11. Umweltsünden

Welchen Einfluss die Anwesenheit der Russen auf die Tierwelt in unserer Gegend hatte, habe ich im letzten Kapitel gezeigt. Sehen wir uns in diesem Kapitel an, was die Anwesenheit der Russen für unsere Umwelt bedeutete.

 

Da ist zunächst einmal der Flugplatz, den sie gebaut haben - ein gewaltiger Eingriff in eine intakte Natur, bei dem rund 1.000 Hektar Wald in kürzester Zeit vernichtet wurden. Welch gewaltiges Gebiet von den Maßnahmen betroffen war, zeigt sehr anschaulich ein Blick von oben, der sich mit Hilfe von Google Maps leicht realisieren lässt. Dabei war der Flugplatz nicht das einzige Areal, das seit den 1950er Jahren der traditionellen Nutzung entzogen wurde. Gleiches gilt für die beiden dazugehörigen Außenlager rechts und links der Straße von Kurtschlag nach Zehdenick, in denen Munition sowie große Mengen Treibstoff für den Flugbetrieb gelagert wurden, für die Flugabwehr-Raketenstellung bei Storkow sowie in noch weit größerem Maße für die russische Militärsiedlung bei Vogelsang mit ihren rund 15.000 Bewohnern. Doch mochte sich dieser enorme Flächenverbrauch unter militärischen Gesichtspunkten vielleicht noch als notwendig begründen lassen, so stellt sich natürlich die 

Frage, wie die Militärs in der anschließenden alltäglichen Nutzung mit diesen Flächen umgegangen sind. Und was das betrifft, so lag hier über die Jahrzehnte hinweg vieles im Argen.

 

Kontaminierte Böden, giftige Substanzen auf wilden Mülldeponien, verlorene Munition - dies sind einige der Themen, über die die Medien nach der Wende und vor allem nach dem Abzug der Russen im Jahr 1994 immer wieder berichteten. Was zwangsläufig die Frage aufwarf, was die DDR-Behörden von diesen Zuständen gewusst haben. Zugegebenermaßen waren die Behörden in einer sehr unglücklichen Situation: Zum einen haben sich die Russen bei der Weitergabe von Informationen wie in anderen Bereichen so auch in Umweltfragen äußerst restriktiv verhalten. Zum anderen gab es für die DDR kaum Möglichkeiten, die Zustände vor Ort zu erkunden. Was diesen Punkt betraf, stellte sich die Situation für die Behörden letztlich nicht viel anders dar als für die Bürger: Man ahnte manches, hatte von manchem gehört, aber über belastbare Kenntnisse verfügten beide in aller Regel nicht. Kommt hinzu, dass das damalige Umweltbewusstsein auf beiden Seiten im allgemeinen nicht gerade hoch entwickelt war - von SERO-Aktivitäten und 



Propagandasprüchen über den Schutz der Umwelt im Sozialismus einmal abgesehen. Aber sehen wir uns die Situation etwas genauer an.

 

Von verlorenen Waffen und Munition weiß Silke Satjukow zu berichten, wobei ihre Informationen die gesamte DDR betreffen: "Die Lagerung scharfer Munition auf illegalen Mülldeponien stellte nur eine von zahlreichen Beschwerden dar. So 'verloren' die Einheiten häufig Waffen, Munition und Sprengmittel insbesondere im Zusammenhang mit Übungen. Die vermissten Gegenstände lagen dann irgendwo im Gelände verscharrt. Vor allem abenteuerlustige Kinder und Jugendliche fanden auf ihren Streifzügen immer wieder großkalibrige Granaten mit und ohne Zünder, Übungspanzerminen, Tellerminen, Handgranaten, Maschinenpistolen sowie die dazugehörige Pistolen- und Leuchtsignalmunition." Eine in Dresden angefertigte Analyse vom Februar 1989 - also vor der Wende - bestätigte, "dass sich auf kommunalen Schrottplätzen neben gemeinem Hausmüll auch Schloss- und Visierteile von Maschinengewehren befanden, Munitionsgurte sowie militärische Dokumentationen, sogar mit Dienststempeln besiegelt. Diese waren 

abgekippt und mit Erde überdeckt worden. Zudem fanden sich massenhaft Panzerschrott, Bauschutt sowie konservierte, unbenutzte Gewehrteile und sogar demontierte Spürpanzerwagen. Die Ablagerungen waren visuell wahrnehmbar, doch nicht nur das. Sie besaßen vor allem für Kinder höchste Attraktivität, zumal es entweder gar keine Umzäunungen gab oder aber höchst defekte. Für die Berichterstatter war die Aufzählung solcher Missstände Alltag, den man resigniert hinnahm." Das Fazit dieses Berichts war, dass man mit den Verantwortlichen auf russischer Seite über diese Situation sprechen wollte, allerdings war dem Text zu entnehmen, dass man sich nur wenig davon erhoffte. (Eine Situation, die nur allzu sehr an das Problem mit den russischen Wilderern erinnert.)

