde Aussage machen zu können.

 

Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich an die vielen Russen, die sich über die Jahrzehnte hinweg wegen des Flugplatzes in unserer Gegend aufgehalten haben; an die Flut von Plakaten und Transparenten zum Thema deutsch-sowjetische Freundschaft; ich höre die unzähligen Beschwörungen der großartigen Beziehungen zwischen der DDR und dem "großen Bruder"; und ich entsinne mich der in Reden und Aufsätzen wieder und wieder betonten tiefempfundenen Freundschaft zwischen beiden Völkern, die über den Gräbern der Gefallenen und Ermordeten des Krieges als Lehre aus der Geschichte entstanden sei - und dann lese ich in meinen 


Auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes Groß Dölln.

Auf den Fotos 1 und 2 sind Teile des riesigen Solarfeldes zu sehen. Auf Foto 1 sind im Hintergrund ehemalige Wohnhäuser der Soldaten zu erkennen. Die Zugänge sind verschlossen, in den Gebäuden befinden sich heute Fledermauskolonien.

Das Foto 3 wurde anlässlich des alljährlich in einem ehemaligen Hangar stattfindenden Bebersee-Festivals aufgenommen.

Notizen die Aussagen von Menschen in unseren Dörfern "Die waren plötzlich weg" und "Es hat keine Verabschiedung gegeben", und der Gedanke drängt sich mir auf: Was für eine traurige Bilanz das doch ist! Was für ein deprimierendes Ergebnis nach 49 Jahren Zusammenleben in engster Nachbarschaft! Wobei ich diese Sätze nicht etwa als Kritik an den hier Lebenden verstanden wissen will, nicht im geringsten. Wohl aber als eine Kritik an dem politischen System, das nach dem schrecklichen Krieg die Chance für die Enstehung von wirklicher Freundschaft zwischen den Menschen beider Länder so gründlich vertan hat!

 

Und wie haben unsere Gesprächspartner die Russen in Erinnerung behalten? Eine Frage, die wir jedem von ihnen stellen wollten, doch in den allermeisten Fällen war das gar nicht nötig, denn unsere Gegenüber haben die Antwort in der Regel gleich vorweggenommen: "Wir haben die Russen in guter Erinnerung behalten". Was keineswegs heißt, dass sie die Russen geliebt hätten und sie heute vermissten - nein, die Russen sind weg, und das ist auch gut so, und heute geht das Leben halt ohne sie weiter. Aber es gibt keine negativen Empfindungen in der Erinnerung, keinen Zorn, geschweige den Hass, und entsprechend auch keine bösen Worte. Jedenfalls war 

das bei denjenigen so, mit denen wir gesprochen haben, und das waren recht viele. Jawohl, die Russen haben Fehler gemacht, sie haben die Umwelt geschädigt, Brände und Unfälle verursacht und in unseren Wäldern gewildert, und dann war da auch noch der Fluglärm - aber stehen sie denn mit einem solchen Verhalten ganz allein da? Die Grundhaltung - und allein um die geht es mir hier - war durchweg bei all unseren Gesprächspartnern positiv! Interessant ist in diesem Zusammenhang eine repräsentative Umfrage des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung aus dem Jahr 1990, also zwischen der Wende und dem Abzug der Russen. Danach gaben 94,1 Prozent der Befragten an, "dass sie sich in ihrem Alltag durch die Anwesenheit von sowjetischen Soldaten beziehungsweise von deren Familien nicht gestört fühlen würden". Eine Aussage, die die von uns Befragten vermutlich allesamt unterschrieben hätten.

 

Eine bemerkenswert positive Einstellung gegenüber den Russen also. Nun liegt es mir fern, Wasser in den Wein der Erinnerung kippen zu wollen, auch treibt mich nicht im mindesten die Absicht, das Verhältnis der Bewohner unserer Dörfer zu den Russen negativ aussehen zu lassen, aber einen Gedanken möchte ich doch einbringen:



- 1. Nicht erst seit der Wendezeit war klar, dass der weit überwiegende Teil der Bevölkerung der DDR dem politischen System ablehnend gegenüberstand; nur deshalb konnte es später zur Wende und zur Wiedervereinigung kommen.

