10. Russische Wilderer

Wo es Wald gibt, gibt es Wild, und wo es Wild gibt, gibt es Wilderer. Das war nicht erst so, seit die Russen in die Schorfheide kamen, gewildert wurde auch schon in früheren Zeiten. Allerdings war es nicht immer so. Bis weit ins Mittelalter hinein durfte jeder Freie die Jagd ausüben, entweder um eigenes Vieh vor Wildtieren zu schützen oder um sich Nahrung zu beschaffen. Doch seit der Adel die Jagd als eine sportliche Herausforderung und einen vergnüglichen Zeitvertreib entdeckt hatte, wurde dieses Recht der "kleinen Leute" zunehmend beschnitten. Wer sich darüber hinwegsetzte und "wilderte" wurde bestraft, im schlimmsten Fall sogar mit dem Tod. Was nicht jeden abschreckte, wie gerade wir als Bewohner der Schorfheide wissen, einem der größten zusammenhängenden Wald- und damit auch Jagdgebiete in Deutschland, in dem von den askanischen Markgrafen bis zur DDR-Prominenz alle hohen Herren auf die Pirsch gingen. Ob in meinem eigenen familiären Hintergrund die Wilderei eine Rolle spielte, weiß ich nicht mit Sicherheit. Der Mädchenname meiner Mutter jedenfalls war derselbe wie der Nachname von Georg Schläfke, dem "Wildererkönig" der Schorfheide. Ein Umstand, den ich vor Jahren vermutlich noch schamhaft verschwiegen hätte, der mich heute aber schon beinahe ein wenig stolz macht, haben Wilderer - ohne indes alle idealisieren 

 zu wollen! - doch heutzutage ein besseres Image als in früheren Zeiten. Zumindest die Döllner scheinen das ähnlich zu sehen, hätten sie sonst dem "Wildererkönig" Georg Schläfke ein Denkmal errichtet?

 

Aber weg von der Imagefrage und hin zu den Fakten. Gemäß § 292 unseres Strafgesetzbuches ist Wilderei bei uns verboten und unter Strafandrohung gestellt, und genau so war es auch 1945 am Ende des Krieges. Was den Soldaten der siegreichen Roten Armee allerdings absolut gleichgültig war. Sie hatten Waffen, sie hatten Hunger, und um irgendwelche Vorschriften von irgendwelchen deutschen Juristen scherten sie sich verständlicherweise keinen Deut. Hinzu kam, dass das Jagen in manchen Teilen der Sowjetunion ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags war. Entsprechend spielte die Wilderei russischer Soldaten bei uns von Anfang an eine wichtige Rolle. In dem Buch von Helmut Suter liest sich das so: "Unmittelbar mit dem Beginn der Besatzungszeit und dem Waffenverbot verstärkte sich in der Sowjetischen Besatzungszone die Wilderei. Da die sowjetischen Truppen selbst unter Versorgungsschwierigkeiten litten, nutzten sie jede Gelegenheit, um in der Nähe ihrer Garnisonen auf ungesetzlichen Fischfang oder auf die Jagd zu gehen."



Doch nicht nur die Russen wilderten seinerzeit in unseren Wäldern. Zahlreiche Deutsche taten es ihnen gleich, ebenso wie die Soldaten getrieben vom Hunger. Und obwohl beide Seiten während des Krieges gerade erst aufeinander geschossen hatten, kam es zu frühen Arrangements. Diese waren das Ergebnis von Anordnungen der Siegermächte, wonach Deutschen unter Androhung schwerer Strafen der Besitz von Schusswaffen untersagt war. Worum es ging, kann man in der Chronik von Groß Dölln nachlesen: "In der Nachkriegszeit lebte auch die Wilddieberei wieder auf. Trophäen waren uninteressant, es ging allein um Fleisch. Vor allem wurde mit scharfen Hunden gewildert, die das Wild stellten, in Zäune trieben oder durch Zaunlöcher jagten ... Getötet wurde es dann mit dem Messer. Die zunehmende 'Wildschweinplage' wurde mit sogenannten Saufängen bekämpft. Manchmal fingen sich darin ganze Rotten, und in einem schlimmen Gemetzel wurden die Schweine mit Speeren, die man aus Bajonetten gebaut hatte, abgestochen. Manchmal wurden auch die Russen zu Hilfe geholt, durfte doch zu dieser Zeit kein Deutscher eine Waffe tragen."