 

Deutliche Worte, und natürlich haben wir auch unsere Gesprächspartner auf das Thema verlorene Waffen und Munition angesprochen. Das Ergebnis war mager. So berichtete einer von einem Waffen- und Munitionsfund zwischen Groß Dölln und Groß Schönebeck, ohne sich allerdings an Einzelheiten erinnern zu können; ein anderer erzählte uns "Das Zeug lag überall herum, man hätte sich nur bedienen müssen", allerdings dürfte die Aussage kaum 


Ritzungen in Bäumen Nähe Flugplatz und Vogelsang

wörtlich zu nehmen sein. Anders gesagt: Es mag sein, dass es auch in unserer Gegend verlorene Waffen und Munition gegeben hat, größere Mengen scheinen es indes nicht gewesen zu sein. Etwas anderes ist der Verkauf von Waffen in der Abzugsphase der Russen. Es ist bekannt, dass Soldaten seinerzeit Waffen verkauften, um sich auf diese Weise eine Starthilfe für die Zeit nach der Rückkehr in ihre Heimat zu verdienen. So berichtete uns etwa ein Kurtschläger, dass ein Soldat ihm damals eine Kalaschnikow und mehrere Kisten Munition zum Kauf angeboten habe. Aus der Tatsache, dass Militärmaterial verschwunden ist, haben die Russen auch ganz offiziell kein Geheimnis gemacht. Um welche Dimension es sich dabei handelte, wird aus einer Statistik vom Sommer 1994 deutlich, die anlässlich des Abzugs der Russen von deren Oberkommando in Wünsdorf angefertigt wurde. In diesem Fall ging es um Munition. Danach verfügte die Armee zu diesem Zeitpunkt  über insgesamt 677.000 Tonnen. Tatsächlich in die Sowjetunion zurückgeschickt wurden aber 81.040 Tonnen weniger, eine gewaltige Menge, die etwa 4.000 Eisenbahn- oder 7.000 LKW-Ladungen  entsprach. Der Grund für diese Differenz seien "schlichte Buchungsfehler" gewesen, 

erklärten die Russen seinerzeit, doch dürfte es sich nach dem zuvor Geschriebenen wohl eher um eine Ausrede gehandelt haben.

 

Zu einem zweiten Thema, das in der öffentlichen Diskussion eine Rolle spielte, konnte keiner unserer Gesprächspartner etwas beitragen: wilde Deponien in der Landschaft, wie sie an vielen Orten in der ehemaligen DDR entdeckt wurden. Ob es in unserer Gegend keine gab oder ob ihr Vorhandensein den von uns Befragten nicht bekannt war, lässt sich nicht sagen. Wir müssen diese Frage also offen lassen. Ganz anders sieht es dagegen bei einem Umweltthema aus, das allen bekannt war - entweder, weil sie schon vor der Wende davon gewusst oder es geahnt hatten, oder weil nach der Wende wiederholt in den Medien darüber berichtet worden war: die Kontamination von Böden als Folge des unsachgerechten Umgangs der Russen mit Treibstoffen. Im Visier waren neben dem Flugplatz insbesondere die beiden Außenlager westlich von Kurtschlag. Über das 70 Hektar große Lager links der Straße berichtete die "Märkische Allgemeine Zeitung" im Oktober 1996, zwei Jahre nach dem Abzug der Russen, als die Situation vor Ort bereits im wesentlichen bekannt 