- 2. Die DDR verdankte ihre Existenz letztlich der Anwesenheit der sowjetischen Truppen. Theoretisch hätten zwar auch die NVA und die Staatssicherheit die Existenz des Staates garantieren können, die Wende 1989 hat jedoch gezeigt, dass das in der Praxis nicht funktionierte. Gorbatschows mangelnde Bereitschaft, für den Bestand der DDR notfalls militärische Mittel einzusetzen, hat das Ende der DDR eingeleitet. Das Gleiche gilt für die anderen Länder des Ostblocks. Welche zentrale Bedeutung die Sowjetunion für den Fortbestand des Sozialismus in diesen Staaten besaß, hat sie in der Vergangenheit mehrmals unter Beweis gestellt: 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und 1968 in der CSSR.

- 3. Nimmt man diese beiden Punkte zusammen, so heißt das nichts anderes, als dass die Sowjetunion für die Existenz eben jenes  politischen Systems verantwortlich war, das von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wurde.  Was die Frage aufwirft, warum es dennoch eine derart positive Haltung zur Sowjetunion  

gegeben hat bzw. in der Erinnerung auch heute noch gibt, wie sie bei unseren Befragungen deutlich geworden ist. Es hätte ja niemand die Sowjetunion in Bausch und Bogen verdammen oder sie als einen Hort des Bösen brandmarken müssen - aber ein Hinweis darauf, dass sie eine in freier Entscheidung selbst gewählte Entwicklung in diesem Teil Deutschlands verhindert hat, wäre doch mehr als verständlich gewesen. Dass ein solcher Hinweis in keinem einzigen Fall kam, halte ich für nachdenkenswert.

 

 

Seit dem Abzugsjahr 1994 bis heute ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Den einstigen Militärflugplatz Groß Dölln gibt es immer noch, aber bekanntlich nicht mehr mit seiner ursprünglichen Funktion als Start- und Landeplatz von Flugzeugen. Die Bewohner der umliegenden Dörfer können sich gewiss noch an die vielen Konzepte erinnern, die sich mit diesem Relikt des Kalten Krieges nach dem Ende der DDR verbunden haben: an die "Kick the MiG"-Veranstaltungen während der Abzugsphase der Russen, als hochmotorisierte Fahrzeuge gegen russische Düsenjäger Rennen veranstalteten; an die Idee, den Flugplatz entweder für die Bundesluftwaffe oder für Transporte mit Großraummaschinen aus 



Fernost wiederzubeleben; an "Brandenburg Village": Villen für 

Wohlhabende mit einem Parkplatz für ihre Privatflugzeuge quasi direkt vor der Haustür; an die dreitägigen Rund-um-die-Uhr-Musikveranstaltungen; an die Müllhalden, die monatelang brannten; an die Idee von den Fertighäusern aus Holz, die auf dem Gelände zusammengebaut werden sollten und an einiges mehr, bis sich heute mit dem Driving Centre von Michelin, dem riesigen Solarfeld, den ehemaligen Hangars, in denen alljährlich das Bebersee-Musikfestival stattfindet, der Heide neben dem Flugplatz als Naturschutzgebiet und den übriggebliebenen Russenhäusern als Quartiere für Fledermäuse eine dauerhafte Nutzung gefunden hat. Die beiden Außenlager des Flugplatzes für Treibstoff und Munition hat die Natur zurückerobert, ebenso die Bahnlinie zwischen Vogelsang und dem Flugplatz, und das Wenige, was von der unweit von Vogelsang gelegenen einstigen riesigen Russenstadt übriggeblieben ist, dient heute als Schauplatz militärhistorischer Führungen. Und was die Dörfer beim Flugplatz betrifft - dort ist nach den aufregenden Jahren der Wendezeit längst der Alltag eingekehrt, und eine neue Generation ist herangewachsen. Eine, die die 49jährige Geschichte der 

Beziehungen zwischen den Dörfern und den russischen Nachbarn nur noch aus den Erzählungen der Älteren kennt. Damit die Erinnerung an diese Geschichte nicht irgendwann für immer verloren geht, haben wir sie aufgeschrieben.



Ihr habt Informationen zu unserem Thema, die uns bisher entgangen sind? So könnt Ihr uns diese mitteilen:

- per Mail an info@kurtschlag.de

oder direkt an

- Manfred Lentz, Neuer Kietz 6, 16792 Zehdenick OT Kurtschlag, Tel. 039883 490699

- Siegfried Haase, Kleine Dellenstr. 9, 17628 Templin OT Groß Dölln, Tel. 039883 333018

- Birgit Halle, Kapper Dorfstr. 46, 16792 Zehdenick OT Kappe, Tel. 03307 315037

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