 

Eine vorteilhafte Kooperation für die Deutschen ebenso wie für die Russen, die - neben der Nahrungsbeschaffung für den eigenen 

Bedarf - Helmut Suter zufolge gleichzeitig "einen regen Handel mit Wildbret (betrieben), um sich selbst mit Geld und zusätzlichen Lebensmitteln versorgen zu können." Für die Bauern spielte neben der Versorgung mit Fleisch auch der Schutz ihrer Felder vor Tieren eine Rolle. Um den Schaden zu begrenzen, musste man etwas unternehmen, und wenn man das alleine nicht schaffte, dann eben mit Hilfe der Russen. Dass diese die Tiere dabei mitunter mit Maschinenpistolen erlegten, mag so manchem Anhänger der deutschen Jagdtradition übel aufgestoßen sein, nur heiligte in diesem Fall der Zweck eben die Mittel.

 

Ob nun aber Russen wilderten oder Deutsche - was dem Tierbestand in der unmittelbaren Nachkriegszeit ernsthaft zu schaffen machte, das war nicht die Herkunft der Jäger, sondern die Frage, wie weit diese sich an Schonzeiten hielten und ob sie - wie traditionell auf der Grundlage von Abschussplänen üblich - die Zahl der geschossenen Tiere begrenzten. Mit beidem sah es schlecht aus, mit der Folge, dass der Tierbestand in den Wäldern rasch schrumpfte. Wie prekär die Lage schon bald war, zeigt ein Schreiben des Forstmeisters von Liebenwalde an das Landesforstamt in Potsdam von 1948: "Seit dem Jahr 1945 wurde dem Wild ohne Rücksicht auf Schonzeiten während 


Forstfrauen aus Kurtschlag

des ganzen Jahres durch Angehörige der Besatzungsmacht nachgestellt, so dass jetzt nur noch einzelne Exemplare der Wildarten vorhanden sind, die als Naturseltenheiten anzusehen sind." (Dass an dieser Situation die Besatzungsmacht nicht allein schuld war, fällt bei dieser Formulierung unter den Tisch.) Wie dramatisch der Eingriff in den Tierbestand war, erhellt aus der Tatsache, dass sich erst in den 1960er Jahren der Trend umkehrte und der Bestand sich wieder normalisierte.

 

Was nicht etwa bedeutet, dass es seit dieser Zeit keine Wilderei mehr gegeben hätte. Zwar nicht länger von deutscher Seite - die DDR hatte die Wilderei unter Strafe gestellt, und die Behörden hatten ihre Bürger gut im Griff. Wohl aber vonseiten der Russen, und das, obwohl es Bemühungen gegeben hat, durch die Einrichtung von russischen Jagdkollektiven die Jagdleidenschaft der Militärangehörigen in legale Bahnen zu lenken. Dazu hatte die DDR den Russen zu Lasten ihrer eigenen Jäger Jagdgebiete in beträchtlichem Ausmaß zur Verfügung gestellt: 214 betrug ihre Zahl im Jahr 1964, insgesamt mehr als 600.000 Hektar, was etwa sieben Prozent der gesamten Fläche der DDR ausmachte oder rund fünf Prozent der Fläche sämtlicher 

Jagdgebiete. 13.000 Russen waren den Jagdkollektiven beigetreten und konnten auf diese Weise legal auf die Pirsch gehen. Doch hatten die Verantwortlichen gehofft, mit ihrer Maßnahme der Wilderei russischer Militärs ein Ende zu setzen, so sahen sie sich in dieser Hoffnung getäuscht. Das Wildern ging unverändert weiter, womit die illegale Jagd auch in der Folgezeit immer wieder Gesprächsthema zwischen russischen und DDR-Offiziellen war. So beispielsweise 1982: In diesem Jahr - so Suter in seinem Buch - "gab der Oberkommandierende der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) ... eine Verordnung heraus, die das Fischen und Jagen seiner Militärjagdkollektive in der DDR regelte. Anlass war wohl der Jagdbesuch von Leonid Breschnew bei Honecker in der Schorfheide. Dabei hatte sich Honecker beim sowjetischen Staatschef beschwert, dass seine eigene Sicherheit bei der Jagd nicht mehr gewährleistet sei, da einige sowjetische Offiziere das Wildern nicht lassen könnten. In der Verordnung wurde auf die bislang herrschenden Missstände hingewiesen: 'In einigen Verbänden und Truppenteilen sind ... Verletzungen des Jagdgesetzes der DDR ... bezüglich der Termine und Vorschriften für Jagd und Fischfang noch nicht ausgemerzt. Es gibt Erscheinungen von Wilddieberei ... und des 



Umgangs mit Jagdwaffen.' - Fortan war den sowjetischen Militärangehörigen das Jagen und Fischen nur noch an den Wochenenden und Feiertagen erlaubt, und der Waffenkauf wurde strenger reglementiert. Bei Zuwiderhandlungen drohten 'Degradierung und Abkommandierung in die inneren Bezirke', was in der Regel eine unehrenhafte Abschiebung in das Heimatland bedeutete. Waffen, die zur Wilderei benutzt wurden, sollten eingezogen und vernichtet werden. Ein Weiterverkauf an 'andere Personen ist strengstens untersagt' ..."