war: "Eine Betonmauer und Stacheldrahtzaun mitten im Dickicht, dahinter patrouilliert der Wachdienst . Er schützt gefährliche Hinterlassenschaften der russischen Armee ... ein ehemaliges Großtanklager. Dort lagern in Tanks Reste von Kerosin, Diesel und Benzin. 'Kommt Luft dazu, bildet sich ein explosives Treibstoff-Luft-Gemisch' ..." Zudem, so schrieb die MAZ weiter, seien nicht alle Tanks dicht, woraus eine hohe Brandgefährdung resultiere, außerdem seien Erde und Grundwasser durch Treibstoffe verseucht. Nur ein kurzes Stück entfernt bereite das zweite, knapp 27 ha große Lager ebenfalls Probleme, da auch in diesem Fall der Boden stark vergiftet sei. Und was den Flugplatz anbelangt, so wurden einer Mitteilung der Kreisverwaltung Uckermark zufolge bis November 2017 nahezu 300.000 Liter Kerosin aus dem dortigen Grundwasser abgepumpt (siehe unten zwei Fotos von Anlagen zum Abpumpen von Kerosin). Alles zusammen genommen eine Verschmutzung, für die die öffentliche Hand Jahr für Jahr Millionenbeträge aufbringen musste.

 

Über Probleme mit Kerosin außerhalb der Tanklager berichtete uns ein Zeitzeuge aus Kurtschlag. Auf mehreren Sandlöchern, die vom Grundwasser aufgefüllt worden waren, hatte er auf dem Wasser 

treibendes Kerosin entdeckt. Diese (heute noch vorhandenen) Sandlöcher gehen auf den Flugplatzbau in den 1950er Jahren zurück, als man Sand bzw. Kies für den Beton der Startbahn benötigte. Dieser war aus der unmittelbaren Umgebung entnommen worden, wodurch die Löcher - teils innerhalb des Flugplatzzauns gelegen, teils außerhalb - entstanden waren. In den Sandlöchern hatte unser Zeuge in der Vergangenheit Köder fürs Angeln gefunden. Als er nun eines Tages die Kerosinschicht entdeckte, die seiner Ansicht nach nur vom Flugplatz stammen konnte, erinnerte er sich an die Gerüchte, wonach es dort in der letzten Zeit verstärkt zu Durchfallerkrankungen gekommen sei, und er dachte an die in Kurtschlag bereits wiederholt gestellte Frage: Wenn die Erkrankungen auf dem Flugplatz auf Probleme mit dem Wasser zurückgehen, das Grundwasser im Dorf mit dem auf dem Flugplatz aber im Zusammenhang steht - existiert dann nicht auch für Kurtschlag eine Gefahr? Zuständige, die bereits auf das Thema angesprochen worden waren, hatten diese Befürchtung als unbegründet abgetan, doch da der Zeuge nach seinem Fund beruhigenden Worten keinen Glauben mehr schenken wollte, schrieb er eine Eingabe an den Bürgermeister von Groß Dölln und wies ihn auf die Sache mit den Sandlöchern hin. Der 


Auf den in den 1950er Jahren kahl geschlagenen Flächen neben dem Flugplatz hat sich inzwischen eine Heidelandschaft entwickelt.

Bürgermeister lud ihn zu einem Gespräch, in dessen Verlauf er ihm riet, die Sache zu vergessen, um Ärger zu vermeiden. Unser Zeuge nahm seine Eingabe jedoch nicht zurück, worauf ihn die Staatssicherheit nach Templin einbestellte. Er sah bereits Schwierigkeiten auf sich zukommen, als er zu seiner Überraschung nach einer nur viertelstündigen Befragung über "belanglose Themen" entlassen wurde. Dennoch verbrachte er anschließend "schlaflose Nächte" - bis kurze Zeit später die Wende kam und sich die Angelegenheit mit der Staatssicherheit erledigt hatte. (*)

(*) Ohne eine direkte Verbindung zu diesem Fall herstellen zu können, erwähnte unser Zeuge bei unserem Gespräch noch eine durch Kurtschlag führende Trinkwasserleitung, die die Russen aus Richtung Zehdenick oder Vogelsang zum Flugplatz gebaut hätten - womöglich in der Absicht, eigene vergiftete Brunnen zu umgehen.

 

Von Bewohnern unserer Dörfer haben wir noch zwei weitere Informationen zum Thema Kerosin und Umwelt bekommen. So berichtete einer von einer Umweltschädigung infolge einer defekten Treibstoffleitung von dem russischen Tanklager links der Straße nach 

Zehdenick zum Flugplatz. In dieser Leitung habe es Absperrvorrichtungen gegeben, die bis zur halben Höhe voll ausgelaufenem Kerosin gestanden hätten. Nachts hätten sich dort gelegentlich Personen heimlich bedient und Kerosin in mitgeführte Kanister abgefüllt, um es anschließend ihren eigenen Tankfüllungen beizumischen. "Von 10.000 losgeschickten Litern", so zitierte der Zeuge eine damals verbreitete Überzeugung, "kamen bei den Russen allenfals 7.000 an." - Die andere Information betrifft einen Unfall an der erwähnten Treibstoffleitung vom Tanklager zum Flugplatz. An dieser, so erzählte uns jemand, sei eines Tages ein Leck entstanden, wodurch die Grunewalder Wiesen "unter Benzin gestanden" hätten.

 

Dass die von uns Befragten nicht mehr über die Schädigung der Umwelt durch problematische Hinterlassenschaften zu berichten wussten, dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass solche Schädigungen für Laien unter Umständen nicht leicht zu erkennen sind. Und natürlich insbesondere dann nicht, wenn die Schädigungen Militärgelände betreffen, das den Anwohnern vier Jahrzehnte lang nicht - oder allenfalls verbotenerweise durch ein Loch im Zaun - zugänglich war. Ganz anders sieht es dagegen mit Bränden aus, die 



im Katalog russischer Umweltsünden ebenfalls eine Rolle spielten. Wenn ein Brand nicht gerade sehr klein ist oder auf uneinsehbarem Gelände lodert, kann man in der Regel den aufsteigenden Rauch sehen. Ist das Feuer nicht allzu weit entfernt, kann man es womöglich auch riechen, und gegebenenfalls können auch die Martinshörner der Feuerwehr einen Hinweis auf einen Brand geben. Deshalb ist es nicht überraschend, dass viele unserer Gesprächspartner über Brände zu berichten wussten, die tatsächlich oder mutmaßlich von Russen verursacht worden waren. Den Aussagen einer Kurtschlägerin zufolge ereigneten sich solche Brände "häufig": "Sie sind mit ihren Gulaschkanonen durch den Wald gefahren, aus denen sind manchmal Funken geflogen, und dann hat es gebrannt. Oft haben sie auch brennende Kippen aus dem Auto geworfen, selbst dann, wenn es sehr trocken war." In einem Fall, erzählte ein anderer, sei bei einer Gulaschkanone ein Rad defekt gewesen. Die Russen hätten das Rad mit einem Balken stabilisiert, mit der Folge, dass es über das Pflaster schleifte und zwischen Groß Dölln und Kurtschlag einen Waldbrand entfachte. Gelegentlich hingen Brände auch mit der Wilderei zusammen: "Sie haben einen Hasen erlegt und ihn anschließend im Wald an einem Feuer gebraten. 

Dadurch hat es alle paar Wochen gebrannt." Ein anderer betrachtete die Sache grundsätzlicher, indem er von einer "anderen Kultur der Russen" sprach: "Da wurde im Wald eben Feuer gemacht, um etwas zum Essen zuzubereiten."

 

Ähnliche Berichte gibt es auch von anderen Zeitzeugen. Sehr detailliert ist Förster Wehden auf das Thema eingegangen. Da er die Situation aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit gut kannte, wollen wir ihn hier ausführlich zu Wort kommen lassen: "Im alltäglichen Revierdienst sind mir die Sommermonate, vor allen Dingen, wenn sie trocken und heiß waren, noch sehr gut in Erinnerung. Dann hatten die Förster ihre größten Schwierigkeiten mit den Sowjets, denn ständig ging eine Waldbrandgefährdung von ihnen aus. Man konnte darauf warten, dass es bald irgendwo rauchte und qualmte. Die Waldbrandtürme waren darauf geeicht, das vom Flugplatz aus die größte Gefahr ausging. Die Vietmannsdorfer Kirche war auch deshalb in ihrer Spitze als Ausguck zur Früherkennung von Waldbränden erkoren worden. Große Waldbrände, die auf das Konto des Militärs gingen, waren die des Sommers 1984 im Revier Vietmannsdorf und 1994 im Revier Döllnkrug. Im ersten Fall war der Brandauslöser ein 


Hinterlassenschaften der Russen nach ihrem Abzug 1994 (Fotos 1 und 2: Vogelsang, Foto 3: Flugplatz)