 

Deutliche Worte. Doch mochte der Oberkommandierende der GSSD auch noch so guten Willens sein, seine Soldaten an die kürzere Leine zu legen, so ließen sich diese von seinen Drohungen in ihrem Illegalen Jagdeifer nicht bremsen. Suter führt einen Fall aus dem Jahr 1987 an, der sich in unserer Gegend zugetragen hat. Danach waren an einer Kirrung im Revier Lotzin zwei Wildschweine erlegt worden: "Die Untersuchung ergab, dass die Tiere mit einer Flinte beschossen worden waren und die Fahrradspur in Richtung Flugplatz Dölln der GSSD führte - es war also von den 'Freunden' gewildert worden." Wobei es sich in diesem Fall um Offiziere gehandelt hatte, betont 

der Autor. Oft waren die Täter "Muschkoten", die in aller Regel andere Beweggründe für das Wildern hatten als ihre Vorgesetzten. Im 5. Kapitel habe ich die schlechte Verpflegung dieser rangniederen Soldaten bereits angesprochen, was deren Wunsch nach Aufbesserung ihres Speisezettels nur allzu verständlich macht. Auf den Punkt bringt es Klaus Wehden, der lange Zeit Förster in einem unmittelbar an den Flugplatz angrenzenden Revier war und einen guten Einblick in die dortige Situation hatte: "Die einfachen Soldaten bekamen karges Essen und hatten daher ständig Hunger. In den Wäldern um den Flugplatz herum gab es genug Wild." Hunger also als das entscheidende Motiv für das Wildern. Gelegentlich dürfte auch die Absicht eine Rolle gespielt haben, den Fang für andere Zwecke zu nutzen. So in dem Fall, von dem uns ein Döllner berichtete: zwei russische Soldaten, die als Wachtposten beim Sommerhaus eines Generals in Vogelsang stationiert waren und sich mitunter heimlich dessen Jagdflinte zum Wildern "ausliehen". "Die hing ohne Schlagbolzen an der Wand. Einen solchen bauten sie sich nach und stahlen die Munition. Das Wildfleisch wurde in der Garnison wegen der dortigen schlechten Verpflegung getauscht oder verkauft." Alkohol als Kaufobjekt dürfte dabei wohl nicht die geringste Rolle 


Foto 1: Drahtschlinge, bei Klein Dölln 1985 - Foto 2: Damhirsch in einer Drahtschlinge, aus der er befreit werden konnte, bei Klein Dölln 1984 - 

Foto 3: verendetes Reh in einer Schlinge, 1980 

gespielt haben. (Auch selbst-gegerbte Wildhäute hatten die Soldaten gelegentlich im Angebot.) Ein anderes bei Jägern häufig vorhandenes Motiv für die Jagd scheint bei den russischen Wilderern hingegen keine Rolle gespielt zu haben: das Sammeln von Trophäen. Das geht auch aus dem Bericht eines Döllners hervor: "Bei einem Gelage im Objekt auf dem Flugplatz entdeckte M. den Schädel eines starken, gewilderten Hirsches (ein Sechzehnender), in dem schon die Maden ihr Werk verrichtet hatten. Weil die Russen an dem Hirschschädel nicht interessiert waren, nahm M. ihn für 100 Mark mit nach Hause, wo er heute noch hängt."

 

War das Wildern der Russen als solches schon ein ständiges Problem, so kommen noch die Methoden hinzu, mit denen sie den Tieren nachstellten. "Eine deutsche Waidgerechtigkeit kannten die Sowjets so nicht", schreibt Förster Wehden. "Ihre Jagdmethoden waren derb und nicht im Sinne des deutschen Jagdgesetzes. ... Ein großes Problem für uns deutsche Jäger war das Schlingenstellen. Das ist eine einfache und grausame Art der Fleischbeschaffung. Ausgeübt wurde diese Aasjägerei meist von den einfachen Soldaten. ... Aus Drähten stellte man überall diese tückischen Fanggeräte her. In den 

engen Stangenhölzern wurden diese Schlingen gestellt. Des Öfteren fand man verludertes (= verendetes) Wild darin, denn eine flächendeckende Kontrolle dieser Vorrichtungen  fand selten statt. Vom Hasen bis zum Rotwild wurde so alles Wild heimtückisch gefangen und strangulierte sich elendig zu Tode. Noch heute finde ich beim Anzeichnen von Bäumen solche eingewachsenen Drähte." Die Herstellung von Schlingen aus Bowdenzügen von Flugzeugleitwerken erwähnt ein anderer Zeuge. Diese "wurden auch außerhalb des Zauns reichlich ausgelegt", also auf Gebiet, das nicht mehr zum Flugplatz gehörte.

 

Neben Schlingen wurden auch Tellereisen und Frettchen eingesetzt, um an Fleisch zu kommen. Und es wurde eine Jagdmethode angewandt, die in der Sowjetunion offenbar nicht unüblich war und die - allerdings in ganz anderen Dimensionen - der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow in seinem Roman "Die Richtstatt" eindrucksvoll beschrieben hat: das Zusammentreiben von riesigen Antilopenherden, die anschließend von Fahrzeugen aus mit Maschinengewehren niedergemäht werden. Aus den Zeilen des Försters Wehden spürt man denselben Abscheu, der auch aus jeder 



Zeile von Aitmatow spricht: "Große Ausmaße nahm das Jagen mit Licht in dunkler Nacht an. Mit einem Geländeauto wurden abgeerntete Felder systematisch mit Licht und Suchscheinwerfern befahren. Zeigte sich Wild, blieb dieses geblendet stehen und wurde mit Maschinengewehren beschossen. Blieben dann beschossene Stücke nicht im Feuer liegen, wurde nicht weiter gesucht. Oft genug rettete sich krankes Wild in den dunklen Wald und verendete dort elendig. Raben und Krähen oder Ludergeruch verrieten später, wer hier gejagt hatte." - Von einem Fall, bei dem Wild mittels einer Kombination von Kirrung mit Mais (= Lockfütterung) und Licht bejagt wurde, berichtete uns ein Zeuge: "Sie legten sich beleuchtete Futterplätze an (das Futter hatten sie sich aus dem Staatsjagdgebiet nebenan 'geholt') und schossen dann aus einem Bunker heraus auf das Wild."

 

Dass die russischen Wilderer nicht auf Abschusspläne von Forstbehörden Rücksicht genommen haben, mit denen der Wildbestand auf einem erwünschten Niveau gehalten werden sollte, versteht sich nach dem bisher Gesagten von selbst. Auch eine Auswahl der Tiere im Interesse einer gesunden Bestandserhaltung war kein Thema, kranke Tiere wurden ebenso zum Opfer 

wie gesunde, junge wie alte. Und muss ich noch ausdrücklich erwähnen, dass Schonzeiten für die russischen Wilderer nicht existierten? Was vor die Flinte kam, wurde geschossen - allerdings  nicht nur von den Wilderern unter den russischen Militärs, sondern Suter zufolge ebenso von so manchen russischen Jagdkollektiven: "Aus der Jagdgesellschaft Estedt im Kreis Gardelegen wurde gemeldet, dass sowjetische Jäger wahllos schossen und dadurch die Wildbestände stark reduziert würden, ohne dass sie sich erholen könnten. So fand sich in diesen Gebieten häufig verludertes Wild. Und auch Fasane, die ausgewildert werden sollten, wurden rigoros beschossen. Im Jagdgebiet Calau schossen sowjetische Jäger das Wild direkt an Winterfütterungen, die deutsche Jäger gebaut hatten." Betreffen die geschilderten Fälle auch andere Regionen als die Gegend um unseren Flugplatz, so ist wohl kaum anzunehmen, dass die Situation dort grundsätzlich anders war.

 

Wie es den Wildtieren erging, so auch den Fischen, denn wer ersteren gegenüber keine Skrupel kennt, der entwickelt bei letzteren auch nicht pötzlich waidmännische Seiten. Ein Gesprächspartner erzählte uns vom gemeinsamen Fischen mit Russen nachts auf dem Großen Döllnsee. Da das traditionelle deutsche Angeln den Russen meist zu 


Hinterlassenschaften der Russen nach ihrem Abzug 1994 (in Vogelsang)

lange dauerte, setzten sie eher auf Reusen aus Maschendraht und auf Handgranaten und selbst hergestellte Sprengmittel sowie gelegentlich auch auf Harpunen. "Vor dem Wachpersonal auf der anderen Seite beim Objekt Döllnsee (*) hatten sie keine Angst." Ein Döllner berichtete uns, wie Soldaten "häufig Aale mit Strom (fingen), die sie auch an Deutsche verkauften", darunter an eine Gastwirtschaft in Zehdenick. Schließlich kam auch eine "Resinka" zum Einsatz, eine Gummiangel mit mehreren Haken, hauptsächlich zum Angeln von Aalen.