Leuchtmunitionsschießen bei Warnstufe 4 und im zweiten Fall das Grillen im Wald ebenfalls bei  Warnstufe 4. - Durch eine Panzerkolonne wurden ein andermal gleichzeitig mehrere Brände entfacht. Die Panzer sind während des Marsches zwischen Schießplatz Kannenburg - Stationierungspunkt Prenzlau bei der Ortschaft Storkow von der Panzerstraße abgekommen und in dem Ort Vietmannsdorf in Höhe Sägewerk in eine Sackgasse geraten. Es ging weder vorwärts noch rückwärts. Die Panzer drehten auf der Stelle, mit dem Ergebnis, dass die Pflastersteine rausgerissen wurden. Schlechten Gewissens ging die Fahrt zurück durch Wald und Flur, so dass aus allen Auspuffrohren Feuer und Flammen schlugen, denn viele Funkensiebe waren nicht in Ordnung. Mehrere Feuerstellen im Wald loderten auf. In wilder Fahrt ging es weiter. Der letzte Panzer verlor den Anschluss und bog falsch ab. Unglücklicherweise war das auch eine Sackgasse, denn er stand vor der Holzbrücke der Försterei Ringofen. Hier wäre er eingebrochen und abgesoffen. Also kehrte der Panzer auf der Stelle um, so dass auch dieser Weg unbenutzbar wurde. - Ein andermal badete ich an einer Waldstelle in der Nähe des Flugplatzes. Plötzlich zischte und fauchte in der Luft etwas heran. Etwas später witterte ich den mir 

bekannten Waldbrandgeruch. Ein Badegast kam angelaufen und erzählte mir etwas von feuerwerksähnlichen Flugkörpern, die in seiner Nähe aufschlugen. Die kleinen Brandstellen wurden entdeckt und schnell ausgetreten. Die Verursacher waren an Hand der Flugrichtung schnell ausgemacht."

 

Von Bränden auf russischem Militärgelände wusste keiner unserer Gesprächspartner zu berichten. Da nicht anzunehmen ist, dass es keine gegeben hat, haben die Russen in solchen Fällen also allein gelöscht und nicht um Unterstützung von Feuerwehren aus den umliegenden Dörfern gebeten. Wie konsequent die Russen selbst in extremen Fällen Deutsche von ihrem Gelände fernhielten, schildert Satjukow am Beispiel eines Brandes in Weimar - also keinem in unserer Gegend, aber dieser Fall dokumentiert sehr gut das Verhalten der Russen: "Ich kann mich noch erinnern", zitiert sie einen deutschen Feuerwehrmann, "wie einmal ein großes Feuer ausbrach. Es war weithin zu sehen, und so rückte die städtische Feuerwehr an, den Brand zu löschen. Das Schlimme war, die Löschfahrzeuge durften den Posten nicht passieren. Dieser ließ die Feuerwehr von Weimar mit ihren fünf Löschzügen nicht auf das Territorium, weil der 



Kommandant meinte, er würde das mit seinen Soldaten allein erledigen. Die versuchten, das Feuer mit Eimern zu löschen, schafften es natürlich nicht. Bei diesem Brand sind viele Soldaten ums Leben gekommen, was bei den deutschen Feuerwehren im Nachhinein zu heftigen Diskussionen geführt hat. Sie konnten nicht begreifen, weshalb ihre Hilfe abgewiesen wurde, obwohl es doch ihre Aufgabe war, Menschenleben zu retten."

 

Anders sah es aus, wenn Flächen außerhalb des Militärgeländes brannten. In diesen Fällen bekamen die deutschen Feuerwehren gelegentlich Hilfe von den Russen und man löschte gemeinsam. Unabhängig von der Frage, wer das Feuer verursacht hatte, zweifellos eine sinnvolle Lösung. Von einem Fall allerdings berichtete uns einer unserer Informanten, bei dem die Hilfe der Russen nicht nur nichts nützte, sondern bei dem sie sogar kontraproduktiv war: "Einmal soll ein Wasserwagen (Tankwagen) gekommen sein, der statt des reinen Löschwassers ein Gemisch aus Wasser und Sprit ins Feuer goß." Über den Grund für diese verhängnisvolle Panne konnte unser Informant leider nichts sagen. 