(*) Der Komplex, in dem u.a. Ulbricht und Honecker sowie internationale Gäste verkehrten und in dem sich heute das "Hotel Dölln-Schorfheide" befindet.

 

Der Einsatz von Schlingen, der Abschuss mit automatischen Waffen, Handgranaten beim Fischen - das alles waren Methoden, die in der DDR aus guten Gründen verboten waren und die überdies von den meisten deutschen Jägern und Fischern abgelehnt wurden. Entsprechend wird immer wieder von Konflikten zwischen beiden Seiten berichtet, die teilweise recht drastische Formen annahmen. So in einem Fall, über den Förster Wehden berichtet: "Ein beherzter 

Waidmann sah des Nachts eine Scheinwerferjagd und drehte an der Auffahrt vom Wald zum Acker eine Egge um. Die Zinken standen nach oben, und er rechnete damit, dass das Wildererfahrzeug über die Zinken rollte. Er hatte recht. Der LKW rollte klassisch über die Zinken, und nach einigen Metern eierte das Gefährt in Richtung Flugplatz. Das sollte ein kleiner Denkzettel sein, denn sich so kampfunfähig machen zu lassen, galt bei ihnen als militärisches Delikt." Und weiter. "Bei so einer Nacht- und Nebelaktion verirrten sich wildernde Sowjets in der Adresse. Nächte vorher schossen sie auf den Weizenbergen ganz in der Nähe der Försterei. Es war schon Wendezeit und die Moral der Truppe war leidlich. Mit einem Kleinbus Typ 'Barkas' fuhren sie gegen den letzten Telefonmast von Ringofen und rissen ihn mitsamt den Leitungen herunter. Sie müssen betrunken gewesen sein, und in ihrer Panik eierten sie mit dem defekten Auto in Richtung Flugplatz. Dies konnte ich am nächsten Morgen an Hand der Reifenspur feststellen. Wochen danach fanden meine jüngsten Kinder beim Spielen eine Hahnflinte. Sie stand an einen Baum gelehnt in der Nähe des umgebrochenen Telefonmastes und war geladen. Ich spannte die Hähne, drückte einen ab, und die Blätter rieselten von den Bäumen. Im anderen Lauf steckte noch die 



andere volle 'Kartätsch' (*). ... Eine andere Waffe wurde beim Auszeichnen in einem hohlen Stamm in Flugplatznähe gefunden. Eine verrostete Flinte mit Zielfernrohr, welches mit Isolierband an der Waffe befestigt war!"

(*) Ein mit Schrotkugeln gefülltes Geschoss.

 

Spezielle Verbotsschilder in deutscher und russischer Sprache sollten die Soldaten davon abhalten, in den Seen des Staatsjagdreviers zu angeln. Allerdings "hielt sich kaum einer daran", wie einer unserer Gesprächspartner berichtete. Versuche von Förstern, von den betreffenden Russen eine Einhaltung der Bestimmungen zu erzwingen, endeten mitunter mit Handgreiflichkeiten So etwa ein Versuch des für den Großen Lotzinsee zuständigen Jagdleiters. Als er russische Schwarzangler verjagen wollte, haben diese ihn sich kurzerhand gegriffen und in den See geworfen. - Ähnlich, erzählte uns ein anderer, erging es einem Fischer aus Vietmannsdorf. Als Russen sich anschickten, im Krempsee (einem Karpfenintensivgewässer) zu angeln, wollte er das unterbinden und sie wegschicken. Worauf sie ihn fragten, ob er schwimmen könne. Als er die Frage bejahte, landete auch er im See.

 

Ebenfalls ein Angriff auf einen Deutschen, aber von einer ganz anderen Dimension, war ein Vorfall, der sich im Oktober 1967 an der Grenze zum Staatsjagdgebiet Schorfheide ereignete und als "versuchter Mord" eingestuft wurde. Über ihn berichtet Helmut Suter in seinem Buch (im 9. Kapitel bin ich unter dem Gesichtspunkt der rechtlichen Zuständigkeit bereits kurz auf diesen Fall eingegangen): Danach bemerkte ein Jäger von seinem Hochsitz aus ein Fahrzeug, das die Feldmark ableuchtete. Der Jäger stieg herab und begab sich an den nahen Waldrand, um das Geschehen zu beobachten. "Als das Fahrzeug etwa 20 Meter entfernt an (ihm) vorbeifuhr, konnte er einen offenen Geländewagen erkennen, in dem sich drei Personen befanden. Plötzlich hielt der Wagen an, und der Jäger wurde von dem Scheinwerfer geblendet. Dann fiel ein Schuss, der Scheinwerfer wurde abgeschaltet, und das Fahrzeug fuhr davon." Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass der Jäger Durchschüsse am linken Unterarm und am linken Oberschenkel erlitten hatte. Dass sich gerade zu diesem Zeitpunkt Honecker in einem nicht weit entfernten "Objekt" zur Jagd aufgehalten hatte, verlieh dem Vorfall eine zusätzliche Brisanz. Alles sprach dafür, dass es sich bei den Wilderern um russische Offiziere gehandelt hatte, doch scheiterte die Verfolgung der Täter wie in so vielen Fällen an der Blockade der Russen. 


Hinterlassenschaften der Russen nach ihrem Abzug 1994 (in Vogelsang)

Hatte es sich in dem geschilderten Fall um gezielte Schüsse gehandelt und damit um ein sehr außergewöhnliches Ereignis im Zusammenhang mit der Wilderei, so waren versehentliche Schüsse dagegen häufiger. Dieser Tatsache waren sich nicht zuletzt jene Förster bewusst, die einem Bericht der Staatssicherheit vom Ende der 1970er Jahre zufolge "nicht mehr des Nachts bzw. in den Abendstunden das Revier aufsuchen und Kontrollgänge fahren, um nicht angeschossen zu werden." Jeder, der in den Wäldern unterwegs war, musste fürchten, ein Opfer von russischen Wilderern zu werden. Etwa in der Art, wie es dem Förster Wehden geschah: "Bei so einer Art Fleischbeschaffung (der Russen) bin ich beinahe mit dem Dienstmotorrad in die Schusslinie geraten. Mit dem Motorrad kommend, fetzten vor mir aus Kiefernstämmen die Holzsplitter. Aus einer Dickung heraus hatten sie auf Rotwild geschossen, welches in einiger Entfernung flüchtete. Da ich winterlich angezogen war, hörte ich die Schießerei nicht und kreuzte fast die Schusslinie." Ein Vorfall, der in einer Linie steht mit Honeckers oben erwähnter Beschwerde gegenüber Breschnew im Jahr 1982, wonach er seine Sicherheit nicht mehr gewährleistet sähe, "da einige sowjetische Offiziere das Wildern nicht lassen können". Wobei Honecker - ein Unterschied zu Förster  

Wehdens Erlebnis - nur von einer potentiellen Bedrohung gesprochen hatte, aber schon diese hielt er für so relevant, dass er den sowjetischen Staatschef bei dessen Besuch persönlich darauf ansprach. Was wenig nützte, wie wir wissen, denn auch nach Honeckers Beschwerde war das Dauerthema längst nicht vom Tisch: "1985 erließ der Chef des Personenschutzes die Anweisung PS Nr. 7/85", schreibt Suter, "deren Ziel es war, den Schutz für Honecker und das weitere Politbüro weiter zu verstärken. Eigens dafür wurde im Bereich der Abteilung VIII ein neues Referat mit dem Namen 'SE Schorfheide' gebildet. Dessen Hauptaufgabe bestand darin, das unerlaubte Betreten und Befahren sowie die 'Verhinderung des ungesetzlichen Ausübens der Jagd im Staatsjagdgebiet' verdeckt zu untersuchen. Damit hoffte man, das bisher unkontrollierte Wildern der sowjetischen Offiziere endgültig zu unterbinden." Von Juristen kennt man die berühmten drei "f", die eine Maßnahme beschreiben, die ohne Wirkung bleibt: formlos, fristlos und fruchtlos. Genauso scheint es bei den DDR-Klagen über die russische Wilderei gewesen zu sein, wie ein letztes, von Helmut Suter angeführtes Beispiel aus dem Jahr 1987 belegen soll. Hintergrund war eine Meldung an den Hauptabteilungsleiter des Personenschutzes, Generalmajor Wolf, 