Auf Umweltschäden, die durch den Einsatz schwerer Militärtechnik verursacht wurden, haben uns zwei unserer Gesprächspartner aufmerksam gemacht. In beiden Fällen ging es um Panzer, und beide hingen mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 zusammen, der durch das Eingreifen der Russen niedergeschlagen wurde (im 3. Kapitel bin ich kurz darauf eingegangen). Ein Kurtschläger schilderte, wie Panzer in großer Zahl an seinem Haus an der Straße nach Schluft vorbeifuhren: "Ich hatte den Eindruck, als wären es Tausende." Und er fuhr fort: "Nicht weit hinter dem Haus, am Weg nach Kappe, mussten sie drehen. Dort haben sie alles aufgewühlt. Die Kurtschläger haben mit Schaufeln und Schubkarren die Löcher anschließend wieder geschlossen. Ein Stück weiter Richtung Schluft sind sie in einen Waldweg abgebogen. Die Schäden an diesem Weg waren so groß, dass man sie heute noch sieht." - Ähnlich das Erlebnis eines Döllners, der als Kind anlässlich des Aufstandes 144 Panzer gezählt hat, die von Vogelsang kommend durch Groß Dölln und über die Brücke in Richtung Berlin gefahren sind. "Durch die vielen Panzer", ergänzt er seinen Bericht, "wurde an diesem Tag die Asphaltstraße nach Groß Schönebeck zum großen Teil zerstört." 



Anlagen zum Abpumpen von Kerosin auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes (Fotos von 2019)

Schließlich der Lärm als eine Form der Umweltbelastung. Für die Menschen am Flugplatz waren die russischen Flugzeuge mit Abstand die größte Lärmquelle, mit der sie zu leben hatten (siehe 4. Kapitel.) Auch DDR-weit war der von den russischen Militärs verursachte Lärm über all die Jahre hinweg eine Belastung - ebenso wie der von der NVA, mit dem Unterschied allerdings, dass die russischen Aktivitäten den Einwirkungsmöglichkeiten der DDR-Behörden vollständig entzogen waren. Dennoch gab es Beschwerden von Bürgern, und das in den Jahren kurz vor der Wende offenbar immer selbstbewusster. Dazu noch einmal Silke Satjukow: "Seit Mitte der achtziger Jahre gingen bei den Bezirksverwaltungen für Staatssicherheit immer wieder Beschwerden über die Zustände rund um die zahlreichen Truppenübungsplätze ein. So würden dort vor allem in Manöverzeiten währen der ganzen Nacht Schießübungen durchgeführt. Anwohner artikulierten ihren Ärger über die Lärmbelästigung durch Geschütze und durch Flugzeuge in Aussagen wie: 'Wie lange soll dieser Psychoterror noch anhalten?' 'Das kann kein Mensch mehr aushalten!' 'Nicht einmal die Kinder können schlafen.' 'Wenn nichts unternommen wird, wenden wir uns weiter ...' 

'Die von sowjetischen Generalen gegebenen Versprechungen sind wertlos.' - Belegschaften umliegender Betriebe diskutierten seit Anfang der achtziger Jahre immer wieder, ob es nicht ihr gutes Recht sei, bei anhaltendem Geschützdonner nicht zur Arbeit zu erscheinen und stattdessen tagsüber den versäumten Schlaf nachzuholen. Schließlich kam man des nachts nicht mehr zum Schlafen, weshalb eine anstrengende Tätigkeit zunehmend unmöglich gemacht würde. Andernorts wurden Unterschriftensammlungen organisiert. Einige Familien schrieben Eingaben an die Staatsorgane ..."

 

Im Zusammenhang mit dem Fluglärm habe ich auf Gespräche zwischen dem Döllner Bürgermeister und dem Standortkommandanten verwiesen sowie auf Eingaben und Beschwerden von Bürgern aus Bebersee, als deren Folge die Flugzeiten reduziert wurden. Dass es weitere Aktivitäten zur Verringerung des von den russischen Flugzeugen ausgehenden Lärms gegeben hat, ist nicht auszuschließen. Von unserer Gesprächspartnern haben wir davon allerdings nichts gehört.



Ihr habt Informationen zu unserem Thema, die uns bisher entgangen sind? So könnt Ihr uns diese mitteilen:

- per Mail an info@kurtschlag.de

oder direkt an:

- Manfred Lentz, Neuer Kietz 6, 16792 Zehdenick OT Kurtschlag, Tel. 039883 490699

- Siegfried Haase, Kleine Dellenstr. 9, 17628 Templin OT Groß Dölln, Tel. 039883 333018

- Birgit Halle, Kapper Dorfstr. 46, 16792 Zehdenick OT Kappe, Tel. 03307 315037

Dass wir Eure Informationen vertraulich behandeln, ist selbstverständlich.