Hinterlassenschaften der Russen nach ihrem Abzug 1994 (auf dem Flugplatz)

dass "in der Schorfheide ... von einem Krankenwagen der GSSD eine Salve aus einer Maschinenpistole abgegeben worden sei. Das Fahrzeug befand sich unmittelbar auf dem Parkplatz 'Eichendreieck' an der Protokollstrecke F 109 - so hießen besondere Fahrstrecken, die überwiegend von Honecker und seinen Gästen benutzt worden sind. Wolf vermerkt anschließend: 'Mit allem Nachdruck ist zu veranlassen, dass solche und ähnliche Gefährdungen der Sicherheit der führenden Repräsentanten zukünftig wirksam unterbunden werden.' Damit meinte er Honecker. Nach einer Anzeige bei dem Oberkommandierenden der GSSD, Armeegeneral Waleri Belikow, antwortete dieser: '... dass die Schuldigen ... im Bereich des Sperrgebietes Schorfheide ermittelt wurden. Es wurden strenge disziplinare und administrative Maßnahmen gegen sie getroffen.'" Alles gut also? Kaum anzunehmen angesichts der Hartnäckigkeit, mit der dieses Thema die Jahrzehnte seit dem Kriegsende überdauert hatte. Erst mit dem sowjetischen Abzug aus Deutschland im Jahr 1994 war tatsächlich Schluss mit der Wilderei, allerdings auf eine ganz andere Art, als sowohl die Führung der DDR als auch die in der DDR stationierten russischen Militärs das erwartet hatten.

 

Doch wie vieles im Leben zwei Seiten hat, so verhielt es sich auch mit den Kontakten von Deutschen und Russen als Folge der russischen Wilderei. Von positiven Aspekten wusste ein Kurtschläger zu berichten: "Mit den Jagdmethoden der 'Freunde' waren wir natürlich überhaupt nicht einverstanden. Das war schon eine üble Sache, wie die das mit den Tieren gemacht haben. Aber war das Wildschwein erst einmal erlegt und der Braten lag in der Wanne, dann haben sie uns auch davon abgegeben." Ebenso wie bei den schon erwähnten gemeinsamen Fischzügen, von denen ein Döllner erzählte, die mit einer Essenseinladung der Russen "zu Zwiebeln, Speck und Brot" endete und gewiss auch mit den Fischen, die man gerade erst illegalerweise aus dem Wasser im Staatsjagdgebiet gezogen hatte. Ein positiver Kontakt, den ein anderer Döllner mit den Worten ausdrückte: "Irgendwann konnte ich schon keine Aale mehr sehen. Immer wieder brachten die Freunde welche vorbei." - Gänzlich schiefgegangen ist dagegen ein Kontakt im Zusammenhang mit einem verschenkten Jagdgewehr, obwohl die Sache gut gemeint war. Weggegeben hatte das Gewehr ein russischer Offizier ("im Suff", wie es hieß), der Beschenkte war ein Einwohner von Groß Dölln. Letzterer  hätte am besten daran getan, das Gewehr gar nicht erst anzunehmen  



oder - nachdem das nun schon einmal passiert war - nicht noch vor einem Förster damit zu prahlen. Der informierte seine Dienststelle in Templin, und der Beschenkte geriet in das Räderwerk der DDR-Justiz. Ein Akt wahrer deutsch-russischer Freundschaft - nur leider dumm gelaufen.

 

Wer die Quellenangaben in diesem Kapitel mitverfolgt hat, der weiß, dass ein Teil unserer Informationen von dem ehemaligen Förster Klaus Wehden stammt, der uns großzügig sein Insiderwissen aus seiner langen beruflichen Tätigkeit zur Verfügung gestellt hat. Und weil seine Informationen nicht nur eine profunde Kenntnis der damaligen Situation verraten, sondern zugleich einen lebendigen Einblick in die Atmosphäre der Zeit vermitteln, will ich dieses Kapitel mit einem etwas längeren Zitat von ihm beenden: "Ein ... Problem waren die russischen Jagdmethoden. ... Ihre Jagdmethoden waren derb und nicht im Sinne des deutschen Jagdgesetzes. Oft wurden von deutschen Jägern Meldungen an die DDR-Parteioberen über die unmöglichen Zustände gemacht. Das Ergebnis war meist unbefriedigend, da die sowjetischen Klassenbrüder in der DDR nun mal gewisse Vorrechte hatten. Sprich, es wurde vieles 

heruntergespielt. So halfen sich die Jäger auf ihre Art. Es wurden z.B. Sonderjagdgebiete eingerichtet, in denen unter deutscher Kontrolle und Beteiligung gejagt wurde. Meist waren dies Treibjagden. Hier prallten deutsche und russische Mentalitäten aufeinander. Ich kann mich an mehrere solcher Jagden erinnern. - Vor der Försterei in Vietmannsdorf versammelten sich an bestimmten Wochenenden sowjetische Offiziere und DDR-Jäger mit dem Ziel einer gemeinsamen Treibjagd. Unter dem Motto der deutsch-sowjetischen Freundschaft wurden markige Ansprachen gehalten, bevor alles in Richtung Wald abrückte. Die Jagdausrüstung der 'Kameraden' unterschied sich von der der Deutschen gewaltig. Sie schossen nur mit Flinten, teilweise üble Schießprügel. Ihre Munition wurde selber hergestellt. In Messinghülsen wurde doppelte Ladung Pulver gegeben, grobe Schrote in Form von Blei und anderen Kugeln obenauf. Das Ganze mit Kerzenwachs versiegelt und fertig war die 'Kartätsch'. Nach ihrer Vorstellung sollte auf alles geschossen werden, was sich zeigte. Zur Einhaltung der Schonzeiten und zum Wahlabschuss waren wir DDR-Jäger dann lenkend in Verantwortung. Auch mit der Einhaltung der Ordnung und Sicherheit haperte es oft bei ihnen. Häufig genug wurde schon vor Beginn des Treibens 


Hinterlassenschaften der Russen nach ihrem Abzug 1994 (Foto 1: Flugplatz, Fotos 2 und 3: Vogelsang)

geschossen oder auch ins Treiben hinein. Geschossenes Wild wurde gerne heimlich beiseite geschafft und nach der Jagd weggeholt. Die Fleischbeschaffung hatte bei ihnen allerhöchsten Stellenwert. - Die Mittagspause war dann immer der Höhepunkt der Jagd. Das erste erlegte Stück Wild wurde vor Ort zerwirkt und noch warm und zuckend in einen Feldkochtopf getan und über offenem Feuer gekocht. Dazu wurden Pfeffer und Salz, ganze Zwiebeln, Möhren und Kartoffeln gegeben. Mit einer Schaumkelle wurden alle unreinen Teile abgeschöpft. Fertig war das Essen. Pünktlich kamen die hungrigen Nimrode und versammelten sich ums Feuer. Auf Kommando öffneten sie ihre Marschrucksäcke, und sie legten ihren Proviant auf ausgerolltes Tapetenpapier auf dem Waldboden ab. Da kam ein Sammelsurium an Essbarem ans Tageslicht: dunkles Kommissbrot, hartgekochte Eier, weißer Speck, Konserven, Salzgurken, Tomaten u.a. Dazu Getränke in Form von einem 'Spirit', der mit Wasser verdünnt wurde oder Wodka. Gutes Bier hatten die Sowjets immer in ihrem 'Magazin'. Es wurde gern getrunken. Wenn das Flaschenbier alle war, mussten die 'Muschkoten' in leergemachten Gurkengläsern neues Bier vom Fass holen (ohne Blume mit etwas Gurkengeschmack). Der 'Politnatschalnik' hielt eine kleine Rede auf 

die deutsch-sowjetische Freundschaft, und schon kreisten die Gläser. In ihnen 'sto' Gramm hochprozentiger Alkohol. Der Kessel Wildfleisch wurde gebracht, und das Prassen auf russische Art ging los. Deutsche Jäger, die so was noch nicht gesehen hatten, staunten nicht wenig über diese rustikale Art des Essens. Der Alkohol tat recht schnell seine Wirkung. Die ganze Stimmung war herzlich und gastfreundlich. Als dann alles aufgegessen und leergetrunken war, kannte der Übermut keine Grenzen mehr. Es wurde Scheibenschießen veranstaltet. In Ermangelung passender Zielscheiben wurden die leeren Wodkaflaschen aufgestellt und zerschossen. Als nichts mehr da war, wurden 'Schapkas' vom Kopf der Kraftfahrer gerissen, hochgeschmissen und mit 'Kartätsch' beschossen. Die 'Muschiks' mussten diese 'Schapkas' in einiger Entfernung aus Leibeskräften hochschmeißen und sich dann auf den Boden werfen, um nicht von den Schroten getroffen zu werden. So endeten oft diese Jagdtage, die ich selber erlebt habe."



Ihr habt Informationen, die uns bisher entgangen sind? So könnt Ihr uns diese mitteilen:

- per Mail an info@kurtschlag.de

oder direkt an:

- Manfred Lentz, Neuer Kietz 6, 16792 Zehdenick OT Kurtschlag, Tel. 039883 490699

- Siegfried Haase, Kleine Dellenstr. 9, 17628 Templin OT Groß Dölln, Tel. 039883 333018

- Birgit Halle, Kapper Dorfstr. 46, 16792 Zehdenick OT Kappe, Tel. 03307 315037

Dass wir Eure Informationen vertraulich behandeln, ist selbstverständlich.